Während auf der Kieler Förde die traditionelle Windjammerparade lief, verwandelte sich der Sportboothafen Reventlou am Samstagmittag (27. Juni 2026) plötzlich in den Schauplatz eines Rettungseinsatzes. Nach einer Detonation auf einer Segelyacht rückten Feuerwehr und Wasserschutzpolizei sowohl über Land als auch von der Seeseite an. Die mögliche Ursache für die Detonation ist äußerst ungewöhnlich: Augenzeugen berichten, dass eine an Deck gelagerte Rettungsinsel explodiert sei. Das betroffene Schiff soll dabei erheblich beschädigt worden sein.
Wie die Situation unmittelbar nach dem Vorfall wirkte, berichtet Matthias Milau, Betreiber von “Yachtcharter Kiel” im Reventlou-Hafen. Ein benachbarter Bootseigner habe einen „riesigen Knall“ gehört und sofort nach dem Rechten gesehen. Kurz darauf sei klar gewesen, dass sich auf einer Yacht eine Explosion ereignet hatte. Nach Milaus Schilderungen wurden Trümmerteile im Hafenbereich und über die Steganlagen geschleudert.
In einem Segelforum meldet sich der Liegeplatznachbar zu Wort. “Das hat einen Schepperer gemacht, wie man es sich kaum vorstellen kann. Sekunden später prasselt es dann, wenn der ganze Dreck wieder vom Himmel runter kommt”, beschreibt er, wie er die Situation unter Deck seines Bootes erlebt hat. Einige Markthändler der Kieler Wochen haben seiner Schilderung nach Schäden an ihren Dächern durch herabstürzende Teile gemeldet.
Die besagte Rettungsinsel bezeichnet er als “uralt, ein gutes Vierteljahrhundert über der Wartung” und mahnt: “Alte Inseln werden irgendwann lebensgefährlich. Sie müssen dann weg. Wie einfach wäre es gewesen, das zu einer Übung im Hafen zu machen und dann kann die einfach in die Tonne.”
Die Wasserschutzpolizei sperrte den Bereich ab und nahm erste Untersuchungen auf. Um den Hergang exakt rekonstruieren zu können, wurden auch die umliegenden Liegeplatzinhaber gebeten, ihre Schiffe nach möglichen Splittern und Trümmerteilen abzusuchen. Philipp Mühlenhardt, Geschäftsführer des Sporthafens, bestätigte den Vorfall und den ungefähren Zeitpunkt „gegen Samstagmittag“. Einen vergleichbaren Fall habe es im Hafen bislang nicht gegeben.
Die Ermittlungen zur Ursache stehen noch am Anfang. Die im Raum stehende Vermutung, dass das Druckgassystem der Rettungsinsel die Explosion verursacht habe, sehen Experten trotz der hochsommerlichen Temperaturen am Wochenende skeptisch.
Matthias Zink, Geschäftsführer von Wildhagen Marine Service in Kiel, kennt sich mit Rettungsinseln und deren Wartung aus. „Direkte Sonneneinstrahlung allein reicht als Erklärung für einen solchen Vorfall eigentlich nicht aus“, gibt der Rettungsmittel-Experte zu bedenken. Rettungsinseln seien so konstruiert, dass sie auch weitaus höheren Temperaturen im globalen maritimen Einsatz standhalten müssen.
Zink sieht unbeschadet der laufenden Ermittlungen im Kieler Fall verschiedene Ursachen für möglich: „Denkbar sind bei solchen Systemen generell ein Handlingfehler, mangelnde Verarbeitungsqualität oder eben eine versäumte Wartung.“
Um die technischen Hintergründe zu verstehen, hilft ein Blick auf die Funktionsweise: Im Ernstfall sorgt eine CO2-Kartusche dafür, dass sich eine Rettungsinsel in Sekundenschnelle aufbläst. Je nach Alter und Bauart müssen die Inseln in festen Intervallen zum Service. Ältere Modelle meist jährlich, moderne, vakuumverpackte Container oft alle drei Jahre.
Werden diese Fristen deutlich überschritten, kann im Laufe der Zeit Feuchtigkeit in den Container eindringen. Die Folge: Die unter hohem Druck stehende CO2-Kartusche kann unbemerkt korrodieren. Sollte in einem solchen hypothetischen Fall dann auch noch das Überdruckventil versagen oder das Material des Druckbehälters zu stark geschwächt sein, kann es im Extremfall zu einem sicherheitskritischen Defekt kommen.
„Bei Yachtrettungsinseln arbeiten wir mit einem Druck von 200 bis 300 Bar auf den Kartuschen. Wenn ein solches System versagt, kann das lebensgefährlich werden“, warnt der Fachmann entsprechend.
Dass Rettungsinseln im Notfall wegen mangelnder Wartung gar nicht erst auslösen, ist für Servicestationen kein neues Phänomen. Dass ein solches System jedoch abseits eines Notfalls im Hafenbetrieb explodiert, gilt in der Branche als extremes Ausnahmeereignis.
Unabhängig davon, was die Ermittlungen der Wasserschutzpolizei im Detail ergeben: Der Vorfall führt vor Augen, dass Sicherheitsausrüstung an Bord nur dann verlässlich schützen kann, wenn sie vorschriftsmäßig überprüft und gelagert wird.
Für Bootseigner ist dieser Fall ein guter Anlass, den eigenen Bestand kritisch zu prüfen: Wann war die Rettungsinsel letztmalig beim Service? Wie alt sind die Automatikwesten? Alle Wartungsplaketten an Bord sollten kontrolliert werden.

Redakteurin Panorama und Reise