Startpreis 39.000 EuroExtravagante Ostsee-Insel wird versteigert

Ursula Meer

 · 04.05.2026

Startpreis 39.000 Euro: Extravagante Ostsee-Insel wird versteigertPhoto: Adobe Stock
Die ehemalige Entmagnetisierungsstation Ostervilm im Greifswalder Bodden ist inzwischen nur noch von Kormoranen bewohnt. Nun sucht sie einen neuen Eigentümer.
​Am 4. Juni 2026 kommt in Hamburg die als „Ostervilm“ bekannte ehemalige Entmagnetisierungsstation aus DDR-Zeiten unter den Hammer. Gut 200 qm bebaute Fläche im Greifswalder Bodden, Mindestgebot: 39.000 Euro plus 75 Euro jährlicher Pacht. Ein geschichtsträchtiges Schnäppchen?

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​Wer schon immer mal an der eigenen Insel festmachen wollte, bekommt am 4. Juni 2026 die Chance dazu, denn dann wird die künstlich angelegte "Insel Ostervilm" versteigert. Der Startpreis für die ehemalige Entmagnetisierungsstation liegt bei 39.000 Euro. Hinzu kommt eine jährliche Pacht von 75 Euro für die 700 qm Wasserfläche südöstlich von Rügen im Greifswalder Bodden. Ein Kunstwerk ist auch noch vorhanden, aber das kostet extra.

Nun sucht das Lost-Place-Objekt einen neuen Besitzer – eine Vor-Ort-Besichtigung der inzwischen sehr maroden Plattform ist allerdings nicht möglich.

Von der Geheim-Technik zum Lost Place

Die auf hunderten Eichenholzpfählen errichtete Plattform wurde um 1954 gebaut. Ursprünglich diente sie der Volksmarine zur Reduzierung der Magnetfelder von Schiffen, um sie vor Magnetminen und Torpedos zu schützen. Vor Ort waren Matrosen stationiert. Sie überwachten Generatoren, bedienten die technische Ausrüstung und führten die notwendigen Messungen durch. Meist taten drei Soldaten auf der Station für jeweils eine oder zwei Wochen Dienst. Alles, was sie brauchten, kam per Schiff. Ein einsamer Posten mitten im Bodden, umgeben von Wasser, Möwen und Militärgeheimnissen.

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Die Anlage bestand aus einem Wohnhaus und einem Maschinenhaus, die den Betrieb ermöglichten. Nach der Wiedervereinigung hatte die Bundesmarine für die NVA-Anlage keine Verwendung – die Station blieb Wind, Wetter, Kormoranen und Plünderern überlassen.

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Ambitionen und Hindernisse

Erst 2001 fand der Bund nach langer Suche Käufer für die künstliche Insel: Maschinenbauingenieur Peer Wenmakers aus Bergen und der Düsseldorfer Architekt und Bühnenbildner Gerhard Benz kauften sie für 10.001 DM vom Bundesvermögensamt. Die ambitionierten Käufer wollten aus der „Ostervilm", im Volksmund auch „Entmag“ genannt, einen Treff- und Schaffenspunkt für Künstler schaffen. Lesungen, Workshops, Atelierarbeiten, vielleicht Ausstellungen sollten hier stattfinden, ein „Sanatorium für den Geist" sollte entstehen. Ein Bericht mare-TV von 2014 zeigt die Anfänge des inzwischen aufgegeben Projekts.

Schon vorher gab es eine ganze Reihe anderer Interessenten mit teils skurrilen Plänen. Mehr oder minder seriöse Interessenten wollten auf See ein Spielcasino, ein Ferien- und Freizeitobjekt, einen Erlebnis-Stützpunkt für Angler, eine Gaststätte für Wassersportler, eine Teststation für Windkraftanlagen oder gar ein Bordell errichten – eine Vergnügungsstätte auf Pfählen im Biosphärenreservat, nur per Boot erreichbar, mit Möwen als Zaungästen.

Die Käufer entsorgten Unmengen von Vogelkot und brachten schon mal einen Wohnwagen auf ihre Insel. Doch ihr Projekt scheiterte an den enormen Kosten für Baustofftransporte und Instandsetzung. Auf der Insel befindet sich bis heute auch eine frei aufgestellte Skulptur des Architekten, eine etwa 1,3 Tonnen schwere Keramikglocke. Sie thront auf der verfallenen Plattform wie ein steinernes Mahnmal gescheiterter Träume und ist inzwischen ein beliebtes Foto- und Filmmotiv für Drohnenpiloten, Seekajakfahrer und Segler – und nicht im Kaufpreis enthalten.

Optionen für die Zukunft?

Für Segler im Greifswalder Bodden ist die Plattform ein bekannter Orientierungspunkt. Ihre Lage im Biosphärenreservat Südost-Rügen setzt den Ideen für eine zukünftige Nutzung jedoch enge Grenzen.

Interessant auch: Beim Kauf wechselt nur das Bauwerk den Besitzer, nicht die umgebenden 710 Quadratmeter Wasserfläche. Daniela Tiker von der Norddeutschen Grundstücksauktionen AG stellt klar: "Die wird man vom Wasser- und Schifffahrtsamt in Stralsund pachten." Das jährliche Pachtentgelt liegt bei 75 Euro – angesichts der Liegeplatzpreise an der Ostsee zunächst ein Schnäppchen.

Bei genauerer Betrachtung jedoch mit einigen Hindernissen. So ist der Greifswalder Bodden eine Bundeswasserstraße und liegt zugleich im Biosphärenreservat Südost-Rügen, das als FFH-Gebiet und EU-Vogelschutzgebiet ausgewiesen ist. Ob man als Eigentümer überhaupt frei an der Plattform anlegen darf oder ob dafür Sondergenehmigungen nötig sind sollten potenzielle Käufer vorab mit dem Wasser- und Schifffahrtsamt Stralsund und den Naturschutzbehörden klären.

Die frühere Militärplattform hat sich inzwischen zu einem Rückzugsort für Vögel entwickelt. Vor allem Kormorane nutzen die Konstruktion regelmäßig als Rastplatz und haben Beton, Holz und rostige Stahlträger mit einer dicken Guanoschicht überzogen. Während der Brutzeit von Februar bis Juli könnten strengere Auflagen greifen. Jede Sanierung oder bauliche Veränderung benötigt Genehmigungen der Naturschutzbehörde und des Biosphärenreservats – ein Prozedere, das nicht zwingend erfolgreich endet. Auch eine touristische oder gastronomische Erschließung könnte gegen Naturschutzvorgaben verstoßen.

Großes Interesse, ungewisse Zukunft

Der bauliche Zustand ist herausfordernd: Über 70 Jahre Ostsee-Wetter, Setzungsrisse, durchgerostete Stahlkonstruktionen, zerstörte Fenster und massive Kormoranbestände haben ihre Spuren hinterlassen. Aufwendige Materialtransporte über das Wasser, rechtliche und praktische Hürden können bei dem Objekt selbst kleinste Projekte zur Mammutaufgabe werden lassen.

Dennoch ist das Interesse groß: "Die Anfragen häufen sich seit heute", berichtet Daniela Tiker von der Norddeutschen Grundstücksauktionen AG. "Wir hatten vorher schon Anfragen, aber ich gehe davon aus, dass es noch mehr werden. Inwieweit die Interessenten tatsächlich kaufen werden, lässt sich noch nicht sagen, aber das Interesse ist erstmal groß."

Was die Kaufinteressenten mit der Plattform vorhaben, bleibt vorerst ihr Geheimnis. "Unsere Kunden halten sich im Vorfeld immer bedeckt, was sie damit planen", so Tiker. Erst später erfahre das Auktionshaus oft, welche Pläne tatsächlich umgesetzt werden. Anfragen aus der Wassersportszene hat das Auktionshaus bislang nicht registriert.

Mit allzu optimistischen Kalkulationen sollte aber wohl niemand an die Sache herangehen. So erzählt auch Tiker: "Die aktuellen Eigentümer hatten viele Vorstellungen, aber nach deren eigener Aussage sind sie finanziell gescheitert, weil es teurer wurde als zunächst gedacht."

Auktionsdetails und Konditionen

Die Versteigerung findet am 4. Juni 2026 um 11.00 Uhr im Haus der Patriotischen Gesellschaft, Trostbrücke 4-6, Hamburg statt. Durchgeführt wird sie von der Norddeutschen Grundstücksauktionen AG. An diesem Tag kommen insgesamt 42 Immobilien zum Aufruf – die Ostervilm dürfte zu den außergewöhnlichsten gehören.

Das Mindestgebot liegt bei 39.000 Euro. Hinzu kommt ein Auktionsaufgeld. Käufer erwerben kein klassisches Grundstück, sondern lediglich ein Nutzungsrecht für die Wasserfläche von rund 710 Quadratmetern sowie etwa 250 Quadratmeter Nutzfläche auf der Plattform selbst. Eine Besichtigung vor Ort ist nach Angaben des Auktionshauses nicht möglich – Interessenten müssen sich auf die Auktionsunterlagen und die zahlreichen Fotos verlassen, die im Internet kursieren.

Was ist eine Entmagnetisierungsstation?

Die Anlage wurde von der Volksmarine als Entmagnetisierungsstation genutzt. Über Kabelschleifen am Meeresboden wurden die Magnetfelder von Schiffen gemessen und reduziert. Das Prinzip: Die Schiffe fuhren über die im Wasser verlegten Kabelschleifen, während ihre magnetische Signatur erfasst wurde. Anschließend wurde sie technisch so beeinflusst, dass das Risiko durch magnetisch auslösende Waffen sank.

Eiserne Schiffsrümpfe entwickeln durch die Bewegung im Erdmagnetfeld eine eigene magnetische Signatur. Diese kann von Magnetminen oder zur U-Boot-Erkennung mit Magnetanomaliedetektoren ausgenutzt werden. Entmagnetisierungsstationen waren deshalb im Kalten Krieg militärisch hochrelevant.

Weitere Entmagnetisierungsstationen in Deutschland befinden sich in Wilhelmshaven, bei Kiel in Friedrichsort und in Möltenort. Nahe Rendsburg in einem Seitenarm des Nord-Ostsee-Kanals liegt außerdem noch ein Erdmagnetfeldsimulator der Wehrtechnischen Dienststelle (WTD) 71.

Ursula Meer

Ursula Meer

Redakteurin Panorama und Reise

Ursula Meer ist Redakteurin für Reisen, News und Panorama. Sie schreibt Segler-Porträts, Reportagen von Booten, Küsten & Meer und berichtet über Seenot und Sicherheit an Bord. Die Schönheit der Ostsee und ihrer Landschaften, erfahren auf langen Sommertörns, beschrieb sie im Bildband „Mare Balticum“. Ihr Fokus liegt jedoch auf Gezeitenrevieren, besonders der Nordsee und dem Wattenmeer, ihrem Heimatrevier.

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