In Lorient ist am frühen Montagmorgen Boris Herrmanns neue Imoca-Rakete „Malizia 4“ vom Stapel gelaufen. Im legendären Hafen La Base wurde der schwarz-rote Imoca-Rumpf erstmals in sein bretonisches Element gekrant. Dort machte die „Riesenjolle“ mit „Motorbootrumpf“ auf den ersten Blick einen starken Eindruck.
Montagmorgen, 7.30 Uhr in Lorient. Der frühe Vogel fängt den Wurm. Team Malizias neue Imoca-Rakete erlebt die erste Begegnung mit ihrem Element. Nach zweijähriger Bauphase küsst der schwarz-rote Rumpf die glitzernden Fluten im Hafenbecken von Keroman gleich bei der Werft CDK Technologies. Hier wurde das Boot für das nächste große Kapitel des von Boris Herrmann und Pierre Casiraghi gegründeten Teams gebaut. Hier beginnt die Reise, die auf die Offshore-Gipfel der wichtigsten Rennen um die Welt führen soll.
Ich bin stolz aufs Team und den Prozess, wie sie es gebaut haben. Das Boot ist das Resultat.” Boris Herrmann
Schon farblich unterscheidet sich der Rumpf der neuen „Malizia 4“ enorm von ihrer bunteren Vorgängerin, auch wenn die Segel später wieder mehrfarbige Akzente setzen werden. So stark wie im angriffslustig wirkenden Look setzt sich Team Malizias Neubau auch inhaltlich von der Vorgängerin „Malizia – Seaexplorer“ ab: Der jüngste vollendete Bau im Imoca-Circuit kommt leichter, schmaler und schneller daher – so sagen es die Berechnungen ihrer Macher voraus.
Mit 66 Fuß Länge inklusive Bugsprit (6 Fuß) unterscheidet sich das neue 18-Meter-Geschoss des Rennstalls zwar nicht in seiner Länge von der Vorgängerin, doch in der Breite dafür sehr. Ohne ein vom Team exakt angegebenes Maß ist Fakt, dass die Neue in etwa einen Meter schmaler ist als es „Malizia 3“ mit 5,85 Metern an der maximalen Grenze bei ihrem Stapellauf am 19. Juli 2022 war.
Das ist mehr als eine kleine Diät. Es ist ein Bekenntnis. Auch für das neue Gebot der Leichtigkeit, das den Bau von „Malizia 4“ wie ein Mantra begleitet hat. „Wir glauben, dass sie aktuell die schmalste Imoca ist. Ich muss es noch mit ‚Charal 2‘ vergleichen“, sagt Technik-Direktor Pierre-François „Pifou“ Dargnies. Boris Herrmann erklärt den Prozess der Gewichtseinsparung mit einer Frage, die das Team und auch ihn angetrieben hat: “Wir können wir redundant sein durch Intelligenz?” Und sagt mit einem Lächeln: “Um simple Lösungen zu finden, muss man viel länger nachdenken, als einfach noch etwas dazuzuschrauben.”
Das Gesamtgewicht des Neubaus wird vom Team nicht kommuniziert. Doch soviel sagt Boris Herrmann doch: “Sie ist ein bisschen leichter als ‘Malizia 3’, aber nicht viel.” Einige Komponenten sind schwerer. “Die Foils sind schwerer, der Mast ist schwerer. Das ist der V2-Mast, der neue Einheitsmast. Die Ruder sind viel schwerer. Die Ruderschuhe sind schwerer”, sagt Boris Herrmann. Und auch dies: “Der Rumpf müsste ein bisschen leichter sein, auch wenn man so viel da nicht rausholen kann, einfach wegen der ganzen Struktur. Und wir haben mehr Schotten als beim alten Schiff.”
Nur noch weniger als ein Drittel so groß wie der großzügig gestaltete Arbeitsraum auf “Malizia 3” ist das Cockpit von “Malizia 4”. Die bequeme Stehhöhe von “Malizia – Seaexplorer” war gestern. Jetzt diktiert die Effizienz auch diesen Bereich. Bei 1,90 Metern Größe kann Boris Herrmann nur noch an den Seiten aufrecht stehen. Ihm selbst gefällt die kompakte neue Gestaltung.
“Es ist auch nicht zu flach für mich. Wenn ich die Beine schön breit stelle, mich ein kleines bisschen vorbeuge und mich irgendwo abstütze, dann ist es genau die richtige Höhe. Im Gegenteil: Es ist besser, dass es flach ist. Wenn man eben so ein bisschen abgestützt steht und da noch zehn Zentimeter Platz über dem Kopf hat, dann kann man eben nicht so gut rausschauen. Jetzt kann ich gut rausgucken”, sagt Boris Herrmann.
Von außen sieht das „Malizia 4“-Deckshaus etwas weniger aerodynamisch aus als das sanft geschwungene und gewölbte von DMG Mori, das im Windkanal vermutlich besser abschneiden würde. Aber: Die DMG-Mori-Wölbung bringt aufgrund ihrer materialaufwendigeren Herstellung auch mehr Gewicht mit als die Konstruktion von „Malizia 4“.
Dargnies erklärt: „Sie mögen sich gefragt haben, ob wir bei unserem Design die Aerodynamik im Kopf hatten. Aber ich fragte mich bei Anblick von ihrem Boot, ob sie das Gewicht im Kopf hatten? Uns war das sehr wichtig! Wir wissen, dass viele Etappen im The Ocean Race mit fünf Knoten Wind auf den letzten Meilen enden. Weshalb Boris immer wieder gesagt hat: Seid vorsichtig mit dem Gewicht!“
Boris Herrmann bleibt bei dem Vergleich mit dem überraschend radikalen DMG-Mori-Entwurf von Verdier vorsichtig: “Da wird man mal sehen, wer am Ende recht hat.” Das Gebot der Gewichtseinsparungen aber hat die Ausrüstung von „Malizia 4“ in allen Bereichen begleitet. So operiert beispielsweise DMG Mori mit mehr und größeren Winschen vom Typ Air 550, Team Malizia mit Air-Winschen vom wenige Kilogramm leichteren Typ 300.
„Da mögen nur wenige Kilo Unterschied sein, aber du musst überall Kilo sparen, wenn du am Ende auf Hunderter-Unterschiede kommen willst“, erklärt Dargnies. Er verweist dabei auch auf einschlägige Erfahrungen, die Boris Herrmann und sein Team vor allem im Ocean Race um die Welt bei vielen Etappen mit Zeitlupenfinals in flauen Winden gesammelt haben.
Mehr als 150 Menschen waren am zweijährigen Entstehungsprozess von der ersten Idee bis zur Fertigstellung beteiligt. Mehr als 85.000 Arbeitsstunden stecken in der Imoca mit der Segelnummer MON 1297. Entstanden ist „Malizia 4“, mit der Boris Herrmann „gerne The Ocean Race gewinnen und eine erfolgreiche Vendée Globe 2028/2029 bestreiten“ will, bei CDK Technologies.
„Die Zusammenarbeit mit CDK war sehr gut und inspirierend“, zog Boris Herrmann Bilanz der Co-Produktion, an der in der Bauphase bis zu 70 CDK-Mitarbeiter und rund 25 Malizianer inklusive teaminternen Designern beteiligt waren. Gemeinsam haben sie die Entwürfe von Konstrukteur Antoine Koch, Finot-Conq und Gsea Design umgesetzt. Und zuvor in anderer Konstellation aus der gleichen Form schon das Schwesterschiff für Thomas Ruyant Racing (TRR) gebaut.
„Das Gewerk von CDK ist wirklich die blanke Carbonhülle, das Deck, der Cockpitboden, die Spanten. Alles von Lukendeckel über Antennenhalterungen, Sitz, Koje, alle Systeme, wo werden Batterien angebracht, wo ist die Halterung für den Motor – all das ist teamseitig. Und da sind schon Unterschiede zwischen Thomas Ruyant und uns“, sagt Boris Herrmann über sein neues imposantes Sportgerät.
Unterschiede zwischen dem ersten Neubau der Dreier-Kampagne mit TRR, Team Malizia und Banque Populaire gibt es entsprechend der Ausrüstungen durch die Teams. “Wir haben andere Batterien, einen anderen Motor – er hat einen Diesel, wir einen E-Motor. Er hat Maritec, wir haben Pixel.”
Die Kosten für die neue “Malizia 4” hat das Team nicht genau beziffert. Interessant aber ist, was Dargnies sagt: „Die Kosten für das Boot sind nicht höher als bei der Vorgängerin.“ Dafür gibt es mehrere Gründe: Die Kooperation mit TRR und Team Banque Populaire, die den dritten Drilling für Loïs Berrehar Anfang 2027 vom Stapel laufen lassen wollen, hat allen drei Teams über die Nutzung derselben Form und andere Joint Ventures Geld gespart.
Dazu kam das übergeordnete Diktat der Gewichtsreduzierung, das zu der im Vergleich zu „Malizia – Seaexplorer“ eher spartanischen Ausrüstung geführt hat. Die Grundlage des Neubaus erklärt „Pifou“ Dargnies: „Unsere Spezifikation war es, ‚Malizia 4‘ so zu entwickeln, dass sie downwind und in stärkeren Winden so schnell ist wie ‚Malizia – Seaexplorer‘. Und dass sie auf glattem Wasser und in leichteren Winden so schnell ist wie ‚Macif‘ (Red.: Gewinnerin der Vendée Globe 2024/2025).“
Chefdesigner Antoine Koch bringt die Aufgabe auf eine noch einfachere Formel: „Die wichtigste Vorgabe für das Design von ‚Malizia 4‘ war Vielseitigkeit.“ Das sei vor allem mit Blick auf The Ocean Race im kommenden Jahr der Schlüsselaspekt gewesen. „Wenn du dann etwas tiefer gräbst, entdeckst du, dass es bei Vielseitigkeit auch darum geht, wie sich das Boot auf seinem Weg entwickelt“, sagt Antoine Koch.
Es ist auch sein Hinweis darauf, wie dass es a) noch dauern wird, bis die Neue ihr volles Potenzial erreichen wird, sie b) voller Möglichkeiten für Optimierungen steckt und c) mit zunehmend guter Beherrschung durch ihre Crews oder Boris Herrmann im Solo immer schneller werden sollte. Die Design- und Bau-Aufgabe war es, im ewigen Nehmen und Geben eines Imoca-Design- und Bauprozesses die „eierlegende Wollmichsau“ zu krieren. Die Macher glauben: Das ist mit „Malizia 4“ gelungen.
Dieses Boot sollte 10 Prozent schneller segeln als die letzte Generation. Das sind bei 20 Knoten Geschwindigkeit zwei Knoten.“ „Pifou“ Dargnies
Dargnies hat den kompletten Bauprozess dirigiert. „Wir hatten jetzt ein reifes Team mit ‚Pifou‘ an der Spitze, der seine fünfte Imoca mit CDK gebaut hat. Da hatte ich viel Vertrauen“, sagt Boris Herrmann. Er beschreibt „Malizia 4“ wie eine “riesige Jolle”, die „leichter und agiler“ segelt als ihre Vorgängerin. Auffällig ist auch der aggressiver wirkende „Motorboot-Rumpf“ mit „Blade“, wie Dargnies die Rumpfform beschreibt, auf die Team Malizia im Gegensatz zum auffälligen Bustle der neuen Imoca von Team DMG Mori setzt.
Der Begriff „Motorbooot-Rumpf“ ist nicht etwa der Phantasie von Betrachtern entsprungen, sondern mit genau dieser Beschreibung als eine mögliche Rumpfform für Imocas in der Software der Designer aufgelistet. Auch Team Malizia hat sich mit der Bustle-Idee aus dem America’s Cup auseinandergesetzt, die Architekt Guillaume Verdier für DMG Mori von seitlichen Wasserballattanks begleiten lässt. Doch es wurde die “Blade” (dt.: Klinge), die bei “Malizia 4” Teil der Rumpfstruktur ist. Kombiniert mit Wasserballasttanks hinten und vorne.
Dazu wurden V-Ruder gewählt, die man schon bei Sam Manuards „Charal 2“ kennenlernen konnte. Die Ruder-Idee allerdings kam damals von Nicholas Andrieux aus dem Charal Sailing Team. Manuard und die Mannschaft haben sie dann auch mit „Foil-Papst“ Martin Fischer weiterentwickelt. Sie bleibt aktuell. Die Ruder sind in dieser Anordnung Multitalente, dienen dem Trimm, können aber auch Einfluss aufs Foilen haben.
Der „Malizia 4“-Mast von Lorima – exklusiver Mastenhersteller für die Imoca-Klasse – wiegt „nackt“ 320 Kilogramm, ist mit mehr Kohlefaser an den Seiten verstärkt als die vorherige Mastengeneration für Imocas. Das fertige Rigg bringt 540 Kilogramm auf die Waage. Vom Deck zum Top misst der Mast 27 Meter. Von der Wasserlinie nach oben sind es 28,5 Meter.
„Dieses Boot ist eine echte Rennmaschine“, sagt Boris Herrmanns intensiv an der Entstehung beteiligter Co-Skipper Will Harris. Alle wissen, dass sie in den kommenden Wochen und Monaten eine steile Lernkurve zu absolvieren haben, um die neue Königin im Malizia-Rennstall zu bändigen und ihr dann nach und nach alles Können zu entlocken.