Cult regattaWhen flat-bottomed ships race against each other

YACHT

 · 06.05.2026

Plattbodenschiffe bei einer Regatta, die im Rahmen der Workumer Strontweek stattfindet.
Photo: Jacob van Berlijn
​Nicht nur das Startkommando »Und jetzt verpisst euch!« bei den Rennen der Plattbodenschiffe während der Strontweek lässt aufhorchen. Auch die Wettfahrten selbst kreuz und quer übers IJsselmeer sind denkwürdig.

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Text von Hanneke Beers

​Neumond. Es ist stockfinster. Am Nachthimmel ist die Milchstraße in ihrer ganzen Pracht zu sehen. Doch dafür hat keiner an Bord Muße. Der Wind heult mit fast 30 Knoten über uns hinweg. Und das Wasser unterm Bug wird immer weniger. Wir segeln direkt über den Vrouwezand, jenes berüchtigte Flach zwischen Stavoren und Lemmer am Ostufer des IJsselmeers. Hier ist schon so manche Yacht auf Grund gelaufen. Wir aber sind mit einem typischen niederländischen Plattbodenschiff unterwegs: mit der „Overwinning“, einer Tjalk von 1914.

„Keine Sorge, das Leeschwert klappt von selbst hoch, sobald es zu flach wird“, ruft mir Joost Martijn, der Skipper, zu. Er hat wohl meinen besorgten Blick bemerkt. Mit ordentlich Lage pflügt der 23 Meter lange stählerne Koloss durch die brechende See. Gischtfahnen wehen horizontal in die Dunkelheit davon. Auf dieser letzten Etappe der Beurtveer, eines traditionsreichen Rennens für historische Segler auf der ehemaligen Zuiderzee, geben wir noch einmal alles, um den Führenden einzuholen. Der hat etwa sieben Seemeilen Vorsprung. Doch dank unserer Abkürzung übers Flach werden es nun beständig weniger. Die Spannung steigt!

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Plattbodenschiffe segeln um den Silbernen Suppenlöffel

Die niederländische Bruine Vloot, die Braune Flotte, umfasst rund 400 historische Segelschiffe wie Tjalken, Klipper und Lastkähne. Die Schiffe werden allesamt aktiv gesegelt. Das gibt es in dieser Form nirgends sonst in der Welt. Die meisten dienen als Charterboote, ob für Tagesausflüge oder Gruppenreisen auf dem IJsselmeer, dem Markermeer und dem Wattenmeer. Und auch Regatten werden mit den betagten Schiffen bestritten. Und das erstaunlich ambitioniert.

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Eine davon ist die Beurtveer, zu Deutsch Linienverkehr. Sie knüpft an die Passagiersegelei an, die einst die Zuiderzee-Städte miteinander verband. Die Schiffe segeln binnen drei Tagen von Workum nach Amsterdam und retour. Unterwegs müssen sie mehrere Häfen anlaufen. Das Besondere daran: Die Maschinen bleiben aus. Wer die Route am schnellsten zurücklegt, gewinnt den Zilveren Brijlepel, eine Art silbernen Suppenlöffel.

Offiziell handelt es sich nicht um ein Rennen, sondern um eine „Übung unter Segeln“, wie der Initiator der Beurtveer, Reid de Jong, zeitlebens stets betonte. Er wollte die speziellen seemännischen Fertigkeiten bewahren, die man benötigt, um ein Plattbodenschiff auf alte Weise in Fahrt zu halten.

Als ich während der Strontweek, in deren Rahmen auch die Beurtveer stattfindet, an Bord der 111 Jahre alten Tjalk steige, wird klar, dass „traditionell“ nicht zwangsläufig „altmodisch“ bedeutet. Das Schiff ist voll auf Zukunft getrimmt! Ein 40-kW-Elektromotor sorgt für Schub bei Flaute, ein Pellet­ofen erzeugt Wärme. Gekocht wird mit Induktion. Infrarotheizkörper sorgen zusätzlich für wohlige Temperaturen. Und Wärmerückgewinnungssys­teme sparen Energie ein. Das Eignerpaar Anna Glas und Joost Martijn hat keine Mühe gescheut, um ihr Schiff vor zwei Jahren in das erste emissionsfreie Plattboden-Charterboot der Niederlande zu verwandeln. Sie bezeichnen ihre „Overwinning“ stolz als Luxury Eco Tjalk.

​„En nou oprooten – und jetzt verpisst euch!“

Am ersten Tag der Strontweek, an dem die Beurtveer gestartet wird, lausche ich morgens Joost und Navigator Rob bei der Planung. „Sieht so aus, als wären fast alle Kurse segelbar.“ Die beiden starren gebannt auf die Wetter-App. Seine geplante Route muss jeder Skipper zwei Stunden vor dem Start bei der Renn-, pardon, Übungsleitung einreichen. Angesichts des vorhergesagten Südsüdostwinds entscheiden die beiden sich für einen Kurs von Workum über Medemblik nach Urk und weiter durch die Schleusen bei Lelystad gen Amsterdam.

Kurz darauf beginnt das Spektakel. Den Anfang machen die alten Fischerboote. Zu den dröhnenden Stimmen eines Shantychors werden Botter, Lastkähne und Schouwen aus dem Hafen gestakt, um auf dem IJsselmeer auf traditionelle Weise zu fischen. Dann ist es Zeit für das Stront­race. Symbolisch werden Frachtpapiere unterzeichnet, und die Crews bringen Säcke mit getrocknetem Kuhdung – dem Stront – an Bord. Dann schallen vom Wettfahrtleiter die legendären, wenn auch nicht ganz feinen Worte übers Wasser: „En nou oprooten – und jetzt verpisst euch!“ Zehn Skûtsjes, Klipper und Tjalken – segelnd, stakend und treidelnd – machen sich auf Richtung Warmond südwestlich von Amsterdam, um Dung zu liefern und mit Blumenzwiebeln beladen zurückzukehren. Als dritte Gruppe werden schließlich wir als Teilnehmer der Beurt­veer verabschiedet.

Als 11. von 15 Schiffen starten wir in die Übungsfahrt, hinter dem Klipper „Avontuur“ und vor dem Klipper „Waterman“. Im langen Hafenkanal dürfen die schweren Schiffe noch den Motor anwerfen. An Bord der „Overwinning“ verrichtet er lautlos seinen Dienst. „Warte nur, unter Segeln macht das Schiff schon noch ordentlich Lärm!“, sagt Joost und lacht. Und tatsächlich, als das Groß gesetzt wird, knarrt und knarzt es ohrenbetäubend.

​Alte Seele, junger Geist

Hinter dem Klipper „Deinemeid“ und der Tjalk „Goede Verwachting“ segeln wir mit über sieben Knoten Richtung Medemblik. Zunächst stecken wir im Windschatten der voraus segelnden Boote fest, aber nicht lange. Wir kommen höher an den Wind und sind per se auch schneller als der Großteil des Feldes. Bald bleibt nur noch der 119 Jahre alte Klipper „Welvaart“ vor uns – unser größter Rivale.

„Hey Fritzie, danke fürs Polieren!“, ruft Joost dem Vorschiffsmann Freek zu, der – unterstützt vom 13-jährigen Maurits – tagelang in einem Neoprenanzug mit einem Scheuerschwamm im kalten Wasser war, um den Rumpf von bremsendem Bewuchs zu befreien. „Das Deck zu schrubben macht dich nicht schneller – du musst den Rumpf polieren!“, klärt er die Gäste auf.

Dass die „Overwinning“ so gut in Fahrt ist, verdankt sie darüber hinaus einiger neuer Ausrüstung: viele Dyneema-Leinen statt schwerem Tauwerk, Softschäkel statt Stahlbeschläge, an den Segeln Trimmfäden sowie eine ultradünne, elektrisch betätigte Großschot – alte Seele, junger Geist.

Postkarten aus jedem Hafen

Die „Welvaart“ holen wir bis Medemblik dennoch nicht ein. Mit einer Minute Abstand passieren wir nach ihr die Hafenmole. Stagsegel und Fock hatten wir bereits gestrichen, nun lässt Masthand Wieteke kurz vor dem Kai das Großsegel langsam herab. Einmal noch Schwung holen, dann gleiten wir mit geborgenen Tüchern auf unseren Liegeplatz im Oosterhaven zu. Joost bringt das Schiff längsseits an die Pier, die Crew bringt die Festmacher aus. Schiffsmatrose Eduard springt an Land – ausgestattet mit Laufschuhen, einer Warnweste und einer Postkarte – und sprintet zu einem Briefkasten, um die Karte zu verschicken. Jede Crew muss dies in jedem Hafen tun, als Nachweis dafür, dass man dort war.

Sobald Eduard vor Anstrengung keuchend zurück und an Bord ist, wird die Vorleine auch schon wieder gelöst und der Bug mit langen Stangen vom Kai abgedrückt. Kaum dass der Bug gegen den Wind steht, geht die Fock hoch. Die Crew hält sie back. Die Heckleine hält das Schiff, das sich nun allmählich dreht, noch nah am Kai. Als der Bug schließlich durch den Wind ist, wird auch sie gelöst, die Fock kommt über, das Stag- und das Großsegel werden mit aller Kraft hochgezogen. Schon sind wir wieder zwischen den Hafenmolen hindurch und zurück auf dem IJsselmeer. Nur acht Minuten hat der Stopp in Medemblik gedauert!

So schnell war die „Welvaart“ nicht, und so gehen wir als Führende auf einen Anlieger gen Urk. Der Wind nimmt zu, heftige Böen peitschen übers Wasser und die Temperatur sinkt rapide. Doch als die Böen einem atemberaubenden Sonnenuntergang weichen, ist die Kälte schnell vergessen.

Ein Fehler schlägt auf die Stimmung

In Urk segeln wir vor dem Wind in den Hafenbereich und führen erneut ein blitzschnelles An- und Ablegemanöver samt Briefkasten-Sprint durch. Sieben Minuten dauert es diesmal. Weiter geht die wilde Fahrt, nun mit Kurs Lelystad. In die Houtrib-Schleuse dürfen wir zum Glück mit Motorunterstützung. Danach geht’s quer übers Markermeer gen Amsterdam. Ich schaue kurz am Navigationsplatz vorbei, wo Rob und Lizzy damit beschäftigt sind, jede Aktion und jedes Manöver akribisch im Log­buch festzuhalten – die Regeln verlangen es so. Dabei stellen wir leider fest, dass wir in Urk an der falschen Hafenseite angelegt haben. Joost ärgert sich über den Fehler, und auch wir anderen sind enttäuscht, gehen uns doch nun die Punkte für den Stopp verloren.

Für einen Moment sinkt die Stimmung auf der „Overwinning“. Aber dann kehrt unser Kampfgeist zurück. Auf dem Rückweg wollen wir Urk nochmals ansteuern, auch wenn das einen Umweg bedeutet. „Wir liegen etwa eine Dreiviertelstunde vor der Welvaart. Wenn wir alles geben, können wir unseren Fehler noch wettmachen!“, feuert der Skipper sich selbst und uns an.

In Durgerdam bei Amsterdam endet dieser Segeltag kurz vor Mitternacht. Trotz des Rückschlags sind alle glücklich. Das Segeln mit dem alten Schiff in schwerer See sowie die gelungenen Hafenmanöver ohne Motor darf man getrost als außergewöhnlich bezeichnen.

Kopf an Kopf

Zehn Stunden Ruhepause sind laut Reglement einzuhalten. Dann geht es erneut los. Dank raumem Wind fliegen wir gefühlt nach Volendam. Unterwegs treffen wir andere Teilnehmer, die noch auf Kurs Amsterdam sind. Über Nacht hatte der Wind auf Südwest gedreht, sodass sie nun gegenan müssen. Glück für uns, dass wir so schnell waren. Nach Volendam steuert die „Overwinning“ erst Hoorn an, dann geht es erneut durch die Schleuse des Mitteldeichs und zurück aufs IJsselmeer. Urk, zum Zweiten. Und erneut benötigen wir nur sieben Minuten für den Zwischenstopp. Der nächste folgt in Lemmer.

„Wenn wir Lemmer vor der ‚Welvaart‘ verlassen, haben wir gewonnen!“, ruft Joost. Doch daraus wird leider nichts. Der Konkurrent musste ja nicht noch einmal nach Urk, und so verlässt er den letzten Etappenhafen mit satten 50 Minuten Vorsprung. Trotzdem denkt niemand daran, aufzugeben. „Vollgas auf der Verfolgung!“, ruft Skipperin Anna und kurbelt mit aller Kraft an der Winde. „Wenn wir nicht mehr als eine Stunde nach der ‚Welvaart‘ ins Ziel kommen, haben wir berechnet vielleicht noch eine Chance auf den Sieg!“

Auf den letzten Metern

Die zweite Nacht bricht an. Als ich von unten an Deck komme, ist es stockfinster und es schüttet. Der Südwestwind schiebt für IJsselmeer-Verhält­nisse beachtlich große Wellen in die Bucht von Lemmer. Und als wir kurz darauf den flachen Vrouwezand überqueren, wird das Boot von brechenden Wellen heftig hin- und hergeworfen.

Dann ist es geschafft. Kurz vor 23 Uhr segeln wir am Leuchtturm von Workum vorbei, wo für die zurückkehrende Beurt­veer-­­Flotte wie in alten Zeiten ein Feuer brennt. Eine halbe Stunde nach der „Welvaart“ sind wir dort. Mit 32 Metern ist der Klipper – wie der Großteil der Flotte – deutlich größer als die „Overwinning“. Das macht sie unter Segeln viel schwerer zu manövrieren, daher verdienen sie jeden Respekt.

An Bord der „Overwinning“ sind alle erschöpft, aber überglücklich. Nicht wenige Biere werden geöffnet, und um fünf Uhr morgens bin ich die Erste, die in die Koje kriecht. Am nächsten Tag dauert es dann noch, bis klar ist, wer das Rennen tatsächlich gewonnen hat. Die „Welvaart“ hatte kürzere Wartezei­ten an den Schleusen, die den Crews gutgeschrieben werden. Es besteht also noch Hoffnung.

​Im Geiste Reid de Jongs

Bei der Preisverleihung ist die Spannung greifbar. Der Wanderpokal für die schnellsten Hafenzeiten geht klar an die „Overwinning“. Das verwundert nicht, kann sie wie beschrieben doch deutlich agiler manövrieren als die größeren Schiffe. Danach werden die korrigierten Segelzeiten verlesen. Alle halten den Atem an, als nur noch zwei Schiffe fehlen. Und dann ist es raus: Die „Welvaart“ belegt den zweiten Platz, die „Overwinning“ gewinnt die Beurtveer!

Joost und Anna nehmen den Zil­ve­ren Brijlepel mit nach Hause. Was für ­eine Leistung! Und welch wunderbarer Beleg dafür, wie viel Spaß es macht, ein maritimes Erbe am Leben zu erhalten – ganz im Geiste Reid de Jongs.


​Eine traditionelle Tjalk neu interpretiert

Die „Overwinning“ ist eine der schnellsten Tjalken, die noch in Fahrt sind.Photo: Vereniging ZeilvrachtDie „Overwinning“ ist eine der schnellsten Tjalken, die noch in Fahrt sind.

Tjalken sind Plattboden-Frachtschiffe aus dem 17. Jahrhundert. Sie waren die Stütze des Binnen- und Küstenhandels in den Niederlanden. Konzipiert für flache Gewässer, zeichnen sie sich durch einen abgerundeten Bug, geringen Tiefgang, Seitenschwerter und ein effizientes Gaffelrigg aus. Die „Overwinning“ ist eine der schnellsten Tjalken, die noch in Fahrt sind. Sie hat bereits zahlreiche Erfolge bei Regatten erzielt. Unter Beibehaltung ihres klassischen Aussehens, ihrer Takelage und ihrer Segeleigenschaften wurde die „Overwinning“ sorgfältig für den zeitgemäßen Einsatz angepasst.

2023 erregte das Schiff Aufmerksamkeit, nachdem es vollständig auf einen elektrischen Hilfsantrieb umgestellt worden war. Das machte sie zur ersten traditionellen Tjalk, die ohne fossile Brennstoffe betrieben wird. Stattdessen ist sie mit einem 40-kW-Elektromotor ausgestattet, der von einem 84-kWh-Lithium-Batteriesystem angetrieben wird. Das Energiesystem ist so konzipiert, dass es durch eine Wasserstoff-Brennstoffzelle oder einen wasserstoffbasierten Energieträger unterstützt wird. Dadurch lässt sich die Reichweite unter Maschine zusätzlich erweitern. Dennoch bleibt sie ein Hilfsantrieb. Die „Overwinning“ soll gesegelt werden, im Zweifel sogar im Hafenmanöver. Die Umrüstung erfolgte daher mit Respekt vor dem historischen Charakter des Schiffes. Infos: goudenvloot.de/tjalk-overwinning


​Die Strontweek

Die Beurtveer und das Strontrace sind die Idee des Visionärs Reid de Jong (1934–2020), der jahrelang mit seiner Frau im Leuchtturm It Toarntsje in Workum autark lebte – ohne Strom und fließendes Wasser. Um das Handwerk des segelnden Gütertransports am Leben zu erhalten, rief er 1974 das Strontrace ins Leben, das bis heute im Mittelpunkt der Strontweek steht. Während dieser Woche pulsiert die Hafenstadt Workum mit fünf maritimen Veranstaltungen, bei denen der windgetriebene Transport vorübergehend wieder zur Normalität wird. Wer transportiert am schnellsten Mist von Workum nach Warmond? Wer befördert Passagiere am effizientesten nach Amsterdam? Und wer fängt auf alte Weise die meisten Fische? Die Strontweek mag erst ein halbes Jahrhundert alt sein, doch sie bewahrt und erneuert jahrhundertealtes Wissen. Sie ist zu Recht immaterielles Kultur­­erbe der Niederlande. Infos: zeilvracht.nl / strontweek.nl


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