Auf den Grund gegangenWoher kommt eigentlich ...? Begriffe aus der Seemannsprache erklärt

Auf den Grund gegangen: Woher kommt eigentlich ...? Begriffe aus der Seemannsprache erklärtFoto: YACHT/C. Irrgang

Der Sprachwissenschaftler Dr. Rolf-Bernhard Essig erklärt in der YACHT die bekanntesten Begriffe aus der Seefahrer-Sprache

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Seemannsgarn

Neben dem Angler- oder Jägerlatein ist das Seemannsgarn wohl die bekannteste Lügenmärchenbezeichnung. In allen drei Fällen geht es um Erfindungen und Übertreibungen von Leuten, die etwas tun, bei dem die meisten Normalbürger nicht dabei sind, denen man später davon erzählt. Beim Seemannsgarn standen die Spinnstuben Pate, wo von Mädchen und Frauen sowohl Fäden als auch Geschichten gesponnen wurden. Das waren oft fantastische Erzählungen und Schauergeschichten, die man sich vortrug, damit die Arbeit nicht langweilig wurde. Der Erzählfaden kommt von hier – und dass jemand spinnt, also verrückt ist. Die Geschichten klangen eben manchmal gar zu seltsam. An Bord nun gab es viel zu flicken und zu spleißen, wobei man sich ebenfalls gern die Zeit mit Erzählen verkürzte. Da Seegeschichten sowieso für die meisten Landratten eine exotische und unglaubliche Note hatten, Seeleute darüber hinaus gern mit ihren Schilderungen in Erstaunen versetzten, bezeichnete man diese Döntjes als „Seemannsgarn“, also beim Spleißen, Flicken, Nähen gesponnene Lügengeschichten.

Atoll

Im 19. Jahrhundert erst wanderte der Begriff „Atoll“ aus dem Englischen zu uns ein. Wichtig für seine frühere Verbreitung war ein Seefahrer aus Frankreich: François Pyrard de Laval (1578–1621). Der geriet nach einem Schiffbruch auf den Malediven mit Kameraden in eine fünf Jahre währende Gefangenschaft. Der Franzose lernte Dhivehi, die dort gebräuchliche Sprache. Dass die Bewohner ihre Art von Insel „atolhu“ oder „atulo“ nannten, erwähnt der gefangene Seemann in seinem 1607 geschriebenen Buch „Voyage de François Pyrard de Laval“. Dort definiert er das Atoll so: „Koralleninsel, die einen mehr oder weniger geschlossenen Ring um eine innere Lagune bildet.“ Der vielgelesene englische Geistliche und Reiseliteraturautor Samuel Purchas (ca. 1577–1626) übernahm 1613 wohl den Namen für diese „Vielheit kleiner Inseln“, wobei er „Atollon“ schrieb.

Das Palmyra-Atoll im PazifikFoto: USFWS/Erik Oberg/Island Conservation
Das Palmyra-Atoll im Pazifik

Bermudadreieck

Vincent Gaddis (1913–1997), Ex-Reporter und Ex-PR-Mann, veröffentlichte 1964 als Pulp-Magazin, also Groschenroman, den Titel „Das tödliche Bermudadreieck“. Ausgehend von einigen (wenigen) ungeklärten Fällen, schrieb er frei erfindend über verschwundene Flugzeuge, Tanker, Segelschiffe, Rätsel, Geheimnisse, Unheimliches. Er hätte auch andere Meeresgegenden nehmen können, aber „Bermudadreieck“ klang gut. Von dem Werk ließ sich Charles Berlitz (1914–2003), Enkel des Sprachschulgründers, Ex-Mitarbeiter der Berlitz School und Ex-Geheimdienstler, anregen. Zehn Jahre später erschien sein Buch „Das Bermudadreieck“. Das Thema war dasselbe, die Mischung ähnlich: ein paar Fakten, dazu viele Hypothesen, als Tatsachen verkleidet, Widersprüche, Fehler und Erfindungen. Eine Flut von weiteren Büchern, Artikeln, Aufsätzen und Filmen anderer Autoren folgte. Kaum jemand störte sich an dem modernen Lügenmärchen – und nicht einmal daran, dass das Bermudadreieck vollkommen willkürliche Grenzen hatte. Allerlei Schiffsunglücke ereigneten sich auch außerhalb des Gebietes zwischen den Bermudas, Puerto Rico und Florida. Das Bermudadreieck vergrößerte sich im Lauf der Jahrzehnte nach Bedarf und um ein Vielfaches, um genügend Fälle zu finden.

Havarie

Im Arabischen hieß „Awariya“ vor 1.000 Jahren „durch Wasser beschädigte Ware“. Durch Seeleute im Mittelmeerraum gelangte der Ausdruck ins Italienische, wo man ihn um 1300 schon antrifft. Das Französische wie das Niederländische wirkten als Transitsprachen für das Wort. Man schrieb es übrigens mal mit f, mal mit v, gern auch mit y, also „Haverye“. Wie es zum Bedeutungswandel kam? Nun ja, erst bezog man den Begriff auf Transportkosten und Gebühren sowie auf Schäden der Ware durch den Seetransport. Das passierte natürlich besonders bei einem Schiffbruch, sodass es auch dafür verwendet werden konnte. Von hier aus breitete sich das Wort auf große Landfahrzeuge, Maschinen und Einrichtungen aus. Das liegt vielleicht an der Tendenz der Medien, dramatisch zu formulieren – ein Schiffsunglück war ja fast immer schrecklich und hatte sehr oft gewaltige Folgen. So eignete sich die Havarie dazu, Schäden aller Art zu dramatisieren, bis hin zum Unfall im Atomkraftwerk.

Von Havarien spricht man inzwischen auch, wenn kein Wasser im Spiel istFoto: Marine Nationale
Von Havarien spricht man inzwischen auch, wenn kein Wasser im Spiel ist

Tidenhub, Ebbe und Flut

Das Phänomen der sich regelmäßig ändernden Wasserstände fasziniert die Menschen seit je. Sie erkannten einen Rhythmus, also dass das Auftreten etwas mit Zeit zu tun hat. Die Zeit heißt im Niederdeutschen, das am Meer ja gesprochen wird, „tîd“, die Flutzeit allein ursprünglich „getîde“. Aus diesen Wörtern bildeten sich die Begriffe „Tide“ und „Tidenhub“, also der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser. Der Begriff „Ge­zeiten“ entwickelte sich erst im 16. Jahrhundert, eben weil die Tiden mit der Zeit zusammenhängen, sie einteilen. Im Wechsel folgen Ebbe und Flut aufeinander. „Fluot“ hieß im Althochdeutschen noch „überströmendes Wasser“. Erst im 15. Jahrhundert entwickelte es sich zum Gegenwort für die Ebbe, die mit den Wörtern „ab“ und wohl auch „aber“ verbunden ist, und das Wort bezeichnete offenbar zuerst den Widerstrom zur Flut, eine Art Aberflut. Im Hochdeutschen wurde sie deshalb bis ins 16. Jahrhundert „Abflut“ und „Ablauf“ genannt. Erst danach bildete sich daraus das Kurzwort „Ebbe“.

Der Autor

YACHT-Autor Dr. Rolf-Bernhard Essig ist Literaturkritiker, Moderator und Dozent u. a. an der Universität Bamberg. Sein Werk „Butter bei die Fische“ erklärt amüsant und profund den Eingang von Seemanns- und Seglersprache in das Alltagsvokabular. In „Der Rausch des Meeres“ hat sich Essig mit dem Zusammenhang zwischen Alkohol und Seefahrt beschäftigt.

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