WetterBöenkunde: Heftige Böen – woher kommen die bloß?

Lars Bolle

 · 25.04.2022

Wetter: Böenkunde: Heftige Böen – woher kommen die bloß?Foto: Seemannschaft/Delius Klasing Verlag

Gerade jetzt, an den ersten Frühjahrs-Wochenenden, ist das Böenpotenzial enorm. Wetter-Experte Dr. Michael Sachweh erklärt, wie und wo die Windstöße entstehen

Ein böiger Wind ist nicht gerade das, was Segler lieben. Im Gegensatz zu einem Gewitter kündigt sich eine Bö, wenn überhaupt, erst kurzfristig an, oft bricht sie überfallartig herein. Mit Glück nimmt man die Bedrohung unmittelbar vorher wahr, wenn auch indirekt: Die Wasseroberfläche in Luv verdunkelt sich, Schaumkronen bilden sich, und – wenn es dicke kommt – Gischt fliegt durch die Luft.

Eine Ausnahmeerscheinung sind Böen nicht. Sie gehören zum Segelwetter wie die Wellen zum Revier. Bei bestimmten Wetterlagen, in Küstennähe und auf Binnengewässern sind sie eine beinahe alltägliche Erfahrung. Für denjenigen, der mit ihnen vertraut ist, verlieren sie nicht nur rasch ihren Schrecken. Sie können sogar von Nutzen sein, beispielsweise während einer Regatta.

Kleine Böenkunde

Von einer Bö spricht man, wenn die durchschnittliche Windgeschwindigkeit kurzfristig und erheblich überschritten wird. Laut Definition des Deutschen Wetterdienstes muss sie mindestens drei Sekunden andauern und wenigstens zehn Knoten über dem zuvor herrschenden Mittelwind liegen.

Im moderaten Windstärkebereich und unter Landabdeckung erleben Segler Böen meist als kurze Windstöße. Bei Sturm draußen auf See kann eine Bö aber durchaus eine halbe Minute und länger andauern – akustisch eindrucksvoll untermalt durch das langsame An- und Abschwellen des Pfeifens und Heulens im Rigg.

Ein böiger Wind ist nicht nur in puncto Stärke, sondern auch hinsichtlich seiner Richtung launenhaft. In der Regel dreht er in der Bö um 10 bis 20 Grad, mitunter gar um bis zu 40 Grad. Im schlimmsten Fall verliert ein unvorbereiteter Skipper dabei für kurze Zeit die Kontrolle übers Schiff, sei es, weil bei einem Kurs hoch am Wind die Segel unversehens umschlagen oder weil das Boot mit Wucht auf die Seite gedrückt wird. Eine Bedrohung geht also von beiden Phäno­menen aus, der sogenannten Geschwindigkeits- und der Richtungsböigkeit.

Meteorologisch gesehen ist die Bö Ausdruck einer turbulenten Luftbewegung. Dabei unterscheidet man zwischen dynamischer und thermischer Turbulenz.

Dynamische Turbulenz

Mit der dynamisch bedingten Luftunruhe sind Segler vertraut, sei es auf Seen, Flüssen und Kanälen im Binnenland oder bei ablandiger Luftströmung an der Küste.

Aus dem Kontakt der strömenden Luft mit der unterschiedlich strukturierten Landoberfläche resultieren Geschwindigkeitsunterschiede im Strömungsfeld. Sobald der Wind auf den Untergrund trifft, schwächt er sich ab, und es entstehen Turbulenzen – eine Art Stop-and-go im Luftstrom, verbunden mit raschen Richtungsschwankungen. Außerdem sorgt der größere Reibungsanteil im Luftstrom dafür, dass der landbeeinflusste Wind vorlicher einfällt.

Je näher man an der Küste segelt und je mehr Reibungswiderstand die Strömung durch Hügel, Berge, Gebäude, Steilküsten und anderem erfährt, desto böiger weht der ablandige Wind. Ferner gilt: je stärker die allgemeine Luftströmung, desto stärker und unberechenbarer die Böen.

Der Abschattungsbereich einer Steilküste ist also nicht immer ein sicherer Zufluchtsort. Zwar ist man vor starkem Wind geschützt, dafür ist er dort hinsichtlich Richtung und Stärke extrem unbeständig und damit un­berechenbar. Ein solcher Abschattungsbereich kann in seiner Ausdehnung stark variieren. Säumen zum Beispiel Baumalleen oder zusammenstehende Häuser die Uferzone, ist ein Mindestabstand vom bis zum 30-fachen der Baum- oder Gebäudehöhe erforderlich, um dem unberechenbaren Böenbereich zu entfliehen.

Wie weit vor der Küste treten Böen auf? Distanzen in Abhängigkeit von Hindernishöhen:
Steilküste, Kliffs Das 7- bis 10-fache deren Höhe
Deich, Dünen Das 10- bis 15-fache deren Höhe
Bäume, Häuser Das 15- bis 25-fache deren Höhe
Alleen, geschlossene Bebauung Das 25- bis 30-fache deren Höhe


Ein weiterer Grund für dynamische Turbulenzen sind unterschiedlich schnelle Luftströmungen in der höheren Atmosphäre. Bei labilen Wetterlagen können sich diese Böen nach unten bis hinab zur Wasseroberfläche fortpflanzen.

Thermische Turbulenzen

Eine andere Ursache ist die Thermik. Überschreitet der Temperaturunterschied zwischen unterer und höherer Atmosphäre ein bestimmtes Maß, wird die Luftschichtung labil: Die wärmere Luft strudelt in Aufwindschloten nach oben, im Gegenzug sinkt kühle Höhenluft hinab. Aus diesem Auf und Ab im Luftstrom resultiert böiger Wind.

Der Blick zum Himmel verrät die Gefahr: Dort bilden sich mehr oder weniger hoch aufgetürmte Haufenwolken (Cumuli) bis hin zu Schauer- und Gewitterwolken (Cumulonimben). Wird eine nur moderate Luftströmung unten von einem sehr starken Höhenwind überlagert – Zuggeschwindigkeit der Quellwolkengipfel beobachten! –, fallen die Böen besonders heftig aus. Und ferner wichtig zu wissen: Der Wind dreht in den Böen stets nach rechts.

Je labiler die Luftschichtung ist und je höher die Wolken aufgetürmt sind, desto stärker dieser Windsprung. In einzelnen Schauer- und Gewitterwolken kann er um 30 bis 40 Grad rechtdrehen. Nach der Bö dreht er wieder zurück. Bilden die Schauerwolken jedoch eine langgezogene Linie, wie für Kaltfronten typisch, kann der Windsprung noch größer ausfallen. Dann allerdings dreht der Wind hinterher nicht mehr zurück, sondern er behält die neue Richtung bei.

Böenträchtige Wetterlagen: Tiefdruckgebiete

  Gewöhnliches Tief mit Böenfeld: Im Bereich eines normalen Tiefdruckgebiets treten die stärksten Böen unmittelbar an der Kaltfront auf sowie dahinter im Bereich der unbeständigen Witterung mit Sonne, Wolken und Schauern (Rückseitenwetter)Foto: Seemannschaft/Delius Klasing Verlag
Gewöhnliches Tief mit Böenfeld: Im Bereich eines normalen Tiefdruckgebiets treten die stärksten Böen unmittelbar an der Kaltfront auf sowie dahinter im Bereich der unbeständigen Witterung mit Sonne, Wolken und Schauern (Rückseitenwetter)

In unserer Klimazone gehören durchziehende Tiefdruckgebiete zum Segelalltag. Auf Warmfront und Warmsektor folgt die Kaltfront. Von ihr geht bei einem gewöhnlichen Tief die größte Bedrohung aus: Die stabile Luftschichtung wird abrupt labil.

Im Sommer bildet die Front oft eine langgezogene Linie aus kräftigen Schauern und Gewittern. Die Windänderung kann beträchtlich ausfallen. Aus zuvor 2 bei 3 Beaufort aus Südost bis Südwest werden mit der Frontpassage Böen aus West bis Nordwest mit 6 bis 8 Beaufort oder mehr. Danach dreht der Wind ein wenig zurück und weht relativ gleichmäßig. Später folgt das Rückseitenwetter mit einem Mix aus Sonne, Wolken und Schauern. Dabei gibt es erneut Böen, die aber in Stärke und Richtungsvarianz nicht so heftig sind wie direkt an der Kaltfront.

  Trog mit Böenfeld: Bei manchen Tiefs, die ihr Reifestadium überschritten haben, kann sich in der Nähe des Tiefdruckkerns ein ausgeprägter Trog bil­den. Dann treten die stärksten Böen nicht an der Kaltfront, sondern im Trogbereich aufFoto: Seemannschaft/Delius Klasing Verlag
Trog mit Böenfeld: Bei manchen Tiefs, die ihr Reifestadium überschritten haben, kann sich in der Nähe des Tiefdruckkerns ein ausgeprägter Trog bil­den. Dann treten die stärksten Böen nicht an der Kaltfront, sondern im Trogbereich auf

Böenträchtige Wetterlagen: Trogtief

Eine Sonderform ist das Trogtief: Infolge eines erneuten Druckabfalls im Zentrum entsteht manchmal bei alternden Tiefs eine Ausbuchtung des Kerns. Am Süd- und Westrand dieses Trogs bildet sich ein Starkwind- oder gar Sturmfeld. Eine heimtückische Tiefdruckvariante, denn nach einer recht glimpflich verlaufenen Passage der Kaltfront-Böenlinie und nur wenigen Rückseitenwetterschauern wähnt man sich als Segler bereits auf dem Weg zum nächsten Hoch.

Anzeichen für einen Trog sind besagter rascher Druckabfall sowie Linien heftiger Schauer und Gewitter. Die Böen sind oft ähnlich heftig wie die an einer kräftigen Kaltfront. Auch ist mit üblen Winddrehern zu rechnen.

Heftige Vor- und Nachsaison

Unabhängig von solchen Tiefdruck-Eskapaden gilt: Der Wind ist, gleiche Wetterlage vorausgesetzt, zum Ende der Segelsaison hin böiger als zu Beginn. Ursache ist die Wassertemperatur, welche die Temperaturen in der unteren Atmosphäre maßgeblich beeinflusst. Die Kombination einer noch relativ warmen Wasseroberfläche mit der sich ab Ende August allmählich abkühlenden höheren Atmosphäre führt zu einer zunehmenden Häufigkeit von Wettersituationen mit labiler Luftschichtung. Diese wiederum fördert die atmosphärische Turbulenz. Und zwar nicht nur auf Nord- und Ostsee, sondern auch im Mittelmeer – auch wenn einen der Süden bis in die Nachsaison oft noch mit Sonne und Wärme verwöhnt. Mediterrane Herbstgewitter deuten an, wie heftig die Böen sein können, sobald die Luftschichtung labil wird.

Küsten mit Böenpotenzial

Infolge der durch die Bodentopografie bewirkten erhöhten dynamischen Turbulenz sind ablandige Winde stets böiger als auflandige. Ist die Küste dann noch in Berge, Hügel, Kaps und Kliffs gegliedert, müssen sich Segler auf außerordentlich böige Winde einstellen. Einen in einen Hafen einlaufenden Skipper erwartet dann ein anspruchsvolles Ansteuerungsmanöver, der auslaufende Segler sucht baldmöglichst freien Seeraum.

Eine besonders unangenehme Situation entsteht bei der Kombination einer großen dynamischen und thermischen Turbulenz. Ein Beispiel ist die stark gegliederte schleswig-holsteinische Ostküste bei einer überwiegend freundlichen, aber windigen Westwetterlage im Sommer. Im Lee solcher Küsten nimmt die dynamische die thermische Land-Turbulenz quasi huckepack – das Segeln gerät zum Böen-Spießrutenlauf.

Getoppt werden solche Böenreviere nur noch durch schwere Fallwinde. Ein berüchtigtes Beispiel ist die kroatische Küste bei ausgeprägter Bora-Wetterlage. Da gibt es fast überhaupt keine Vorwarnung für Segler, denn der Wind fällt förmlich ungehindert von schräg oben ins Küstenrevier. Er wird sogar noch beschleunigt durch die Rampen, welche die kahlen Gebirgshänge und die vegetationsarmen, walfischrückenförmigen Eilande der Kornaten bilden.

Auch dort entwickeln dicht unter Land thermische und dynamische Turbulenz eine unheilige Allianz, da die Bora fast immer von sonnigem Wetter begleitet wird. Zum Glück treten heftige Bora-Fallwinde eher im Winterhalbjahr auf und behelligen Segler allenfalls in der Vor- und Nachsaison.

Böen erkennen, parieren, nutzen

Böen sind ein Gefahrenelement auf See, das mit Vorwarnzeit geizt. Deshalb sollte ein Skipper stets frühzeitig prüfen, ob er in eine bedrohliche Situation geraten könnte. Quellwolken am Himmel sind ein Indiz, ebenso Schauer oder Gewitter in Sichtweite. Kritisch wird es ferner, wenn eine Kaltfront naht oder ein Kurs dicht unter Land geplant ist.

Unmittelbare Warnzeichen von Böen in Luv sind die Kräuselung der Wasseroberfläche, die zu einer charakteristischen Verdunkelung des Böenareals führt, ebenso eine Häufung weißer Schaumkronen und auch Yachten und Jollen mit auffälliger Krängung. Dem Skipper bleiben dann wenige Minuten, bis die Böen das eigene Boot erreichen.

In dieser Zeit muss er prüfen, ob gerefft werden muss und aus welcher Richtung die Böen einfallen. Segelt das Schiff hoch am Wind auf Steuerbordbug, kann die recht­drehende Bö ein Umschlagen der Segel und eine heftige Krängung in unerwartete Richtung bewirken. Auf dem Weg in die Landabschattung dagegen dreht der Wind etwas zurück, dort kann sich ein Hoch-am-Wind-Kurs auf Backbordbug als fatal erweisen.

Naht eine Schauer- oder Gewitterlinie, sollte man den Himmel nach einer dunklen, langgezogenen Wolkenwalze absuchen. Diese markiert in der Regel die Vorderseite der Böenfront. Achtung, die heftigsten Böen treten sofort zu Beginn der Starkwindphase auf, und sie kommen fast immer aus West bis Nordwest – gleich, aus welcher Richtung der Wind zuvor geweht hat!

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