Revier

Wiedervereinigung abgelehnt

Helgolands Einwohner stimmen gegen eine Landverbindung zur Badeinsel Düne – auch Pläne für eine Marina müssen nun neu entwickelt werden

Uwe Janßen am 27.06.2011
Helgoland aus der Luft

Helgoland und die vorgelagerte Insel Düne

54,7 Prozent der 1312 Helgoländer Wahlberechtigten haben sich in einem Bürgerentscheid am gestrigen Sonntag gegen die Wiedervereinigung von Insel und Düne ausgesprochen, die seit der Sturmflut in der Silvesternacht 1720 vom Wasser getrennt sind. Die gestellte Entscheidungsfrage lautete: „Sind Sie für eine Landgewinnung durch eine Verbindung der beiden Inselteile Helgolands – ja oder nein?“ Vor dem Bürgerentscheid hatte es erbitterte Diskussionen um die Landverbindung gegeben, Befürworter und Gegner lieferten sich über Monate einen intensiven Schlagabtausch (YACHT 11/11).

Wie sehr das Thema die Einwohner bewegt und spaltet, lässt sich sowohl an der hohen Wahlbeteiligung ablesen (81,4 Prozent) als auch am knappen Ausgang. „Nur 51 hätten sich anders entscheiden müssen“, sagt ein Mitglied der Interessengemeinschaft Hochseewelt, die mit einem eigenen Projekt für die Inselanbindung warb.

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Helgolands Bürgermeister Jörg Singer: „zu einem Wir kommen“

„Man muss dieses Ergebnis jetzt akzeptieren“, sagt Helgolands Tourismusdirektor Klaus Furtmeier. „Wir müssen sehen, dass wir an anderer Stelle zusätzlichen Platz bekommen.“ Die Insel benötige nach wie vor neue Flächen, „um lebensfähig zu bleiben“ – Ausgangspunkt der Diskussion war eine dramatische Negativ-Tendenz bei allen wichtigen wirtschaftlichen und soziologischen Indikatoren. Für eine Trendwende, darüber besteht weithin Einigkeit, benötigt Helgoland neue, zeitgemäße Touristenattraktionen sowie größere Kapazitäten an moderner Hotellerie und privaten Wohnungen und Häusern. Und dafür braucht es Land. 

Hochseewelt Helgoland

Die von der IG Hochseewelt geplante Landverbindung zur Düne in der Animation

Umweltverbände sowie Lokalpolitiker vom Südschleswigschen Wählerverband und der Linken begrüßten das Ergebnis, andere Fraktionen reagierten zerknirscht. Der parteilose Bürgermeister Jörg Singer, seit Jahresbeginn im Amt und ausgewiesener Befürworter einer Landverbindung, hatte gehofft, eine Mehrheit für seine „Vision“ von einem neuen, größeren Helgoland zu bekommen. „Ich weiß im Moment noch nicht, wie wir jetzt unserem Flächenbedarf gerecht werden können“, sagt Singer der YACHT, „wir müssen sehr, sehr kreativ werden.“ Auch werde die Investorensuche nun schwieriger, da nicht mehr ein großes Projekt, sondern lediglich einzelne Maßnahmen beworben werden können.

Denkbar wären nun Landgewinnungen direkt an der Insel, etwa im Nordosten, auch die zuvor von einer Bürgern abgelehnte „Schnitzel-Variante“ gerät wieder in die Diskussion – eine Aufspülung an einer verlängerten Mole.

Helgoland Schnitzel-Variante

Skizze der von der Bevölkerung bereits abgelehnten „Schnitzel-Variante“ (schraffiert) – sie ist nun wieder in der Diskussion

Mit dem Votum ist nach YACHT-Informationen auch die neue Marina auf der Düne kein Thema mehr. Sie wäre Bestandteil der Landverbindung gewesen, unabhängig davon lagen aber bereits Alternativpläne für einen solchen Sportboothafen „in der Schublade“, wie Bürgermeister Singer in YACHT 11/11 verriet. Diese Alternativen erwiesen sich zwischenzeitlich indes als kaum finanzierbar. Experten schlagen stattdessen vor, für Yachten neue Möglichkeiten in Südhafen und Binnenhafen zu eruieren. „Wir haben schon noch vor, ein paar Dinge zu bauen“, sagt Singer. 

Beobachter erklären das Ergebnis der Abstimmung damit, dass vornehmlich die älteren Insulaner gegen das Vorhaben votierten. Zwar sei auch bei ihnen die Notwendigkeit unstreitig, dass etwas geschehen müsse, allerdings habe sie die Dimension des vorgeschlagenen Wandels dann doch bewogen, dagegen zu stimmen. „Trotz umfangreicher Information und vielen Veranstaltungen im Laufe der letzten Wochen zu diesem komplexen Thema“, wie der Bürgermeister sagt, haben die Einwohner beim Urnengang offenbar „emotional entschieden“. Und das könne er in gewisser Weise auch nachvollziehen: „Hier leben noch viele, die die Insel damals mit aufgebaut haben. Für diese Menschen hat sie natürlich einen ganz besonderen Wert, sie hängen daran.“

Dass mit dem Votum allerdings „die letzte Chance“ zur Rettung der Insel vertan wurde, daran glaubt Singer nicht. Man müsse jetzt halt „in kleineren Schritten“ denken und eher mittel- als langfristig planen.

Als erfreulich bezeichnet Singer Zustandekommen und Verlauf der bisherigen Debatten, es habe sich „eine in dieser Form bisher nie dagewesene positive Gesprächs- und Diskussionskultur entwickelt“. Nun gehe es darum, die immer noch bestehenden Divergenzen zwischen Befürwortern und Gegnern aufzuarbeiten, Gemeinsamkeiten zu entwickeln und auf dieser Basis weiterzumachen: „Das Allerwichtigste ist, dass wir zu einem Wir kommen.“

Erste Gelegenheit dazu bietet sich am 6. Juli. Dann sollen auf einer Bürgerversammlung in der Nordseehalle das Abstimmungsergebnis analysiert und daraus entstandene Perspektiven aufgezeigt werden.

Uwe Janßen am 27.06.2011

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