Chartermarkt

Probleme bei Thinius Yachtcharter

Der deutsche Flottenbetreiber mit Stationen am Ijsselmeer und auf den Balearen konnte gebuchte Schiffe den Kunden nicht bereitstellen

Andreas Fritsch am 03.10.2016
Thinius

Logo der Firma

Es ist der Alptraum für Charterkunden, der YACHT-Leser Daniel S. widerfuhr. "Wir waren auf dem Weg zu einer langen Wochenend-Charter in Lemmer, als uns Thinius-Inhaber Andreas Kühn telefonisch mitteilte, dass unser gebuchtes Schiff nicht zur Verfügung stehe und er kein Ersatzboot habe. Er habe aber eine Yacht bei einer benachbarten Firma besorgt, die wir allerdings bei Törnantritt komplett neu bezahlen mussten. Er hat dann die umgehende Rückzahlung unserer bereits geleisteten Zahlungen zugesagt, aber bis heute, rund 10 Tage nach der Charter, ist diese nicht eingetroffen." Der Kunde hat nun Strafanzeige gegen die Firma gestellt.
Zwei ähnliche Fälle sind der YACHT für Lemmer und auch Mallorca bekannt. Auch hier wurden die Kunden kurz vor Törnantritt informiert, dass die Schiffe nicht zur Verfügung stehen. Man bemühe sich um ein Ersatzboot, doch im Fall auf Mallorca gelang dies nicht.

Scheinbar läuft bei der Firma seit Monaten nicht mehr alles rund, der YACHT sind neben diesem Fall weitere bekannt, in denen ähnliche Vorwürfe erhoben werden.
Daniel Barone von Barone Yachting dazu: "Wir haben vier Buchungen bei Thinius auf Mallorca gehabt. Als die Törns der Kunden näher rückten, wunderten wir uns, dass keine weitere Informationen oder Unterlagen für die Kunden seitens der Charterbasis kamen. Auf Nachfrage stellte sich dann heraus, dass die Schiffe gar nicht mehr bei Thinius unter Vertrag waren, sondern von den Eignern in andere Firmen überführt worden waren. Die Geschäftsleitung hätte das Geld weiterleiten müssen, hat dies aber nicht getan." Es gelang dann, die Kunden auf andere Boote ohne Mehrkosten für diese umzubuchen, auf die Erstattung der geleisteten Anzahlungen wartet Barone bis heute.
Zwei weitere deutsche Agenturen berichten von ähnlichen Fällen, das Schema scheint immer dasselbe: Anzahlungen wurden geleistet, das Geld aber offenbar nicht weitergeleitet. Vier große deutsche Agenturen, die namentlich nicht genannt werden wollten, haben mittlerweile die Geschäfte mit Thinius eingestellt.

Offensichtlich sind aber nicht nur Charterkunden und Agenturen von den Unregelmäßigkeiten irritiert. Seit Ende letzten Jahres beginnen Eigner, die ihre Schiffe Thinius zur Vercharterung überlassen haben, ihre Yachten abzuziehen. Auf Mallorca wechselten nach Angaben von Star-Sails-Geschäftsführer Helge Kröger Eigner mit insgesamt 10 Schiffen zu seiner neu gegründeten Charterfirma. Kröger betreibt auch eine Basis im niederländischen Lemmer, wo Eigner sieben ehemalige Thinius-Yachten aus deren Obhut nahmen und bei ihm stationierten. "Die Eigner sind auf mich zugekommen und haben gebeten, die Boote in meine Flotte aufzunehmen, ich habe niemanden angesprochen!", versichert er. Man habe sich bemüht, die Kunden nicht im Regen stehen zu lassen und habe viele Verträge von Thinius noch erfüllt, teils trotz finanzieller Einbußen.


Schon zuvor hatten sich zwei weitere Eigner mit mehreren Schiffen, die ursprünglich über Thinius verchartert werden sollten, von der Firma getrennt und eigene Stützpunkte aufgemacht. Auf Mallorca und im niederländischen Hoorn ist dies Moonshinesailing, auf den Kanaren Lava Charter. Alle drei Geschäftsführer sind spürbar bemüht, nach den letzten turbulenten Monaten wieder Ruhe und Seriösität ins Alltagsgeschäft vor Ort zu bringen. Matthias Büchting, Geschäftsführer von MoonShineSailing: "Die MoonShineSailing GmbH steht nach Offenlegung der finanziellen Situation und Begutachtung durch Yachtpool auch auf der Liste der Unternehmen, die berechtigt sind, einen Yachtpool-Sicherungsschein auszugeben. Im Internet kann auch jeder Kunde kontrollieren, ob diese Berechtigung noch aktuell gültig ist."  Auch Starsails will Sicherungsscheine ausgeben. Thinius gab und gibt bis heute keine Sicherungsscheine für Buchungen aus.

Thinius-Geschäftsführer und Inhaber Andreas Kühn sieht die Vorgänge in einem anderen Licht. "Es gab Unstimmigkeiten mit Eignern darüber, was in der Wartung der Schiffe charterbedingte Abnutzung ist und was Schäden, die durch Kunden verursacht werden. So etwas kommt immer wieder einmal vor, das gehört zum Geschäft."
Von Unregelmäßigkeiten gegenüber Agenturen und Kunden könne keine Rede sein, es habe kurzzeitig Probleme mit einem defekten Schiff in Lemmer gegeben, die mittlerweile aber alle verrechnet worden seien. Gegenüber der YACHT erklärte er, das Schiff in Lemmer sei von den Vorkunden beschädigt worden, gegenüber dem YACHT-Leser Daniel S. soll er allerdings erklärt haben, das Schiff sei für eine Woche verchartert worden, deshalb habe er Ersatz besorgt.
In Mallorca habe es große Schwierigkeiten gegeben, da dort ein Eigner nach Auseinandersetzungen mit Kühn eine größere Flotte abgezogen habe. "Für diese Schiffe hatten wir aber eine ganze Reihe Verträge. Es konnten aber nicht alle erfüllt werden, so hatten wir große Probleme, immer Ersatzschiffe zu finden."

Ein eindeutiges Problem im Fall Thinius ist ohne Frage, dass die Firma an Direkt-Bucher keine Sicherungsscheine ausgibt, wie Andreas Kühn gegenüber der YACHT bestätigte. Lediglich Kunden, die über Agenturen buchten, haben zumindest teilweise eine Rückversicherung für ihre Anzahlung. Den Anteil der Direktbucher an seinem Kundenstamm beziffert Kühn nach eigenen Angaben auf deutlich über 50 Prozent.
So erging es auch dem eingangs erwähnten Kunden Daniel S., der von Kühn kurz vor der Charter in Lemmer benachrichtigt wurde, dass kein Schiff zur Verfügung stehe. Aufgrund der langjährigen Zusammenarbeit habe man nicht nach einem Sicherungsschein gefragt. 

Ohne Sicherungsschein gilt aber grundsätzlich: Die Anzahlung wäre im Falle einer Insolvenz nicht rückversichert und ist dann in der Regel verloren, wie solche Fälle im Chartermarkt der letzten Jahre immer wieder belegt haben. Es kann daher nicht genug betont werden, wie wichtig es für Kunden ist, diese allerdings freiwillige Leistung auf dem Chartermarkt in Anspruch zu nehmen. Etablierte Agenturen und Direktanbieter bieten die Absicherung, die meist über Yacht-Pool, Pantaenius, Hamburger Yachtversicherung, European Insurance Services oder andere Versicherungsvermittler geleistet wird. Nur wer bei der Buchung nach dem Service fragt und dann nach der ersten Anzahlung auch den Sicherungsschein zugeschickt bekommt, ist für den Fall einer Insolvenz von Charteragent oder Flottenbetreiber auf der sicheren Seite. Voraussetzung ist allerdings, dass die Versicherung auch den Flottenbetreiber abdeckt, was nicht alle Policen tun! Fragen Sie bei der Buchung unbedingt danach. 

Was besonders kritisch erscheint: Nach wie vor steht Thinius Charter nach Angaben einiger Agenturen in Buchungssystemen mit Schiffen, die offenbar schon gar nicht mehr von der Firma betreut werden. Auch auf der Webseite von Thinius werden für den Stützpunkt Mallorca noch Schiffe für 2016 gelistet, die nicht mehr zur Verfügung stehen.

Andreas Fritsch am 03.10.2016

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