Segeln olympisch

Zwei Bronzemedaillen machen Mut auf Kurs Tokio 2020

Nach Tim Fischer/Fabian Graf haben auch die 470er-Seglerinnen Frederike Loewe/Anna Markfort im Olympiarevier Weltcup-Bronze abgeräumt – das Finale war packend

Tatjana Pokorny am 01.09.2019
Segel-Weltcup-Saison 2019/2020, erste Regatta
World Sailing / Sailing Energy

Gewannen ein Jahr vor den Olympischen Spielen beim Weltcup-Auftakt vor Enoshima Bronze im kommenden Olympiarevier: die 470er-Seglerinnen Frederike Loewe und Anna Markfort

Ihre Ausgangsituation vor dem Medaillenrennen war mehr als anspruchsvoll: Als Sechste mussten Frederike Loewe und Anna Markfort 15 Punkte aufholen, um noch Bronze zu holen. Gleichzeitig benötigten sie Schützenhilfe der Gegnerinnen und Patzer der vor ihnen liegenden Crews. Das klang eher nach theoretischer denn nach echter Chance. Doch die Crew vom Verein Seglerhaus am Wannsee ließ sich von diesem Szenario am Sonntag nicht aus der Ruhe bringen. „Am Morgen haben wir uns noch fast lachend gesagt, dass wir ja einfach nur das Medaillenrennen gewinnen müssen“, erzählte Loewe (Verein Seglerhaus am Wannsee) nach dem Coup. Genau das taten die Berlinerinnen tatsächlich – und katapultierten sich mit ihrem fulminanten Finalsieg noch auf Platz drei der Weltcup-Regatta im kommenden Olympiarevier von Enoshima. Fast noch wichtiger als die Bronzemedaille waren dem Duo die damit verbundenen Erkenntnisse: „Uns hat das Ergebnis gezeigt, dass wir auch bei wenig Wind segeln können.“

Segel-Weltcup-Saison 2019/2020, erste Regatta

Behielten vor allem im Finale den Überblick, gewannen das Medaillenrennen und katapultierten sich damit noch auf den Bronze-Platz: die Berliner 470er-Seglerinnen Frederike Loewe und Anna Markfort

Die Leichtwind-Schwäche vieler deutscher Teams teilen Tim Fischer und Fabian Graf nicht. Im Gegenteil: Die in Kiel in Regie von Max Groy trainierenden Skiffsegler mögen solche Bedingungen, haben aber ihrerseits in der japanischen Sagami Bucht erfahren, dass sie inzwischen auch in starken Winden und hoher Welle zur Macht reifen. Als Allrounder haben die für den Norddeutschen Regatta Verein und den Verein Seglerhaus am Wannsee startenden 49er-Spezialisten beim Weltcup-Auftakt ihr bis auf die fehlenden America’s-Cup-Gewinner Peter Burling und Blair Tuke top besetztes Feld in der Hauptrunde dominiert. Das deutsche Duo zog als Spitzenreiter ins Finale ein, kenterte dort aber beim Gennakersetzen in einer heftigen Böe und musste zusehen, wie die Briten James Peters/Fynn Sterritt und die Österreicher Benjamin Bildstein/David Hussl davonzogen. Über Bronze freuten sich der 24-jährige Steuermann Tim Fischer und sein 23-jähriger Vorschoter Fabian Graf trotzdem. „Wir haben gezeigt, dass wir Medaillenkandidaten sind, wenn wir zu den Olympischen Spielen geschickt werden. Die Bedingungen liegen uns sehr gut.“

Sailing World Cup Enoshima

Glücklich mit Weltcup-Bronze: Tim Fischer und Fabian Graf mit ihrem Trainer Max Groy (unten rechts)

Für zwei weitere Top-Ten-Ergebnisse sorgten auf den Plätzen sechs und acht die 470er-Segler Simon Diesch und Philipp Autenrieth (Württembergischer Yacht-Club/Bayerischer Yacht-Club) sowie die Nacra-17-Mixed-Crew Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer (Kieler Yacht-Club). Auch ihre Felder waren olympiareif besetzt. Nach einer Durststrecke und Platz 13 bei der olympischen Testregatta konnten sich Diesch/Autenrieth zum Ende einer intensiven eineinhalbmonatigen Segelphase noch einmal steigern. Vorschoter Autenrieth sagte in Enoshima, wo im Juni und August 2020 um Olympiamedaillen gesegelt wird: „Es ist gut zu sehen, dass wir auch nach drei hochkarätigen Wettkämpfen und sechs Wochen Belastung noch performen können. Und das auf sehr gutem Niveau – eine wichtige Erkenntnis für unsere Qualifikation im Frühjahr.“ Die deutschen 470er-Männer haben im Gegensatz zu den 470er-Frauen noch nicht den Nationenstartplatz für Olympia 2020 gesichert. Dafür bleibt ihnen nach zwei verpassten Möglichkeiten nur noch eine Last-minute-Chance im Frühjahr nächsten Jahres.

Segel-Weltcup-Saison 2019/2020, erste Regatta

Segelten bei der Weltcup-Regatta in der Sagami Bucht als Gesamt-Sechste in Medaillenreichweite: die 470er-Segler Simon Diesch und Philipp Autenrieth

Segel-Weltcup-Saison 2019/2020, erste Regatta

Olympiasieger, Weltmeister, Weltcup-Gewinner und Top-Favoriten auf Kurs Tokio 2020: die australischen 470er-Überflieger Mathew Belcher und Will Ryan dominierten die Konkurrenz vor Enoshima

DSV-Sportdirektorin Nadine Stegenwalner, die mehrere Wochen mit dem Team in Japan war, sagte: „Ich bin zufrieden. Zwei Medaillen und auch gute Ergebnisse bei den 470er-Männern und im Nacra 17 bedeuten ein Jahr vor den Olympischen Spielen 2020 einen guten Abschluss unseres Japan-Einsatzes.“ Profitiert haben alle deutschen Nationalsegler bei den Regatten in Japan in diesem Sommer vom frühzeitig geschaffenen Umfeld vor Ort. Paul Kohlhoff berichtete: „Unsere Container im Hafen sind wahnsinnig gut organisiert. Es gibt eine hervorragend ausgestattete Werkstatt und einen Raum für Teamtreffen und Erholung. Das haben wir dem DSV und dem German Sailing Team zu verdanken. Für uns Athleten ist das wirklich wertvoll.“

Nicht zufrieden war einer, der sonst regelmäßig für Top-Ergebnisse sorgt: Philipp Buhl, vor einem Jahr WM-Dritter im Laser, kam bei der Weltcup-Regatta nicht über Platz 14 hinaus. Damit genügte er vor allem seinen eigenen Ansprüchen nicht, denn der Allgäuer Sportsoldat hat für die angestrebte zweite Olympia-Teilnahme im kommenden Jahr eine Medaille ins Visier genommen. Am japanischen Olympiarevier liegt es nicht, dass Buhl noch nicht ganz auf gewünschtem Kurs segelt. Das schätzt er und sagt: „Es ist heiß, und es herrscht teilweise großer Schwell. Das ist für den Laser richtig cool! Es ist windtechnisch anspruchsvoll. Auch die Wellen sind anspruchsvoll. Das mag ich.“ Bundestrainer Alex Schlonski erklärt: „Natürlich sind wir mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Allerdings hatte Philipp  deutlich bessere Starts als zuletzt. Er hat ein paar Male bei der Wahl der Seite richtig Pech gehabt, vielleicht auch etwas zu risikoreich für die Bedingungen agiert, die uns teilweise noch überrascht haben. Dazu kamen einige kleinere individuelle Fehler. Wir werden das analysieren und beim nächsten Mal gerüstet sein. Nicht übersehen sollte man, dass Philipp auch ein Rennen gewonnen und die Regatta mit den Rängen sechs und neun positiv beendet hat, dabei unter Druck für die Olympia-Ausscheidung punkten konnte.“

Olympische Testregatta in Enoshima 2019

Philipp Buhl segelte bei der Weltcup-Regatta auf Platz 14 und ist damit noch nicht in der Form, in der er 2020 um eine Olympia-Medaille kämpfen will

Im Nacra 17 agierten Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer vom Kieler Yacht-Club gewohnt sicher in den Top Ten. Die Mixed-Katamaran-Crew hatte sich nur durch eine Kenterung am Donnerstag um ein noch deutlich besseres Resultat als den achten Platz gebracht. Paul Kohlhoffs Bilanz fiel entsprechend gemischt aus: „Wir können Medaillen gewinnen, wenn wir unsere beste Leistung abrufen. Das Gesamtpaket ist aber noch nicht ganz rund. Daran arbeiten wir hart.“ Das Olympiarevier schätzen die Kieler wie alle deutschen Segler. Kohlhoff: „Es ist ein vielseitiges Revier für Alleskönner, in dem man sich gut anpassen können muss. Du muss einfach in allen Bedingungen stark sein.“ Wie so viele Crews im German Sailing Team arbeiten auch Kohlhoff/Stuhlemmer daran, ihre Leichtwindschwäche abzubauen. Bei starken und mittleren Winden agieren sie mit den Weltbesten auf Augenhöhe.

Hier geht es zu den Endergebnissen der Weltcup-Regatta vor Enoshima.

Sailing World Cup Enoshima

Achte bei der Weltcup-Regatta im kommenden Olympia-Revier: Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer im Nacra 17 – mit 24 und 20 Jahren immer noch eines der jüngsten Teams in der rasanten Katamaran-Klasse

Tatjana Pokorny am 01.09.2019

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