Segeln olympisch

WM-Kämpfe um Olympiatickets: Vorentscheidung oder Ausgleich?

Deutschlands Beste sind in Down Under gefordert: Bei den Weltmeisterschaften für 49er, 49erFX, Nacra 17 und Laser geht's um Medaillen und Olympiafahrkarten

Tatjana Pokorny am 07.02.2020
Trofeo Princesa Sofía Iberostar 2019
Jesus Renedo/Trofeo Princesa Sofía Iberostar 2019

Philipp Buhl startet einen Tag nach Nacra 17, 49er und 49erFX am 11. Februar in die WM 2020 der Lasersegler

Seit Wochen bereiten sich Deutschlands beste Segler in den Olympia-Disziplinen 49er, 49erFX, Nacra 17 und im Laser in Australien auf ihre Weltmeisterschaften 2020 vor, die nahezu zeitgleich und auf derselben Bucht stattfinden. Ihre Bühne ist 165 Tage vor dem ersten olympischen Startschuss in Enoshima die Phillip-Bucht an der Südküste Australiens – bei meist flachem Wasser und in oftmals schönen Winden ein geschütztes Traumrevier nicht nur für Olympia-Segler.

Erst vor zwei Monaten trafen sich die weltbesten Crews der Olympia-Disziplinen 49er, 49erFX und Nacra 17 zur WM in Neuseeland. Wer die Höhepunkte noch einmal erleben will, der schaut hier rein. Ab kommender Woche geht es in Australien um WM-Medaillen und große Olympiaträume

Weltmeisterschaft 49er Geelong 2020

Die Vize-Weltmeister Erik Heil und Thomas Plößel beim WM-Training vor Geelong

Schaut man aus der Vogelperspektive auf die Bucht, finden sich auf der rechten Seite die Hafenmetropole Melbourne, ihr Vorort Sandringham und der gleichnamige Yacht-Club, der Gastgeber der am 11. Februar beginnenden Welttitelkämpfe 2020 für die Lasersegler ist.

Auf der linken Seite der Bucht befindet sich die 160.000-Einwohner Stadt Geelong, wo Hunderte Skiff- und Mixed-Katamaranseglerinnen und -segler ihre WM-Einsätze vorbereiten. Ihre Serie beginnt bereits am 10. Februar.

Weltmeisterschaft 49er, 49erFX, Nacra 17

Haben bei der WM ein Top-Ergebnis im Visier: Nacra-17-Steuermann Paul Kohlhoff und Vorschoterin Alica Stuhlemmer 

Hempel World Cup Series Miami 2019

Starten optimistisch in die früh im Olympiajahr liegende Weltmeisterschaft 2020: Erik Heil und Thomas Plößel

Das kleinste Feld stellen die Mixed-Crews auf den foilenden Katamaranen mit 37 Teams aus 16 Nationen. 45 Frauen-Duos aus 23 Ländern kämpfen auf der 49er-Schwester FX um WM-Medaillen. Im 49er selbst sind 80 Männer-Mannschaften aus 27 Ländern am Start. Die Gesamtzahl der Boote in diesen drei spektakulären WM-Klassen erreichen die Lasersegler in Melbourne mit 130 Jollen aus 45 Nationen beinahe im Alleingang und bleiben damit die mit Abstand größte olympische Segeldisziplin.

Bei der WM 2019 in ihrem Heimatrevier lieferten ihnen Erik Heil und Thomas Plößel einen großen Kampf. Können die Berliner bei der WM 2020 erneut am Thron der neuseeländischen Überflieger rütteln? Eine hübsche Studie von "Pistol Pete" und seinem Buddy Blair

125. Kieler Woche

Nach der verunglückten WM 2019 wollen Tim Fischer und Fabian Graf bei der WM 2020 vor Geelong mit Blick auf die nationale Ausscheidung Boden gutmachen

In allen vier WM-Serien wollen und können die deutschen Starter in den Kampf um die Medaillen eingreifen. Genau diese vier der insgesamt zehn olympischen Disziplinen repräsentieren aus deutscher Sicht die erfolgreichsten der vergangenen Jahre.

German Sailing Team

Ihr Ziel ist klar definiert: Vicky Jurczok und Anika Lorenz wollen im 49erFX zurück an die Weltspitze

Laser-Ass Philipp Buhl kann alles klarmachen 

49erFX-Team Tina Lutz/Susann Beucke

Sanni Beucke treibt den Heilungsprozess ihres gebrochenen Wadenbeins voran

Im Laser möchte Philipp Buhl die Phillip-Bucht zum Auftakt des Olympiajahres zu seiner machen, auch wenn sie sich ein wenig anders schreibt. Der dreimalige WM-Medaillengewinner, der für den Norddeutschen Regatta Verein und seinen Heimatverein Segelclub Alpsee-Immenstadt startet, hat sich mit seinem jungen und aufstrebenden Teamkameraden Nik Aaron Willim (Norddeutscher Regatta Verein) und Bundestrainer Alex Schlonski vor Ort vorbereitet und fühlt sich fit.

Buhl sagte am Freitag gegenüber YACHT online: "Die Windprognose sieht sehr ordentlich aus. Momentan trainieren wir noch, stellen uns auf die neuen Boote ein. Dieses Mal wird hier bei der WM sogar das Segel gestellt. Wir freuen uns, wenn's losgeht. Jetzt noch einmal trainieren, dann Boote putzen, vermessen und Energie und gute Laune tanken."

Buhl hat im Gegensatz zu den Crews des German Sailing Teams auf der anderen Bucht-Seite seine Fahrkarte für die für ihn zweiten olympischen Spiele zwar noch nicht in der Tasche, aber den Nationenstartplatz schon 2018 mit WM-Bronze in Aarhus gesichert und sehr gute Olympia-Aussichten: Die nationale Ausscheidung führt der Allgäuer mit 19 Punkten an. Schon mit einer durchschnittlich guten Leistung sollte er bei dieser für die Lasersegler dritten und letzten nationalen Ausscheidungsserie alles klarmachen können.

Dazu muss Buhl wie alle anderen noch die dritte Hürde namens "DOSB-Olympianorm" nehmen und nach Ergebnis-Addition der drei festgelegten Ausscheidungsregatten in den Top-Ten-Nationen platziert sein. Wer Buhl kennt, weiß, dass er mehr will. Vor allem will er seine Konstanz zurück, mit der er 2018 Erfolge in Serie ersegelte. Im vergangenen Jahr fehlte sie ihm phasenweise, auch wenn der 30-Jährige mit Bronze im stark besetzten Feld der Europameisterschaft 2019 in Porto keinen Zweifel daran ließ, dass mit ihm im Kampf um Edelmetall jederzeit zu rechnen ist.

Kohlhoff/Stuhlemmer im Nacra 17 ohne Konkurrenz aus dem eigenen Land

Auf der linken Seite der Bucht beginnt die nationale Ausscheidung für Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer im Nacra 17 erst bei dieser Weltmeisterschaft. Inzwischen sind die Kieler allerdings im eigenen Land konkurrenzlos gut, denn nachdem Johannes Polgar die Pinne infolge einer Knieverletzung an den Flensburger Jan Hauke Erichsen abgegeben hatte, ist auch die Nachfolgecrew aus dem Rennen: Jan Hauke Erichsen und Carolina Werner treten zur WM 2020 nach Platz 34 bei der WM 2019 nicht mehr an.

Ohne nationale Gegner und den Druck, den Nationenstartplatz noch sichern zu müssen – das gelang ihnen bei der WM 2019 –, wollen und können Kohlhoff und Stuhlemmer vor Geelong mehr als den zwölften Platz der WM 2019 erreichen. Paul Kohlhoff berichtete am Freitag: "Wir hatten eine gute Vorbereitung und sind ganz zufrieden mit unseren Fortschritten. Das Revier ist wieder einmal ein eher spezielles. Der Wind ist immer ablandig. Wir wollen insgesamt besser sein als in Neuseeland und in der absoluten Top-Gruppe mitspielen."

Erik Heil und Thomas Plößel wollen im 49er ihr eigenes Ding machen

Mehr nationale Konkurrenz und spannende Konstellationen für ihre zweite von drei Ausscheidungsregatten um nur jeweils eine Olympia-Fahrkarte herrschen in den Skiff-Disziplinen 49er und 49erFX. Bei den Männern führen die amtierenden Berliner Vize-Weltmeister Erik Heil und Thomas Plößel (Norddeutscher Regatta Verein) die Ausscheidung mit satten 30 Punkten an, die ihnen das WM-Silber in Auckland beschert hat – was die Routiniers jedoch keinesfalls zu frühzeitiger Überschätzung veranlasst.

Erik Heil sagt: "Wir hoffen auf solide Ergebnisse, konzentrieren uns auf uns selbst. Es herrschen hier sehr drehende Bedingungen. Das spielt uns normalerweise in die Karten, kann aber auch nervenaufreibend sein. Wir wollen ohne Berücksichtigung anderer deutscher Ergebnisse unser bestes Resultat ersegeln. Alles andere wäre zu früh.

Und es gibt (mit Blick auf die nationale Konkurrenz im Kampf um die Olympiafahrkarte, d. Red.) auch zu viele Gegner. Tim und Fabi können einen raushauen. Megge und Spranger fahren hier wirklich gute Rennen. Und Justus und Max waren die letzten Tage echt solide unterwegs. Da kann auch mal einer von denen eine coole Regatta haben. Unsere Planung beinhaltet also vorerst keinen deutschen Infight. Und übrigens ist das Matchen in Verbindung mit einer Zielsetzung außerhalb der Regatta auch wieder verboten." 

Hinter Heil/Plößel liegen ihre Freunde, Sparringspartner und Rivalen Justus Schmidt/Max Boehme vom Kieler Yacht-Club in der Olympia-Ausscheidungswertung nach Runde eins mit neun Zählern auf Platz zwei. Jakob Meggendorfer/Andreas Spranger (Bayerischer Yacht-Club) hatten zum Auftakt der Ausscheidung in Neuseeland vier Punkte sammeln können, während die WM-Dritten von Aarhus 2018, Tim Fischer/Fabian Graf (NRV/Verein Seglerhaus am Wannsee) bei ihrer verpatzten WM 2019 zunächst überraschend leer ausgegangen waren. Das Szenario wirft vor dem WM-Start am 10. Februar viele Fragen auf: Können die Rio-Bronzemänner Heil/Plößel noch einmal so dominieren und erneut so furios am Thron der neuseeländischen Weltmeister Peter Burling/Blair Tuke rütteln, wie sie es schon in Auckland getan haben? Oder kann ein anderes deutsches 49er-Top-Team glänzen? Gelingt den noch punktlosen, aber schnellen Tim Fischer und Fabian Graf das Comeback, das auch Vicky Jurczok und Anika Lorenz im 49erFX anpeilen?

49er FX: Jurczok/Lorenz im "Beast-Mode", Umstellung bei Lutz/Beucke mit Lotta Wiemers 

Die Berlinerinnen vom Verein Seglerhaus am Wannsee konnten wie Fischer/Graf bei der ersten Ausscheidungsregatta im Rahmen der WM 2019 nicht punkten. "Wir stehen enorm unter Druck", räumte Steuerfrau Vicky Jurczok vor dem WM-Start am Montag offen ein, "aber wir versuchen, unser Können wieder aufs Wasser zu bringen. Wir können gut segeln, und wir können Top Drei fahren. Wir müssen es schaffen, auf 'Beastmode' umzuschalten."

Die Konkurrentinnen Tina Lutz und Susann Beucke dagegen hatten in Ausscheidungsrunde eins bei der WM in Auckland mit Platz fünf beeindruckt, dafür 16 Zähler kassiert und sich auf diese Weise im dritten Olympia-Anlauf ein angenehmes Punktepolster erarbeitet. Nun aber muss Tina Lutz mit Ersatzvorschoterin in die zweite Ausscheidungsregatta starten, weil sich Sanni Beucke Silvester beim Training in Buenos Aires das rechte Wadenbein gebrochen hat und trotz guter Fortschritte noch nicht wieder einsatzfähig ist, das Team aber in Geelong unterstützt.

Die schwere Aufgabe der Ersatzfrau hat Lotta Wiemers aus Kiel, vielen Seglern noch unter ihrem Mädchennamen Görge bekannt, übernommen. Tina Lutz sagt: "Wir haben Riesenglück, dass Lotta zu Hause für uns alles stehen- und liegengelassen hat, um für Sanni einzuspringen. Wir trainieren seit zwei Wochen gemeinsam und haben uns ganz gut eingespielt. Lotta macht einen super Job und ist sehr schnell wieder ins Segeln reingekommen."

Was trotz vieler Jahre Leistungssport keine Selbstverständlichkeit ist, wie Lutz erklärt: "Kaum zu glauben, dass Lotta mehr als zwei Jahre auf keinem 49er mehr gestanden hat. Sie hat mit den Händen und der segelspezifischen Fitness zu kämpfen, aber sie beißt sich durch und wächst täglich über ihre Grenzen hinaus."

Dem gemeinsamen WM-Einsatz sieht die bayerische Steuerfrau vom Chiemsee Yacht-Club optimistisch entgegen: "Ich erwarte eine spannende Regatta mit Lotta. Für mich ist es ein Sieg, dass wir hier segeln können. Noch vor ein paar Wochen dachte ich, ich könnte die WM nicht mitmachen." Eine vorsichtige Wetterprognose für den Auftakt-Montag in Australien wagt Tina Lutz auch: "Nachdem wir im Training gerade wenig Wind haben, erwarte ich, dass es pünktlich zum WM-Start zu hacken beginnt." 

Weltmeisterschaft 49erFX in Auckland 2019

Hier ist Tina Lutz mit Stamm-Vorschoterin Sanni Beucke im Einsatz, bei der WM startet sie mit Ersatzvorschoterin Lotta Wiemers aus Kiel

Tatjana Pokorny am 07.02.2020

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