Weltumsegelung

Weiter, wenn sich Muscheln bilden …

Die Karibik und ihre Fahrtenseglercommunity laden zum Hängenblieben ein. Johannes Erdmann erklärt, wann es Zeit wird, weiterzusegeln

Johannes Erdmann am 20.03.2015
Tyrrel Bay, Carriacou

Tyrrel Bay, Carriacou

Fahrtensegler sind eine gesellige Sippe. Das kommt wohl durch das gemeinsame Erleben. Nirgendwo anders aber wird diese Gemeinschaft so gelebt wie auf Langfahrt. Denn wenn ein Segler in einer karibischen Ankerbucht auf einen anderen Segler trifft, dann verbindet beide eine lange Anreise – ob aus Amerika, Kanada, England, Frankreich, Holland oder Germany. Es gibt viel zu erzählen: Welche Route habt ihr genommen? Hattet ihr irgendwelchen Bruch? Und, speziell in diesem Jahr: Habt ihr auf dem Atlantik auch so viel Seegras gehabt, dass die Windsteueranlage ständig Probleme bereitet hat?

Egal aus welchem Land die neue Yacht an den Ankerplatz kommt, egal wie kurz oder wie lang sie ist: Sie wird sofort in das Fahrtenseglerleben integriert. Witzigerweise ein wenig ausgenommen die Chartersegler – denn sie haben sich aus Sicht der Langfahrtsegler das Paradies erkauft, für das alle anderen lange Strapazen auf sich nehmen mussten. Ständig gibt es unter der Cruising-Community an irgendeinem Strand eine Barbeque-Party. Und wenn man sich nicht dort trifft, dann spätestens an der nächsten Bar, die ein großes Schild "Wifi" neben ihrer Tür hängen hat. Denn dies haben die Fahrtensegler gemein: das ständige Bedürfnis der Kommunikation mit der Heimat. Früher war das ja ganz offensichtlich nicht so. Schließlich liest man in alten Büchern nur davon, dass alle paar Monate mal eine Nachricht von zu Hause auf dem Postweg eingetrudelt. Seit aber E-Mail, Facebook und Skype den Einzug in das Fahrtenseglerleben gefunden haben, ist das ständige Onlinesein einfach und bezahlbar geworden.

Solange es funktioniert jedenfalls. Denn in den letzten Tagen hat es das irgendwie nirgends richtig. Es reichte für das Posten einiger kleiner Fotos auf unserer Facebook-Seite, aber nicht für das Hochladen eines Blogposts. 

Fotostrecke: Le Phare Bleu – Carriacou

Nach zehn Tagen Grenadas haben wir am Dienstag zum Bunkern in die Hauptstadt St. Georges verholt. Wir wollen nun bald durch die kleinen Inseln der Grenadinen nach Norden segeln, und dort ist die Versorgung ein bisschen komplizierter als im Rest der Karibik. Jedenfalls war es vor zehn Jahren so, als ich das letzte Mal dort war. Ich erinnere mich an einen Supermarkt in Union Island, in dessen meterlangen Regalen nur eine Handvoll Waren lagen. Dazwischen jeweils ein Meter leere Holzplanke. Aber zumindest auf Union Island soll viel passiert sein.

Eine Sache, die trotz der modernen Medien immer noch funktioniert und gern angenommen wird, sind die täglichen Funkrunden der Langfahrtsegler. Schon während der Atlantiküberquerung haben wir uns einige Male auf der Plauderrunde auf  22159 Megahertz (14.30 Uhr UTC) beteiligt und uns mit ein paar deutschsprachigen Seglern auf der gleichen Route ausgetauscht. Hier in der Karibik gibt es aber auch ein paar witzige Runden. Eine davon, das Grenada Cruising Net, verfolgen wir jeden Morgen. Um Punkt 7.30 Uhr schalten wir auf Kanal 66, meist mit einem Kaffee in der Hand.

Der Skipper lauscht morgens dem Cruisers Net auf UKW-Kanal 66

Der Skipper lauscht morgens dem Cruisers Net auf UKW-Kanal 66

Immer wieder andere Moderatoren führen durch das englischsprachige Programm, das etwa eine halbe Stunde dauert. Eigentlich hat UKW ja nur eine Reichweite von rund 25 Seemeilen, aber durch eine Relaisstation können sich sogar Segler aus Trinidad (fast 100 Seemeilen entfernt) an dem Netz beteiligen. Neben Wetterinformationen werden zunächst Gefahren- und Sicherheitsmeldungen durchgegeben, heute Morgen zum Beispiel, dass eine Segelyacht in der Einfahrt zur Prickly Bay (im Süden Grenadas) ständig ein rotes Funkellicht brennen lässt – eine Gefahr für Segler, die bei Nacht einlaufen und die Lampe für eine Einfahrtsmarkierung halten. Nach dem ernsten Teil geht das Gespräch über in den Plauderpart. Neue Segler im Revier werden begrüßt und sollen sich melden. Dann verabschieden sich andere Segler auf dem Weg nach Norden oder Süden aus dem Funknetz. "Social Events" ist ein weiterer wichtiger Punkt der Funkrunde. Neben Yoga-Veranstaltungen und Gitarrenkursen werden Segler zu Partys eingeladen und andere Treffen organisiert. Fast jeden Tag verkündet ein Segler, dass ein oder zwei Kreuzfahrtschiffe in St. Georges liegen und es deshalb in der Innenstadt voll werden kann.

Wer Hilfe bei Reparaturen braucht oder bestimmte Kontakte sucht, kann auf den nächsten Programmpunkt bauen. Vielen sind die örtlichen Ausrüster Budget Marine und Island Water World zu teuer. Dafür werden alternativ die "Schätze der Bilge" angeboten. Gebrauchte Solarpaneele, Lichtmaschinen, Ersatzteile oder die passende Gitarre für den vorher genannten Kurs – viele Segler wollen überzählige Ausrüstung loswerden, andere suchen händeringend danach. Bei weit über 1000 Yachten auf Grenada und den angrenzenden Inseln ist die Wahrscheinlichkeit gar nicht so schlecht, dass der Aufruf Erfolg hat. Um die Funkrunde allerdings nicht länger als nötig zu machen, sind Antworten erst ab 8 Uhr auf Kanal 66 und 68 erlaubt. Letzterer ist der Arbeitskanal der Karibik, über den es auch möglich ist, in den Restaurants rund um die Bucht einen Tisch zu bestellen. Andere Kanäle werden abends auch mal als Babyphone missbraucht: Das Funkgerät an Bord per Tape auf Dauersenden und das Handfunkgerät mit an Land. Funkdisziplin wie in Europa ist hier eher ein Fremdwort.

Natürlich ist auch die Entwicklung an Grenada nicht vorbeigegangen und sogar das Funknetz hat eine Facebook-Seite. Praktisch, um schwer verständliche Angebote später nochmals nachzulesen oder während der weiteren Reise auf dem Laufenden zu bleiben.

Unter Social Events fallen auch zwei Veranstaltungen, die wir in den letzten zwei Wochen hier miterlebt haben. Die erste ist die wöchentliche Strandparty für Fahrtensegler auf Hog Island – eine kleine, eigentlich unbewohnte Insel im Süden Grenadas. In der Realität ist der Flecken Sand aber sehr wohl bewohnt, denn um ihn herum ankern mindestens 100 Yachten. Einige sind verlassen und mehr unter als über der Wasserlinie. Andere auf der Durchreise, die meisten scheinen aber irgendwann mal hängengeblieben zu sein. Eine Fahrtensegler-Community, die nicht mehr fahrtensegelt.

Dingi-Parade auf Hog-Island

Dingi-Parade auf Hog Island

Sie alle treffen sich am Sonntagnachmittag in "Rogers" Illegal betriebener "Strandbar". Nicht selten spielt sogar eine Live-Band, die über eine direkt am Strand ankernde Yacht mit Strom versorgt wird. Die Maschine läuft, der Inverter arbeitet. 50 oder 60 Dingis liegen dann am Sandstrand, die Segler in der Sonne. Sie klönen über vergangene Abenteuer, essen karibisches Barbecue-Chicken und trinken auf Eis gekühltes Carib-Bier für fünf "EC" (ostkaribischer Dollar) die Flasche, etwa 1,70 Euro. Eine Veranstaltung von Seglern für Segler.

Live-Konzert auf Hog-Island

Live-Konzert auf Hog Island

Genau wie das Dinghy Concert, das alle paar Monate in der Calivigny Bay zwei Buchten weiter stattfindet. Der Schweizer Musiker Dieter Burkhalter hat mit seiner Ehefrau Jana Caniga (ehemalige Moderatorin im Schweizer Fernsehen) den Traum vom Ausstieg geschafft und die Marina Le Phare Bleu errichtet. Als Musiker und Segler weiß er, was Seglern gefällt. Deshalb ist das Internet in der Marina preisverdächtig gut und seine Events ebenso. Beispielsweise eben das Dinghy Concert. Die Idee ist einfach: Ein Ponton wird in der Mitte der Bucht befestigt, eine Bühne darauf errichtet, und im Handumdrehen hängen die Segler mit ihren Dingis in Trauben an dem Ponton und lauschen der karibischen Musik. In der Sonne ist es heiß, die Bar befindet sich aber auf dem Ponton. Deshalb ist es immer wieder ein großer Spaß, wenn jemand, der mit seinem Dingi ganz hinten im Päckchen liegt, über alle anderen Boote klettern muss, um sein Getränk zu ergattern. So lernt man sich kennen. Wem der Weg zu lang ist, der lässt sich aber auch nicht selten einfach ins Wasser platschen, den Daumen auf der Flasche, um gemütlich zu seinem Beiboot zurückzuschwimmen. Bei 27 Grad Wassertemperatur noch nicht mal eine richtige Abkühlung. 

Dinghy-Concert

Dinghy Concert

Das Leben im Süden Grenadas ist wirklich schön. Und wenn das Internet denn doch mal funktioniert, ändern viele Fahrtensegler ihren Facebook-Status für einige Wochen oder sogar Monate von "auf großer Reise" in "Wohnhaft in: Hog Island, Grenada". Doch hier, wie in vielen anderen schönen Buchten der Welt ist es wichtig, irgendwann auch wieder den Absprung zu schaffen. Spätestens dann, wenn sich die ersten Muscheln am Rumpf bilden, was in den warmen Gewässern schon nach ein oder zwei Wochen beginnen kann. Bei uns war es nun der Fall, also haben wir Segel gesetzt und sind hinüber nach Carriacou gesegelt. Auch hier liegen wieder hundert Yachten im Ankerfeld der Tyrrel Bay. Und wie es der Zufall so will, ankert seit gestern eine Swan mit Schweizer Flagge neben uns: Dieter Burkhalter, der für Sonntag ein Dinghy Concert auf Carriacou angekündigt hat. Das 26. dieser Art.

Das Internet ist hier extrem schlecht. Ich werde wohl nachher mal im kleinen Ort auf die Suche nach einer schnellen Leitung gehen müssen, um diesen Artikel zu senden. Internet ist wichtig, weil ich ja regelmäßig arbeiten muss. Internet an Bord ist komfortabel. Aber andererseits ist auch auch gut so, wenn es etwas unbequem zu erreichen ist. Ansonsten wäre dies wohl auch ein Ort, um hängenzubleiben. Ein herrlicher Sandstrand, türkises Wasser, der Anker auf fünf Meter Tiefe. Vielleicht blieben wir auch noch einen Tag länger hier. Ich bin gestern unters Schiff getaucht, um zu kontrollieren: Noch haben wir keine Muscheln am Rumpf.

Johannes Erdmann geht auf Tauchgang, um den Abfahrtstermin zu bestimmen

Johannes Erdmann geht auf Tauchgang, um den Abfahrtstermin zu bestimmen

Weitere Infos zur Reise: www.zu-zweit-auf-see.de

Johannes Erdmann am 20.03.2015

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