Weltumsegelung

Was braucht man auf See wirklich?

Die Angst vom Ablegen beruht meist auf der Sorge, nicht richtig vorbereitet zu sein. Das hat weniger mit dem Boot zu tun als mit dem Segler

Johannes Erdmann am 07.08.2015
Die Monitor hält tapfer Kurs

Die Monitor hält tapfer Kurs

"Was für ein Glück, euch neben mir liegen zu haben." Unser Nachbar Jim ist immer noch aus dem Häuschen. Hier im kleinen Dorf Camden, mitten in North Carolina, liegt plötzlich eine Yacht neben ihm, die über den Atlantik gesegelt ist. "Jeden Morgen, wenn ich das Boot verlasse, schaue ich mir eures an und überlege mir, was ich noch alles ändern muss, damit ich hinaus auf den Atlantik kann." Gestern, in der Captains Lounge (einem klimatisierten Aufenthaltsraum neben der Wäscherei), stellt mir Jim schließlich die Frage, die ihn schon seit langer Zeit beschäftigt: "John, sag mal … Was muss ich an meinem Boot ändern, um auf Hochseefahrt zu gehen?" 

Hmm ... Keine einfache Frage. Das Boot ist eine Cape Dory 28. Klein, aber wirklich schön und stabil gebaut. Das Rigg ist solide, die Segel gut, der Motor mehr als ausreichend dimensioniert. Was soll ich sagen? "Du hast einen Autopiloten, du hast ein stabiles Dingi, das als Rettungsboot genutzt werden kann. Ein GPS, Seekarten?" Eigentlich ist das Schiff segelklar. Zumindest wenn man es mit den Booten der frühen Weltumsegler, der Kochs, Schenks, Gebhards oder Erdmänner, vergleicht. 

Die "Kairos" war knapp über neun Meter lang und hatte keinerlei Autopilot. Wenn Elga und Ernst-Jürgen Koch nicht selbst steuern wollten, haben sie versucht, das Schiff durch perfekten Trimm und Leinengeflechte zum Selbststeuern zu bringen. Ebenso Wilfried Erdmann und Rollo Gebhard, deren Schiffe nur siebeneinhalb Meter lang waren. Die meisten Weltumsegler hatten zu damaligen Zeiten keine Rettungsinsel dabei, sondern allenfalls ein Dingi, das sie mit einer Druckluftpumpe etwas beschleunigt aufblasen konnten. "Strenggenommen erfüllt dein Boot also bereits die Mindestanforderungen für Ozeansegeln." Eine Antwort, die er vermutlich nicht erwartet hätte.

Streckleinen an Deck sind unbedingt nötig.

Streckleinen an Deck sind unbedingt nötig

Doch es gibt viele Dinge, die das Leben an Bord erleichtern und sicher machen – Dinge, die besser dabei sein sollten. Eine Rettungsinsel ist definitiv besser als ein festes Dingi. Allein schon durch die Kenterschutzsäcke und das Dach. Eine Epirb ebenfalls. Am besten eine mit GPS, das es den Rettungskräften wesentlich einfacher macht – denn sie bekommen eine geneue Position, kein Signal zum Anpeilen. Pinnenpiloten und Radpiloten mögen eine Weile ganz gut funktionieren. Wir haben mehrere Yachten getroffen, die einzig mit diesen Selbststeueranlagen, die eigentlich für den Ostseebetrieb konzipiert sind, ganze Ozeane überquert haben.

Aber irgendwann stoßen sie an ihre Grenzen. Meist dann, wenn man es nicht gebrauchen kann. Eine solide Selbststeueranlage ist für ausgedehnte Ozeanfahrten mit kleiner Crew unumgänglich. Entweder eine Windfahne, die keinen Strom braucht, oder ein elektrischer Autopilot, der unter Deck verbaut und damit vor Wasser und salziger Luft geschützt sind. Die Dinger sind heute so robust und verlässlich, dass etwa 50 Prozent unserer unterwegs getroffenen Schiffe nur noch elektrisch steuern lassen. Vorrausgesetzt jedoch, die Stromversorgung klappt. Einige Yachten sind über den Atlantik gesegelt und haben jeden Tag Dieselmotor oder Generator laufen lassen, um den Stromverbrauch wettzumachen. Wenn die allerdings ausfallen, gibt es kein Backup. Besser den Stromhaushalt auf Wind und Solar stützen und die Maschine als Backup-Stromversorgung behalten. 

Der amerikanische Blauwassersegler Gary "Cap’n Fatty" Goodlander mag einen überraschenden Spitznamen haben, aber ist einer der erfahrensten amerikanischen Blauwassersegler. Von seinen 63 Jahren hat er 55 auf Schiffen gelebt und so viel Erfahrungen gesammelt, dass er in fast jedem amerikanischen und karibischen Blauwassermagazin eine eigene Kolumne hat. Gestern sitze ich bei einem Kaffee in der kleinen Tankstelle, greife mir eine neue Ausgabe von "All at sea", das hier überall kostenlos ausliegt – und lese verblüfft einen dreiseitigen Artikel von Cap’n Fatty, der genau die Frage beantwortet, wann eine Yacht blauwasserreif ist. Ich zitiere:

Es muss nicht alles automatisch gehen.

Es muss nicht alles automatisch gehen

"Was du auf einem kleinen Segelboot WIRKLICH brauchst? Nichts, was Joshua Slocum nicht gehabt hätte. Der Rumpf muss solide sein, das Rigg nach oben zeigen und der Kiel nach unten. Die Yacht muss sich steuern lassen. Und es beruhigt, wenn man eingedrungenes Seewasser auch wieder hinauspumpen kann. Aber abgesehen von Rumpf, Kiel, Rigg, Ruder und Bilgepumpe – was sollte man sonst noch brauchen? Das meiste sind Erleichterungen. Das sollte man im Blick behalten. Wenn der Generator kaputtgeht, die Dreifarbenlaterne ebenfalls und die Batterie der Epirb leckt, ist das zwar blöd, aber es gefährdet die Sicherheit des Schiffes in diesem Augenblick noch nicht. Natürlich sollte alles repariert werden, schnellstmöglich. Aber es hindert das Schiff nicht vom Segeln."

Ein Thema, das an Seglerstammtischen ganze Abende füllen kann: Was muss alles dabei sein? Ich erinnere mich an einen Abend auf der Hanseboot. Damals unterhielten sich alte Blauwassersegler, was besser ist: dass das Dingi 10 oder 25 PS hat. Ich war gerade von meiner ersten Reise im 6.000-Euro-Ebayboot zurückgekehrt und war froh, dass ich überhaupt einen Motor dabei hatte und nicht rudern musste. 

Die Ansprüche im Alter mögen größer werden, wenn man eine Blauwasserreise plant. Ich merke das selber, obwohl ich noch keine 30 bin. Oft habe ich mich gefragt, was der 19-jährige Johannes wohl gesagt hätte, wenn wir ihn in der Karibik getroffen und an Bord eingeladen hätten. Im Gegensatz zur ersten "Maverick" hat die "Maverick too" einen Kühlschrank. Dass es kalte Getränke gibt, wäre für den 19-jährigen schon ein unglaublicher Luxus gewesen. Die Technik ist weiter als damals. In der aktuellen YACHT 17/2015 ist ein Artikel von mir über den Einsatz von LED-Lampen an Bord zu finden. Ich habe sie noch nicht gezählt, aber ich wette dass wir mehr als 300 LED-Birnen an Bord verbaut haben. Indirekte Lampen, direkte Lampen, Strahler, … Auf der ersten "Maverick" gab es im Salon eine einzige LED-Lampe mit sechs kleinen LEDs. Die anderen Lampen waren gewöhnliche Glühbirnen, die ich nur dann benutzt habe, wenn ich seltenerweise mal Landstrom hatte. Über einen Batteriemonitor sehen wir immer genau, wie viel Strom in die Batterien gespeist wird und wie viel rausgeht. Damals hatte ich nur ein einfaches Voltmeter, das meist 11,7 Volt angezeigt hat, gespeist durch ein 20-Watt-Solarpaneel, das ich mir von Uwe Röttgering geliehen hatte. Bis ich in der Karibik günstig einen halbkaputten Windgenerator kaufen konnte. Statt 200 Liter Wasser hatte ich nur 70 im Tank.

Gegen "Maverick 1" ist "Maverick too" wirklich gut ausgerüstet. Aber ist es mir damals ohne den vielen Kram schlechter gegangen? Nicht wirklich. Mir ging es dufte (auch wenn ich manchmal wegen der kleinen Wasserreserven wirklich geduftet habe ;-)).

LED-Technik unter Deck

LED-Technik unter Deck

"Go small, go simple – but go now", haben die Blauwasser-Ikonen Lin und Larry Pardey mal gesagt. Ich glaube, das ist 30 Jahre her. Und die beiden segeln immer noch. Der bei seinem Start 16-jährige Weltumsegler Robin Lee Graham prägte mal den Satz: "Auf See lernt man nicht, wie viel man braucht, sondern wie wenig."

Und in der Tat: Auf unserer Atlantiküberquerung haben wir einen Kocher gebraucht, um unser Essen zu machen, und eine Windsteueranlage, um den Kurs zu halten. Ein paar Bücher gegen die Langweile, ein GPS, um zu wissen, wo wir sind, und nachts ein bisschen Licht an und unter Deck. Und natürlich einen guten Satz Segel und einen verlässlichen Motor. Das ist alles.

Was das angeht, ist unsere "Maverick too" vollkommen überrüstet. Aber auch ich bin keine 19 mehr, und mit zunehmendem Alter macht etwas mehr Komfort schon Spaß.

Ein spartanisches Schiff zu segeln hat hingegen nichts mit schlechter Seemannschaft zu tun. Nur weil man nicht alles an Bord hat, was der Katalog und die Messe hergeben, ist man kein schlechterer Segler. Immer wieder muss ich Wilfried Erdmann zitieren, der seine "Kathena nui" wirklich einfach ausgerüstet hat, "aber von guter Qualität". Eine der seetüchtigsten Yachten Deutschlands. Jetzt hat sie einen Motor – aber ansonsten keine neue Ausrüstung bekommen. 

Brechende Wellen, Vorwindkurs über den Atlantik.

Brechende Wellen, Vorwindkurs über den Atlantik

Wichtiger als viele Gadgets ist eher, dass der Skipper mit dem Schiff und den vor ihm liegenden Herausforderungen umzugehen weiß. "Be prepared", sagt Goodlander, "sei vorbereitet." Der Sturm wird kommen. Wichtige Ausrüstungsteile werden brechen. Und dann ist es wichtig zu wissen, wo das Werkzeug liegt, mit welchen Teilen man eine provisorische Lösung bauen kann. "Selbstsicherheit auf See wird nicht durch den Gedanken geschaffen, dass nichts passieren wird", fasst Goodlander zusammen. Und meint damit falsche Sicherheit durch allerlei Ausrüstung. "Sondern vielmehr durch das Wissen, dass du selbst die nötigen Fertigkeiten und die Erfahrung hast, die richtigen Lösungen zu finden."

Das heißt dann auf See: Die Ruhe bewahren. Klar und logisch Wege überlegen, wie das Problem behoben werden kann. Was auch hilft, ist ein Spruch, der ganz vorn in der Bedienungsanleitung unserer Rettungsinsel steht. Auch wenn das Schiff untergeht, "behalten Sie Ihren Humor".

Auf meiner ersten Reise über den Atlantik ist das Deck unter dem Mast abgesackt, weil ein einlaminierter Holzkern weich geworden war. Weil es auf La Gomera (Kanaren) keinen Baumarkt gab und keine anderen Wege für eine Reparatur, habe ich ein dickes Edelstahlrohr unter den Mast gesetzt. "Compression post" nennen die Amerikaner das, was man auch auf vielen Kleinkreuzern sieht, um den Druck des Mastes auf den Kiel zu leiten. Ohne Quelle für Holz musste ich erfinderisch werden, habe ein paar alte Edelholz-Kleiderbügel zersägt und damit eine sehr massive Fixierung für das Rohr gebaut. Damit war das Deck abgefangen, und es konnte nichts mehr passieren. Das hat 5.000 Meilen gehalten. Dann habe ich das Boot verkauft. 

In den Folgejahren wurden sehr viele Witze darüber gemacht: "Er hat sein Boot mit Kleiderbügeln geflickt und ist über den Atlantik gesegelt." Aber wäre es besser gewesen, wenn das Holz zuvor nicht in Kleiderbügelform, sondern aus dem Baumarkt gekommen wäre? Die Lösung war die beste, die man in der Lage basteln konnte. Um es mit den Worten eines Kfz-Mechanikers auszudrücken: "Ein gutes Provisorium ist auch Qualität."

Angekommen in der Karibik.

Angekommen in der Karibik

Wichtig ist, mit offenen Augen zu segeln. Vorbereitet zu sein, dass etwas schief gehen kann. "Das passiert auch bei sehr guter und umfangreicher Ausrüstung", so Goodlander. Und wichtig ist immer zu beherzigen: "Der Unterschied zwischen einer qualvollen Überfahrt und einem großartigen Abenteuer liegt in der Einstellung. Sichere Reisen auf hoher See hängen nicht davon ab, dass nichts schief geht, sondern dass man mit dem Unerwarteten selbstbewusst umgeht."

Weitere Infos zur Reise: www.zu-zweit-auf-see.de

Johannes Erdmann am 07.08.2015

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online