Weltumsegelung

Völlige Subsistenz auf Langfahrt

Vor Anker muss sich die Yacht selbst versorgen können. Johannes Erdmann berichtet, inwiefern das Konzept auf "Maverick too" aufgeht

Johannes Erdmann am 08.04.2015
Vor Anker ist es wichtig, sich selbst versorgen zu können

Vor Anker ist es wichtig, sich selbst versorgen zu können

Wenn Europa erstmal im Kielwasser liegt, ändert sich an Bord einiges. Auf den Kanaren kann im Prinzip die Luft aus den Fendern abgelassen werden, weil fortan nur noch Ankerliegen auf dem Programm steht. Doch mit dem fehlenden fünften Festmacher – bei uns an Bord "Elektro-Spring" genannt – ist Strom an Bord nicht mehr zwangsläufig zu jeder Zeit verfügbar. 

Subsistenz ist ein Zustand, den jeder Yachtie gern erreichen möchte. Doch auf welche Strommacher sollte man setzen? Sonne, Wind, Wasser oder gar Wasserstoff?

Während des zweijährigen Refits unserer Contest haben wir uns um allerlei Dinge Gedanken gemacht. Die Osmosesanierung, das Austauschrigg, die Besegelung, die Austauschmaschine und die neue Elektrik – aber den Punkt "Selberversorgung" eher stiefmütterlich behandelt. Das kommt zum einen daher, dass ich schon einmal auf Langfahrt war. Damals hatte ich die erste Zeit nur ein geliehenes 25-Watt-Solarpaneel zur Verfügung. Ab der Karibik dann zusätzlich einen gebraucht gekauften, uralten Windgenerator, dessen Laderegler kaputt war. Also dachte ich mir: Ein bisschen mehr als damals, und wir leben im Luxus. Außerdem: Man kann ja unterwegs immer noch nachbessern, wenn es nicht klappt.

Ein Trugschluss allerdings, wenn man eine eng kalkulierte Karibikrundfahrt macht, so wie wir. Wer Solarpaneele nachrüsten will, muss hier in der Karibik ein wenig Zeit mitbringen, denn die örtlichen "Budget-Marines" oder "Island Water World" haben sie nur selten auf Lager. Und es dauert oft Wochen, bis der örtliche Höker die begehrten Platten per Inselfrachter geliefert bekommt. Dazu sind sie in der Karibik teurer als in Deutschland. Es lohnt also, vorher auszurüsten.

Um die Stromversorger zusammenzustellen, ist es erst mal nötig, den Verbrauch zu kalkulieren. In heutigen Zeiten von LEDs und stromsparender Bordelektrik bleibt der größte Verbraucher wohl der Kühlschrank. Doch wie lang wird er wohl in der karibischen Lufttemperatur von unter Deck fast durchgängig 30 Grad laufen? Das richtig zu kalkulieren kann zu Hause ganz schön schwierig werden. Gute Dämmung, sowohl was den Rumpf angeht als auch im Speziellen den Kühlschrank, ist natürlich sehr hilfreich, um die Umgebungstemperatur und damit den Stromverbrauch zu minimieren. Trotzdem war es in der Winterlagerhalle schwer, solche Zahlen genau zu kalkulieren. 

In der Realität springt der Kompressor sehr häufig an und verbraucht am Tag etwa 30 Amperestunden. Auf unserer Atlantiküberquerung haben wir mit Positionsleuchten, Kabinenlampen, Bordelektronik und dem Inverter zum Laden von Kameras und Laptop am Tag etwa 50 Amperestunden verloren. Es muss also eine Menge Strom produziert werden, um den Verbrauch wettzumachen, sonst ist in unserer 220-Ah-Batteriebank bald Ebbe. 

Um den Stromvorrat nachzufüllen, gibt es viele Wege. 

90 Watt Solarpaneel auf dem Geräteträger

90 Watt Solarpaneel auf dem Geräteträger

Fragt man die Segler in der Karibik, stellt sich heraus, dass Solarplatten an Deck den beliebtesten Stromversorger darstellen. Sie können gut und einfach montiert werden, machen keinen Lärm und liefern eine Menge Energie. Allerdings müssen ein paar Kriterien erfüllt werden, damit die Platten ihre volle Leistung bringen. Sie dürfen natürlich nicht verdeckt sein, und eine gute Hinterlüftung ist erforderlich. An Nachteilen ist vor allem der hohe Platzverbrauch anzuführen. Sie müssen so montiert werden, dass sie nicht beschädigt werden können und nicht im Weg sind. Auf einem Schiff, das über den Atlantik oder um die Welt segelt, macht es natürlich Sinn, die Solarplatten an Backbord zu montieren, denn an Backbord zieht auf Westkurs im Laufe eines Tages die Sonne vorbei. Die meisten Segler haben feste, große Solarpaneele auf dem Geräteträger, an der Reling oder auf den Davids montiert. Flexible Paneele lassen sich gut an Deck montieren, sind aber nicht so sehr beliebt, weil die Leistung geringer ist. Was flexible Solarpaneele leisten, können Sie in YACHT-Heft 10/2014 nachlesen. 

Wir haben ein 90-Watt-Solarpaneel von Solara auf dem Geräteträger, das für uns geradeso ausreicht. Optimal wäre, wenn man es noch klappen könnte. Aber um solch eine Funktion zu realisieren, fehlte uns damals beim Bau die Zeit. Ab und an wünschen wir uns, gerade vor Anker in windstillen Gegenden, noch ein weiteres Paneel an der Reling oder seitlich am Geräteträger, das man der Sonne nachjustieren kann. 

Von vielen Seglern geliebt und mindestens von genauso vielen gehasst sind Windgeneratoren. Sie liefern speziell auf Amwindkursen und vor Anker viel Strom, stören aber manch einen durch ihre pfeifenden Geräusche bei der Nachtruhe. Es gibt zwar mittlerweile Flüsterblätter, doch auch die produzieren einen gewissen Geräuschpegel. Es wird den Windgeneratoren nachgesagt, dass sie vor dem Wind nicht so gut funktionieren und vor allem auf der Atlantiküberquerung im Passat keine Leistung bringen. Das können wir nicht bestätigen. Unser alter, gebraucht gekaufter Airbreeze hat immer genug Strom geliefert, um den Kühlschrank und die Bordverbraucher zu versorgen. Ein einziges Mal mussten wir auf dem Atlantik mit der Maschine laden, weil der Wind zu flau war. 

An den meisten Ankerplätzen der Karibik, etwa hier auf Bequia oder den Tobago Cays, weht immer genug Wind, um mit der Kombination Windgenerator/Solarpaneel ständig 9 Ampere in die Batteriebank zu speisen. Seinen Dienstgipfel hat der Airbreeze bei 6 Beaufort. Dann lädt er laut Herstellerangabe 16 Ampere. In der Realität schaltet er sich aber immer weit früher ab. Früher war der Airbreeze und sein leistungsstärkerer Vorgänger AirX in der Karibik sehr verbreitet, aber nun ist das Modell in die Jahre gekommen und wird immer häufiger durch seine leiseren Konkurrenten Silentwind und Superwind abgelöst, die beide mit Flüsterblättern geliefert werden. Cati und mich hingegen stören die Flattergeräusche gar nicht. Auf See gehen sie im Rauschen des Kielwassers ohnehin unter – und am Ankerplatz lassen die Nachbarn etwas mehr Platz ;-) .

Eher selten sind Hydrogeneratoren zu sehen, von denen es drei Ausführungen gibt: Schleppgeneratoren, die einem Dynamo gleichen. Am hinteren Ende wird eine Leine befestigt, an deren achteren Ende im Wasser eine Welle mit Propeller hängt. An wenigen Yachten sind kombinierte Wind- und Wassergeneratoren zu sehen, wie die vom Typ Duogen. Immer öfter jedoch ein Watt-and-Sea. Die Systeme, die am Heck befestigt und wie ein Außenborder ins Wasser geklappt werden, liefern bei 600 Watt Leistung bis zu 35 Ampere Ladestrom, bei minimalem Wasserwiderstand. Eine tolle Lösung, wäre da nicht der hohe Preis von 5.000 Euro.

Eine weitere Lösung ist ein Wellengenerator, den ich mir sicher auf das nächste Schiff montieren würde. Unsere Welle mit dem großen, dreiflügligen Festpropeller dreht ohnehin die ganze Zeit mit, weil das Einlegen des Rückwärtsgangs einen Knoten Fahrt kosten würde. Es wäre also ein Leichtes, aus der unnützen Bewegung Strom zu erzeugen.

50 Ampere Ladestrom aus der Lichtmaschine

50 Ampere Ladestrom aus der Lichtmaschine

Ein weiterer Weg, die Batterien aufzufüllen, ist der, den fast alle Charteryacht-Kapitäne hier in der Karibik wählen müssen: die Maschine oder Maschinen laufen zu lassen. Das kann in der Ankerbucht schon mal nervig werden. Vor einigen Tagen lag in Mustique ein Charterkat neben uns, der sechs Stunden lang beide Motoren auf mindestens 1500 Umdrehungen laufen lassen hat, um die Batterien für Kühlschrank und Gefrierbox zu laden. "Warum rüsten die Charterfirmen die Schiffe nicht mit Solarpaneelen aus?", fragt man sich. Schließlich gibt es auf den Charterkats genug Fläche. Fast alle sind mit einem festen Dach über dem Cockpit ausgestattet, etwa 15 Quadratmeter Fläche stünden mit Kajütdach zur Verfügung. Für die Vercharterer ist es jedoch die kostengünstigere Variante, den Kunden den Diesel bezahlen zu lassen, als selbst in Solarplatten zu investieren.

Wasserversorgung auf der karibischen Insel Bequia – vom Tankkatamaran.

Wasserversorgung auf der karibischen Insel Bequia – vom Tankkatamaran

Als Backup-Lösung haben wir unser Boot allerdings während des Refits ebenfalls fürs Laden unter Motor ausgerüstet und einen Ladebooster von Sterling montiert, einen Lichtmaschinen-Laderegler, von dem wir sehr begeistert sind. Die 300 Euro waren eine gute Investition, denn er holt aus der Lichtmaschine die gesamte mögliche Ladeleistung heraus. Wenn wir also nach zwei Nächten an einem windstillen Ankerplatz mit leeren Batterien in den Tag starten, reichen zwei Stunden unter Motor, um die Verbraucherbatterie wieder aufzufüllen. 

Um den Zustand der völligen Glückseligkeit vor Anker zu erreichen, fehlt für die perfekte Blauwasseryacht dann eigentlich nur noch ein Watermaker. Ein Ausrüstungsstück, auf das wir aus Kostengründen verzichtet haben – obwohl viele andere kleine Yachten um neun Meter heute schon mit so einem Luxus unterwegs sind. Was für ein Komfort, sich nicht ums Wasser kümmern zu müssen. Manchmal ist das Nachfüllen in der Karibik nämlich ganz schön mühselig. Mit unseren 200 Litern kommen wir etwa zwei Wochen hin; auf dem Atlantik sogar vier Wochen, sehr sparsam und mit einer Fußpumpe statt einer Druckwasserpumpe, natürlich. Vor zwei Wochen wollten wir dann auf Union Island nachfüllen – und wurden glatt übers Ohr gehauen. "502 Liter" stand auf der Rechnung. Man ließ nicht mit sich diskutieren. Heute war es dann wieder so weit, wir haben gestern Abend in der Admiralty Bucht von Bequia auf Kanal 67 das "Water Boat" angefunkt und wurden auf den nächsten Morgen vertröstet. Morgens hatte man uns dann aber vergessen. Nach stundenlangem Rufen auf UKW und Warten an Bord kam das Tankboot dann endlich gegen Mittag, um uns 200 Liter zu liefern. 42 EC-Dollar, 14,40 Euro, waren dafür fällig. Ein karibisches Schnäppchen. Unsere Nachbarn haben stattdessen drei Stunden den Watermaker laufen lassen, um 200 Liter selbst zu produzieren.

Ein großer Komfort – aber dennoch sind wir mit unserem Boot und der Ausrüstung mehr als zufrieden. Ein kleines 60-Watt-Paneel zusätzlich, dann wären wir auch an windstillen Tagen wunderbar versorgt. Aber das wäre wahrscheinlich zu viel des Guten. Ein paar Sorgen muss man an Bord doch haben, jetzt, wo unser Boot eingefahren ist und keine Probleme mehr macht. Sonst wird es uns womöglich noch langweilig … 

Mehr Infos zu Boot und Reise auf www.zu-zweit-auf-see.de

Johannes Erdmann am 08.04.2015

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