Weltumsegelung

Verweilen oder weitereilen?

Johannes Erdmann und Cati Trapp sind mit ihrer "Maverick" auf Erlebnistour durch die Karibik – nicht allerdings immer auf geradem Kurs

Johannes Erdmann am 30.03.2015
Ein schöner Ort. Reicht da ein Tag?

Ein schöner Ort. Reicht da ein Tag?

Manchmal führen Umwege zum Ziel. Sagt man nicht beim Segeln sogar, die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten wäre eine Zickzacklinie?

Bei uns ist es so gewesen. Wir wollten eigentlich nach Norden segeln, hatten einen festen Plan. Zuerst hinauf nach St. Lucia und dann weiter auf die Bahamas, denn ab Juni sollten wir außerhalb der Karibik und vor allem außerhalb der Einflugschneise der Hurrikans sein. Dann nämlich beginnt die Saison. Also heißt es mal wieder, wie schon unsere ganze Reise über, Gas geben und Meilen machen. 

Aber andererseits – jetzt sind wir hier und sollten wir uns nicht auch ein bisschen was anschauen? Und liegt es nicht gerade in der Freiheit des Segelns, manchmal einfach den Kurs zu ändern? In unserem Fall war es ein altes Schiff, das uns von unserem Kurs abgelenkt hat. Ein Schiff, das mich schon seit zwölf Jahren beschäftigt. Eine alte Brigantine. Cati hat dazu in unserem Blog ein bisschen was notiert. 

Fotostrecke: Kurzer Umweg nach Süden

Ablenkungen kommen natürlich, wie alle guten Dinge im Leben, immer dann, wenn man bereits andere Pläne gemacht hatte. Wir für unseren Teil hatten uns gerade über St. Georges, Ronde Island und Carriacou hinauf nach Union Island gearbeitet, als plötzlich die Einladung kam, noch einmal zurück nach Grenada zu segeln, um das Schiff anzuschauen. 50 Meilen Rückweg, 50 Meilen wieder hinauf. "Wenn du willst, machen wir den kleinen Umweg nochmal", schlug Cati vor. "Kleiner Umweg." Für manch einen Ostseesegler ist das ein halber Sommertörn. Es ist allerdings witzig, wie sich mit der Zeit die Dimensionen verschieben. 50 Meilen, bei uns inzwischen eine Tagesfahrt. "Einen Tag hoch, einen Tag zurück", rechnet sie vor. Da geht dem Skipper das Herz auf. 

Also Segel gesetzt und ab nach Süden. Vorher noch ein kleiner Zwischenstopp an der Zapfsäule. Diesel brauchen wir nicht, aber Wasser. Wer ständig ankert, hat keine Chance, sich zwischendurch mit Frischwasser zu versorgen. Deshalb gibt es hier in der Karibik überall Tankstege, die neben Wasser und Diesel meist auch Eis verkaufen. Und Segler übers Ohr hauen. 200 Liter gehen in unsere Tanks hinein. Deshalb bin ich sehr verblüfft, als der einheimische Tankwart mit einer Rechnung über 502 Liter zu mir kommt. Die zwei Liter mehr als 500 sicherlich nur, damit es so wirkt, als hätte er ganz genau gemessen. 

Flaggenwechsel. Neues Land, neue Erlebnisse

Flaggenwechsel. Neues Land, neue Erlebnisse

502 Liter – das kann natürlich nicht sein. Die Bilge ist leer, also wo sollen die 300 Liter hin sein? "That's your problem, maaan", ist seine Antwort. Da ich die 153 EC-Dollar (umgerechnet 50 Euro!) sowieso nicht passend habe, werde ich ins Büro verwiesen. Dort sitzt eine Britin, deren Gesichtsausdruck mir gleich zu verstehen gibt, dass Kritik hier nicht angebracht ist. Der Bursche, der mit ihr im Büro sitzt, sieht finster aus. Ich habe verstanden. Hier wird abgesahnt. Missmutig blättere ich die 150 EC-Dollar auf den Tresen. 

Später poste ich ein Foto von der Tankstelle bei Facebook und bekomme prompt einige Antworten. "Gleiche Tankstelle, gleiches Erlebnis 2011", schreibt da einer. "Konnten es aufgrund 10er-Crew wegdiskutieren." Das hätte bei mir also ohnehin nicht geklappt. Der nächste schreibt: "Gleiche Stelle am Bougainville-Steg im Jänner 2015. Gleiche Abzocke mit zuviel berechnet. Nicht ärgern, Rumpunsch auf Happy Island vis-a-vis trinken und den Steg in Zukunft meiden." 

Als ich zurück zum Steg komme, steht der Tankwart lässig vor "Maverick", plauscht mit Cati und trinkt eines unserer letzten Coral-Biere aus Madeira. Wir legen ab. "Kaum warst du weg, hat er mich nach einem 'cold one' gefragt. Außerdem, wie lange wir auf Chartertour sind", sagt sie. Aha, daher weht der Wind. Der dachte, wir wären Charterer und wissen nicht, wie viel in unsere Tanks geht. Dann hätte ich ja vielleicht doch eine Chance gehabt.

Inzwischen segeln wir allerdings mit halbem Wind gen Süden, und der Ärger bleibt im Kielwasser. Am nächsten Morgen ankern wir wieder vor Grenada, als wären wir gar nicht weggewesen. Im Süden der Insel liegen viele weitgereiste Fahrtensegler, die vorerst keine langen Fahrten mehr mache. Ein schönes Flair. Vor allem in der Whisper Cove Marina, die ihre Bar an einen Hang gebaut hat. Dort sitzt man mit tollem Blick über die Bucht im Schatten der kühlen Bäume.

Kurs Süd, zurück nach Grenada

Kurs Süd, zurück nach Grenada

Wir verleben drei tolle Tage, lernen Schiff und Eigner kennen. Menschen, die vor längerer Zeit im Süden Grenadas wohnengeblieben sind und jede Woche die Blauwassersegler an ihrem Wohnsitz vorbeihetzen sehen. Das bringt uns eine ganz andere Sichtweise für unsere Art zu reisen. Bisher haben wir uns gefühlt, als wären wir in der Welt zu Hause. Wir haben in den zwei Wochen auf Grenada die wichtigsten Supermärkte kennengelernt, sind mit den Einheimischen zusammen dicht gedrängt im Bus gefahren und haben sogar die örtliche Klinik besucht. Aber dennoch haben wir nur einen kleinen Ausschnitt der Insel zu sehen bekommen, nicht viel mehr als ein Tourist. An einem Abend bei den Locals wird dann auch noch mit viel Hörensagen aufgeräumt, das wir von anderen Seglern erfahren haben. Die Hälfte stimmt nicht. Wir haben einige Dinge von anderen Seglern gehört und als bare Münze genommen, ohne selbst Erfahrungen zu machen.

Lohnt es nicht deshalb, öfter mal innezuhalten und länger an einem Ort zu verweilen, der uns gefällt? Klar, man läuft natürlich auch Gefahr hängenzubleiben, wie manch ein Segler auf Grenada. Manchmal fehlt dafür auch einfach die Zeit. Bei uns ist es die Hurrikansaison, die ein wenig im Nacken zwickt. Und natürlich könnten wir viel weniger Orte anlaufen, wenn wir uns für einige mehr Zeit lassen. Aber ist es der längere Aufenthalt nicht wert, später von einer Gegend sagen zu können: "Da bin ich gewesen, und ich habe Land und Leute auch richtig erfahren?" Leute kennenlernen, irgendwann auf der Straße wiedererkannt werden. So habe ich es damals erlebt, als ich mit Getriebeschaden zwei Monate auf St. Lucia auf dem Boot gewohnt habe. Überall wurde ich auf der Straße angesprochen und nach meinem Getriebe befragt. Wenn man länger irgendwo ist, wird man auch sicher nicht beim Wassertanken betrogen.

Nachdenklich setzen wir am Sonntagmittag wieder Segel gen Norden. Wieder quälen wir uns durch die harte Amwind-Bolzerei. Die meiste Zeit muss die Maschine mitlaufen, um Höhe zu kneifen, sonst würde uns der Passat hinaus in die karibische See tragen. Gegen 20 Uhr erreichen wir die Tyrrel Bay bei Carriacou. Ankern im Dunkeln, das macht Freude. Vor allem in einem knackedichten Ankerfeld. Normalerweise tauche ich bei Tag immer gleich runter zum Anker und kontrolliere, dass er sich richtig eingegraben hat. Doch alles geht gut. Laut Ankerwache auf dem AIS schwoien wir nur drei Meter in jede Richtung.

Cati würde hier gern noch länger bleiben.

Cati würde hier gern noch länger bleiben. 

Am nächsten Tag erreichen wir Union Island und sind dort, wo wir schon vor fünf Tagen waren. 100 Seemeilen liegen im Kielwasser. Ein kurzer Umweg also, der nach 6000 Seemeilen sowieso kaum ins Gewicht fällt. Ebenso die fünf Tage, die wir kurz vom Kurs abgekommen sind, die uns dafür aber viel über das Reisen und Leben an sich gelehrt haben.

Morgen soll es weiter nach Mayreau gehen, hinüber in die Salt Whistle Bay. Und dann zu den Tobago Cays. Drei kleine, unbewohnte Inseln, von denen alle schwärmen. Wir sind sehr gespannt, denn wir haben auch gehört, dass man dort inzwischen fürs Ankern Geld bezahlen muss und ständig Bananenhändler an der Reling hängen. Jeweils ein oder zwei Tage für jeden Ort.

Wir sind also zurück im Ratrace mit dem Wetter. Zurück im altbekannten Laufrad, in dem wir schon seit unserer Abfahrt rennen.

Weitere Infos zur Reise auf www.zu-zweit-auf-see.de

Johannes Erdmann am 30.03.2015

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