Transatlantik

Ungewöhnliche Begegnung auf See

Die "Maverick too" ist auf dem Weg nach Europa. Doch die ersten Meilen gestalten sich für Cati Trapp und Johannes Erdmann schwierig: Flaute!

Johannes Erdmann am 10.05.2016
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Kein Wind. "Maverick too" kommt teils nur unter Maschine voran

Schon seit dem Start vor vier Tagen in West Palm Beach kommen wir nicht so recht in Fahrt. Erst hatten wir auf der 60 Meilen langen Kreuzung des Golfstroms gut zu tun, seit Tagen stand starker Nordwind gegen den mit 3,5 Knoten aus Süden setzenden Strom. Wind gegen Strom – das produziert immer eine konfuse See, in unserem Fall fast vier Meter hohe, kurze Wellen. Doch schon, als wir in der ersten Nacht nach Steuerbord in den Schutz der Bahamas abbiegen, beruhigen sich die Wellen und später auch der Wind.

Seitdem ist es hier draußen sehr flau, und gerade hat der Wind eine besonders gelangweilte Phase: Wir dümpeln mit 2,5 Knoten in der Atlantikdünung, werden mehr vom Antillenstrom nach Norden geschoben, als dass wir segeln würden. Viele kleine Vögel, so groß wie Schwalben, nutzen unsere "Maverick" derweil als kleine Insel mitten im Ozean, landen an Deck und ruhen sich für ein paar Stunden aus. Gestern bin ich fast über einen gestolpert, der auf dem Verdeck saß und mich verdutzt anschaute: "Was willst du denn hier?" Sie haben überhaupt keine Angst vor uns, bleiben ruhig an Ort und Stelle. Vielleicht sind sie nach dem langen Flug auch zu erschöpft und gleichgültig, wollen einfach nur sitzen.

Schiff ahoi!

"Da kommt ein Schiff von achtern auf", ruft Cati gestern Abend. Sie sitzt an Deck, liest ein Buch auf ihrem Kindle, während ich in der Koje liege und in meiner Freiwache im Lehrbuch für den Sportseeschifferschein büffele. "Ungewöhnlich, hier ist eigentlich keine Frachterroute", murmele ich. Cati klettert an den Kartentisch und schaut aufs AIS. "Class B. Das ist ein Sportboot. Macht 5,8 Knoten Fahrt. Aber man kann keine Länge ablesen." – "Entweder was großes Schnelles, oder er motort", denke ich. Vier Stunden später ist das Schiff klar als kleine Segelyacht zu erkennen, etwa unsere Größe, zehn Meter. "Castelhana" steht nun auf dem AIS, klingt spanisch. Oder portugiesisch? Auf jeden Fall scheint man zu motoren. Die Segel schlagen unkontrolliert an Deck herum. Eine weitere Stunde später ist das Schiff nur noch hundert Meter hinter uns. "Das ist ein Kanadier", ruft Cati. Sie kann mit dem Fernglas die Fahne am Heck ausmachen. "Wow, der kommt aber dicht."

Zehn Minuten später ist die kleine Yacht direkt neben uns, der ältere Mann an Deck winkt mit dem Funkgerät. Ich gebe Cati die Handfunke raus. "Hey, wo wollt ihr denn hin? Segelt ihr zurück nach Deutschland?", hören wir aus dem Lautsprecher. "Ja, aber erstmal zu den Azoren", antwortet Cati – und hört sich selbst im Echo, denn der Einhandsegler hat seine Cockpitlautsprecher offenbar so laut eingestellt, dass ihre Stimme über das Wasser zu uns hinüberschallt. "Da will ich auch hin", antwortet er, "denn da bin ich geboren. Aber erstmal einen Stopp auf den Bermudas, denn die Flotte der ARC-Rally wird auf den Azoren sein, wenn wir ankommen. Das Chaos will ich vermeiden."

Gemeinsam einsam

"Unglaublich, da trifft man hier auf dem Atlantik einen Einhandsegler, der rüberkommt, um zu plaudern", staune ich. Und wir plaudern. Der Mann ist vor vielen Jahrzehnten nach Kanada ausgewandert, deshalb die kanadische Flagge. "Aber dorthin will ich nicht mehr zurück, zu kalt", lacht er. Nach einem kleinen Plausch wünschen wir uns gegenseitig gute Reise und bleiben in seinem Kielwasser, schließlich ist er drei Knoten schneller. "Aber wir werden uns ja sicher noch die ganze Nacht sehen", sagt er – und Cati ergänzt "Schön zu wissen, dass wir nicht die einzigen hier draußen sind und offenbar so in etwa den richtigen Kurs eingeschlagen haben."

Kaum ist er drei Meilen entfernt, wird uns das Geschaukel zu elendig, und wir werfen ebenfalls die Maschine an. Nicht, dass wir größere Distanzen unter Motor bewältigen könnten – unser Diesel reicht für etwa 400 Seemeilen. Aber es hilft doch manchmal, aus größeren Flautenzonen zu kommen. Und es klappt: Fünf Stunden später sind wir wieder in einem Windfeld, können die Genua ausrollen, die Monitor (Windsteueranlage) anklemmen und die Beine hochlegen. Mit 4,5 Knoten segeln wir durch die Nacht.

Heute ist der Wind wieder relativ flau. Morgens sind wir zeitweise am Wind noch 5,5 bis 6 Knoten gesegelt, jetzt nur noch 3,5. Der Kanadier ist immer noch in Sichtweite und dümpelt genauso in der Flaute. "Eigentlich könnten wir den armen Kerl heut Abend zum Essen einladen", sage ich zu Cati. "Einfach Segel bergen, kurz längsseits, rüberkommen, Abendessen und das Schiff treiben lassen. Wo soll es in der Flaute hin. Wir fangen es unter Maschine schon wieder ein."

Aber vielleicht kommt ja bis dahin auch noch Wind auf. Mit dem Empfang von Wetterkarten über Kurzwelle hatten wir leider noch keinen Erfolg. Die Station in Louisiana, über die wir in Florida gute Karten empfangen haben, bekommen wir nicht mehr rein – und für die nächste, in Boston, sind wir wohl noch zu weit weg. Glücklicherweise halten uns Freunde aber wettertechnisch über E-Mail auf dem Laufenden.

Johannes Erdmann am 10.05.2016

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