Weltumsegelung

Spannung liegt in der Luft

Die Crew der "Maverick too" hat ihr Traumziel erreicht: die Bahamas. Doch die Hurrikansaison hat begonnen, das Wetter drängt zur Weiterreise

Johannes Erdmann am 07.06.2015
Die Ruhe vor dem Sturm. Ein Gewitter zieht auf.

Die Ruhe vor dem Sturm: Ein Gewitter zieht auf

Der Himmel will sich entladen, Spannung liegt in der Atmosphäre. Das ist deutlich zu spüren. Aber wen wundert's? Die Hurrikansaison hat schließlich vergangene Woche offiziell begonnen. Zeit, das Weite zu suchen. Wenn wir nur nicht gerade angekommen wären. Angekommen an dem Ort, von dem wir jahrelang geträumt haben. Wieder einmal zu spät in der Saison. Aber das waren wir auch schon beim Start im vergangenen September, bei der Biskayaüberquerung Ende Oktober usw.

Nun liegt Florida nur noch 220 Seemeilen entfernt. Luftlinie. Die nächste Verlockung. Das GPS zeigt die Distanz schon seit Tagen an. Alle anderen Verbraucher sind abgeschaltet, denn Plotter und Co haben hier in den Bahamas ohnehin nicht viel Funktion – die Karten sind allesamt zu ungenau. Es gibt nur eins, was wirklich stimmt: Und das ist ein Ringbuchordner aus Papier. Die örtlichen Seekarten, die mit 87 Dollar auch teuer bezahlt werden wollen. Dafür stimmt darin auch jede Bodenwelle. Jedes Schiffs- und Flugzeugwrack ist eingezeichnet. 

Das heißt aber nicht, dass die Navigation damit einfach wäre, denn die gesamte Inselgruppe der Exuma Cays sieht von oben so aus, als hätte jemand im Sandgrund gescharrt und die Riefen dann mit Wasser ausgegossen. Immer wieder geht es zickzack durch Sandbänke, Felsen und Korallengärten. Zum Glück habe ich mein altes Hand-GPS vom letzten Besuch in 2006 wiedergefunden – und damit alle wichtigen programmierten Wegepunkte. Goldwert!

Penibel genaue Navigation mit GPS und Peilkompass ist ungemein wichtig.

Penibel genaue Navigation mit GPS und Peilkompass ist ungemein wichtig

Die vergangene Woche haben wir uns die Inselkette hinaufgearbeitet, herrliches Segeln bei halbem Wind. Vor allem mal wieder mit Vollzeug, das war lange nicht der Fall. Staniel Cay sollte unser Halbzeit-Ziel in den Exumas werden, bekannt für vielerlei Dinge. Zum einen für seine James-Bond-Grotte. Im Film "Thunderball" hat der Bösewicht hier nämlich zwei Atombomben versteckt. Seit einer großen Werbeaktion eines Reiseveranstalters im vorletzten Jahr kennt in Deutschland fast jeder die Nachbarinsel Big Majors Spot als "die Insel der schwimmenden Schweine". Warum hier etwa 20 Schweine am Strand leben, kann keiner so richtig sagen. Aber sie sind zu einer großen Touristenattraktion geworden.

Die Insel der schwimmenden Schweine

Die Insel der schwimmenden Schweine

Seit wir Staniel Cay erreicht haben, regnet es hier leider in Strömen. Der Juni soll der regenreichste Monat auf den Bahamas sein. Aber dass das hier auch tatsächlich von einem Tag auf den anderen losgeht? Immer wieder Gewitterwolken, die den Wind auf Süd drehen lassen und uns für eine Stunde bis zum Durchzug so richtig durchschütteln. Wir stehen dann immer am Radargerät und verfolgen die Wolke auf dem Schirm. Ein unglaublicher Anblick, bis zu zehn Meilen Durchmesser. 

Gewitterwolke auf dem Radargerät

Gewitterwolke auf dem Radargerät

Manchmal macht auch ein Nachbar die Nacht zum Tag. Wie etwa vorgestern die "Lama lo" aus Texas. Schon auf dem Rückweg von einem Dingiausflug habe ich mit Verblüffung festgestellt, dass der neue Nachbar seinen 15-Tonnen-Eimer nur mit ein paar Meter Kette und ebenso wenig Leine verankert hat. "Der wird wohl nicht über Nacht bleiben", dachte ich. Wir hatten jedenfalls 30 Meter Kette draußen. Doch er blieb und ging früh schlafen. Kurz nach Mitternacht zog dann wieder solch eine Gewitterwolke durch. Der Wind drehte auf, alle Boote begannen in den Wellen zu hüpfen und an den Ketten zu reißen. Alle Skipper an Deck, selbst auf den Megayachten gingen die Scheinwerfer an. Nur auf dem Trawler vor uns waren alle Lampen aus. Aber der große Dieselmotor brummte, offenbar um die Batterien zu laden oder die Klimaanlage zu versorgen. Und der Dampfer kam von Luv immer und immer näher. Anrufe auf UKW blieben unbeantwortet, ebenso Leuchtsignale mit dem großen Scheinwerfer. Rüberfahren und mitten in der Nacht klopfen? Es sind Texaner. Lieber nicht. Also Wecker stellen und alle Stunde nach dem Rechten schauen. Unglaublicherweise fasste der Anker dann nur wenige Meter vor unserem Bug wieder Grund, und das Schiff blieb liegen. Puuuuh. Drei Stunden Schlaf in der Nacht. 

Wir haben uns angewöhnt, alle wichtigen elektronischen Geräte in den Backofen zu legen, sobald ein Gewitter aufzieht, und bilden uns ein, der Faraday'sche Käfig würde das GPS und die Festplatten mit den Reisebildern dann ein wenig besser schützen als unser Plastikrumpf. Zum Glück sind wir aber hier in den Inseln der reichen Hollywood-Stars – und es gibt immer eine Segelyacht in der Nähe, deren Mast bedeutend höher ist. 

"Maverick" unter Segeln

"Maverick" unter Segeln

Amerika kommt näher. Und damit rücken ein paar Punkte auf der Arbeitsliste weiter nach oben. Das Thema "Holding-Tank" zum Beispiel. Ein schöneres Wort als auf deutsch "Fäkalientank", oder? Wir haben noch keinen, weil unser Schiff mit seinem Alter und seiner Größe immer außerhalb der Pflichten lag. In den USA ist das jetzt aber nicht mehr so, und auf Einleitung ungeklärter Gewässer stehen hohe Strafen. Mit Erreichen der USA müssen wir also damit rechnen, von der Coastguard zur Inspektion geboarded zu werden – und dann sollten wir eine Erklärung, besser noch eine Bestellbestätigung für die Einzelteile beim örtlichen Ausrüster in Florida im E-Mail-Eingang haben. Aber ein Holding-Tank ist auf solch einer kleinen Yacht umständlich zu montieren und nicht ganz billig: der Tank, der Absaugstutzen an Deck, Ypsilon-Ventile, eine elektrische Zerhackerpumpe … Die vergangenen Tage bin ich immer wieder mit dem Maßband durch das Schiff gekrochen. Möglich wäre es wohl, aber teuer. Da sind schnell 1000 Dollar zusammen. Also werden wir nun Plan B in Angriff nehmen und ein Porta Potti kaufen. Schön und komfortabel ist das nicht, aber günstiger. Außerdem bieten unsere Seeventile die Möglichkeit, sie mit einem kleinen Vorhängeschloss zu sichern. Damit sollte die Coastguard doch zufrieden sein?

Planungen für die USA. Ein Fäkalientank muss installiert werden.

Planungen für die USA. Ein Fäkalientank muss installiert werden

Die nächste Baustelle ist unser Dieselmotor. Seit 8.000 Seemeilen hat er uns nun zuverlässig durch manche Flautenmeile geschoben, aber an einem Flautenmorgen auf den British Virgin Islands wollte er partout nicht mehr starten. Irgendwie haben wir ihn dann nach einer Stunde doch zum Laufen bekommen. Aber so richtig mit Freude startet er seitdem nicht mehr, und er verliert Öl über die Kurbelwellengehäuse-Entlüftung. Wir benutzen ihn nur noch schonend, damit er noch bis in die USA hält. Ob die Kopfdichtung kaputt ist oder die Kolbenringe? Ob wir ihn reparieren lassen können? Das werden wir erst dort rausfinden. Hier auf der Insel ist nicht mal eine Zündkerze zu bekommen. 

Wieder zieht ein Regenschauer über uns hinweg, der vierte heute. Gestern Abend war für morgen früh Wetterbesserung angesagt. Heute früh dann eine radikale Verschlechterung. Nun ist der Wetterbericht wieder positiver, und wir hoffen, weiterfahren zu können. Ein Stück zumindest. Das Wetter spielt verrückt, ohne Frage. Vor Mexiko ist sogar ein Hurrikan unterwegs. Wird wirklich Zeit, dass wir in die USA kommen. In North Carolina gibt es eine kleine, idyllische und vor allem extrem günstige Marina, die wir besuchen und dort zwei bis drei Monate verbringen wollen. Kostenloses Internet, Waschmaschinen und sogar ein Auto, das man mitnutzen kann. Zudem liegt sie außerhalb der direkten Einflugschneise der Wirbelstürme, mitten im Nirgendwo. Für mich eine tolle Gelegenheit, wieder ein paar Wochen im Büro zu sitzen und die Geschichten runterzuschreiben, die ich während der Zeit in der Karibik gesammelt habe.

Doch vorher haben wir hier auf den Bahamas noch ein paar weitere Ziele, bevor es über Nassau und Bimini nach Florida geht. 

Gestern, als der Regen für ein paar Stunden ausgesetzt hat, sind wir im Dingi hinüber zur Thunderball-Grotte getuckert, um hineinzuschnorcheln. Ein fantastisches Erlebnis: Hunderte Fische, intakte Korallen und schroffe Felsen. Das Paradies funktioniert auch bei bedecktem Wetter. Dazu haben wir ein kleines Video gedreht. Viel Spaß dabei!

Weitere Infos zur Reise: www.zu-zweit-auf-see.de

Johannes Erdmann am 07.06.2015

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