Maverick too

"Reif für den Campingbus?"

Johannes Erdmann und Cati Trapp haben nach 3000 Seemeilen die Azoren erreicht. Nicht allerdings, ohne vorher in einen Sturm zu gelangen

Johannes Erdmann am 06.06.2016
Cati hält Wache auf dem Atlantik.

  Cati hält Wache auf dem Atlantik

"War ja klar, dass es am Ende noch mal dicke kommen muss ..." Catis Begeisterung tendiert gen Null – hatten wir doch schon gehofft, dass uns der Nordatlantik mit ein paar größeren Flauten, aber ohne Sturm passieren lässt. Aber irgendwie war uns beiden der Friede nicht ganz geheuer, und wir hatten schon erwartet, dass das Wetter noch umschlägt.

Unseren Kurs hatte ich ohnehin etwas südlicher gelegt als von den meisten anderen Seglern gesegelt. Auf meiner Erfahrung von der letzten Nordatlantiküberquerung im Jahr 2009 aufbauend. Damals hatten wir von New York Kurs auf die Azoren angelegt und uns auf 40 Grad Nord nach Osten gehangelt. Damals zogen jede Woche ein oder zwei dicke Fronten zwischen den Bermudas und Azoren hindurch, und wir fanden uns immer wieder in Gegenwinden stampfend oder sogar beigedreht, weshalb wir uns nach etwa zehn Tagen auf See eine ganze Ecke weiter in den Süden haben durchsacken lassen.

Klar, je weiter südlich, desto länger der Weg. Aber es war uns deutlich lieber, auf den Südseiten der Tiefdruckgebiete zu sein. Durch ihre Drehung gegen den Uhrzeigersinn bescheren sie uns dort nämlich Rücken- statt Gegenwinde – und es ist doch sehr viel angenehmer, im Sturm vor dem Wind abzulaufen, anstatt den Wind von vorn zu haben und beidrehen zu müssen. 

"Die Flauten sind erst mal vorbei, dafür kommt in den nächsten Tagen ein Tief, dem ihr nicht ausweichen könnt", schreibt uns unsere Freundin und Wetterfee Jessica vergangene Woche per Iridium-Email. Da ist sie also: die Sturmwarnung, auf die wir die ganze Zeit schon gewartet haben. Schließlich bleibt kaum eine Yacht auf der Nordroute von schwerem Wetter verschont. Was sich dort allerdings auf dem Atlantik zusammenbraut, sieht auf der Wetterkarte nicht gut aus. Im Kern des Tiefs bei 40 Grad Nord stecken über 55 Knoten Wind, also zwischen Windstärke 10 und 11. Durch die glücklichen Umstände, dass wir so weit im Süden segeln, würden wir von dem Schlimmsten verschont bleiben. Vor dem Wind, aber nicht vor den Wellen, die in unserem Seegebiet bis acht Meter Höhe annehmen sollen. 

Am Sonntagabend nimmt der Wind dann wie angekündigt zu. 30 Knoten, 35 Knoten, schräg von achtern. Kurz danach bergen wir das Großsegel und laufen nur unter kleinstem Vorsegel vor dem Wind ab, mit 7,5 Knoten über Grund. Die Wellen werden schnell immer und immer höher, und den Montag müssen wir am Rad sitzen, um ab und zu in die Windsteueranlage einzugreifen, wenn eine besonders hohe Welle durchläuft. Denn die Windsteueranlage hat ja keine Augen. Der Wind blieb noch im Bereich des Machbaren, wir bekommen nicht mehr als 45 Knoten. Aber die angekündigten acht Meter hohen Wellen am dritten Tag des Sturms. Ziemlich beeindruckend in einem zehn Meter langen Boot. 

"Maverick too" bei der Ankunft auf Horta

"Maverick too" bei der Ankunft auf Horta

In den drei Tagen habe ich vielleicht acht Stunden geschlafen, in den ersten 36 Stunden ein paar Kräcker und einen Müsliriegel verdrückt. Mehr war nicht möglich. "Wollen wir nicht einen Campingwagen kaufen, sobald wir in Portugal sind?", habe ich Cati irgendwann beim Wachwechsel vorgeschlagen. Ihre Antwort: "Ich weiß gar nicht, ob ich bis dahin noch mitsegel, vielleicht gehe ich auf den Azoren von Bord." Es war also nicht sehr spaßig. 

"Nachts warte ich immer darauf, dass endlich die Sonne aufgeht, damit das bedrückende Gefühl der aus dem Dunkel anrollenden Wellen endet", erklärt Cati mir am nächsten Morgen, "aber tagsüber sehe ich dann die gewaltigen Wellen und kann es kaum erwarten, dass die Sonne wieder untergeht …" 

Was für ein Gefühl, dann am Morgen des 29. Tages auf See nach fast 3000 Meilen die felsige Küste von Faial am Horizont zu sehen. Schroff und von Wolken umschlungen. "Laaaaand-Hooo!!!!", rufe ich freudestrahlend die Sprayhood umklammernd. Immer noch rollen bis fünf Meter hohe Wellen an der Küste entlang und lassen uns immer wieder ins Surfen kommen. Dann erreichen wir die vorgelagerte Insel im Südosten der Insel, gelangen in den Windschutz – und es wird ruhig. Endlich. 

Die Marina von Horta ist brechend voll. Da ich in ein paar Tagen zur YACHT-Blauwassermesse nach Rostock fliegen muss, sind wir darauf angewiesen, einen Stegplatz zu bekommen. Aber wie, wenn die Boote bereits im Viererpäckchen an der Pier liegen? Wir gehen an einer französischen Rennyacht längsseits und klettern über eine Ovni und eine Najad an Land. Dort werden wir gleich von der deutschen Crew der "Garlix" empfangen. "Hey, ihr habt über uns auf YACHT online gebloggt!" Ja klar, wir erinnern uns. Als wir an den Bermudas vorbeigesegelt sind, hat dort die ARC abgelegt, und wir haben bei Nacht eine deutsche MMSI-Nummer auf dem AIS gesehen und hier darüber geschrieben. "Wie lange seid ihr denn schon hier?", fragt Cati. "Eine Woche", kommt als Antwort. Das haben wir uns fast gedacht. Mit unserem kleinen Boot sind wir halt nicht wirklich die schnellsten. 

Johannes und Cati in der Flaute.

Johannes und Cati in der Flaute

Kurz darauf lernen wir Jörg und Christine kennen, die unsere Reise schon im Internet verfolgt haben. Jörg weiß zufällig, dass ein einziger Stegplatz noch leer ist, und hat sich bereits große Mühe gegeben, den Hafenmeister zu überreden, uns den Platz zu geben. Dessen Stimme wird ein wenig leiser, als er zustimmt. "Der Platz gehört eigentlich einem örtlichen Boot, aber das ist gerade in der Werft. Also könnt ihr den erst mal haben …" Was für eine Erleichterung. Cati ist überglücklich. Sie hatte schon Sorge, allein an Bord im Päckchen liegen zu müssen. "Und wenn dann einer weg will und ich allein unsere 'Maverick' verholen muss?" Eine Sorge weniger. 

Abends nehmen uns deutsche Segler mit in Peters Café Sport, den wichtigsten Seglertreff des Atlantiks. Ein tolles Flair, denn fast alle Crews und Yachten haben lange Reisen auf dem Buckel. Doch der Schlafmangel der letzten Wochen macht sich bemerkbar, und wir sind froh, um Mitternacht in die Koje zu fallen. Wir schlummern augenblicklich ein und schlafen beide zwölf Stunden durch.

Den nächsten Tag verbringen wir erst mal damit, das Schiff zu entrümpeln. Das alte Macbook hat die Atlantiküberquerung nicht überstanden und gilt als der einzige Totalausfall. Deshalb muss die Leserschaft des Blogs noch ein paar Tage warten. Wir füllen einen halben Container für Plastikmüll. Schließlich kommen wir gerade aus den USA, dort ist alles doppelt eingeschweißt. Außerdem muss ich den Landstromanschluss neu verkabeln und wieder von 110 Volt auf 230 Volt zurückbauen, damit Cati während meiner Abwesenheit zurechtkommt. Zehn Tage wird sie allein an Bord der "Maverick" verbringen, bis ich von der Blauwassermesse in Deutschland zurückkomme. Aber sie ist ja hier in guter Gesellschaft …

Weitere Infos zur Reise: www.zu-zweit-auf-see.de

Johannes Erdmann am 06.06.2016

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