Weltumsegelung

Rauschefahrt auf dem Atlantik

Johannes Erdmann und Cati Trapp haben das Festland verlassen und die Insel Madeira erreicht. Von dort wollen sie in die Karibik starten

Johannes Erdmann am 23.12.2014
Johannes Erdmann am Rad seiner "Maverick too"

Johannes Erdmann am Rad seiner "Maverick too"

"Von jetzt an legen wir nur noch in Häfen an, die auf Inseln liegen", verspreche ich Cati mit überzeugter Stimme. Wir haben es tatsächlich bis auf die erste geschafft. Europa liegt hinter uns.

Zumindest gefühlt. Die vor uns liegende Insel Madeira zählen wir emotional schon zu irgendwas anderem. Afrika vielleicht. Jedenfalls nicht mehr zum Kontinent. Es geht hinaus aufs Meer, 540 Seemeilen in den Atlantik hinein. 

In den vergangenen Wochen haben wir uns in den Wetterfenstern zwischen Tiefdruckgebieten nach Süden vorgearbeitet. Wir, das sind mittlerweile nicht mehr nur die Crew der "Maverick too", sondern auch die Crews der "Lilly-Marie" mit Thomas, Jola und der Namensgeberin Lilly-Marie aus Hamburg sowie der Franzose Laurent mit seiner Familie und dem Katamaran "Kalao". In La Coruña und Muros sind wir uns über den Weg gesegelt und haben seitdem immer die gleichen Ziele gehabt. Baiona, Viana do Castelo und dann Lissabon. Die letzten Yachten im Jahr, die "Freaks zur See", wie Thomas uns nennt. Viel zu spät losgekommen, aber mit einem festem Willen auf dem Weg ins Warme. 

Wir alle können es kaum erwarten, hinüber in die Karibik zu kommen. Und nun aus Lissabon los, wollen wir den großen Sprung wagen. Hinaus in den Atlantik.

Im Jahr 2005 war ich in der gleichen Situation, als ich mit meiner 8,25 Meter langen, ersten "Maverick" von Lissabon aus zur Langfahrt starten wollte. Damals war ich allerdings noch aufgeregter als jetzt, denn wir hatten das Schiff auf einem Trailer dorthin gebracht. Die 1500 Seemeilen weite Anreise war also weggefallen, zugleich aber auch die Bewährungsfahrt, während der das Schiff auf Schwachstellen überprüft wird. 19 Jahre alt, kaum Hochseeerfahrung, aber einen großen Traum im Kopf. 

Wahnsinn, dass das schon neun Jahre her ist. Inzwischen bin ich älter und erfahrener geworden, sogar noch ein zweites Mal über den Atlantik gesegelt. Das Schiff, unsere "Maverick too", zwei Meter länger und mit allerlei technischem Schabernack ausgerüstet. Aber das Kribbeln ist trotzdem wieder da, genau wie damals. 

7,5 Tage habe ich damals mit der lahmen "Maverick 1" für das Seestück Lissabon–Madeira gebraucht. Diesmal wollen wir wesentlich schneller sein. Ich rechne mit einem Schnitt von fünf Knoten, denn das Wetter sieht gut aus. Ein Hochdruckgebiet zieht auf die Azoren und ruht sich dort ein paar Tage aus. Das beschert uns Seglern Rückenwind von Portugal hinaus nach Südwesten. Wir haben also einen Plan: Am Montag geht es los.

Fotostrecke: Hinaus in den Atlantik

Doch ein zuvor durchgezogenes Tief hat eine Menge Welle aufgebaut, und Thomas entscheidet, mit seiner Hallberg-Rassy 352 lieber erst einen Tag später loszusegeln. Auch wir verschieben auf einen Start am Montagnachmittag, verholen schon mal von Oeiras in die Marina nach Cascais, an der Mündung des Tejo. Doch am Montag bläst es noch mit 6 bis 7. Der Wind heult im Rigg und lässt es erzittern. Wir verschieben auf Dienstagmorgen. 

Um 9 Uhr lösen wir die Leinen, motoren zur Tankpier. Einmal vollmachen, bitte. Dann hinaus auf den Tejo. Zum ersten Mal ist das dritte Reff im Groß, denn noch immer weht es draußen mit 6 bis 7. Als ich das Großsegel setze, bin ich verblüfft, wie klein die Segelfläche ist. "Vielleicht doch nur das zweite Reff?", überlege ich, aber lasse dann doch Nummer drei drin.

Gute Entscheidung. Kaum haben wir den Landschutz verpasst, beginnt "Maverick" mit 7,5 Knoten Dauerspeed die Wellenberge hinunterzusurfen. Wir müssen noch mehr vom Vorsegel wegdrehen, denn das Schiff läuft immer wieder aus dem Ruder. Cati kann es nicht halten, deshalb stehe ich am Rad. Beim Reffen verheddert sich die Schot an der Mittelklampe. Zum ersten Mal muss Cati auf hoher See aufs Vorschiff und kommt komplett gebadet zurück. Wir entscheiden umzudrehen. Das hat keinen Zweck. Morgen ist auch noch ein Tag. 

Drei Stunden später sind wir zurück in der Marina. Der Heizlüfter wummert, im Ofen eine Tiefkühlpizza, und auf dem Laptop läuft eine Folge "Alf". Wir sind froh, wieder im Hafen zu sein. 

Am nächsten Tag hat der Wind noch immer nicht abgenommen, aber die Wellen sind etwas kleiner, und wir wissen, worauf wir uns einstellen müssen. Die Genua ist zu zwei Dritteln einrollt, das Groß wieder dreifach gerefft. Kaum sind wir aus der Abdeckung, pustet es wieder los, aber diesmal segelt das Schiff gut getrimmt unter Selbststeueranlage mit direktem Kurs auf Madeira. Mal 6,5, sogar 8, meist aber mit etwa 7 Knoten. Hervorragend. So macht Segeln Spaß. Am Abend haben wir uns an die ruppigen Bedingungen gewöhnt. Alle drei Stunden lösen wir uns mit der Wache ab. 

Die Systeme funktionieren, Schiffe werden auf dem AIS angezeigt. Die meiste Zeit sitzen wir unter Deck, jeweils mit einem Blick alle 20 Minuten nach draußen. Eine dunkle Nacht, fast Neumond. Aber ein wunderschön leuchtendes, phosphoreszierendes Kielwasser. Der Propeller läuft bei unserem Boot immer mit, weshalb wir an der Geräuschkulisse der surrenden Welle ganz gut den Schiffsspeed einschätzen können. Kommt "Maverick" ins Surfen, vibriert die ganze Naviecke. RRRRRrrrrrrrrraaaaaauuuuuuu … Herrlich. Die Meilen klicken nur so auf dem GPS. Am nächsten Mittag tragen wir stolz ein 144er-Etmal ein. 

Der graue Atlantik auf dem Weg nach Madeira

Der graue Atlantik auf dem Weg nach Madeira  

Der Wind nimmt ab. Wir können ausreffen. Nur noch das zweite Reff, die Genua etwas rausrollen. Am dritten Tag sogar bis aufs erste Reff. Unser neuer Mast ist mehr als einen Meter länger als der alte, deshalb entspricht das erste Reff beim neuen Rigg Vollzeug beim alten Mast. Die großen Etmale bleiben. Nicht schlecht für unser 33-Fuß-Schiff. 

In der Nachtwache entdecke ich eine PDF-Version meines Buches "Allein über den Atlantik" auf dem iPad. Seit es 2007 erschienen ist, habe ich es nicht mehr gelesen. Gespannt blättere ich durch die digitalen Seiten der Zeit in Lissabon und der Etappe nach Madeira. Es fühlt sich an, wie zwei Logbücher gleicher Reisen nebeneinander zu legen. Damals bin ich in den ersten Tagen nur 77, 66 und dann sogar nur 47 Seemeilen gesegelt. Leichter Wind. Später ist die erste "Maverick" dann Etmale gerannt, die ich damals als "rekordverdächtig" bezeichnet habe. 110 Seemeilen in 24 Stunden. Hach, was waren das für tolle Zeiten. 

Damals habe ich 90 Prozent der Reise im Cockpit verbracht, weil ich der Windsteueranlage noch nicht so ganz getraut habe. Ich hatte sie nur mal eine halbe Stunde auf der Kieler Förde ausprobiert. Dann kam das Boot auf den Trailer nach Lissabon, und ich wusste noch nicht, ob ich ihr vertrauen kann. Mit "Maverick too" haben wir inzwischen 1600 Seemeilen geloggt. Die Windsteueranlage hat uns wunderbar durch die Nordsee und über die Biskaya gesteuert. Es kostet also keinen Vertrauensvorschuss, sie einzuklinken und bis zum nächsten Rundumblick unter Deck zu verschwinden. Heute ist es genau anders herum: 90 Prozent liegen wir unter Deck herum, 10 Prozent der Überfahrt sitzen wir draußen. Was sollen wir dort auch? 

Der erste fliegende Fisch, der bei Nacht an Deck gelandet ist

Der erste fliegende Fisch, der bei Nacht an Deck gelandet ist

Cati schluckt seit der Biskaya regelmäßig (zumindest auf See) ein fantastisches Mittel gegen Seekrankheit und ist ein ganz anderer Mensch. Wirkstoff Dimenhydrinat, das Gleiche wie in den Superpep-Kaugummis. Auf dieser Etappe braucht sie es nur noch die ersten zwei Tage, dann hat sie sich an die Bewegungen gewöhnt. Eine Wahnsinns-Wandlung. Auch ihre Segelskills haben sich entwickelt. Während sie beim ersten stärkeren Wind auf der Nordsee noch panisch am Rad gekurbelt hat, kann ich sie nun jederzeit ans Ruder stellen, und sie surft ganz entspannt und mit wachsender Begeisterung die Wellenberge hinab. Wir haben den Wind im Rücken, in jeder Beziehung. Außerdem segeln wir mit jeder Meile der Sonne entgegen. 

Am Morgen des fünften Tages auf See liegt Madeira am Horizont vor dem Bug. Der Duft der grünen Wälder und der guten Erde weht zu uns herüber. Was für ein Gefühl. Ein herrlicher Morgen. Noch dazu ist es Catis Geburtstag. Sie wird heute 28 Jahre alt. Ein Geschenk bekommt sie von mir zwar (noch) nicht, dafür aber vom Ozean: Eine Schule von 20 Delphinen spielt eine Stunde lang ums Schiff, während wir vorbei an der Felsküste die Marina in Quinta do Lorde anlaufen.

Bei meiner ersten Reise gab es die noch nicht, und ich musste in Funchal an der Kaimauer liegen, über die gelegentlich Kakerlaken und Ratten hinweghuschen. Die Marina hier ist wohl so ziemlich das beste, was ich bisher erlebt habe. Noch dazu bekommen wir als TO-Mitglieder 30 Prozent Rabatt auf die Liegegebühren. Super! Allerdings sind wir ziemlich verblüfft, als uns die 30 Prozent von den angegebenen Liegegebühren abgezogen – und danach 10 Prozent für eine Servicepauschale und 20 Prozent Mehrwertsteuer aufgerechnet werden. Wir sind wieder beim alten Preis. 

Aber die 100 Euro mehr, die wir für die gebuchten drei Wochen zahlen, sind wohl gut angelegt, denn der Dockmaster kontrolliert hier nicht nur täglich zweimal die Leinen, sondern wäscht auch noch wöchentlich das Boot! Und außerdem: Der Liegepreis beträgt immer noch die Hälfte von dem, was wir damals in England bezahlt haben. 

Angekommen in der Marina Quinta do Lorde

Angekommen in der Marina Quinta do Lorde

Wir haben uns diesen sicheren Hafen ausgesucht, weil wir morgen für zwei Wochen nach Deutschland fliegen. Zwei billig bekommene Flüge machen es uns nach exakt 100 Reisetagen kurzzeitig möglich, ein bisschen weihnachtliche Kälte im Kreis unserer Familien zu erleben, bevor wir dann wahrscheinlich von Madeira aus über den Atlantik aufbrechen wollen. Außerdem stehen ein paar letzten Arztchecks, Impfungen und bei mir eine Wurzelbehandlung an, die wir lieber bei unseren Hausärzten in Deutschland erledigen wollen. Am 7. Januar kommen wir mit ein paar Ersatzteilen und einem Iridium-Telefon im Gepäck zurück an Bord und machen uns an die letzten Vorbereitungen.

Und dann … gibt es monatelang nur noch Inseln. Wie versprochen. 

Johannes Erdmann am 23.12.2014

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