Weltumsegelung

Quer durch die grüne Wildnis

Der Herbst ist da. Während an der amerikanischen Ostküste alle Yachten Kurs auf die Wärme nehmen, motort "Maverick too" nach Norden

Cati Trapp am 29.10.2015
"Maverick too" motort durch den Dismal-Swamp-Kanal

"Maverick too" motort durch den Dismal Swamp Canal

Es ist Ende Oktober, und es regnet. Irgendwie kommt mir das verdächtig bekannt vor, aus dem letzten Jahr. Vor zwölf Monaten lagen wir mit geschmolzener Abgasanlage im herbstlichen Galizien, und der Regen wollte wochenlang nicht aufhören. Nun stehen wir in den USA im Bundesstaat Virginia an Land, und auch hier wird das Wetter ungemütlich. Und noch etwas ist gleich: Wieder drehen sich unsere Gedanken um den Motor. Doch diesmal ganz freiwillig – wir tauschen ihn aus.

Der Abschied von unserem letzten Liegeplatz im spärlich besiedelten Teil North Carolinas fiel uns alles andere als leicht. Drei Monate haben wir dort in einer kleinen Marina verbracht und Freunde gefunden. Ich brauchte mir wirklich keine Sorgen um Johannes' Sozialkontakte während meines Deutschlandbesuchs zu machen, denn schon in der ersten Woche wurde er zu einem großen amerikanischen Barbeque eingeladen. Sogar bei einem Hochzeitsempfang waren wir dabei. Am meisten Zeit haben wir mit unserem Stegnachbarn Jim verbracht. Jim wurde nicht müde, über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Deutschen und der Amerikaner zu sinnieren oder lustige deutsche Wörter zu lernen. Außerdem hat er alle Geschichten über das Fahrtensegeln und das Leben an Bord aufgesogen wie ein Schwamm. Denn obwohl er seit zwei Jahren auf seiner "Sea Otter" wohnt, einer Cape Dory 28, ist er noch nie auf offener See gesegelt. Immer wieder hatte Jim Fragen, wie er sein Schiff hochseetauglicher machen konnte. Er hatte sich viele Gedanken dazu gemacht, und dementsprechend groß war seine Erleichterung, wenn wir ihn in seinen Ideen bestätigen konnten. Außerdem kann Jim außerordentlich gut mit Holz umgehen und hat uns in zwei Tagen einen tollen Sitz auf die "Maverick" gezimmert, sodass wir bei Motorfahrten jetzt nicht mehr auf unseren Dieselkanistern sitzen müssen.

"Mavericks" Liegeplatz für drei Monate, neben der Cape Dory "Sea Otter".

"Mavericks" Liegeplatz für drei Monate, neben der Cape Dory "Sea Otter"

Solch eine längere Motorfahrt stand uns nämlich bevor: Während wir im letzten Jahr zu dieser Zeit nach drei Tagen Biskaya-Überquerung durchgefroren von einem Rettungskreuzer abgeschleppt worden sind, lag diesmal eine der wohl reizvollsten Landschaften an der amerikanischen Ostküste vor uns: Unsere Route zur Werft in Deltaville in Virginia führte uns durch den "Dismal Swamp Canal", was mit "Kanal durch den tristen Sumpf" übersetzt werden kann. Weshalb er diesen Namen bekommen hat, ist heute kaum noch nachzuvollziehen. Insbesondere im Herbst ist der enge Kanal mit seinen bunten Bäumen an Abwechslungsreichtum kaum zu übertreffen.

Auf dem Weg zum Dismal Swamp Kanal

Auf dem Weg zum Dismal Swamp Canal

Schon 1763 war der erste amerikanische Präsident George Washington der Meinung, dass sich das Sumpfgebiet hervorragend trockenlegen lassen würde. So könnte ein Kanal gebaut werden, der die große Chesapeake Bay und den Albemarle Sound verbindet. Dreißig Jahre später begann man tatsächlich mit dem Bau dieses Kanals, der ausschließlich von Hand gegraben wurde. Die knochenzehrende Arbeit wurde hauptsächlich von Sklaven verrichtet, die den Kanal trotz unmenschlicher Bedingungen 1805 nach etwa zwölf Jahren fertigstellen konnten. Das macht den Dismal Swamp Canal zum ältesten Kanal, der heute noch in den USA betrieben wird. Zum Vergleich: Der Intracoastal Waterway, den wir viele Meilen befahren haben, ist erst 135 Jahre später eröffnet worden. Seitdem war der Kanal Schauplatz für die verschiedensten historischen Ereignisse. 

Gegenverkehr.

Gegenverkehr

Aber nicht nur die Geschichte des Kanals hat Schriftsteller inspiriert, sondern vor allem die schöne Landschaft und die vielfältige Tierwelt. Viele Schildkröten und schwimmende Schlangen haben wir gesehen, und natürlich Unmengen an Vögeln. Es soll in dem Gebiet sogar eine Krokodilart vorkommen, und in unserem Navigationsprogramm wurde mehrfach vor Bären gewarnt.

Schwimmende Schlangen.

Schwimmende Schlangen

Heute nutzen bis zu 2.000 Sportboote jährlich den Dismal Swamp Canal als Alternativroute zum Intracoastal – vorausgesetzt, der Tiefgang stimmt. Der Kanal hat nämlich nur sechs Fuß Wassertiefe.

Verfallene Häuser am Kanalufer.

Verfallene Häuser am Kanalufer

Der Hauptabschnitt des Kanals liegt zwischen zwei Schleusen, übrigens den einzigen auf dem Weg von Florida nach Virginia. Auf dem Weg zur ersten Schleuse führt streckenweise eine Straße direkt am Kanal entlang. Unser Freund Jim konnte deshalb gemütlich mit dem Auto nebenher fahren und tolle Fotos von unserem Schiff in der Herbstlandschaft schießen. Und dann mussten wir uns endgültig verabschieden, aber wahrscheinlich nicht für immer. Während unserer Zeit in North Carolina ist bei Jim die Entscheidung gefallen, dass er mit seiner "Sea Otter" nach Süden aufbrechen will. Tatsächlich hat er zwei Tage nach uns die kleine Marina verlassen. Seitdem bekommen wir fast täglich SMS mit seiner aktuellen Position, und wir freuen uns wahnsinnig für ihn, dass er den Schritt gewagt hat. Außerdem wächst natürlich die Vorfreude darauf, uns möglichst bald unter Segeln wiederzusehen.

Cati beim Schleusen. Die erste Schleuse dieser Reise.

Cati beim Schleusen. Die erste Schleuse dieser Reise

Unser Freund Jim aus seinem selbstgebauten Campervan. Halb Auto halb Boot.

Unser Freund Jim auf seinem selbstgebauten Campervan. Halb Auto, halb Boot

Obwohl das Kernstück des Dismal Swamp Canal nur 35 Kilometer lang ist, haben wir uns entschieden, die Strecke in zwei Tagen zu befahren, vor allem, weil die Schleusen nur bis zum Nachmittag bedient werden und wir schon im Dunkeln hätten starten müssen. Wegen der vielen Baumstämme, die im Dismal Swamp teilweise dicht unter der Oberfläche schwimmen, hielten wir das nicht für ratsam. Außerdem gibt es entlang der Strecke kostenlose Stege mitten im Wald. An so einer Stelle wollten wir gern festmachen und eine Nacht im Dismal Swamp verbringen.

Kostenloser Liegeplatz für die Nacht.

Kostenloser Liegeplatz für die Nacht

Im Vorfeld haben wir oft gehört, dass es im Kanal ganz schön eng werden kann, wenn sich zwei Boote begegnen. Das stimmt auch, Platz zum Ausweichen ist selten vorhanden. Wir waren allerdings noch zu früh im Jahr unterwegs, als dass wir ständig Gegenverkehr gehabt hätten. Die meisten Yachties starten im November Richtung Süden, wenn die Hurrikansaison wirklich vorüber ist. Deshalb hatten wir auch keine Schwierigkeiten, eine freie Anlegestelle für die Nacht zu finden. Man kann sich gut vorstellen, dass es in den Stoßzeiten ganz anders aussieht. So hatten wir diesen ganz und gar untristen Sumpf fast für uns allein.

Der grüne Tunnel.

Der grüne Tunnel

Der Dismal Swamp Canal endet an der zweiten Schleuse kurz vor Norfolk. Das wirklich Besondere an der Schleusung ist der Schleusenwärter, der offensichtlich viel Spaß an seiner Arbeit hat. Während wir noch die Poller belegen, sagt er zu Johannes: "Geh du mal ins andere Schleusenhäuschen. Wenn ich den Daumen nach oben halte, drückst du die zwei linken Knöpfe von oben. Oder weißt du was? Drück alle vier. Dann gehst du schnell wieder zu deinem Boot zurück. Damit löst du nämlich die Schleusung aus!" Während der Schleusenwärter also noch mit den Toren beschäftigt war, hat Johannes schon angefangen, Wasser in die Schleusenkammer einzuleiten. "Mit zwei Personen sparst du etwa zehn Minuten", erklärt er uns anschließend. Ich glaube, Johannes hat es auch Spaß gemacht. Während der Schleusung gibt uns der Schleusenwärter noch ein paar Hintergrundinformationen zum Kanal. Dann bittet er uns, ihm von den Bahamas eine schöne Conch-Muschel mitzubringen. Er benutzt die Muscheln als Horn, was er uns auch direkt vorführt. Mir war gar nicht bewusst, wie laut diese Muscheln sein können.

Flugzeugträger im Marinehafen von Norfolk.

Flugzeugträger im Marinehafen von Norfolk

Nach einer Nacht vor Anker muss unser alter Volvo noch einmal ran: Flaute auf der Chesapeake Bay. Als wir abends an unserem Boatyard ankommen, ist niemand mehr vor Ort, und alle Stege sind belegt. In unserem Navigationsprogramm ist zwischen diversen Marinas ein Ankerplatz eingezeichnet. Ein bisschen komisch kommt es uns schon vor, als wir quasi mitten im Hafen den Anker schmeißen, aber die Einheimischen scheinen das gewohnt zu sein.

Johannes auf der Chesapeake Bay.

Johannes auf der Chesapeake Bay

Am nächsten Morgen hebt uns Werftbesitzer Doug mit seinem Travellift an Land. Wir sind ziemlich erleichtert, als wir "Maverick" von unten sehen. Kaum eine Pocke am Rumpf, gar kein Bewuchs. Wir hatten im klaren Bahamaswasser schon erkennen können, dass das Unterwasserschiff recht gut aussieht und unsere Laminierarbeiten aus der Osmosebehandlung offensichtlich halten. Allerdings haben wir das Boot danach drei Monate gar nicht bewegt, und das Wasser hatte in der Gegend in North Carolina die Farbe von Kaffee. Ziemlich undurchsichtig.

"High and dry" in Deltaville, VA.

"High and dry" in Deltaville, Virginia. Die Werftzeit beginnt

Wir können uns jetzt also voll und ganz auf den Motoraustausch konzentrieren. Nach einer Woche an Land ist der alte Motor raus und der neue Vetus schon im Boot. Jetzt müssen wir noch einige Veränderungen und Anpassungen vornehmen und auf Teile aus Deutschland warten, weil an unserem Boot natürlich alle Anbauteile – Wellenlager, Welle und Propeller – metrisch und damit in den USA schwer zu bekommen sind. Wieder einmal hätten wir keinen besseren Platz für den Tausch aussuchen können, denn die Gegend und die Leute sind wirklich super. Der kleine Ort Deltaville ist fest im Besitz der Yachties, hier reiht sich Boatyard an Boatyard. Und heute Abend sind wir schon wieder zum Essen eingeladen. Da kann uns das bisschen Herbstregen nicht ablenken.

Weitere Infos zur Reise: www.zu-zweit-auf-see.de

Cati Trapp am 29.10.2015

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