Weltumsegelung

Motorpanne zur besten Gelegenheit

Pünktlich zur Ankunft in Florida versagt der alte Volvo seinen Dienst. Doch er kann gerettet werden, es ist die Zylinderkopfdichtung

Johannes Erdmann am 03.07.2015
Die kaputte Zylinderkopfdichtung.

Die kaputte Zylinderkopfdichtung

"Wenn weißer Rauch kommt, ist der Papst gefunden – oder die Kopfdichtung kaputt." So oder so ähnlich sagt man doch … Zumindest in Mechanikerkreisen. Ein eindeutiges Erkennungsmerkmal. Oder aber es finden sich Spuren von Wasser im Motoröl, vielleicht auch andersherum Ölspuren im Kühlwasser. Aber all das war bei unserem Volvo nicht zu erkennen. Wir wussten nur: Der Motor hat eine Macke. 

Angefangen hatte es auf den Britsh-Virgin-Islands, als der Diesel plötzlich nicht mehr anspringen wollen. Wir hatten Freunde an Bord, deren Rückflug nach Germany drei Tage später von der Dominikanischen Republik starten sollte. Zwei Tage und 213 Seemeilen entfernt. Die Zeit drückte. Mit Mühe und Not und langem Orgeln des Anlassers kam der Motor dann irgendwann doch, schob uns aus dem vorgelagerten Riff und hinaus auf den Atlantik. Aber seitdem war er nicht mehr derselbe. Später haben wir dann auch die Ursache herausgefunden: Der Motor liegt unter der Wasserlinie. Läuft er nicht, muss das Seeventil geschlossen werden, weil sonst langsam Wasser im System aufsteigt, durch den Impeller nach oben gedrückt wird und schließlich in die Abgasanlage läuft. Irgendwann ist diese gefüllt, und das Wasser läuft über den Krümmer zurück in den Motor. Wasserschlag. 

Wir wussten, dass wir das Seeventil immer schließen müssen. Schließlich waren wir schon weit über 6000 Meilen mit dem Motor gefahren. Aber das Wissen konnte trotzdem nicht verhindern, dass das Seeventil im Chaos eines Ankermanövers einmal zu lange offen blieb und der Motor Schaden nahm. So viele Mechaniker ich auch dazu befragt habe, immer gab es neue Ursachen für den zunehmenden Ölverlust. Die Kopfdichtung, Kolbenringe, ein gestauchtes Pleuel. Aber wo sollte ich den Motor reparieren lassen? Auf den Bahamas gab es keine Chance und kein zuverlässiges Postnetz, um Ersatzteile zu besorgen. Er musste noch bis in die USA durchhalten. 

Von Tag zu Tag verlangte er nach mehr Motoröl. Erst nur ein Schnapsglas, später dann sechs. Das Öl verschwand nicht im Nirgendwo, sondern wurde durch die Kurbelgehäuseentlüftung ausgepustet. Zusammen mit einigen Abgasen, die die Kajüte immer mehr unter Nebel setzten. "Durchhalten, durchhalten." Bei Ankunft auf den Bahamas haben wir uns schon kaum noch getraut, den Motor viel mehr als mit Standgas zu beanspruchen. Und dann ging es endlich auf die letzte Etappe: von den Berry Islands auf den Bahamas über den Golfstrom nach Florida. 

Nur etwas weniger als 170 Seemeilen, mittlerweile ein Katzensprung. Aber es war kaum Wind angesagt. Das bisschen Wind von hinten, damit er sich mit dem Fahrtwind aufhebt. Dazu viel Sonne. Eine harte Überfahrt. 

Immer wieder Gennaker hoch, Gennaker runter, schiften, halsen, um jede Meile kämpfen. Wer nicht in der gleißenden Sonne stand und steuerte, lag unter Deck unter dem kleinen Ventilator. Es war kaum auszuhalten. Ein Königreich für ein Bimini. Unser Sonnensegel kann beim Segeln nicht aufgebaut bleiben. 

Flaute auf dem Weg nach Florida.

Flaute auf dem Weg nach Florida

Als wir nach 50 Stunden Überfahrt durch den engen Pass des Lake Worth Inlets in den Intra Coastal Waterway einbogen und von dem auflaufenden Wasser förmlich hineingeschubst wurden, fühlten wir, wie uns die Erleichterung bewusst wird. Puuh ... Da hing doch ein ganz schön großes Damokles-Schwert über uns. Aber nun hatten wir es geschafft. Wir waren angekommen. 

Am nächsten Morgen wollen wir in einen kleinen See verholen, etwa sechs Meilen nördlich. Dort kostet es keine Liegegebühren, und ein Supermarkt ist zu Fuß zu erreichen. Ein eher ungewöhnlicher Umstand, denn die USA sind ja eigentlich kein Land für Fußgänger. Wir tuckern eine Stunde durch den ICW, werfen den Anker und erkunden das Umfeld. Publix-Supermarkt, Starbucks, McDonalds, alles da. Ein kleines Dingidock haben sich die anderen ankernden Segler und Liveaboards selbst geschaffen – unter einer Highwaybrücke. Es gibt sogar eine Mietwagenstation, nicht weit entfernt. Ein perfekter Ort, um zu verschnaufen und sich zu verproviantieren. Vielleicht auch, um endlich mal den Motor unter die Lupe zu nehmen? 

Die Entscheidung wird uns abgenommen: Am nächsten Morgen tut er keinen Mucks mehr. So oft und so lange ich den Anlasser auch rotieren lasse (was bisher immer irgendwann zur Zündung geführt hat), nichts: Die Maschine ist tot. 

Wir sind deprimiert. Schon auf den Bahamas hatte ich mehrere Werkstätten in Florida angemailt und gefragt, ob sie sich unseren Motor mal anschauen würden. "Nö, der ist zu alt. Das lohnt nicht. Aber wir können euch einen neuen verkaufen", war die stereotype Antwort. Eine Telefonnummer eines Mechanikers haben wir noch auf den Bahamas bekommen, stocken aber, als wir hören, was für Summen Mechaniker hierzulande aufrufen. 120 Dollar pro Stunde. Wahnsinn. 

Frustration über einen kaputten Motor.

Frustration über einen kaputten Motor

Was nun? Da wir ohne Rücklagen unterwegs sind, sondern das Reisebudget von Monat zu Monat verdienen müssen, gibt es nicht viele Alternativen: Nach Hause fliegen, ein Jahr arbeiten, dann weitersegeln. Es bleibt uns wohl nichts anderes übrig. Eigentlich bin ich ein unverbesserlicher Optimist, aber die Sorge um den Motor und eine Fortsetzung der Reise deprimiert. Auf meinen diesbezüglichen Port bei Facebook kommentieren unzählige Leute mit mutmachenden, aber auch nachdenklichen Sätzen. Ein alter Freund schreibt: "Neuer Motor. Auf solch einem Törn braucht ihr 'ne zuverlässige Maschine. Dran rumfummeln und hoffen, dass sie durchhält, ist nicht akzeptabel. Das können die ganzen Jungs hier ja gern machen wenn sie von Marstal nach Schleimünde segeln, aber für deine Pläne musst du dich auf den Motor verlassen können."

Recht hat er. In Gedanken schmiede ich bereits einen entsprechenden Plan B.

Aber da ich den Motor ja nun nicht noch mehr kaputtmachen kann, beginne ich selbst nach dem Fehler zu suchen. Gut, dass ich früher öfter an Mopeds und Autos geschraubt habe. 

Los gehts …

Los geht's …

Als ich den Zylinderkopf abziehe, kann ich nicht glauben, was ich dort sehe: Die Kopfdichtung hat einen Riss. Das haben die meisten Leute, die ich gefragt habe, eigentlich ausgeschlossen. Eine kaputte Zylinderkopfdichtung ist ja eigentlich auch keine Sache, über die man sich freut. Bei so einem alten Motor, wie wir gelernt haben, in den meisten Fällen ja sogar ein Todesurteil. Aber für uns ist es die beste Nachricht des Tages. Offenbar ist die Dichtung gerissen, als der Kolben das Wasser komprimieren wollte. Seitdem verdichtet der hintere Zylinder ins Kurbelgehäuse und die Abgase entweichen mit dem Motoröl durch die Kurbelgehäuseentlüftung in die Bilge. Eine schlüssige Erklärung.

"Schutzhüte aufsetzen"? Das alte Werkstatthandbuch aus den 70er Jahren.

"Schutzhüte aufsetzen"? Das alte Werkstatthandbuch aus den Siebzigern

Sofort mache ich mich daran, die nötigen Ersatzteile zu beschaffen. Klar, billig wird auch das nicht. Schließlich zählen die Volvo-Teile nicht zu den günstigsten. "Man zahlt einmal für Volvo, einmal für Penta", sagen manche." Allein die Zylinderkopfmuttern kosten fast 25 Euro pro Stück. "Ich finde das nicht teuer", schreibt mir mein Nachbar aus Deutschland per E-Mail. "Jedenfalls, wenn man bedenkt, dass Volvo 40 Jahre gewartet hat, bis du die kaufst." Auch ein Argument. Die neuen Muttern müssen sein, sie müssen bei jedem Wechsel der Dichtung getauscht werden. Denn es handelt sich um Spezialerzeugnisse. Dehnmuttern, die dafür sorgen, dass bei kaltem und bei warmem Motor immer derselbe Druck auf die Dichtung ausgeübt wird. 

Zu unserer großen Überraschung ist alles erhältlich, und schon nach wenigen Tagen haben wir zwei kleine Pakete von Volvo in der Hand: ein kompletter Dichtsatz und die Muttern. 

Ein glücklicher Johannes.

Ein glücklicher Johannes

Das Wetter war glücklicherweise die vergangenen Tage konstant gut. Aber es blieb ein mulmiges Gefühl im Bauch, denn die Hurrikansaison ist ja bereits im Gang, Gewitter an der Tagesordnung – und wenn der Anker slippt, haben wir keine Chance zu manövrieren. 

Ich fasse den nötigen Mut, greife das deutsche und das englische Werkstatthandbuch und lege los. Ganz penibel werden die Bauteile gereinigt, geprüft (muss der Zylinderkopf neu geplant werden?). Alles scheint in Ordnung zu sein, der alte Motor ist halt robust. Es kann losgehen. Sechsmal setze ich den Zylinderkopf auf, bis ich endlich zufrieden bin, lackiere bei der Gelegenheit gleich einige rostige Stellen nach, denn die Maschine soll ja noch eine Weile halten. 

Schmutzige Hände.

Schmutzige Hände

Am nächsten Morgen der erste Startversuch: "Wommpommpommpommpomm…" Er springt an wie ein neuer Motor. Und läuft wunderbar rund. Was für ein Erfolgserlebnis. Nach drei Betriebsstunden wagen wir die erste Fahrt, nehmen den Anker auf und motoren in die nächste Marina. Seit zwei Wochen hatten wir keine Chance, Wasser zu tanken oder Müll loszuwerden. Geschweige denn richtig zu duschen. Also gönnen wir uns eine Nacht am Steg, als Belohnung. Und sind erleichtert: Der Motor läuft. Wir sind wieder dabei, können weitersegeln.

Eine längere Zwangspause steht leider trotzdem an. Allerdings kein Jahr, sondern nur ein paar Monate. Wir sind auf dem Weg nach North Carolina, um "Maverick" dort an den Steg zu legen. Wir haben eine unheimlich günstige Marina gefunden (200 Dollar/Monat), in der ich drei Monate den Segelalltag gegen den Büroalltag tauschen will und muss. Geld verdienen. Dort oben ist es ein wenig kühler als hier in Florida, wo das Arbeiten bei 36 Grad Außentemperatur in der Kajüte nicht viel Freude macht. Im Oktober geht es dann weiter. Wieder nach Süden. Mittelamerika lockt. Gewaltig. Und dann? Panama. 

Aber nun erstmal die Arbeit, dann wieder das Vergnügen. 

Weitere Infos zur Reise auf www.zu-zweit-auf-see.de

Johannes Erdmann am 03.07.2015

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