Transatlantik

"Maverick too": sturmklar ins Nichts

Eine Wetter-Mail versetzt Johannes Erdmann und Cati Trapp in Alarmzustand: bis zu 50 Knoten – und noch 1100 Seemeilen bis zu den Azoren

Johannes Erdmann am 24.05.2016
Maverick too

Kommt es so dicke – oder schlimmer? Bange Momente für die Crew mitten auf dem Nordatlantik

"Gegen 0600 UTC dreht der Wind auf Südost und nimmt auf 15 bis 20 Knoten zu. Gegen 1200 UTC dreht er weiter auf Südsüdost, und Ihr habt 25 bis 50 Knoten zu erwarten."

Ich lese den Satz in der E-Mail noch einmal. Doch, richtig gelesen: "50 Knoten." – "Das ist Windstärke zehn!" Cati steht der Schock in den Augen. "Nee, ne? Echt jetzt? Och nöö!"

Schlechte Nachrichten, die uns unsere Freundin Jessica da per E-Mail schickt. Jeden Tag bekommen wir einen detaillierten Wetterbericht von ihr, der bisher immer absolut zutreffend war. Gerade drei Tage vorher hatte sie uns auf ein Tiefdruckgebiet hingewiesen, das über uns hinwegziehen sollte – und es dann auch schulbuchmäßig tat. Ein sehr langsames Tief, weshalb wir fast zwei Tage mit ihm zu tun hatten. Ermüdende Knochenarbeit, das Schiff in solch einem Wetter auf Kurs zu halten und nebenbei an Bord die üblichen Arbeiten zu erledigen. Kochen, abwaschen – ja einfach nur sitzen und ein Buch lesen, ohne durch die Gegend zu fliegen.

Die Winddreher, der Durchzug der Warmfront und der Kaltfront mit gewaltigen Regengüssen kamen genau wie angekündigt zur passenden Uhrzeit. Nicht angekündigt war eine kurze Flaute, genau mittendrin.

Plötzlich ist der Wind verschwunden, und wir rollen jämmerlich in den vier Meter hohen Wellen. Es kostet viel Kraft, das Schiff mit der wenigen verbleibenden Fahrt so zu manövrieren, dass die Bewegungen erträglich sind. Unter Deck fliegen alle möglichen Schapps auf, deren Inhalte sich durch die Kabine verteilen. "Boah. Bei dem Gerolle schütteln wir uns noch die Spanten aus dem Rumpf. Oder die Maschine reißt vom Fundament."

In dem Chaos sehe ich dann irgendetwas Merkwürdiges im Wasser vor uns schwimmen. Kleiner als ein Buch und schwer mit Muscheln und Algen bewachsen. "Och nö, jetzt nicht noch eine Krabbenfalle, mitten auf dem Atlantischen Ozean", denke ich mir und versuche, uns daran vorbeizusteuern. Keine Chance, die Ruderwirkung ist zu schwach. Das Etwas kommt genau auf uns zu.

Vor allem in Portugal und in den USA hatten wir ständig mit Krabbenfallen zu tun, die oft sogar im Fahrwasser ausgelegt und durch kleine Bojen markiert werden. Milliarden davon, überall. Selbst auf See haben wir einige solcher Bojen gesehen, losgerissen und abgetrieben – meist mit ein paar Metern Leine daran. Und genau so eine wird sich jetzt zu allem Überfluss noch um unseren Propeller wickeln. Doch dann, als der Klumpen näher kommt, erkenne ich, dass es keine Boje ist. "Ein Flipflop! Ich werd verrückt." Aufrecht schwimmt er neben uns. Dem Bewuchs nach zu urteilen muss er schon seit zehn Jahren unterwegs sein. Ganz langsam treibt er an uns vorbei und nimmt Kurs auf die USA. "Gute Reise!" Was man hier draußen nicht alles Skurriles sieht.

Eine halbe Stunde später kehrt der Wind zurück und mit ihm die Kaltfront und schwere Regengüsse. Unter Deck ist alles feucht, die Scheiben beschlagen. Dennoch können wir kein Fenster öffnen, weil der Regen vom Wind beschleunigt aufs Deck peitscht. Es dauert Stunden, bis die dicken Regenwolken vorübergezogen sind, denn sie ziehen in fast derselben Geschwindigkeit wie wir in dieselbe Richtung. Auf dem Radarschirm können wir die Wolken gut verfolgen. Als sie sich zweieinhalb Stunden später auflösen, reißt der Himmel auf und die Sonne scheint wärmend aufs Deck. Was für ein herrlicher Anblick! Es ist vorbei. Das Tief ist durch. Wir nehmen uns vor Freude in die Arme.

Ein paar Stunden später kommt dann der Wetterbericht: "Es zieht ein neues Tief an, das Euch übermorgen erreichen wird." Au Backe, nicht schon wieder. Vor allem die "50 Knoten" machen uns Sorge. Also bereiten wir das Schiff darauf vor und machen es sturmfest. Vor dem Start in Palm Beach hatte ich extra noch die Sturmbesegelung überprüft und die Backstagen für das Kutterstag, an dem die Sturmfock gesetzt wird, erneuert.

Stunden, bevor das Tief also wie angekündigt über uns hinwegziehen soll, sind wir bereit für den Kampf gegen die Elemente. Alles ist fest verzurrt, das dritte Reff im Großsegel. Eine Liste am Kartentisch gibt Informationen über alle angekündigten Winddreher und -zunahmen zu den bestimmten Uhrzeiten. Die 50 Knoten sind morgens um 10 Uhr Ortszeit zu erwarten. Kurz vorher beginnt der Wind zu drehen, und dann passiert:

Nichts.

Man könnte fast sagen: Flaute. Wir dümpeln stundenlang mit minimaler Besegelung durch leichte Winde, trauen uns aber auch nicht, auszureffen. "Das Reff rauszunehmen ist der einfachste Weg, aus einer falschen Sturmwarnung eine echte zu machen", erkläre ich Cati mit einem Augenzwinkern. Galgenhumor. Wir trauen dem Braten noch nicht.

Stunden später rufe ich noch mal die E-Mails ab. Am Abend vorher hatte ich Jessica gefragt, ob sie sich in der Mail vielleicht vertippt hätte. "Oh, upsi …", lesen wir. "Ja, ich meinte 25 bis 30 Knoten Wind, nicht 50." Erleichterung. "So wie es jetzt aussieht, sind die Winde aber etwas weiter nördlich von Euch, ihr müsstet 5 bis 10 Knoten haben." Genau richtig. Also ist es sicher: Der Sturm ist vertagt. Wir können ausreffen. Gute Neuigkeiten.

Derzeit segeln wir nun wieder hoch am Wind aufs Ziel zu. Noch 1100 Seemeilen bis Horta. Würde sich da nicht gerade ein neues Hochdruckgebiet in den Weg schieben, das wieder einmal für drei Tage leichte Winde mit sich bringt. Aber das ist uns recht, denn wir brauchen endlich mal ein paar Tage zum Verschnaufen.

Johannes Erdmann am 24.05.2016

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