Blauwasser

"Fürs Abi habe ich weniger gelernt"

Johannes und Cati Erdmann wollen ein Chartergeschäft auf den Bahamas aufbauen. Doch der nötige Segelschein fehlt – und er ist nicht ohne

Johannes Erdmann am 24.10.2016
Johannes Erdmann am Rad des Charterboots

Johannes Erdmann beim Manövertraining für die Praxisprüfung

Kennen Sie den Gedanken? Irgend jemand aus dem näheren Umfeld ist gerade dabei, den Autoführerschein zu machen, und man fragt sich selbst, "wie viel würde ich wohl heute noch von dem Stoff wissen?" Das hat man ja schließlich alles mal auswendig gelernt und gewusst.

Über die Jahre hat sich dann aber in den meisten Fällen eine eigene Routine entwickelt, und viele Details wurden gedanklich beiseite gelegt, Neuerungen nur halb wahrgenommen. Schließlich hat man ja "den Lappen" seit Jahren in der Tasche und kommt im Straßenverkehr ganz gut klar. Was aber, wenn man nun noch einmal eine solche Prüfung ablegen müsste?

Mir ist das gerade passiert. Allerdings auf dem Wasser. Genau 14 Jahre nach meinem Sportbootführerschein See.

Die Geschichte ist folgende: Ab Ende des Jahres wollen wir auf den Bahamas einen neuen Lebensabschnitt beginnen und mit unserem Katamaran "Maverick XL" alle zehn Tage neue Gäste an Bord mit auf unsere schönsten Inseln nehmen. Die Inseln, die wir nun schon mehrfach mit eigenen Booten bereist und genossen haben. Doch wer fremde Gäste mit auf See nimmt, steht vor einer anderen Gesetzeslage als der private Segler. Und das hieß für mich nun noch schnell während unseres Deutschland-Aufenthalts einen Segelschein zu machen.

Einen Sportseeschifferschein genauer, der wie eine Erlaubnis für gewerbliche Fahrt gilt. "Das sollte doch nach vier Atlantiküberquerungen für dich kein Problem sein", lauteten uniform die ersten Kommentare, als ich meine neue Beschäftigung auf unserem Blog verkündete. Doch auch für einen Langfahrtsegler ist so ein Schein nicht mal eben schnell gemacht. Ganz im Gegenteil, ähnlich, wie wenn ein Fernfahrer nach 14 Jahren auf der Straße wieder in die Fahrschule muss. Eigentlich sogar noch schlimmer, denn der SSS ist weit umfangreicher als so ein Autoführerschein. Navigation, Wetterkunde, Seemannschaft und Schifffahrtsrecht heißen die Themen.

Büffeln mit dem Ziel vor Augen: Johannes Erdmann an Bord der "Maverick XL"

Büffeln mit dem Ziel vor Augen: Johannes Erdmann an Bord der "Maverick XL"

Es war ja nicht so, dass ich das alles noch nie gehört oder gesehen hätte. Vor 14 Jahren habe ich in meiner Heimatstadt Wolfsburg an einem kleinen Binnensee mal die Ausbildung zum SKS gemacht, bin jede Woche einen Abend ins Vereinsheim und habe den Vorträgen gelauscht. Damals gab es noch keine Multiple-Choice-Fragen und keine Punkte für Folgerichtigkeit. Als Binnenseesegler, der noch nie auf der Ostsee war, habe ich dann auch gleich in der Kartenaufgabe eine Tonne vertauscht. Und von der falschen Tonne aus der Logik folgend eine Kurslinie in die falsche Richtung abgetragen – und bin ganz woanders gelandet als geplant. "Durchgefallen", hieß es. Zwar wäre noch genug Zeit gewesen, vor dem Ausbildungstörn und der praktischen Prüfung im Sommer die theoretische Prüfung nachzuholen, aber die Veranstalter hatten sich ohnehin verrechnet und einen Platz an Bord des Ausbildungsschiffes zu wenig. Also legte man mir ans Herz, die Sache doch im nächsten Jahr noch einmal zu versuchen. Dabei blieb es dann. Ich habe den SKS nie zuende gemacht.

Im selben Sommer kam dann das erste seetüchtige Kajütboot, eine Shark 24, mit der (und dem Sportbootführerschein See, da 10-PS-Motor) wir die Dänische Südsee erkundet haben. Da wir nie Boote gechartert haben, hatte ich keinen Bedarf mehr an einem SKS. Die Theorie und Navigation hatte ich ja beim SKS-Kurs gelernt und habe dann in der Realität auch keine Tonnen mehr vertauscht. Die Praxis kam in den folgenden zwei Sommern auf der Ostsee von selbst. Drei Jahre später habe ich als Einhandsegler sogar die Karibik gefunden.

Doch jetzt fehlte mir in den Vorbereitungen unseres Chartergeschäfts plötzlich das nötige Patent. Am liebsten hätte ich dafür in den Monaten hier in Deutschland die Schulbank gedrückt, mir dem umfangreichen Stoff in einer Yachtschule erklären lassen und anschließend die Prüfung abgelegt. Doch die Zeit dafür war zu knapp. Im August sind wir mit unserer "Maverick too" von den USA kommend in Deutschland eingelaufen und wollen nun, im Oktober, schon wieder auf die Bahamas fliegen. Die ganzen SSS-Theoriekurse laufen aber über den Winter, die Praxis-Törns meist im Frühjahr. Die letzten Törns im Herbst waren bereits ausgebucht.

Mann-über-Bord-Übungen bis zum Gefrierbrand

Mann-über-Bord-Übungen bis zum Gefrierbrand

Also entschließe ich mich, mir den Stoff im Selbststudium beizubiegen. Ende August schnappe ich mir das Lehrbuch und beginne zu lesen. Doch der Optimismus weicht schnell. Wahnsinn, wie umfangreich der Stoff ist. Ein Ausbildungsskipper kommentiert auch noch auf unserer Facebook-Seite und gibt mir praktisch schriftlich, dass ich durch die Prüfung rasseln werde, wenn ich versuche, mir den Stoff selbst beizubringen. Von der Idee, alle Teilprüfungen auf einmal abzulegen, komme ich ohnehin schnell wieder ab. Wer durch eine Prüfung fällt, muss nämlich zwei Monate warten. Zeit, die wir nicht haben, denn das neue Schiff wartet ja bereits auf der anderen Seite des Atlantiks auf uns. Also muss alles beim ersten Mal klappen. Beim ersten Prüfungstermin Mitte September in Hamburg belege ich die dicken Fächer Navigation und Schifffahrtsrecht, beim zweiten Termin Mitte Oktober Wetterkunde und Seemannschaft.

Die letzten zwei Wochen vor der ersten Prüfung mache ich fast nichts anderes mehr außer Lernen, Lernen, Lernen, Gezeiten berechnen und Kreise auf der Übungskarte zu drehen. Im Ärmelkanal, wie praktisch. Da sind wir ja gerade einige Wochen vorher noch durchgesegelt. Am Samstag soll die erste Prüfung um 9 Uhr beginnen, also buche ich mir ein billiges Hotel am Rande von Hamburg und mache mich am Freitagnachmittag von Wolfsburg auf den Weg dorthin. Ein letzter Abend in Ruhe mit dem Buch, ein paar letzte Kurse auf der Karte. Der Schreibtisch im Hotel ist viel zu klein für die große Karte. Fühlt sich an wie Bordbedingungen. Also die Karte zweimal knicken. Abends liege ich in der Koje und merke die Anspannung. Wann hatte ich das letzte Mal solch eine Prüfungsangst? Fürs Abitur habe ich weniger gelernt.

Navigationsübungen unter Bordbedingungen

Navigieren unter Bordbedingungen im Hotelzimmer: Der Tisch ist viel zu klein für die große Übungskarte

Damit ich nicht alle Kurslinien aus der Übungskarte radieren muss, habe ich für den Tag der Prüfung extra eine nagelneue gekauft. Beim Einrollen am nächsten Morgen reißt sie mir zehn Zentimeter weit ein. Wie peinlich. Kommt "der Erdmann" mit zerfledderter Karte zur Prüfung, das wird ja ein erster Eindruck …

Beim DSV bin ich viel zu früh, muss eine halbe Stunde warten. Ich suche mir einen Platz ganz am Ende des gigantisch großen Raumes und fange an, meine Utensilien auszubreiten. Die Kartenprüfung läuft ganz gut, aber die Zeit ist knapp für die vielen Aufgaben. Dennoch werde ich auf die Minute genau fertig. Zwei Stunden habe ich Zeit, mit einem Kaffee im Auto nochmal den Fragenkatalog durchzugehen, dann ist die Schifffahrtsrecht-Prüfung dran.

Die Ergebnisse gibt es erst am Sonntagmorgen. Ich bin wieder der Erste vor Ort und darf deshalb auch als Erster in den Raum. "Erdmann? Navigation: Bestanden. Bei Schifffahrtsrecht haben wir noch ein paar Fragen an Sie." Au Backe – eine Nachprüfung. Ich wäre um ein Haar durchgefallen. Das Auswendiglernen der Paragrafen lag mir noch nie. Anderthalb Stunden warten, dann darf ich rein. Und bestehe die Nachprüfung. Puuuuh. Der erste Teil ist geschafft.

Vier Wochen später sitze ich wieder in der Prüfung, diesmal Wetterkunde und Seemannschaft. Wieder habe ich alle zighundert Fragen auswendig gelernt. Doch bin ich in der Prüfung überrascht, als ich mehrere Fragen zu Details beantworten muss, die im Lehrbuch lediglich mit drei Sätzen behandelt wurden. Neben dem Lehrbuch hatte ich noch etliche aus dem Internet heruntergeladene Skripte zur Meteorologie und bin eigentlich der Meinung, dass ich gut gelernt habe. Aber ich bin auch total erkältet und habe einen dicken Schädel. Das Ergebnis ist ungewiss. Habe ich es trotzdem geschafft – oder muss ich am nächsten Tag wieder in die Nachprüfung? Ich weiß es nicht. Zur Sicherheit lerne ich den ganzen Abend und liege anschließend bis halb 4 morgens wach. Wetterkonstellationen kreisen durch meinen Kopf. Gegen neun Uhr gibt es wieder die Ergebnisse. Und diesmal klappt es auf Anhieb, ich habe bestanden. Was für eine Erleichterung.

Bleibt nur noch der Praxistörn. Gleich sechs Tage nach der zweiten theoretischen Prüfung ist ein Praxisprüfungstermin in Heiligenhafen angesetzt – aber alle Plätze auf den Ausbildungstörns sind ja belegt. Zum Glück haben unsere Freunde von Ecosail-Yachtcharter noch eine BG-zugelassene Yacht im Wasser liegen, die wir chartern können. Eine Dufour 40, eine Menge Schiff. Kurzerhand melde ich mich an und bekomme wenige Tage später die Bestätigung.

Zur Prüfung dient eine Dufour 40. Eine Menge Schiff für eine Zweiercrew

Zur Prüfung: eine Dufour 40. Eine Menge Schiff für eine Zweiercrew

Nun muss ich noch schnell eine Crew zusammenbekommen, doch der Termin liegt an einem Werktag, und wir müssen ja vorher noch ein wenig Mann/Person-über-Bord-Manöver üben. Alle Freunde müssen arbeiten. Also wird Cati wieder mal meine einzige Crew. Das muss doch reichen, denke ich.

Am Mittwochabend übernehmen wir das Schiff in Heiligenhafen und legen Donnerstagfrüh ab, damit ich mich mit dem Schiff vertraut machen kann. Einen Tag üben, dann die Prüfung. War das zu optimistisch? Die Ausbildungstörns dauern sieben Tage, und die Schiffe sind mit sechs Personen besetzt. Effektiv bleibt jedem Mitsegler damit auch nur etwas über einen Tag, um alle Handgriffe zu können. Doch es hat schon Vorteile, einen Lehrer an Bord zu haben, der die Prüfer kennt und weiß, worauf sie achten. So einen Ansprechpartner vermisse ich bei uns an Bord. Aber das lässt sich nicht mehr ändern. 

Schnell realisiere ich auch, dass die knappe Crew ein Fehler war. Es dauert allein zwei, drei Stunden, bis wir mit dem Boot so richtig vertraut sind. Dazu ist es lausig kalt und das Schiff nur mit viel Kraftaufwand zu segeln. Allein das gewaltige Großsegel nach jedem Nahezu-Aufschießer einzuholen kostet Zeit und Kraft. Wir fahren etwa 30 Mann-über-Bord-Manöver und haben abends schwere Arme, machen uns Sorgen, dass wir am nächsten Tag überhaupt nicht mehr in der Lage sind, eine Leine dichtzuholen.

Mangels Rettungsboje fliegt 30 mal der Rettungsring über Bord

Mangels Rettungsboje fliegt 30-mal der Rettungsring über Bord

Morgens erwachen wir mit heftigem Muskelkater. Draußen prasselt der Regen aufs Deck. Au weia. Gegen Mittag sind wir dran, folgen einem anderen Ausbildungsschiff zunächst zur Yachtwerft Heiligenhafen, legen uns dort an die Kaimauer und warten, bis die Prüfung vor uns beendet ist. Dann geht alles ganz schnell. Die beiden Prüfer steigen zu uns über, und es geht los. "Leinen los, raus auf den Sund." Unterwegs habe ich in der Kartenecke allerlei Aufgaben zu erfüllen. Positionsbestimmungen per Peilkompass, Radargerät, Kursumwandlungen, Bedienung des Radargeräts, Wegepunkte … Zwischendurch ein Blick auf die Wetterkarten, die ich glücklicherweise am Morgen heruntergeladen hatte. Dann gehen draußen die Segel hoch. Mann über Bord mit und ohne Maschinenunterstützung, Wenden, Halsen, das ganze Programm. Die Prüfungszeit vergeht wie im Flug, aber es wird alles abgerufen. Gut, dass wir geübt haben. Genau wie die theoretische Prüfung hat es die Praxis in sich. Doch alles geht gut. Als wir nach anderthalb Stunden am Chartersteg anlegen, wird gratuliert. "Bestanden."

Cati und Johannes Erdmann am Bug ihrer Charteryacht

Cati und Johannes Erdmann am Bug ihrer Charteryacht nach bestandener Prüfung – durchgefroren, aber glücklich

Was für eine Erleichterung! Ich merke, wie eine große Last von mir abfällt. Wäre ich nur durch eine der insgesamt fünf Prüfungen gerasselt, hätte das große Konsequenzen für unsere Pläne bedeutet. Aber nun ist alles in Butter. Der Schein ist auf dem Weg, und das neue Leben auf den Bahamas kann losgehen. Und besser noch: Der Schein hat echt Spaß gemacht. Es wurde eine Menge Wissen und Können gefordert, und ich kann wirklich sagen: Es lohnt sich. Selbst nach vier Atlantiküberquerungen und drei großen Reisen habe ich eine Menge gelernt. 

Morgen früh um 6 Uhr geht unser Flieger von Berlin aus über den Atlantik. Die nächsten Wochen werden wir dann den Katamaran für den Charterbetrieb vorbereiten und dann hoffentlich Anfang Dezember bereits erste Touren fahren. Wir können es kaum erwarten, die ersten Gäste an Bord zu nehmen.

Heute Abend gibt es jedoch noch einen großen Meilenstein in unserem Leben: Das Crowdfunding für die DVD unserer Reise mit "Maverick too" läuft aus. Die Schwelle ist genommen, der Film ist bereits in Produktion und wird zu Weihnachten auf dem Markt sein. All jene, die sich beim Crowdfunding beteiligt haben, werden die DVD natürlich eine Ecke früher bekommen. Wer also noch schnell eine DVD kaufen möchte, kann dies bis Mitternacht tun. Wir freuen uns sehr über den großen Zuspruch!

Weitere Infos: www.zu-zweit-auf-see.de und www.maverick-charters.com

Johannes Erdmann am 24.10.2016

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