Maverick too

Endspurt und neue Ziele am Horizont

Johannes Erdmann und Cati Trapp sind zurück in England und haben bis zum Heimathafen nur noch 550 Meilen vor sich. Rück- und Ausblick

Johannes Erdmann am 24.07.2016
"Maverick too" in Falmouth

"Maverick too" in Falmouth

Es ist verblüffend, wie sehr sich mit den vielen gesegelten Meilen die Bedeutung von Distanzen verschieben. Ich erinnere mich noch gut, als wir vor ziemlich genau zwei Jahren hier in England gelegen und auf ein Wetterfenster für die Biskaya gewartet haben. Nervös, was die große Überfahrt (400 Meilen …) wohl für uns in sich haben wird. Nun gut, die Jahreszeit war auch eine andere … Es war Ende Oktober, und da ist die Biskaya bekanntermaßen nicht sehr gnädig. Also haben wir verproviantiert, getankt, vorgekocht und Snacks für die vier Tage auf See parat gelegt. Vorbereitungen über Vorbereitungen.

Jetzt liegen wir zwei Jahre später wieder hier in der Grafschaft Devon im Süden Englands und haben eine allerletzte 550-Meilen-Etappe vor uns. Haben wir genug Futter an Bord? Aber sicher. Unsere Schapps werden und werden nicht leer. Wahrscheinlich werden wir einen Monat nach der Reise noch immer amerikanische Dosensuppen essen. Trinkwasser? Noch etliche Sixpacks von den Azoren und Säfte aus den USA. Diesel? Ich habe gestern alle Kanister zusammengegossen, nun ist der Haupttank wieder voll. Also kann es losgehen. Die letzte größere Etappe, hinüber nach Deutschland. Zurück in die Heimat.

Das Ende der Reise steht bevor. Eigentlich ein trauriger Augenblick. Schließlich habe ich fast zehn Jahre lang (seit meiner ersten Langfahrt) auf den erneuten Ausbruch aus dem zivilisierten Leben geträumt. Segeln, entdecken, erleben. Nur wir zwei, nur für uns. Die Reise unseres Lebens. Zweieinhalb Jahre lang haben wir dafür allein am Boot gebaut, es generalüberholt und den alten GFK-Klassiker auf den heutigen Standard gebracht, um nun nur zwei Jahre unterwegs zu sein.

So lang wie geplant zwar, aber doch viel kürzer als insgeheim gehofft. Hier zurück in England fühlt es sich gar an, als wären wir nur mal im Sommerurlaub gewesen, fast nichts hat sich verändert. Gut, einmal von Brexit und Co abgesehen. Die erste Begrüßung in Europa kam auch gleich in Form eines Kommandos der "Border Patrol", die von den Azoren kommende Yachten vor England grundsätzlich überprüft, denn es könnte sich ja um Schmuggler handeln. Als wir am nächsten Morgen den ersten Schritt an Land machen, kommt uns England aber sehr vertraut vor. Wir kennen die Supermärkte, die Währung und die Leute.

Fish and Chips: In England ist alles beim Alten …

Fish and Chips: In England ist alles beim Alten …

Seit den Azoren klopfen auch immer öfter Blogleser an Deck, freuen sich, uns hier zu treffen. Viele deutsche Flaggen. die Heimat ist nah. Andere Langfahrtsegler klopfen ebenfalls, meist Holländer und Schweden. "Naa, ihr sehr so aus, als ob ihr gerade auf große Fahrt gehen wollt." – "Nee, wir kommen gerade zurück." Am zweiten Tag in Falmouth liegt plötzlich eine große Contest 42 CS neben uns, ein nagelneues Schiff.

Eine nette Holländerin klettert von Bord, sieht unsere Contest 33 und erklärt uns, dass ihr Großvater der Werftbesitzer ist und unser Schiff gebaut hat. "Ah, 'Maverick', na klar!", erinnert sie sich, "Das habe ich doch in der YACHT gelesen." Trotzdem ist sie sichtlich beeindruckt, wie viele Meilen wir mit dem Boot im Kielwasser haben. Im Vergleich mit der neuen, breiten und hohen 42er sieht unser Boot aus wie ein Dingi.

Auch wenn sich die Heimat in den zwei Jahren nicht viel verändert zu haben scheint: Bei uns ist in der Zeit viel passiert. Nicht nur, dass mittlerweile fast 15.000 Seemeilen im Kielwasser liegen, sondern auch viele Erlebnisse. Seglerisch (der 55-Knoten-Sturm auf dem Weg zu den Azoren wird für immer in die Erinnerungen eingebrannt bleiben …) und mit den vielen Menschen, die wir entlang des Weges getroffen haben. Wir haben in so viele Leben hineingeschnuppert, daran teilgenommen.

Aus uns beiden ist ein tolles Team geworden. An Bord und im Leben. Ob wir uns auf den fünf Quadratmetern nicht auch mal in die Flicken bekommen haben? Bestimmt. Aber ich kann mich an kein solches Erlebnis erinnern. Alles verblasst und ist von schönen Erlebnissen überschrieben worden.

Sonnenuntergang an der Muring in Fowey.

Sonnenuntergang an der Muring in Fowey

Das Schiff funktioniert seit der zweiten Hälfte der Reise hervorragend. Alle Kinderkrankheiten sind beseitigt. Das Schiff optimiert, der Motor als letzte regelmäßige Fehlerquelle getauscht und seit Tausenden von Meilen gab es nichts mehr zu reparieren. Ich glaubek, auf den Azoren waren wir sogar das einzige Boote im Hafen, bei dem es nichts zu tun gab, Tanken, verprovantieren, weiterfahren. Auch die letzten 1200 Meilen von Ponta Delgada nach Falmouth waren so ereignislos, dass wir gerade einmal sechs Fotos geschossen haben. Die Windsteueranlage steuert, wir gehen Wache und lesen (ein 600-Seiten-Buch alle zwei Tage).

Aber nun steht die letzte längere Etappe bevor – und gefühlt ist es eigentlich viel zu früh, um aufzuhören. Trotzdem sind wir seit 4500 Meilen auf dem Rückweg in die Heimat. Die Zeit, die wir uns für unsere Reise freigeschaufelt haben, läuft so langsam aus. Ebenso der Deal, jeden Monat neu Geld für die Reisekasse verdienen zu können.

Ein wenig freuen wir uns trotzdem auf die Heimkehr – vor allem die Familie nach so langer Zeit wiederzusehen. Auf deutsche Preise in Marinas (hier in England gerade 40 Euro/Nacht) und Supermärkte. Und die Oste, den Fluss, an dem wir wohnen. 

In den vergangenen Tagen wurden wir oft gefragt, wie es danach für uns weitergeht. Eine Frage, die uns wie kaum eine andere durch die vergangenen acht Monate begleitet hat.

Denn wir wissen: Einmal loszukommen ist schwer. Aber sich wieder einzuleben und dann nochmal loszukommen, das ist noch viel schwerer. So wie es bei mir nach der ersten Langfahrt 2005/06 der Fall war. Deshalb wollen wir nach der Rückkehr versuchen, uns einen Teil der Leichtigkeit zu behalten, mit der wir die vergangenen 678 Tage durch die Gegend gesegelt sind: Das Leben nicht so ernst nehmen. Ein geregelter Job und Einkommen sind wichtig. Aber Karriere ist uns nicht so wichtig wie die Chance, irgendwann wieder eigene Träume leben zu können, wenn die Sehnsucht lockt. 

Zurück auf die Bahamas, wo die Schweine schwimmen. Die Sehnsucht lockt …

Zurück auf die Bahamas, wo die Schweine schwimmen. Die Sehnsucht lockt …

Deshalb wollen wir uns in Deutschland auch noch nicht so richtig verankern, sondern beginnen gleich im November unser nächstes Abenteuer: Wir ziehen auf die Bahamas!

Vor über einem halben Jahr bereits hat sich die tolle Möglichkeit ergeben, mit dem Katamaran von Freunden ein Chartergeschäft auf Nassau zu beginnen. Denn die einsamen Inseln der Exuma-Cays haben uns auf unserer Reise mit Abstand am Besten gefallen – und liegen nur 25 Meilen von unserer Basis in Nassau entfernt. Bis dahin liegen noch so einige Aufgaben vor uns. Deshalb wird es in Deutschland auch nicht langweilig werden. Viel Papierkram muss bewältigt werden, das Schiff für den Charterbetrieb abgenommen werden – und ich muss sogar noch einen Segelschein machen, damit ich auch mit Gästen durch die Gegend segeln darf! Das wird sicherlich lustig. So ähnlich, wie wenn man nach 15 Jahren auf der Straße noch einmal einen Führerschein machen muss …Aber wir freuen uns sehr auf die vor uns liegenden Jahre, in denen wir regelmäßig Gäste aus Deutschland an Bord der "Maverick XL" zu unseren schönsten Inseln der Exuma-Cays nehmen werden. Die Inseln, in denen Abenteuer allgegenwärtig ist. Auch ein Grund, weshalb die Vorfreude auf unser neues Abenteuer gerade den Abschied des Alten überwiegt. 

Cati Trapp auf dem Vordeck der "Maverick XL"

Cati Trapp auf dem Vordeck der "Maverick XL", einem Belize 43

Auf die häufige Frage "Und was passiert nun mit Maverick?" wissen wir noch gar keine rechte Antwort. Erstmal wird das Schiff eingewintert, und dann werden wir sehen. Trennen können wir uns derzeit noch nicht. Es hat für uns die perfekte Größe, ist toll in Schuss und ein guter Segler. Und wir können uns gut vorstellen, mit dem Boot in den Sommermonaten (wenn es auf den Bahamas zum Segeln zu heiß ist und Hurrikan-Saison herrscht) wieder zurück in die Dänische Südsee segeln. Aber das wird sich alles zeigen.

Rückkehr nach Deutschland

Am 6. August ist nun jedoch erstmal die Ankunft in Oberndorf geplant. Es haben uns bereits viele Mails erreicht, dass Blogleser gern die Leinen annehmen wollen, wenn wir anlegen. Wir werden an dem Samstag vermutlich gegen 15 Uhr am Dorfsteg oder am Anleger unseres Segelvereins anlegen, der Seglergemeinschaft Oberndorf. Hier ist die genaue Adresse:

Und wir freuen uns riesig über jeden, der an diesem Tag vorbeikommt, um uns zu begrüßen! Es bleibt sicher Gelegenheit zu ein paar Gesprächen und einen Rundgang an Bord. Und wir freuen uns darauf, viele von den Lesern dort zu treffen und kennenzulernen!

Weitere Infos zur Reise: www.zu-zweit-auf-see.de

Johannes Erdmann am 24.07.2016

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