Weltumsegelung

Endlich, endlich im Passat!

Unter einer mächtigen Welle erzittert die "Maverick too", dann ist das Schlimmste vorbei – prima Bedingungen für den Endspurt auf dem Ozean!

Johannes Erdmann am 28.02.2015
Der graue Atlantik auf dem Weg nach Madeira

Die "Maverick too“, platt vorm Wind

Der Himmel verdunkelt sich, es fängt an zu wehen. Drittes Reff ins Groß und Sturmfock, drei Tage lang. Die Wellen werden immer größer und kommen ätzenderweise aus nördlicher Richtung. Immer wieder werfen sie die "Maverick" mit Gewalt auf ihre Backbordseite. Alles knackst und knarzt, das Schiff verwindet sich. Ich bekomme Sorge, dass uns der Kahn in den hohen Wellen auseinanderbricht und muss mir immer einreden, dass "Mavericks" Rumpf ja eigentlich sehr dick laminiert und von uns sogar noch verstärkt wurde. Das Leben an Bord wird ungemütlich. Cati schreckt immer wieder aus dem Schlaf auf, wenn eine mächtige Welle den Rumpf trifft, sie wird fast über das Leebrett geworfen.

"Scheiße, wir haben etwas gerammt!"

Dann trifft uns eine ganz besondere Welle, die wohl schon auf uns gewartet hat. Ich sitze am Kartentisch, habe Wache, Cati liegt mit Freiwache in der Koje, als es plötzlich am Bug scheppert, als wären wir gegen einen Container gesegelt. Cati steht schlagartig senkrecht. "Scheiße, wir haben etwas gerammt!", rufe ich. Doch da erkenne ich, wie Wassermassen über die Fenster aufs Seitendeck rauscht. Die Welle muss uns vorn am Bug getroffen und voll eingedeckt haben. Wahnsinn. Ich schalte die kleine Bilgepumpe an. "Guck mal nach der Bilge, ob Wasser nachkommt", beauftrage ich Cati und mache mich mit der Taschenlampe auf den Weg ins Vorschiff.

Johannes Erdmann und Cati Trapp

Johannes Erdmann und Cati Trapp

Die Schäden sind schnell zu erkennen. An der Bordwand, zwischen Rumpf und Deck, sind seit 42 Jahren Dreiecks-Klötze anlaminiert. Großflächig. An sie sollte die Wandverkleidung geschraubt werden, die allerdings noch in der Hundekoje liegt – eine unserer letzten Baustellen. Einer der Klötze ist schlicht von der federnden GFK-Bordwand abgesprengt worden, ein anderer lose. Unglaublich. Zum einen verblüffend, wie viel das GFK abkann, aber auch, wie flexibel es dabei ist. Kein Wunder, dass der Rumpf in den hohen Wellen den Holzinnenausbau zum Knarzen bringt. An Deck sind keinerlei Schäden zu erkennen, aber noch immer läuft das Wasser aus allen Speigatten ab, das Seitendeck steht noch unter Wasser.

Was für Kraft der Ozean hat, habe ich vor vielen Jahren schon einmal erkennen müssen, als wir eine Westsail 32 (amerikanischer Colin-Archer-Serienbau) von New York auf die Azoren gesegelt haben. Zweihand. Damals hat uns in schwerem Wetter auch eine solch heftige Welle erwischt, dass an Deck einiges kaputtgegangen war. Ein Riss in der Sprayhood, ein aus dem Terminal gerissener Relingsdraht und, am beeindruckendsten, eine nasse Koje. Auf dem Schiff waren große, runde Messingfenster montiert, Berufsschifffahrtsstandard. Die Scheiben werden mit großen Flügelmuttern in die Dichtung gepresst. Trotzdem hatte die Welle das Fenster mit solch einer Wucht getroffen, dass das Wasser durch die Dichtung gedrückt und meine Koje in drei Meter Entfernung getroffen hatte.

Doch das graue Wetter bringt nicht nur hohe Wellen, sondern auch Squalls, einige Minuten dauernde Starkwind-Regenböen, die schnelles Handeln erfordern. Bei uns heißt das, schnell die Genua wegrollen. Das Schiff bringt sich dann mit drittem Reff im Groß selbst in beigedrehte Position, bis der Wind nachlässt. Dann nimmt es wieder Kurs auf.

Maverick too

Westwärts, immer westwärts, der Sonne entgegen – es ist nicht mehr lang

Erst am 18. Tag auf See öffnen sich die grauen Wolken und nehmen die Form der bekannten Passatwolken an. Sie sehen aus wie der Dampf aus einer alten Lok. Der Wind pendelt sich bei 3 bis 4 Beaufort ein und kommt direkt aus Osten. Einen Tag später nehmen die Wellen dieselbe Richtung an. Endlich, endlich im Passat! Endlich werden das Leben und die Bewegungen an Bord wieder angenehm. Wir können Brot backen, in der Sonne liegen und die Atlantiküberquerung, auf die wir ja so viele Jahre hingearbeitet haben, endlich genießen. 

Eine Woche noch, dann haben wir den Ozean im Kielwasser

Ein Gefühl des Bald-Ankommens macht sich breit. Dabei haben wir noch 860 Seemeilen bis Barbados vor dem Bug. Aber 2200 Seemeilen im Kielwasser. Langsam verschieben sich die Dimensionen. "Nur noch 800 Seemeilen", das ist nicht mehr lang. Eine Woche noch auf See. Dann haben wir den Ozean im Kielwasser.

Johannes Erdmann am 28.02.2015

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

    ANZEIGE

    Das könnte Sie auch interessieren

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online