Maverick too

Ein Klotz mitten im Ozean

Johannes Erdmann und Cati Trapp nehmen Kurs auf die Heimat. Nicht jedoch, ohne noch einmal kurz in den Golf von Mexiko zu segeln.

Johannes Erdmann am 20.04.2016
"Maverick too" ankert vor Fort Jefferson

"Maverick too" ankert vor Fort Jefferson

Eigentlich dachte ich immer, nach Key West kommt nichts mehr. Der südlichste Punkt der USA, eine kleine Insel am Ende der Florida Keys, die vor allem durch ihren Bewohner Ernest Hemingway Berühmtheit erlangt hat – und dann nur Wasser, Wasser, Wasser. Der Golf von Mexiko. 

Aber vor einigen Jahren habe ich dann zufällig ein Bild gesehen, das sich eingebrannt hat. Darauf abgebildet eine Segelyacht, die in türkisem Wasser vor einer karibischen Insel ankert. Ein Klassiker. Nur mit einem Unterschied: Auf der Insel stehen nicht etwa Palmen, sondern eine gewaltige Festung, die die ganze Insel einnimmt. "Was ist das denn?", habe ich damals gedacht – und schon war der Wunsch entbrannt, dort irgendwann mal hinzusegeln. 

Ich habe dann ein wenig recherchiert und herausgefunden, dass das kleine Eiland zu den Dry Tortugas gehört. 67 Meilen westlich von Key West gelegen, wurden die Inseln im Jahr 1513 entdeckt und Tortugas (spanisch: Schildkröten) genannt, weil man dort so viele Seeschildkröten gefunden hat. Später bekam die Inselgruppe den Zusatz "Dry", weil es dort keine Quellen gibt. Um 1840 herum begannen die Amerikaner auf der mittleren Insel eine große Festung zu bauen, 30 Jahre lang waren sie damit beschäftigt. Komplett fertiggestellt wurde das Projekt eigentlich nie. Heute gehören die Insel Garden Key und alle umliegenden Inselchen zum großen Dry-Tortugas-Naturschutzpark, in dem unzählige Vögel und Meerestiere leben. Klar, dass wir uns das anschauen mussten.

Das ergab für uns eine neue Route: Die Florida Keys bilden eine lange Inselkette, die etwas südlich von Miami beginnt und sich hinunter in den Golf von Mexiko schwingt. Das Ende bildet Key West, eine Stadt, die optisch noch immer wie in den dreißiger Jahren wirkt. Die Insel war einst ein verträumter Fischerort, abgeschieden und ruhig.

Fotostrecke: Dry Tortugas

Heute jedoch ist sie eine Hochburg des Tourismus. Täglich wird die der Flecken Erde von Tausenden Touristen überrannt, die mit Bussen und Kreuzfahrtschiffen dort ans südliche Ende der USA gekarrt werden, um sich den berühmten Marker ("südlichster Punkt der USA") anzuschauen, sich in der berühmten Duval Street die Beine zu vertreten, ein Bier in "Sloppy Joes Bar" zu trinken und das bunte Treiben der Künstler in Mallorys Square zu bestaunen. Jeder, der schon einmal dort gewesen ist, würde bestätigen, dass die Stadt ein ganz besonderes Flair besitzt. Auch wenn manch einer das negativ, der andere positiv meint. 

Eine Woche haben wir dort vor Anker gelegen, uns die Stadt und das Hemingway-Haus angeschaut. Und natürlich das Museum von Mel Fisher, dem berühmten Schatzsucher, der vor 30 Jahren auf halbem Wege zu den Dry Tortugas eine alte spanische Galeone mit 40 Tonnen Gold und Silber gefunden hat. Dutzende spanische Schatzschiffe sind einst im 17. Jahrhundert auf dem Rückweg nach Spanien durch Stürme und Hurrikans vom Kurs abgekommen und auf den Riffen entlang der Florida Keys zerschellt. 

Treibgut am Strand.

Treibgut am Strand

Deshalb war es ein spannendes Erlebnis, am Tag darauf über den Fundort der spanischen Galeone hinwegzusegeln. Dort, etwa 15 Meter unter uns, lag sie 300 Jahre lang unter Wasser … 

Um die 67 Meilen bis zum Fort Jefferson an einem Tag zurückzulegen, ist unsere kleine "Maverick" einfach zu langsam. Also legen wir am Abend einen Stopp auf den Marquesas ein. Unsere Blogleser sind verblüfft, als wir bei Facebook posten, wir segeln zu den "Marquesas": "Seid ihr plötzlich im Pazifik", mailt man uns, denn die gleichnamige Inselgruppe im Pazifik ist natürlich viel bekannter als diese unbewohnten Eilande hier im Golf. Kurz darauf, mit Verlassen der Küste, verliert sich das Handynetz, wir sind offline. Endlich. 

Die Nacht vor den Marquesas ist ungemütlich. Wir ankern im Windschutz der Inseln, doch die Wellen treffen beim Vorbeilaufen an der Landmasse auf flaches Wasser und folgen deshalb der Küstenlinie um die Ecke, treffen uns von der Seite und lassen uns rollen. Deshalb können wir es am nächsten Morgen kaum erwarten, ankerauf zu gehen und die letzten 40 Meilen zurückzulegen. 

Das Fort ist schon von weitem zu erkennen, ein rot leuchtender Kasten mitten im tiefen Blau. Wir motoren vorsichtig durchs Fahrwasser um Sandbänke herum und werfen im Lee des Forts den Anker in neun Meter Tiefe, stecken ordentlich Kette, bis das Schiff auf einer Sandbank im drei Meter flachen Wasser liegt. Hinter uns ist es wieder neun Meter tief. Der Grund soll hier nicht sehr gut sein – besser, der Anker wandert beim Slippen bergauf als bergab. 

Mit dem Dingi tuckern wir hinüber zur Festung und finden einen breiten Sandstrand, an dem schon einige Beiboote liegen. Jedes Boot, das die Inselgruppe anläuft, braucht ein Permit, also versuchen wir einen der Ranger ausfindig zu machen, die für die Überwachung des Nationalparks zuständig sind. Zum Glück finden wir noch einen, der gerade auf dem Weg in den Feierabend ist. Ranger John schläft nach der Arbeit auf der nur knapp 250 Meter breiten Insel. Zehn Tage hat er Dienst, dann einige Tage Freizeit, in der er entweder auf der Insel bleiben oder mit der täglichen Schnellfähre zurück nach Key West fahren kann. Für die Mitarbeiter wurde eine komplette Front des sechseckigen Forts zum Wohnquartier umgebaut. Es fehlt an nichts: Klimaanlage, Fernseher, Satelliten-Internet. Um den Strombedarf zu decken, schnurren drei Generatoren im Wechsel.

Der Dingistrand an der alten Festung

Der Dingistrand an der alten Festung

Wir bekommen ein iPad in die Hand gedrückt, um uns für ein Permit zu registrieren. Es ist kostenlos und erlaubt uns, zehn Tage lang in der Inselgruppe zu ankern. Dazu kommen zehn Dollar Gebühr pro Person. "Ankern ist aber nur eine Meile um das Fort herum erlaubt", erklärt uns John. "Auf der Nachbarinsel Loggerhead Cay liegt das Wrack eines gut erhaltenen Windjammers, der dort 1907 in sechs Meter Tiefe gesunken ist. Dort haben wir Muringtonnen ausgelegt, damit ihr es erschnorcheln könnt." Gerade ist Brutzeit für viele Tierarten, deshalb sind die kleinen Sandinseln Sperrgebiet. Gleich neben Garden Key brüten beispielsweise Fregattvögel, die majestätische Kreise über der Insel drehen.

Ein Fregattvogel.

Ein Fregattvogel

Als Erstes wollen wir uns natürlich das alte Fort anschauen. Es ist unglaublich, wie zu damaliger Zeit ein solches Bauwerk auf der kleinen Insel erreichtet werden konnte und wie durchdacht das ganze Konzept war. 1863 lebten hier 400 Menschen. Da es noch keine Seewasser-Entsalzungsanlagen gab, waren die Dächer der Festung zum Auffangen von Regenwasser konstruiert. Sand und Korallen bildeten die erste Vorfilterung. Das Wasser lief anschließend durch Feinfilter hinunter in Zisternen, die zum Teil heute noch in Betrieb sind. Die Bildergalerie gibt weitere Eindrücke. 

Der Abstecher hinüber zu den Tortugas waren den Umweg wert. Aber die Insel stellt für uns nun zugleich einen Wendepunkt dar. Von hier aus geht es Meile um Meile wieder zurück nach Hause. 

Cati auf dem Dach des Forts.

Cati auf dem Dach des Forts

Damit wir nicht denselben Weg wieder zurücksegeln müssen, sind wir von Fort Jefferson aus direkt nach Norden gesegelt, 130 Meilen weit nach Cape Coral. Hier beginnt der Okeechobee Waterway, der uns 154 Meilen lang quer durch Florida und über den Lake Okeechobee zurück an die Ostküste der USA führt. Damit ist Florida wohl ein Staat, von dem wir sagen können: Den kennen wir. Wir sind einmal drumherum gesegelt und sogar einmal querdurch gefahren. 

Anders als im Intracoastal Waterway, den wir die Ostküste der USA hinunter immer wieder genutzt haben, sind die Brücken im Okeechobee Waterway ein wenig flacher. Die niedrigste feste Brücke ist mit 53 Fuß angegeben, also etwa 16,15 Meter. Unser Mast samt Antennen steht 14,70 Meter über Wasser. Alle anderen Brücken sind klappbar, also haben wir uns keine Gedanken über Durchfahrtshöhen gemacht. Bis wir den Lake Okeechobee erreicht und festgestellt haben, dass eine Brücke keine Klapp-, sondern eine Hubbrücke ist. Das heißt, dass das flexible Teil nach oben gehoben wird und auf 49 Fuß stehenbleibt. Upps!

Delfine begleiten uns auf dem Weg nach Fort Myers.

Delphine begleiten uns auf dem Weg nach Fort Myers

Für den Fall, dass ein Mast zu hoch ist, gibt es unweit der Brücke einen Mann, der sich aufs Krängen von Yachten spezialisiert hat. Er befestigt mehrere große Säcke am Mast, füllt sie mit Flusswasser und kann die Schiffe damit so weit auf die Seite legen, dass sie die Brücke gefahrlos passieren können. Für den Service verlangt er jedoch 200 Dollar. Deshalb wollten wir erstmal sehen, ob wir nicht gerade noch unter der Brücke durchpassen – und haben davon ein kleines Video gemacht: 

Kommende Woche planen wir, in unserem Lieblingsplatz im Little Lake Worth vor Anker zu gehen, unserem "kleinen Wörthersee" im Norden von Palm Beach. Nebenan ist ein Supermarkt, hervorragend, um uns für unsere zweite Atlantiküberquerung zu verproviantieren. Und dann werden wir auf der Lauer liegen, um auf ein passendes Wetterfenster für den Sprung zu den Azoren warten.

Weitere Infos zur Reise: www.zu-zweit-auf-see.de

Johannes Erdmann am 20.04.2016

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