Weltumsegelung

Ein Etmal von 47 Meilen erdieselt

Johannes Erdmanns Reise über den Atlantik hat begonnen. Aber nicht mit Streckemachen im Passat, sondern mit Meilenschinden unter Maschine

Uwe Janßen am 27.02.2015
Maverick too

Es geht kaum eine Brise – da bleibt genug Muße zuzusehen, wie die Delphine um den Bug spielen

Normalerweise gilt ja für Transatlantiktörns westwärts der alte Lehrspruch "Nach Südwesten segeln, bis die Butter schmilzt, dann rechts abbiegen". In einem Jahr wie diesem, in dem der Passat erst ungewöhnlich weit im Süden beginnt, war das allerdings leichter gesagt als getan. Es erweist sich als ein zähes Geschäft in den ersten eineinhalb Wochen nach dem Abschied von Madeira. Es wollte anscheinend überhaupt nicht vorangehen.

Zu allem Überfluss hat sich dann auch noch ein ungewöhnlich weit nach Süden gelangtes Tiefdruckgebiet westlich der Kanaren festgesetzt und für uns ein Worst-case-Szenario geschaffen: leichte bis kaum wahrnehmbare Gegenwinde.

Maverick too

In Madeira haben sich viele Crews kunstvoll auf der Mole vereweigt

Wir sind am 5. Februar von Madeira gestartet – und zwar, ohne einen weiteren Halt einzuplanen. Das mag ein wenig ungewöhnlich sein, denn die meisten Atlantiküberquerer legen noch einen Stopp auf den Kanaren ein. Aber dafür fehlt uns zugleich Zeit – wir sind durch die anfänglichen Verzögerungen schon etwas spät dran –, und es fehlt die Lust. Außerdem kann man die Kanaren ja immer noch mal per Billigflieger erkunden. Wir wollen endlich hinüber in die Karibik. Das bedeutet für die direkte Passage drei Tage mehr auf See, aber das ist ja nun wirklich kein Problem.

Die „Maverick“ in der Flaute auf spiegelglatter See

Die Kanaren liegen bald querab. Ein frischer Ostwind bringt uns mit schneller Fahrt nach Süden. Doch kurz vor Las Palmas schläft er ein. Der Wetterbericht spricht von ebenjenem seltsam liegenden Tiefdruckgebiet und mehreren Tagen Flaute. So ein Mist. Die Insel in Sichtweite, zum Greifen nahe. "Sollen wir nicht doch noch mal ranfahren und die Flaute abwarten?" Eine rhetorische Frage, denn eigentlich will das keiner von uns beiden. Als am vierten Seetag der Wind komplett eingeschlafen ist, werfen wir die Maschine an und motoren zehn Stunden mit 4,7 Knoten Marschfahrt. Einfache Mathematik: ein Etmal von 47 Meilen. Besser als gar nichts und fast ein Grad geografische Breite näher zum Passatgürtel.

Am nächsten Morgen dasselbe: Maschine an und los. Den ganzen Tag wechseln wir uns am Ruder ab und steuern unser Schiff über die spiegelglatte See. Abends, gegen 20 Uhr, machen wir "Feierabend". Es fühlt sich wirklich so an. Wir stellen die Segel ein, justieren die Windsteueranlage, die uns bei zumindest einem halben Knoten Fahrt noch auf Kurs hält, machen das Luk dicht und lassen den Atlantik Atlantik sein.

Cati kocht eine leckere Gemüsepfanne. Der Ozean ist inzwischen so glatt, dass wir in der Nacht ruhiger liegen als in La Coruña in der Marina. Natürlich läuft der AIS-Warner mit und jede halbe Stunde macht einer von uns einen Rundumblick an Deck. Aber ansonsten fühlen wir uns wie vor Anker.

Maverick too

Cati Trapp am Ruder der "Maverick too"

Auch der dritte Flautentag bringt uns unter Maschine nur 70 Meilen weiter gen Süden. Die Dieselvorräte sind mit 140 Litern eigentlich zu gering bemessen, um damit über größere Teile eines Ozeans zu kuttern. "Mavericks" alter Volvo schluckt zwischen 1,5 und 2,5 Liter pro Stunde. Aber in der Flaute zu liegen und von der wieder zunehmenden Dünung von einer auf die andere Seite geworfen zu werden? Dann lieber tuckern. Einen letzten Tag noch, dann bleiben 60 Liter im Tank. Die brauchen wir als Reserve.

Nicht kleinlich sein: Hauptsache, Wind!

In der Nacht füllen sich die Segel dann endlich wieder mit leichtem Wind. Wir stehen kurz vor 25 Grad Nord. Dort, wo der Passatwind in guten Jahren spätestens zu finden sein sollte. Aber statt Nordost begleitet uns merkwürdigerweise ein Nordwestwind. Kein Passat, definitiv. Aber wir wollen nicht kleinlich sein, Hauptsache Wind!

Die Etmale werden langsam wieder größer. 112, 120 Seemeilen, dann sogar 130. Der Wind dreht auf Nordost. Das könnte er sein, unser Passat. Endlich. Sicherheitshalber bleiben wir noch zwei weitere Tage auf Südsüdwest-Kurs, um sicherzugehen, dass wir nicht wieder in eine Flaute geraten. Dann fahren wir eine Halse und gehen platt vor den Wind.

Es ist herrlich, das Schiff laufen zu sehen. 138, 142 lauten die Etmale. Die "Maverick" ist flink unterwegs. Ich muss sie eher bremsen, damit sie nicht zu schnell die Wellenberge hinuntersurft. Wahrscheinlich bin ich zu vorsichtig, die Windsteueranlage steuert selbst die kurzen Surfgänge super aus. Aber wir haben ja auch noch mehr als 2000 Seemeilen vor uns.

Lesen Sie morgen: Die Wucht einer gewaltigen Welle – und endlich im Passat!

Uwe Janßen am 27.02.2015

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