Weltumsegelung

Die netten Leute von Beaufort, NC

Segler helfen sich gegenseitig, das ist eine alte Regel. Doch die Gastfreundschaft in den amerikanischen Südstaaten ist außergewöhnlich

Johannes Erdmann am 29.07.2015
Johannes füllt die Wassertanks

Johannes füllt die Wassertanks

"Boah, ist das eng hier". Wir drehen schon die dritte Runde durch das Ankerfeld vor Beaufort in North Carolina und werden immer optimistischer. "Dazwischen, neben der Stahlyacht, da könnten wir doch noch ankern", sagt Cati. "Aber wenn der Strom kentert? Dann hängen wir dem an der Reling."

Ein Erlebnis, das zwei amerikanische Yachten mal auf Martinique neben uns hatten. Eine hatte fast hundert Meter Kette draußen, bei sieben Meter Wassertiefe. In anderen Worten: verrückt viel. Offenbar schläft der Eigner gern tief und fest. Doch dann warf ein anderer Segler direkt neben ihm den Haken, mit viel weniger Kette. 

Meist sind es ja die anderen Yachten, über die man sich beim Aufziehen eines Sturmes sorgt. Oder die, die zu nah ankern. Doch so weit kam es gar nicht, eher im Gegenteil: Der Wind flaute ab, und die Boote kreisten um ihre eigenen Ankerketten – bis sie sich Bug an Heck berührten. 

Zwei Yachten berühren sich vor Anker auf Martinique.

Zwei Yachten berühren sich vor Anker auf Martinique

Seitdem sind wir noch sorgsamer, was die Wahl unseres Ankerplatzes angeht. 

"Lass uns noch ein Stück den Fluss hochfahren", schlage ich vor, "vielleicht finden wir dort was." Aber auch flussaufwärts ist es voll. Schließlich versuchen wir unser Glück in einer Lücke. Eigentlich zu eng, wenn die leere Muringtonne vor unserem But noch belegt wird. "Wir können nur hoffen, dass der Eigner heute nicht nach Hause kommt. Sonst kommen wir ihm zu nah, wenn die Tide kentert, und müssen umankern." Kaum ist unser Haken im Grund, sehe ich, wie auf einem der Privatstege ein Mann schnellen Schrittes auf uns zukommt. "Hey", ruft er und winkt. Da ist der Eigner auch schon und will uns klarmachen, dass wir zu nah an seiner Tonne liegen, denke ich. Doch es kommt anders. 

Volles Ankerfeld in Beaufort, NC

Volles Ankerfeld in Beaufort, NC

Er ruft nochmal "Hey!", diesmal etwas lauter. Und wedelt mit den Armen. Ähnlich wie eine Stewardess in einer Linienmaschine, die auf die Notausgänge aufmerksam macht. Er zeigt entlang seines Steges. "Ey, wir sollen dort anlegen!", rufe ich Cati zu. "Wie cool ist das denn!"

Wir brauchen eigentlich nur im Standgas weiter gegen die Strömung zu tuckern, um auf gleicher Höhe mit dem Steg zu bleiben. Leicht das Ruder legen, und eine Minute später liegen wir längsseits des Privatstegs. "I am Jim", stellt sich unser Gastgeber vor und erklärt, dass er selbst gerade von einem achtmonatigen Segeltörn durch die Karibik zurückgekommen sei. "Mir ist als Segler selbst so oft geholfen worden – das möchte ich weitergeben", sagt er und zeigt auf seinen Wasserhahn. "Wenn ihr Wasser braucht, bedient euch. Aber wartet, ich bringe euch noch einen neuen Schlauch, bevor ihr die Tanks füllt." Wir können unser Glück kaum fassen. 

Alle anderen Stege sind auch leer, kaum ein Eigner eines Hauses hier am Fluss hat ein Boot im Wasser. "Ich mache das ständig", sagt er, "Segelboote hierher zu locken. Dem Dock schadet es ja nicht, wenn hier ein Boot liegt, und man lernt unheimlich viele nette Leute kennen." Einer hat das Angebot ein wenig intensiver genutzt als die anderen Gäste, "der lag mit seiner 78-Fuß-Yacht fünf Monate hier am Steg." Die meisten Segler machen offenbar genauso ein verdutztes Gesicht wie wir. "Immer wenn ich winke, sehe ich, wie sie denken: Was ist das denn für einer? Darf der uns überhaupt dorthin holen? Der Steg gehört ihm doch bestimmt gar nicht." Manchmal koste es ein wenig Überzeugung, bis eine Yacht anlegt. 

"Maverick too" am Privatsteg

"Maverick too" am Privatsteg

Als wir eine Stunde später in Richtung Altstadt laufen, ruft Jim aus dem Fenster seines Bungalows. Er hat zwar gerade Gäste da, die zum Abendessen eingeladen sind, "aber ihr könnt gern auf ein Bier reinkommen". Aus einem Bier werden zwei, und aus einem Snack ein fantastisches Sashimi aus selbstgefangener Flunder, Lachs, Shrimps und Austern. 

Eigentlich wollen wir am nächsten Tag weiter, weil wie immer die Zeit drückt. Aber die Einladung zum Abendessen am nächsten Abend können wir nicht ausschlagen. Eine gute Entscheidung, denn als wir am nächsten Vormittag das örtliche Schifffahrtsmuseum besuchen, wird plötzlich Tornadowarnung gegeben. Fast eine Stunde lang sitzen wir in einem Schutzraum des Museums und warten ab, bis das Unwetter vorüber ist. Es hat auch Beaufort nicht direkt getroffen, sondern ist vorbeigezogen. Vielleicht dort entlang, wo wir dem ursprünglich Plan nach zu diesem Zeitpunkt hätten sein wollen. Ein paar Städte weiter wird ein neuer Rekord für Regenfall aufgestellt. Der letzte stand seit 1975 und lag um ein Drittel niedriger. 

Beaufort unter Wasser

Beaufort unter Wasser

Wir sind froh, nicht ausgelaufen zu sein. Eigentlich wollten wir uns von Jims Nachbarn die zwei Fahrräder leihen, die er uns am Abend zuvor angeboten hat. Aber bei dem Regen hat Jim eine bessere Idee: "Nehmt doch mein Auto." Ohne weitere Fragen zu stellen, drückt er mir den Schlüssel in die Hand. So was habe ich noch nicht erlebt. 

Abends bekommen wir einen Querschnitt in die amerikanische Südstaatenküche aufgetischt: Barbequed Pork, Okra-Schoten, Süßkartoffeln mit Butter und Zucker/Zimt, … Unglaublich lecker. Wir klönen die halbe Nacht über das Segeln in der Karibik und in Europa. Jims Heimatrevier sind die US Virgin Islands. Die Britischen Jungferninseln kennt er natürlich auch gut, wohl mit das beliebteste Charterrevier der Welt. Auch weil es so abwechslungsreich und navigatorisch einfach ist. "Wenn Walt Disney einen Themenpark fürs Segeln erfunden hätte, sähe er wohl so aus wie die British Virgin Islands", lacht er. 

Am nächsten Morgen müssen wir unseren Zeitplan wieder aufholen. Nach den Unwettern des letzten Tages dreht der Wind auf Nord – direkt von vorn. Den ersten Tag schaffen wir meist kaum, mit drei Knoten Fahrt über Grund gegen den starken Wind anzufahren. Und vor allem die Strömung, denn der Wind drückt das Wasser durch die Kanäle nach Süden. 

Wasser auf allen Straßen

Wasser auf allen Straßen

Gern wären wir länger in Beaufort geblieben und hätten uns auch etwas von der Umgebung angeschaut. Vielleicht auf dem Rückweg. Jim hat uns eingeladen, wieder vorbeizuschauen und ein paar Nächte an seinem Dock zu liegen. 

Solche Gastfreundschaft erlebt man nicht oft. Wann hat mal jemand an der Ostsee einem ausländischen Segler sein Fahrrad angeboten oder gar ein Auto?

Inzwischen haben wir unseren Sommerliegeplatz im Norden North Carolinas erreicht, die mit Abstand billigste Marina im ganzen Land. Wir zahlen hier 196 Dollar im Monat, Strom und Wasser inklusive. In den meisten anderen Marinas wäre es das Vierfache, in Florida sogar 65 Dollar die Nacht. Die Marina hat ein Courtesy-Car, mit dem wir gestern ein paar Stunden nach dem Anlegen gleich kurz im Baumarkt waren. Zwei Stunden später hat uns unser neuer Nachbar (ebenfalls Jim) angeboten, seinen Truck mitzubenutzen, weil wir ihm beim Anlegen die Leinen angenommen haben. 

Es macht echt großen Spaß hier. Und es macht nachdenklich. Wie können wir es nach unserer Rückkehr Leuten wie Jim gleichtun? Man will etwas davon weitergeben.

Weitere Infos zur Reise: www.zu-zweit-auf-see.de

Johannes Erdmann am 29.07.2015

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online