Volvo Ocean Race

Mark Towill spricht: Was bei der Kollision wirklich geschah

Erstmals hat das Team Vestas 11th Hour Racing Details zur tragischen Kollision am Ende von Etappe 4 veröffentlicht, bei der ein Mensch ums Leben gekommen war

Tatjana Pokorny am 02.03.2018
Volvo Ocean Race 2017/2018
Sam Greenfield/VOR

Das Team Vestas 11th Hours Racing hat erstmals umfangreich zur tragischen Kollision der eigenen Rennyacht mit einem nicht am Rennen beteiligten chinesischen Fischerboot am frühen Morgen des 20. Januar vor Hongkong Stellung genommen. In einem vom Team selbst veröffentlichten Interview mit dem damals verantwortlichen Skipper Mark Towill spricht der Amerikaner, der inzwischen einige Zeit zu Hause bei seiner Familie und Freunden verbracht hat, über die Ereignisse der dramatischen Nacht und Schwierigkeiten der Rettungsaktion. Inzwischen ist das Team in Auckland wieder zusammengekommen. Die Mannschaft wurde auch darüber informiert, dass die Untersuchungen der in Hongkong ansässigen und der chinesischen Behörden sehr bald eingestellt würden und dem Team keine Sanktionen drohen. Deshalb hat Mark Towill nun erstmals ein ausführliches Interview geben können. YACHT online gibt dieses Interview mit Mark Towill in voller Länge übersetzt wieder.

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Auch Skipper Charlie Enright ist inzwischen wieder beim Team in Neuseeland. Er hatte auf Etappe 4 ausgesetzt und seinem Freund, Team-Mitgründer und Co-Skipper Mark Towill das Kommando überlassen

Was ist passiert, als Sie sich der Ziellinie der vierten Etappe genähert haben?

Wir waren etwa 30 Seemeilen von der Ziellinie entfernt. Ich war in der Navigationsstation und habe Radar und AIS (Automatisches Identifikations-System, d. Red.) beobachtet und mit der Crew an Deck via Intercom kommuniziert. Ich habe auf dem AIS drei Schiffe gesehen: einen Kabelleger, den wir gerade passiert hatten, ein Boot weiter voraus, das sich vor unserem Bug über den Kurs schob und entfernte. Und ein drittes Fahrzeug, das als Fischerboot identifiziert wurde. Es gab noch eine Reihe weiterer Boote auf dem AIS zu sehen, darunter viele Fischerboote. Aber diese drei waren die einzigen, die wir in unserer Nähe identifizieren konnten.

Wie waren die Bedingungen? Was konnten Sie sehen?

Es war eine dunkle wolkenverhangene Nacht mit Winden um 20 Knoten und moderater See. Während wir uns dem identifizierten Fischerboot näherten, bestätigte die Anbord-Crew Sichtkontakt. Das Fischerboot war gut beleuchtet, und wir gingen auf Steuerbordbug, um uns frei zu halten. Ich blickte weiterhin auf das AIS und kommunizierte die Entfernung und die Peilung an die Crew. Die Crew bestätigte, dass wir am Fischerboot vorbeikreuzen würden, als es – noch vor dem erwarteten Kreuzen – zur Kollision kam.

Was geschah direkt nach der Kollision?

Es geschah so viel so schnell. Die Wucht der Kollision hat uns in eine Wende geschleudert, auf die wir nicht vorbereitet waren. Alle, die gerade wachfrei waren, kamen an Deck. Allen bei uns an Bord ging es beim Durchzählen gut. Wir haben den Bug kontrolliert, sahen das Loch auf der Backbordseite und gingen unter Deck, um den Schaden zu untersuchen. Wir hatten Wassereinbruch durch das Loch und Bedenken, was den Zustand der Struktur der Bugsektion betraf.

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Wie haben Sie den Wassereinbruch in den Griff bekommen?

Wir haben das Boot nach Steuerbord gekrängt, um die Backbordseite aus dem Wasser zu bekommen. Der Segelstapel befand sich schon auf Steuerbord, und der Steuerbord-Ballasttank war voll. Außerdem haben wir den Neigekiel auf Steuerbord gehalten. Wir haben unsere Notfallpumpe in den Bug gesteckt, um das Wasser rauszupumpen. So gelang es uns, den Einbruch zu minimieren. Dabei war das Boot schwer zu manövrieren, weil es so krängte.

Welche Maßnahmen haben Sie sofort ergriffen, nachdem das Boot unter Kontrolle war?

Es hat ungefähr 20 Minuten gedauert, bis wir das Boot unter Kontrolle hatten. Dann sind wir zur Unglücksstelle zurückgekehrt. Als wir dort ankamen, haben mehrere Leute auf einem Fischerboot in der Nähe mit Taschenlampen auf einen Punkt im Wasser gezeigt. Unser erster Gedanke war, dass sie nach jemandem suchen. Also haben wir umgehend eine Such- und Rettungsaktion eingeleitet. Nach einiger Zeit haben wir schließlich eine Person im Wasser gesichtet.

Mit wem sind Sie in Kontakt gewesen? Hat jemand Unterstützung angeboten?

Wir haben versucht, das andere in die Kollision verwickelte Boot zu kontaktieren. Und wir haben sofort Race Control alarmiert. Als wir die Such- und Rettungsaktion eingeleitet haben, hat unser Navigator sofort im Namen des Fischerbootes einen Mayday-Ruf über Kanal 16 abgesetzt. Es waren einige Boote in dem Gebiet unterwegs, darunter auch ein Kreuzfahrtschiff mit einer Krankenstation. Die waren alle in Bereitschaft.

Die Kommunikation war schwierig. Schon das Ausmaß des Funkverkehrs machte es uns schwer, mit den Leuten zu kommunizieren, die wir erreichen mussten. Auch sprachen im Funk nicht viele Leute Englisch. Doch wir fanden einen Weg, unsere Nachrichten mithilfe des Kabellegers abzusetzen. Auch konnten die ihr Wachboot zur Unterstützung bei der Such- und Rettungsaktion schicken.

Wie wurde der Verunglückte geborgen?

Schwierige Bedingungen und eingeschränkte Manövrierfähigkeit haben unsere ersten Versuche der Bergung des Verunglückten behindert. Das Wachboot des Kabellegers hat seine Unterstützung angeboten, und sämtliche in die Such- und Rettungsaktion involvierten Parteien haben alle Anstrengungen unternommen. Schließlich ist es uns nach mehreren Versuchen gelungen, den Verunglückten zu bergen. Wir haben ihn an Bord bekommen, und unsere Mediziner haben die Herz-Lungen-Wiederbelebung eingeleitet. Wir haben das Marine Rescue Coordination Centre in Hongkong alarmiert und informiert, dass wir einen Verunglückten an Bord haben. Sie haben bestätigt, dass Unterstützung aus der Luft unterwegs sei. Er wurde vom Helikopter aufgenommen und in ein Krankenhaus in Hongkong geflogen, wo die Ärzte ihn aber nicht mehr wiederbeleben konnten.

Hat einer der Teilnehmer (Red.: am Volvo Ocean Race) Hilfe angeboten?

Das Dongfeng Race Team hat seine Unterstützung angeboten. Zu der Zeit haben wir gerade die Such- und Rettungsaktion mit mehreren Booten koordiniert, unter denen sich auch der Kabelleger mit einem Crewmitglied befand, das Chinesisch und Englisch gesprochen hat und auf unsere Kommunikation angewiesen war. Wir haben Dongfeng benachrichtigt, dass ihre Hilfe nicht erforderlich sei, weil eine Reihe anderer Boote in dem Gebiet dichter dran waren. Team AkzoNobel kam, als der Helikopter die Bergung bereits eingeleitet hatte. Race Control hatte sie zum Standby aufgefordert, und das taten sie. Wir haben sie später entlassen, als die Helikopter-Mission beendet war.

Was geschah, als die Such- und Rettungsaktion abgeschlossen war?

Sobald wir wussten, dass wir an der Unglücksstelle nichts mehr tun können, haben wir sichergestellt, dass unser Boot immer noch sicher war und das Volvo Ocean Race darüber informiert, dass wir die Etappe aufgeben und die Küste unter Motor anlaufen würden. Wir erreichten den technischen Bereich in der Nähe des Race Village und trafen uns dort mit den Offiziellen und den örtlichen Behördenvertretern, um über die Ereignisse zu berichten. 

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Tatjana Pokorny am 02.03.2018

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