Volvo Ocean Race

"Der Albtraum, den wir in unserem Job am meisten fürchten"

Die Teams reflektieren die Kap-Hoorn-Passage und gedenken John Fisher. Ein Dongfeng-Video zeigt die Härten, drei Segler blicken auf das Erlebte zurück

Tatjana Pokorny am 30.03.2018
Kap Hoorn
Ainhoa Sanchez / Volvo Ocean Race

Kurz vor oder kurz nach der Rundung Kap Hoorns haben die Teams ihre Kommentare zu dieser klassischsten aller Passagen geschickt. Drei von ihnen veröffentlichen wir hier stellvertrend für alle anderen, weil sie die Ereignisse gut auf den Punkt bringen, einen der brutalsten Abschnitte in der Geschichte des Volvo Ocean Race reflektieren und die Bedeutung der Kap-Hoorn-Rundung erklären.

Der Video-Clip von Charles Caudreliers Dongfeng Race Team zeigt die ganze Brutalität des Southern-Ocean-Abschnitts dieser Etappe von Auckland ins brasilianische Itajaí und auch den verhaltenen Stolz der Segler, die legendäre Landmarke erreicht zu haben

Volvo Ocean Race 2017/2018

Ein Selbstporträt von Dongfengs Anbord-Reporter Martin Keruzoré

Von Martin Keruzoré, Anbord-Reporter im Dongfeng Race Team

Kap Hoorn – des Seefahrers Goldschmied

Heute Morgen hat der Horizont die weise Entscheidung getroffen, sich zu formieren. Aus diesem Anlass sind alle an Deck. Auf der Backbordseite trägt er eine dunkle und kontrastreiche Kette, die mit einer Reihe kleiner, hübsch geordneter Berge geschmückt und von gedämpftem Licht in Szene gesetzt ist, das uns willkommen heißt.

Vor unserem Bug erscheint ein großer, aufrechter und imposanter Felsen, höher als die anderen, das Kap. Unter großen grauen Wolken sind die Albatrosse – wie immer bei großen Anlässen – zur Stelle, fliegen über uns hinweg mit kräftigen Flügelschlägen, doch dieses Mal ist es ein Abschied.

Der Southern Ocean sagt uns auf Wiedersehen, eine Salve von Pazifikwellen drückt uns in Richtung Ausgang, in Richtung Erlösung nach dieser Hölle von Überfahrt.

Es kommt näher, es nimmt Konturen an, es wird klarer, die Nuancen, das Relief, Kap Hoorn gehört uns, dieses Kap, das von so vielen Geschichten umrankt und von Opfern gezeichnet ist. Es beobachtet uns bei der Passage unterhalb seiner Nase, ohne ein Zeichen oder einen Ton.

Wir schlüpfen in Stille an ihm vorbei, die See wird ruhiger, unser Kielwasser löst sich nur langsam auf, als wolle es einen Gedanken an unseren Freund hinterlassen, der hier bleibt.

Das ist es. Wir drehen das Steuer und nehmen Kurs auf Zuhause nach vier Monaten Abwesenheit vor dir – wir sind zurück im Atlantik. 

Volvo Ocean Race 2017/2018

Dongfengs nachdenklicher Skipper Charles Caudrelier

Von Charles Caudrelier, Skipper im Dongfeng Race Team

Kap Hoorn ist geschafft!

Ja, wir haben es geschafft! Wir haben es nach einer der vermutlich härtesten Abschnitte in der Geschichte des Volvo Ocean Race passiert. Unglücklicherweise war es auch einer der dramatischsten. John Fisher hat uns verlassen, und die Kap-Hoorn-Passage war nicht, wie wir sie erwartet haben; wir können John und seine Familie nicht vergessen.

Meine Gedanken gehen auch an David (Witt, d. Red.), seinen Freund und Skipper, und das ganze Team. Scallywag war das Lächeln dieses Rennens, und ich habe ihren Geist gemocht. Ich möchte David gern meine Unterstützung geben; als Skipper ist das der Albtraum, den wir in unserem Job am meisten fürchten: ein Crew-Mitglied zu verlieren. Aber das ist unglücklicherweise Teil unseres Sports. Dieses Risiko existiert, wie auch bei den Bergsteigern und Freeclimbern in der Höhe.

Das Risiko ist sehr klein im Vergleich zu jenem in den Bergen, aber es existiert. Wir versuchen immer, sicher zu segeln, aber wir segeln ein Rennen auf einem Hochgeschwindigkeitsboot im gefährlichsten Ozean. Das ist Teil des Hochseesegelns und seiner Legende. Wir alle kommen, um dieser Herausforderung zu begegnen und die Grenzen zu verschieben. 

Volvo Ocean Race 2017/2018

Vestas-Navigator Simon "Si Fi" Fisher

Von Simon "Si Fi" Fisher, Navigator im Team Vestas 11th Hour Racing

Es sind nur noch ein paar Stunden, bis wir Kap Hoorn erreichen. Als Abschiedsgeschenk serviert uns der Pazifik noch eine Schippe von mehr als 40 Knoten Wind mit Böen über 50 Knoten. Während wir die Kontinentalplatte erreichen, türmen sich die Wellen noch höher auf als normalerweise. Alle 30 Sekunden rast das Boot die Wellen mit Geschwindigkeiten von über 30 Knoten hinunter, um dann im Wellental so dramatisch langsamer zu werden, dass du dich gegen die Wucht abstemmen musst.

Hier in der Navigationsecke zu sitzen fühlt sich an, als wäre man in einem dahinrasenden dunklen und feuchten U-Bahn-Waggon eingesperrt. Wüsstest du nicht um das Kaliber der Segler an Deck, dann würdest du denken, dass wir außer Kontrolle geraten sind. Bei jeder Welle, die wir hinabsegeln, verursacht der Saildrive mit seinem Faltpropeller schreiende Geräusche wie ein Star-Wars-Raumschiff im Gefecht, was den Eindruck von den herrschenden Kräften und der Geschwindigkeit noch verstärkt.

Kap Hoorn ist natürlich das ikonischste aller Kaps. Nicht als Kap selbst, sondern aufgrund dessen, was es repräsentiert: die Tatsache, dass wir endlich den Southern Ocean bezwungen haben. Wir haben viele Tage mit schwerem Wetter, Stürmen, Sturmböen, Schnee, Hagel und frostigen Temperaturen ertragen. Massive Wellen und heulende Winde. Das alles in einer so eng beeinander liegenden Flotte leistungsstarker Boote, dass wir keine andere Wahl hatten, als beständig zu 100 Prozent am Limit zu segeln. Kap Hoorn dieses Mal zu passieren, das wird erfüllender sein als jemals zuvor.

Wir freuen uns darauf, das Kap zu sehen, werden einen Moment innehalten und reflektieren, was wir ertragen haben. Wir werden einen Toast darauf ausbringen, was wir erreicht haben und jener gedenken, die wir auf so traurige Weise verloren haben.

Wenn dann der Moment vorüber ist, dann werden wir wieder an die Arbeit gehen und bis Brasilien hart racen.

Cheers, Si Fi.

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