Vendée Globe
"Yes We Cam!"-Skipper Le Cam Vierter: "Da muss ich kichern"

Er hat Boris Herrmann auf Platz fünf verdrängt, doch Jean Le Cam, 61, gönnen das alle. Dazu hat der Rekordteilnehmer eine Botschaft für die nächste Generation

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert vor 3 Monaten
Jean Le Cam Jean Le Cam Jean Le Cam

Jean-Marie Liot / Alea / #VG2020 Jean Le Cam

Jean-Marie Liot / Alea / #VG2020 Einer der großen Charaktere des Rennens: Jean Le Cam

Es war ein nasser und unangenehmer Donnerstagabend, an dem Vendée-Globe-Rekordteilnehmer Jean Le Cam am 28. Januar die Ziellinie überquerte. Sein Endspurt war staunenswert, mitreißend, unaufhaltsam. Wie ein entfesseltes, schon etwas betagteres Rennpferd, trieb der 61-Jährige aus La Forêt-Fouesnant seine "Yes We Cam!" auf Kurs Les Sables an. Zusammen gaben Skipper und Boot noch einmal alles. Le Cams Teammanagerin Anne Combier hatte ihm am Morgen seines letzten Tages auf See erklärt, dass er tatsächlich noch Vierter werden könnte. Das hat den ältesten und erfahrensten der ursprünglich 33 ins Rennen gestarteten Skipper zu einem fantastischen finalen Kraftakt motiviert. Als Jean Le Cam die Linie um 20:19:55 Uhr Ortszeit kreuzte, rückte er in Kombination mit seiner Zeitgutschrift über 16 Stunden und 15 Minuten, die der Escoffier-Retter nach seinem heroischen und erfolgreichen Einsatz von der Rennleitung als Wiedergutmachung erhalten hatte, von Platz acht auf dem Wasser auf Platz vier im Klassement vor. Es gibt kaum jemanden, der ihm das nicht gönnt.

Jacques Caraës / #VG2020 Diesen Schnappschuss hat Renndirektor Jacques Caraës selbst in den unwirtlichen Bedingungen bei Jean Le Cams Zieldurchgang gemacht

Jean-Marie Liot / Alea / #VG2020 Zum fünften Mal hält Jean Le Cam die roten Bengalos am Ende einer Vendée Globe in Händen

Nicht erst seit seinem berühmten Telefonat mit Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron ist Jean Le Cam zum Superhelden der Vendée Globe und des französischen Segeluniversums aufgestiegen. Er versteht es wie kaum ein anderer, das Rennen seines Lebens, das er bei bei der fünften Auflage 2004/05 als Gesamt-Zweiter auch schon einmal auf dem Podium beenden konnte, Fans und Öffentlichkkeit in einzigartiger "Le Cam"-Weise näherzubringen. Seit er Kevin Escoffier am 1. Dezember nach dessen elfeinhalbstüdigem Martyrium in dunkler Nacht aus südatlantischen Wellen fischte und ihm damit das Leben rettete, huldigen dem Altmeister des Solosegelns noch mehr Menschen als schon zuvor. Nun ist er angekommen im Start- und Zielhafen Les Sables-d‘Olonne und darf sich von den Strapazen seiner fünften Vendée-Globe-Runde um die Welt erholen.

Yes, he can! Rekordteilenhmer Jean Le Cam kehrt in den Start- und Zielhafen zurück. Die Kanalfahrt wurde zur Triumphfahrt für den ältesten Starter, der dem Rennen so viel zu geben hatte und Kevin Escoffier das Leben rettete

Jean-Marie Liot / Alea / #VG2020 Alle wollten Jean Le Cam nach seinem Zieldurchgang sehen, hören, sprechen…

Jean-Marie Liot / Alea / #VG2020 Eine Krone für den König: In Frankreich trägt Jean Le Cam den Spitznamen "Le Roi"

Zuvor aber gab der nimmermüde, einzigartige und prägende Charakter der Vendée Globe noch Einblicke in seine Gedankenwelt am Ende seines aufsehenerregenden Abenteuers:

"Das ist eine Ziellinie, wie ich sie noch nie in meinem Leben gekreuzt habe. Ihr werdet morgen sehen, warum ich das sage. Ich habe keine Ahnnung, wie ich es bis hierher geschafft habe. Ehrlich, ich habe keine Ahnnung. Aber es ist geschafft! Das hier ist ganz sicher eine Befreiung. Diese Vendée Globe war eine irre Nummer. Ich habe es trotz allem geschafft. Und dann bin ich offensichtlich auch noch Vierter! Ich gebe seit zwei Tagen Gas, um nur ja nicht die Tide zu verpassen. Heute Morgen sagte meine Managerin Anne zu mir, dass ich immer noch an Boris Herrmann vorbeirücken kann. Das hätte ich mir nie vorstellen können! Ich war schon froh darüber, vor Groupe Apicil zu sein. Da ging es um den Wettbewerb der Boote mit Schwertern untereinander. Diese Herausforderung hat das Rennen ausgemacht. Diese Foiler sind wie Puzzlespiele, wie Computer-Sofware. Doch Segeln ist keine exakte Wisseschaft! Für mich ist das Wichtigste, dass ich der jüngeren Generation zeigen konnte, dass man die Vendée Globe auch mit beschränkten Mitteln bestreiten kann. Dazu habe ich entsprechende Rückmeldungen von jungen Leuten bekommen. Ich bin glücklich, weil ich sehe, dass die Budgets höher und höher steigen. Deswegen ist das hier ein echter Sieg. Ich bin einfach von hier nach hier gesegelt. Aber wenn ich das zu oft sage, muss ich immer kichern."

Dasselbe Boot, das "König" Jean Le Cam nun auf Platz vier trug, hat ihn schon bei der letzten Vendée Globe um die Welt und auf Platz sechs gebracht. Wie ruhig und konstant Jean Le Cam trotz spektakulärer Rettungsaktion im Südatlantik, Übergabe des geretteten Kevin Escoffier an die französische Marine auf hoher See und einer Reihe technischer Rückschläge seine fünfte Runde um die Welt absolviert hat, zeigt die Übersicht:

"Bonjour, Monsieur President!" Das Gespräch von Staatspräsident Emmanuel Macron, Jean Le Cam und Kevin Escoffier wurde zum Internet-Hit. Macron bedankt sich bei Jean Le Cam für die Rettung von Kevin Escoffier und spricht mit beiden Seglern an Bord der "Yes We Cam"

Jean Le Cams Schlüsselmomente:

Äquator: 4. Platz am 18. November um 13.19 Uhr (UTC) nach 9 Stunden, 23 Minuten, 59 Minuten

Kap der Guten Hoffnung: 6. Platz am 2. Dezember um 4.52 Uhr (UTC), 1 Tag, 5 Stunden, 41 Minuten nach dem Spitzenreiter

Kap Leeuwin: 6. Platz am 14. Dezember um 2.31 Uhr (UTC), 11 Tage, 21 Stunden, 21 Minuten nach Passage des Kaps der Guten Hoffnung

Kap Hoorn: 7. Platz am 4. Dezember um 20.18 Uhr (UTC) nach 57 Tagen, 6 Stunden, 58 Minuten

Äquator: 8. Platz am 17. Januar um 14.14 Uhr (UTC) nach 70 Tagen, 54 Minuten

Ziel: 8. Platz auf dem Wasser – 4. Platz nach Abzug der Zeitgutschrift

Wertungszeit: 80 Tage, 13 Stunden, 44 Minuten, 55 Sekunden (abgezogen ist bereits die Zeitgutschrift von 16 Stunden und 15 Minuten)

Schnellstes 24-Stunden-Etmal: 7. Dezember (8 Uhr (UTC)) mit 459,61 Seemeilen bei einem Durchschnitt von 19,2 Knoten

Themen: Boris HerrmannJean Le CamVendée GlobeYes We Cam


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