Regatta

Wettlauf zum Passat

Yannick Bestavens Führung schmilzt dahin, "Apivia" liegt nur noch 66 Meilen zurück. Boris Herrmann arbeitet sich langsam vor, ist jetzt Siebter

Andreas Fritsch am 11.01.2021
Seaexplorer
Yann Zeda/Alea/VG 20

"Seaexplorer"

Allmählich dürfte Yannick Bestaven gehörig schwitzen, und das liegt nicht nur an den steigenden Temperaturen: Seine Führung ist in vier Tagen von über 430 Meilen auf heute morgen nur noch 66 zusammengeschmolzen. Während er gestern in einem Windloch vor der Küste Brasiliens steckenblieb, konnte Charlie Dalin mit seiner "Apivia" in besten Halbwind-Bedingungen oft fast dreimal so schnell segeln wie Bestaven.

Und das, obwohl Dalin auf Backbordbug segelt, der beschädigten Foil-Seite seines Bootes. Bislang hat er nie preisgegeben, ob der gebrochene und notdürftig geflickte Schwertkasten so gut hält, dass er zumindest noch teilweise das Foil nutzen kann. Doch es sieht fast so aus, denn während Thomas Ruyant, ebenfalls auf dem Bug durch sein kaputtes, abgesägtes Foil beeinträchtigt, deutlich langsamer segelt, zieht Dalin ihm langsam, aber sicher davon. Vermutlich foilt "Apivia" also noch durchaus ganz gut.

Stand Montag

Stand des Rennens um 9:00 Uhr

Die Frage für den weiteren Rennverlauf ist, wie gut Bestaven sich am Wind gegen den angeschlagenen Foiler von Dalin wehren kann. Auf dem Papier müsste dessen Boot deutlich schneller sein, doch fast die gesamte Strecke zum Äquator wird auf dem Backbordbug gesegelt. Und: Bestaven segelt schon am Wind in den Bedingungen, die bis zum Äquator reichen, Dalin muss noch aus dem Rand des Hochdrucks heraus kommen, und laut Wettermodellen könnte er dort auch in der Flautenzone des sich gerade rapide vergrößernden St.-Helena-Hochs hängenbleiben. Dann könnte "Maître Coq" sich wieder absetzen. Erreicht Dalin gerade noch die Nordostwinde, in denen Bestaven segelt, ist er im gleichen Wettersystem, vielleicht schlägt hinter ihm dann die Tür zu, und Thomas Ruyant und die anderen Verfolger bleiben dort erst einmal stecken. 

Boris Herrmann im Interview mit dem NDR

Noch immer im Hinterkopf muss Charlie Dalin außerdem behalten, dass er Yannick Bestaven nicht nur im Ziel schlagen muss, sondern das auch noch mit mehr als 10 Stunden und 15 Minuten Vorsprung –  Bestaven erhält noch eine Zeitgutschrift in dieser Höhe für die Teilnahme an der Rettungsmission für Kevin Escoffier.

In der Verfolger-Gruppe segelt Boris Herrmann mittlerweile auf Platz sieben, nachdem er gestern seinen Langzeit-Rivalen Jean Le Cam wieder überholen konnte. "Seaexplorer" läuft superguten Speed, seit Tagen beständig schneller als dieser, Giancarlo Pedote ("Prysmian Group") und Benjamin Deutreux ("Omia Water Family"). Endlich kann Herrmann, wie schon vor der Kap-Hoorn-Passage angekündigt, den Vorteil seiner Foils wirklich ausspielen. Beim 9-Uhr-Update war er mit fast 20 Knoten unterwegs, rund vier Knoten schneller als Benjamin Dutreux, der nur noch elf Meilen vor ihm liegt. "Auf dem Papier habe ich das schnellste Schiff im Verfolger-Rudel hier. Mit etwas Wetterglück kann ich mich an die Spitze dieses Rudels setzen", sagte Herrmann gestern. Damien Seguin und Louis Burton einzuholen sei da schon deutlich schwieriger. 

Erleichtert zeigte sich der Deutsche, dass er endlich wieder in besseren Bedingungen segelt: "Davon habe ich geträumt: Hitze. Mittlere Downwind-Bedingungen. Kein Stampfen, Schlagen, Kreischen. Keine Angst, das Boot oder Segel brechen. Kein Problem. Seit dem Nachmittag haben wir solche Bedinungen. Heute morgen bin ich immer noch bei 27 Knoten gefahren, aber jetzt habe ich die Bedingungen, von denen ich geträumt habe. Von  hier bis zu den Azoren ist angenehm und machbar. In 12 Stunden wechselte meine Bekleidung von zwei Lagen zum T-Shirt."

Wie Herrmann am Wochenende in der Vendée-Globe-Mittagssendung preisgab, spekuliert er noch immer auf den fünften Platz. Dort segelt der enorm starke Louis Burton, er liegt derzeit noch rund 130 Meilen vorn. Machbar, aber die nächsten Tage werden kompliziert: Das Feld fährt in löchrigem Wind, der in einem wechselhaften, schmalen Band vor der Küste Brasiliens weht. Wer das Band auch nur um ein paar Meilen verpasst, parkt ein. Die Verfolger sehen das, segeln etwas westlicher und marschieren durch. Tricky.

In der Vendée-Live-Sendung gestern sagte Jean-Piere Dick, der das Rennen schon dreimal bestritten hat, dass noch mindestens die ersten fünf Boote um den Sieg mitfahren, da das Wetter so kompliziert ist. Zurzeit sieht es so aus, als ob der Sieger noch mindestens bis zum 29. Januar brauchen wird.

Andreas Fritsch am 11.01.2021

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