Vendee Globe 2020

Was Boris Herrmann in den Seesack packt – Teil 3

Welche Ausrüstung der deutsche Solo-Skipper auf das Nonstop-Rennen um die Welt mitnimmt … In dieser, unserer letzten Folge: alles zum Warmhalten und Wohlfühlen

Jochen Rieker am 08.11.2020
Boris Herrmann an Bord seiner "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco"
Team Malizia/A. Lindlahr

Boris Herrmann an Bord seiner "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco"

Die ersten Bilder aus Les Sables von Team Malizia treffen schon seit den frühen Morgenstunden über WhatsApp ein. Auch der Livestream vom Ablegen und der legendären Ausfahrt aus dem Hafen, dessen Wellenbrecher sonst von Zigtausenden Fans gesäumt sind, läuft bereits. Diesmal jedoch bleiben die Molen Corona-bedingt leer. Nur von den Balkonen der Häuser an den Kais wird gejubelt.

Es ist feucht, diesig und kalt – eine gute Einstimmung auf die noch weit entbehrungsreicheren Wochen im Südmeer, entlang der Eisgrenze, die den Skippern bevorstehen. Da verwundert es nicht, dass Boris Herrmann vorgesorgt hat. In seiner persönlichen Ausrüstung finden sich etliche Dinge, die ihm die kommenden 70 bis 80 Tage heiterer und gemütlicher machen. Hier sind sie: 

1) Zum Anstoßen
Drei Buddels Single Malt Whisky, eine für jedes der großen Kaps. Das hat Tradition, selbst bei den Profis. Und keine Sorge: Jede Flasche enthält nur 0,05 Liter des bernsteinfarbenen Gebräus. Da Boris stets auch Rasmus mit einem Schlückchen bedenkt, besteht keine Gefahr für einen Hangover. 

2) Zum Genießen
Die vielleicht überraschendste Position auf der Packliste: zwei kleine Trinkgläser. Sie laufen an Bord eines Imoca-Renners definitiv unter Luxus. Warum also? Nun, weil sie den Genuss verlängern. "Der Whisky schmeckt daraus noch besser, und er kann unter Deck sein volles Aroma entfalten", sagt Boris Herrmann, der lange auf solch intensive Gerüche wird verzichten müssen.

3) Für den Geschmack
Apropos Genuss: Zu den Dingen, ohne die der Hamburger nie ablegen würde, gehört auch eine kleine Gewürzsammlung, für die ihm sein Team eigens einen Halter gebastelt hat. Darin: Chili-Pulver, Pfeffer, Salz, Tabasco und Harissa, um die Expeditionsnahrung aufzupeppen, die er an Bord hat (die eine Hälfte aus Gewichtsgründen gefriergetrocknet, die andere "nass" verpackt) 

4) Für zwischendurch
Wenn Äpfel, Orangen und die wenigen restlichen frischen Lebensmittel vertilgt sind, die Boris wie klassische Langfahrtsegler in Netzen unterm Kajütdach mitführt, bleiben ihm noch andere Snacks: Er schwört auf nachhaltig produzierten Käse und Biscuits von der italienischen Fattoria La Vialla. Deren Produkte liebt übrigens auch Wilfried Erdmann.

5) Zur Kontrolle
Um immer voll leistungsfähig zu bleiben, darf der Körper nicht dehydrieren. Dagegen hilft, ganz einfach eigentlich, viel zu trinken. Aber wie viel ist genug? Und wie viel schon intus? Darauf zu vertrauen, dass er schon Durst kriegen wird, ist für einen Spitzensportler wie Boris Herrmann keine Lösung. Denn dann ist er schon weit im Soll. Deshalb hat er bei der Vendée erstmals eine Wasserflasche mit Füllstandsmesser und App-Anbindung* an Bord. Die misst, wie viel er trinkt, und zeigt es ihm auf seinem iPhone an. 

6) Zum Einschlafen
Im Nordatlantik und im Südmeer wird die Flotte bei nahe null Grad Lufttemperatur unterwegs sein. Unter Deck ist es dann dauernd feucht und klamm. Solange sich die Skipper bewegen, ist das mit guten Klamotten auszuhalten – aber im Schlaf, wenn der Körper runterfährt, nicht. Deshalb haben alle dicke Expeditionsschlafsäcke dabei, manche mit Synthetikfüllung, manche auch mit hygroskopisch behandelten Daunen als Wärmeschicht. Boris nimmt obendrein noch eine dicke Fleecedecke mit. Die hält ihn warm, wenn er ein kleines Nickerchen in seinem Carbon-Sitz macht. 

Und dann ist da noch ein Utensil an Bord, mit dem vermutlich kaum jemand rechnen würde: eine kleine Wärmflasche mit Fellbezug*. Sie ist ein Beleg für Boris' große Erfahrung in Extremrevieren. Falls die Füße im Südmeer mal nicht mehr "auftauen" wollen, was durchaus vorkommen kann, füllt er den Gummibeutel mit kochendem Wasser und nimmt ihn mit in den Schlafsack.  

7) Zum Drandenken
Über seiner Koje hängt etwas, das vielleicht nicht den Körper, aber sein Herz erwärmt: ein Adventskalender aus Papier, gefüllt mit Schokolade. Statt eines Weihnachtsmanns strahlt ihn darauf ein Foto seiner Frau Birte und seiner Tochter Marie-Louise an. Und es sind nicht die einzigen Bilder seiner Liebsten, die er an Bord hat. Eine gute Motivation, um erstens sicher und zweitens schnell zu segeln.

8) Zum Reflektieren
Sein Mentaltrainer Thomas Theurillat hat Boris ein Logbuch mit auf die Vendée gegeben. Es hat genau 80 Seiten, eine für jeden Tag auf See. Und die sind bereits durchdatiert, beginnend mit dem 8. November. Jeder Tag ist in drei Felder  gegliedert: Boot, Wetter, Psyche. Darin wird Boris festhalten, wie er die Lage einschätzt, was gut läuft, was er noch verbessern kann. "Das wird mir helfen, einen Helikopterblick einzunehmen – gerade auch, wenn's mal hart kommt."  

9) Zur Orientierung
Im ständigen Schlaf-Wach-Wechsel eines Soloseglers kann die innere Uhr schon mal durcheinander kommen. Deshalb tragen fast alle Skipper einen Zeitmesser am Handgelenk. Alex Thomson bindet sich zusätzlich sogar eine Art "Elektroschocker" um, weil er so tief wegdöst, dass ihn auch ein lauter Alarm nicht wachkriegen würde. Boris dagegen vertraut auf einen mechanischen Chronografen: die SeaQ von Glashütte Original mit großen Leuchtziffern, die er auch in tiefster Dunkelheit ablesen kann, und 100 Stunden Gangreserve.

10) Für den Durchblick
Die kleine, feine Schweizer Sonnenbrillen-Marke Vallon hat eigens für Boris und sein Team Malizia eine Sonderedition aufgelegt. Der Name des Modells klingt schon nach steifer Brise: Howlin' – wie in "heulender Wind". 

11) Für die Übersicht
Seine "Seaexplorer" hat Navigationselektronik für mehrere hunderttausend Euro an Bord. Allein der fiberoptische Kompass kostet so viel wie eine Oberklasse-Limousine. Da mag es verwundern, dass Boris einen aufblasbaren Plastik-Globus* im Seesack hat. Was der soll? Nun, wir können Sie beruhigen: Er wird nicht der Kursbestimmung dienen. Falls alle Instrumente ausfallen, hat der 39-Jährige immer noch Papier-Seekarten dabei, Zirkel und ein Fernglas mit Peilkompass. Er wird also nicht mithilfe des Globus navigieren müssen. Der dient vielmehr seinem Projekt "My Ocean Challenge", mit dem er jungen Schülern auf der ganzen Welt die Bedeutung der Meere für das Klima vermitteln will – auch während der Vendée, mit Live-Schaltungen in den Unterricht einiger Klassen. Alle Infos dazu gibt es hier

Bereit für die Vendée: Maskottchen Alphonso

Bereit für die Vendée: Maskottchen Alphonso 

12) Fürs Glück
Wer Hochprozentiges für Rasmus' Segen opfert, der braucht auch ein Maskottchen. Das von Boris heißt "Alphonso" und hat ihn schon zwei Mal um die Erde begleitet: 2008 beim Portimao Global Ocean Race, das er zusammen mit Co-Skipper Felix Oehme auf der Class 40 "Beluga Racer" gewann, und 2011 beim Barcelona World Race, wo er mit Ryan Breymaier bei seinem Imoca-Debüt Fünfter wurde. Das kleine Plüschtier gehört der Tochter eines Hamburger Freundes und hat auch schon einige Transatlantik-Rennen bestritten. Klar, dass das mit muss! 


In einigen unserer Auftritte verwenden wir sogenannte Affiliate Links. Diese sind mit Sternchen (*) gekennzeichnet. Wenn Sie auf so einen Affiliate-Link klicken und über diesen Link einkaufen, erhalten wir von dem betreffenden Online-Shop oder Anbieter (wie z.B. Amazon) eine Provision. Für Sie verändert sich der Preis dadurch nicht.

Jochen Rieker am 08.11.2020

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


    ANZEIGE

    Weitere News und Angebote

Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online