Vendée Globe

Was Boris Herrmann in den Seesack packt – Teil 1: Bekleidung

Exklusiv bei YACHT online: Welche Ausrüstung der deutsche Solo-Skipper auf das Nonstop-Rennen um die Welt mitnimmt

Jochen Rieker am 04.11.2020
Vendée Globe 2020/2021
Team Malizia/Andreas Lindlahr

Nicht sein einziger Satz Ölzeug: Boris Herrmann trägt an Bord seiner "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco" Musto HPX

Über die Ausrüstung von Profiskippern kursieren viele Geschichten. Manche haben einen durchaus wahren Kern. So versagten sich früher viele Hochseesegler aus Gewichtsgründen jeden Komfort: Statt Metallbesteck nehmen manche selbst heute noch nur Plastiklöffel mit auf die Fahrt um die Welt.

Legendär sind Fotos von Zahnbürsten mit abgesägtem Stiel oder durch Bohrungen erleichtertes Werkzeug. Warum sollte, wer für die Relingsstützen sündhaft teures Titan wählt, um sein Boot so leicht wie irgend möglich zu halten, nicht auch bei den persönlichen Gegenständen knausern?

Tatsächlich kommt den Solisten bei der Vendée Globe kein Stück an Bord, das nicht mehrere Prüfprozesse durchlaufen hat. Ersatzteile, Werkzeug, Nahrung, Sicherheitsausstattung – alles, was mit soll, wird vorher auf Praxistauglichkeit geprüft, gewogen, sortiert, sinnvoll in Taschen verpackt und an vorher festgelegten Orten im Schiff verstaut. Über manches Teil wird im Team tatsächlich tagelang diskutiert. 

Bei Boris Herrmann summiert sich allein die notwendige Ausrüstung auf zehn Taschen: fünf für Proviant, fünf für den Rest. Zwei stehen ständig unter seiner Koje in Luv, damit sie unter möglichst allen Umständen trocken und schnell erreichbar bleiben. Der Rest wandert immer dahin, wo das Gewicht am sinnvollsten eingesetzt ist: bei Leichtwind nach vorn, am Wind weit nach Luv, bei tiefen Raumschotskursen nach achtern, um ein Unterschneiden des Stevens zu vermeiden.

YACHT online ließ der Hamburger vor dem Start in seine persönliche Packliste schauen – und verriet auch, warum er sich mehr gönnt als das bloße Minimum. Zum einen liegt das an seiner großen Erfahrung im Südmeer. Herrmann, schon drei Mal unter Rennbedingungen um die Welt gesegelt, zweimal davon nonstop, weiß um die teils elend harten Bedingungen entlang der Eisgrenze. Um seine Leistungsfähigkeit zu erhalten, will er zum Beispiel nicht an wärmender Kleidung sparen. Selbst eine Heizung hat er eingebaut. 

Dass er mit Reserven plant, hat aber auch mit der Physik seiner neuen, weit ausladenden Foils zu tun. Sie entwickeln so viel Auftrieb, dass Gewicht eine geringere Rolle spielt als bei früheren Imoca-Generationen. "Was sich in Luv der Foils befindet, also praktisch alles, erhöht das aufrichtende Moment", verriet der 39-Jährige im großen YACHT-Interview (YACHT 23-2020, hier bestellen!). "Da kommt es auf ein paar Kilo mehr nicht so doll an." 

In Teil 1 der Serie über die Ausrüstung des 39-Jährigen: zum Drunter- und Drüberziehen – womit sich Boris Herrmann gegen Hitze und Kälte, Sturm und Regen wappnet

1). Für schweres Wetter

Musto Trockenanzug 

HPX Pro Smock

HPX Pro Hose

TPS Survival Suit
 

Warum gleich drei Satz Ölzeug? Nun, denTPS-Überlebensanzug von Guy Cotten schreibt schon die Klassenregel vor. Er ist für Notfälle wie eine Kenterung oder Abbergung gedacht, weil er auch Auftrieb bietet.

Bleiben zwei Musto-Sets. Die dienen vor allem dem Schutz bei der Arbeit an Deck. Wenn die "Seaexplorer" bei 20, 30 Knoten Fahrt mit dem Vorschiff auf oder in eine Welle kracht, kommt so viel Wasser über, als würde der Skipper vor einem gigantischen Dampfstrahler stehen. Deshalb ist hier nur das Beste gut genug – und Redundanz sinnvoll, falls ein Satz durchnässt sein sollte.

Die Bekleidung stellt übrigens nicht der britische Hersteller selbst, sondern deren deutscher Distributor: die Peter Frisch GmbH. Die Münchner, zu deren umfangreichem Programm auch andere namhafte Marken wie Harken oder Spinlock zählen, unterstützen Boris schon seit nunmehr 20 Jahren.  

2) Fürs Milde

Musto Sardinia Jacket 

Dank des fast vollständig überdachten und achtern mit Persenningtuch schließbaren Cockpits braucht es im Normalfall kaum schützende Funktionsbekleidung an Bord. Daher wird Boris in der Plicht und unter Deck häufig gar kein Ölzeug tragen, lediglich diese leichte Jacke. 

3) Für die Tropen

LPX Shorts mit Spraytop (Velcro am Hals)

Die Imoca 60 sind inzwischen so schnell wie vor nicht allzu langer Zeit die Orma-Trimarane. Sie überwinden Klimazonen in wenigen Tagen. Gut zwei bis drei Wochen auf seinem Kurs um die Welt wird der Skipper in den Tropen unterwegs sein, zweimal quert er den Äquator – dafür braucht er diese Teile.

Anprobe mit der Familie

Anprobe mit der Familie. Mützen, Hut und Südwester spielen für Boris Herrmann eine wichtige Rolle

4) Gegen Regen und Gischt

Musto Südwester*

Winter-Cap*

Performance Cap*

Sonnenhut*

Mütze mit Fleece-Futter

Grund für diese große Auswahl an Kopfbedeckungen, neben dem Warmhalten: Boris legt größten Wert darauf, dass seine Rohrkoje stets trocken bleibt. "Das ist wie ein ungeschriebenes Gesetz: kein Tropfen Wasser, nirgends!" Um nicht mit von Spray nassen Haaren in den ansonsten trockenen Schlafsack schlüpfen zu müssen, geht er möglichst nie "oben ohne" an Deck. Und wenn er bei einem Manöver doch mal "geduscht" werden sollte, dann zieht er eine Fleece-Mütze über, bevor er wieder in die Koje klettert – damit das Kissen nicht durchfeuchtet, was im Southern Ocean tagelang nicht wieder trocknen würde.

5) Zum Warmhalten 

Thermal Hose*

Thermal Base Layer*

Extreme Thermal Fleece Hose

Extreme Thermal Fleece Top*

Auf der Haut und als Zwischenlage unverzichtbar – Base- und Mid-Layer für eine Bekleidung nach dem Zwiebelschalen-Prinzip  

6) Zum Wohlfühlen

Woll-Troyer, Woll-Fäustlinge und Socken

Für viele überraschend wird sein, dass der Hamburger auch auf traditionelle Klamotten setzt. Sie sind Teil seines Wohlfühl-Sortiments, von dem auch in den kommenden beiden Folgen der dreiteiligen Serie noch die Rede sein wird. Boris hat sie erstmals bei seiner Rekordfahrt durch die Nordost-Passage getragen: Strickware aus russischer Fertigung, die besonders warm hält und dabei behaglich wirkt.  

7) Für guten Stand und trockene Füße

Musto Gore-Tex Race*

Seestiefel für jeden Tag, an dem es an kühl und / oder nass werden kann. Sehr leicht, sehr atmungsaktiv, guter Grip.

Daneben hat Boris noch ein Paar Le Chameau Neptune dabei, die fast alle französischen Offshore-Skipper tragen. Sie wärmen dank Neopren-Fütterung auch dann noch, wenn Wasser eindringen sollte.    

Crocs Classic Clog *
Statt Flip-Flops und Sandalen – der Schuh, um im Cockpit und unter Deck guten Stand zu haben. Schnell an, schnell aus, schnell trocken. Eigentlich für Fahrtensegler entwickelt, aber auch die Profis haben ihn längst für sich entdeckt. Wenn's kälter wird, zieht man ihn über die Socken. Sieht ja keiner bei der Vendée...

8) Für alle Fälle

Spinlock Deckvest Vito*

Entwickelt fürs letzte Volvo Ocean Race und für den Hochsee-Einsatz – Rettungsweste mit 275 Newton Auftrieb und Hammar-Auslösung. Für den Gang aufs Vorschiff bei rauer See unerlässlich, weil sie auch zum Einpicken des Sicherungsgurts in die Strecktaue dienen. Zwei Stück davon sind an Bord, eine als Reserve – plus Ersatzpatronen für den Fall von Fehlauslösungen.

In Folge 2: Welche technischen Gadgets Boris Herrmann in seinen Taschen hat – und warum ihm seine Stirnlampe gar nicht hell genug sein kann: ab Freitag exklusiv hier auf YACHT online!


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Jochen Rieker am 04.11.2020

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