Regatta

Vendee Globe: Großsegel-Riss auf "DMG Mori"

Schwerer Schlag für Kojiro Shiraishi: Dem japanischen Skipper, vor vier Jahren bereits wegen Mastbruch ausgeschieden, ist das Groß im Topp durchgegerissen

Jochen Rieker am 14.11.2020
Großsegelriss auf DMG Mori
DMG Mori Global One

Nahezu irreparabel: Großsegelriss auf "DMG Mori" nach Ausfall des Autopiloten

Nach dem Ausfall seines Autopiloten und in der Folge offenbar gleich mehrerer Patenthalsen hat das Großsegel des sympathischen Japaners einen nur schwer reparierbaren Schaden genommen: Es ist an der obersten Querlatte nahezu komplett durchgerissen.

Der Vorfall ereignete sich um die Mittagszeit und nahe des Kerns des inzwischen abgeschwächten Sturmtiefs Theta. Der Skipper der "DMG Mori Global One" hatte sich wie auch die Deutsch-Französin Isabelle Joschke auf "MACSF" weit östlich vom Hauptfeld positioniert – wahrscheinlich, um bewusst die stärkeren Winde zu suchen und Boden gutzumachen. Es gibt aber auch Beobachter, die vermuten, dass er den Moment für eine rechtzeitige Halse verpasst und in den immer heftiger werdenden Bedingungen erst im letzten Moment auf Südkurs gehalst haben könnte.

Segelbruch nahe des Kerns von Sturmtief "Theta"

Segelbruch nahe des Kerns von Sturmtief "Theta" auf "DMG Mori Global One". Rechts daneben Isabelle Joschke auf "MACSF", die inzwischen vorbeigezogen ist

Shiraishi und Isabelle Joschke gingen jedenfalls fast zeitgleich auf Backbordbug. Kurz danach, zwischen 13.30 und 14 Uhr mitteleuropäischer Zeit, zeigt der Vendée-Globe-Tracker, dass der Japaner langsamer wird und sein Foiler – ein Schwesterschiff von Jérémie Beyous "Charal" – mehrfach vom Kurs abkommt.

Nach Mitteilung seines Teams in Lorient fiel zunächst der Haupt-Autopilot aus, was zu zwei Patenthalsen führte. Kojiro Shiraishi habe danach auf den Ersatz-Piloten umgeschaltet, ein komplett redundantes System. Dabei jedoch lief die "DMG Mori Global One" erneut aus dem Ruder. Das zweifach gereffte Groß schlug folglich mehrfach mit voller Wucht gegen das Lee-Backstag und riss entlang der obersten Horizontallatte durch. 

Wie auf dem Foto zu sehen ist, war es danach nur noch am Vor- und Achterliek mit dem Rest des Segels verbunden – ansonsten wurde das Topp, wo enorme Kräfte wirken, komplett abgetrennt. Mehrere Segellatten brachen. Und möglicherweise nahm auch die Diagonallatte im obersten Segment Schaden. Ein unfassbar schwerer Schlag für den Skipper, der nun – 23.500 Seemeilen vom Ziel entfernt – vor der Frage steht: aufgeben – oder eine Reparatur versuchen?

Die, so viel steht fest, wird ihn wohl Tage knochenharter Arbeit kosten, so sie denn überhaupt möglich erscheint. Anders als bei einem Riss im unteren Teil des Großsegels, den Shiraishi durch ein Reff zunächst "überbrücken" könnte, steht das Topp stets im Wind. Vor allem am Vorliek treten extrem hohe Kräfte auf. Aber auch achtern wird das Tuch durch Auftwisten oder Schlagen stark beansprucht.

Tim Kröger, einer der erfahrensten deutschen Hochseesegler, sagte gegenüber YACHT online zu dem Schaden: "Die Chance, so was wieder hinzubekommen, dass es hält, liegt bei höchstens 20 Prozent. Selbst unter Idealbedingungen in einem Segelloft würde das Tage dauern."

Gleich mehrere Probleme erschweren eine Reparatur erheblich, so Kröger:

  • Moderne Imocas haben unter Deck kaum genug Platz, um dort, vor Gischt und Regen geschützt, arbeiten zu können. An Deck aber ist das Tuch der Witterung ausgesetzt
  • Shiraishi hat keine Spezialnähmaschine an Bord, die es eigentlich bräuchte für einen Schaden dieses Ausmaßes
  • Der Riss muss zunächst genäht werden, um die beiden Tuchstücke formtreu zu verbinden. Damit er mit der Nadel durch das hochfeste Tuch kommt, wird der Skipper vorbohren müssen – was wiederum das Material an der entscheidenden Stelle schwächt
  • Zur Verstärkung braucht es großflächige Verklebungen mit Folie. Das Groß ist nach zwei Sturmfronten aber salzbedeckt. Damit die aufgesetzten Stücke sicher halten, müssen die Klebestellen mit Aceton gereinigt werden und staubtrocken sein – schwierig bis unmöglich auf See.

Derzeit bespricht Shiraishi alle Optionen mit seinem Team. Er wird wohl kaum so einfach aufgeben. Dazu ist sein Traum von einer erfolgreichen Teilnahme an der Vendée Globe zu groß und der Schmerz der Aufgabe 2016 nahe des Kaps der Guten Hoffnung zu frisch. Gut möglich also, dass er einen jener MacGyver-Einsätze plant, für die das Rennen so berühmt ist. 

Tim Kröger schätzt, dass eine Reparatur so eines Schadens auf See "mindestens eine Woche dauert, wenn nicht länger". Und die Aussicht, damit um alle großen Kaps zu kommen, hält er selbst dann nicht für sehr hoch. "Aber versuchen muss man das eigentlich." Gelänge es nicht, könnte der Japaner immer noch zu den Azoren oder den Kanaren ablaufen, die nicht weit entfernt sind.

Boris Herrmann, der sich im Verlauf des heutigen Tages von Platz 12 kontinuierlich auf Rang 7 vorgekämpft und eine Ideallinie zwischen zwei sich bildenden Hochs gefunden hat, kommentierte: "Wir (die Imoca-Skipper, d. Red.) haben Quadratmeter-weise Segeltuch und Sika (an Bord). Eine Reparatur könnte man schon versuchen. Aber damit in den Süden zu fahren und ständig zu bangen..."

Unterdessen ist Jérémie Beyou mit seiner ebenfalls havarierten "Charal" am Mittag in Les Sables-d'Olonne eingetroffen. Dessen Team prüft gerade eine Reparatur der Schäden, die Beyou im ersten Sturmtief erlitten hatte. Falls seine Shore Crew bis Mittwoch alles hinkriegen sollten, will er noch einmal starten – mit dann zehn Tagen Rückstand, aber einem günstigen Wetterfenster. Noch so eine mögliche Heldentat.

Die Vendée Globe 2020 wird wahrlich nicht langweilig!

  

Jochen Rieker am 14.11.2020

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