2. Vendée Arctique: brutal, verkürzt, aber wertvoll
Die Bilanz eines ungewöhnlichen Imoca-Kräftemessens

Das gab es so noch nie: Aktuell bewegt sich eine ganze Imoca-Flotte im "Gänsemarsch", aber ohne Regattamodus auf Kurs Les Sables-d'Olonne. Zeit für eine Bilanz

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 20.06.2022
Diese fast romantische Momentaufnahme schickte Giancarlo Pedote von Bord der "Prysmian Group" Diese fast romantische Momentaufnahme schickte Giancarlo Pedote von Bord der "Prysmian Group" Diese fast romantische Momentaufnahme schickte Giancarlo Pedote von Bord der "Prysmian Group"

Giancarlo Pedote/Prysmian Group/#VA2022 Diese fast romantische Momentaufnahme schickte Giancarlo Pedote von Bord der "Prysmian Group"

Das Klassement der bei Island mit einem virtuellen Tor verkürzten zweiten Auflage des Vendée Arctique ist komplett. Als letzter Skipper hatte Kojiro Shiraishi am Wochenende die Ziellinie nach den ruppigen 1300 Seemeilen gekreuzt. Inzwischen streben die Imoca-Solisten wie bei einer Prozession schnellstmöglich dem Start- und Zielhafen Les Sables-d'Olonne entgegen. Hier geht es zu den Ergebnissen und dem weiter aktiven Live-Tracker, der zeigt, wo sich die Heimkehrer gerade befinden (bitte anklicken!) . Die Entscheidung zur Rennverkürzung wurde von der Mehrheit der Flotte begrüßt. Auch der hartgesottene und stets kampfbegeisterte Jérémie Beyou sagte: "Das war die richtige Entscheidung. Noch bevor sie getroffen wurde, hatte ich mein Teeam ohnehin darüber informiert, dass ich Schutz suchen werde, weil es einfach zu hart war." Wie sehr die Segler im Nordatlantik real zu kämpfen hatten, fasste auch Èric Bellion auf "Comme un seul homme – powered by Altavia" gut in Worte: "Oft befand sich mein Boot bei 90 Grad. Es war extrem, extrem hartes Segeln. Ich habe mehrfach darüber nachgedacht aufzugeben. Doch die Reserven in meinem Inneren haben mich weitermachen lassen. Es ist mir gelungen, alle Alarmsysteme mindestens einmal auzulösen."

Charlie Dalin/Apivia/#VA2022 Sieger des zweiten Vendée Arctique: "Apivia"-Skipper Charlie Dalin

Screenshot/#VA2022 "Im Gänsemarsch", aber ohne Regattamodus, strebte die Imoca-Flotte zu Wochenbeginn dem Start- und Zielhafen Les Sables-d'Olonne entgegen

Mit den neuen Booten werden die Karten neu gemischt

Was sonst bleibt von diesem Kräftemessen auf halbem Weg zur Vendée Globe 2024/2025 im Gedächtnis? Ganz sicher ein weiter überragend agierender Charlie Dalin, der auf "Apivia" schon die zweite Imoca-Regatta in diesem Jahr auch unter anspruchsvollen Umständen dominieren konnte. Für Dalin ist es der fünfte Sieg seit seinem Klasseneinstieg 2019. Der 38-Jährige aus Le Havre wird seine zweite Solo-Runde um die Welt nach Platz zwei bei der Vendée Globe 2020/2021 erneut als Co-Favorit ansteuern. Bis dahin müssen sich auch die engsten Verfolger Jérémie Beyou ("Charal") und Thomas Ruyant ("LinkedOut") strecken, wollen sie dem dauerdominanten Dalin ernsthaft die Krone streitig machen. Wo sich Boris Herrmann mit seinem Neubau nach der Taufe am 19. Juli und ersten Tests einreihen kann, werden er selbst, sein Team und die riesige Fangemeinde mit großer Spannung beobachten. Da auch andere Skipper neue Boote bekommen, werden die Karten im kommenden Jahr voraussichtlich noch mehrfach neu gemischt.

Benjamin Ferré/Monnoyeur – Duo for a Job/#VA2022 Der heimliche Sieger des 2. Vendée Arctique: Benjamin Ferré auf seinem Non-Foiler "Monnoyeur – Duo for a Job"

Benjamin Ferré beeindruckte bei seiner zweiten Imoca-Regatta als Non-Foiler mit Platz vier

Von insgesamt 25 Vendée-Arctique-Startern haben 20 das Ziel erreichen können. Früh im Rennen war Szabolcs Weöres ("Szabi Racing") am 13. Juni einen Tag nach dem Start mit einem Hydraulik-Problem auf der Strecke geblieben. Später gab Manuel Cousin ("Sétin Group") das Rennen im Sturm auf, um sein Boot zu schützen. Arnaud Boissières auf "La Mie Câline" tat es ihm einen Tag später am 18. Juni gleich. Die Deutsch-Französin Isabelle Joschke zwang ein eingerissenes Großsegel rund 40 Seemeilen vor dem Ziel zur Aufgabe. Ähnlich dicht herangekommen an die Linie war Denis Van Weynberg, als er mit multiplen Problemen sein Aus bekanntgab.

Pip Hare/Medallia/#VA2022 Bereits auf dem Heimweg: "Medallia" und ihre Skipperin Pip Hare

Im Vergleich zwischen Foilern und Non-Foilern konnten erstere erwartungsgemäß die drei Podiumsplätze besetzen. Aufgefallen ist Imoca-Neueinsteiger Benjamin Ferré, der François Gabarts Vendée-Globe-Siegerboot aus den Jahren 2012/2013 unter seinem aktuellen Namen "Monnoyeur – Duo for a Job" bei seiner erst zweiten Imoca-Regatta auf Platz vier steuerte. Es ist kaum zu glauben, dass dieser 31-jährige Entrepreneur und Abenteuer aus Saint-Malo, der die Welt schon per Anhalter auf dem Landweg alleine und höchst abenteuerlich umrundet hat, den Offshore-Segelsport erst 2017 für sich entdeckte. Zwei Jahre später stieg er im Mini-Transat schon als bester "Rookie" aufs Podium. Mit Guirec Soudée und seiner "Freelance.com", der ehemaligen "Omia – Water Family" von Bejamin Dutreux, konnte ein weiterer Non-Foiler Platz sechs erkämpfen. Erheblich glücklicher als nach dem Bermudes-1000-Rennen im vergangenen Monat war die britische Skipperin Pip Hare als Dreizehnte im Ziel. "Ich habe wirklich das Gefühl, dass ich jetzt mal vorwärts komme", sagte die "Medallia"-Skipperin nach ihrem Zieldurchgang nicht ohne Stolz.

Das Vendée Arctique als Qualifikation für die große Schwester Vendée Globe

Das aufgrund eines starken und ausgedehnten Tiefdrucksgebietes verkürzte Rennen bleibt mit Blick auf die Ergebnisse dennoch als erstes von fünf Qualifikationsrennen auf Kurs Vendée Globe 2024/2025 gültig. Sportlich sind all jene jetzt für die kommende Vendée-Globe-Edition qualifiziert, die das Rennen beendet haben. Vendée-Globe-Kandidaten jedoch, die noch ihr Boot wechseln, weil ein neues kommt, werden ein weiteres Qualifikationsrennen bestreiten müssen. Für die zehnte Vendée Globe werden bis zu 40 Teilnehmer zugelassen. Für den Fall der "Überbuchung" wurde ein Auswahlprozess festgelegt, der die Anzahl gesegelter Meilen der Skipper und Skipperinnen vor der Vendée Globe berücksichtigt

Denis Van Weynberg/Laboratoires de Biarritz/#VA2022 Eines der Probleme von Denis Van Weynberg, das ihn zur späten Aufgabe zwang: Bruch am Bug

Und hier die prognostizierten Einlaufzeiten für die zurückkehrenden Teilnehmer: Bereits am Dienstag wird Manuel Cousin auf "Groupe Sétin" (aufgegeben) in Les Sables-d'Olonne erwartet. Am Mittwoch treffen mit Louis Burton auf "Bureau Vallée" (5.), Charlie Dalin auf "Apivia" (1.), Alan Roura auf "Hublot" (7.), Giancarlo Pedote auf "Prysmian Group" (12.), Arnaud Boissières auf "La Mie Câline" (aufegeben) und Jérémie Beyou ("Charal") einige der Top-Segler des verkürzten Rennens im Start- und Zielhafen ein. Am Donnerstag werden Sébastien Marsset auf "Cap Agir Ensemble" (15.), Louis Duc auf "Five-Lantana Environment" (8.), Benjamin Dutreux auf "Guyot Environment – Water Family" (11.), Antoine Cornic auf "EBAC Literie" (16.), Damien Seguin auf "Groupe APICIL" (9.), Benjamin Ferré auf "Monnoyeur – Duo for a Job" (4.), Éric Bellion (Comme un seule homme – Powered by Altavia" (14.) und Thomas Ruyant auf "LinkedOut" (3.) in Port Olona erwartet. Die weiteren folgen ab Freitag. Die Preisverleihung steigt am Wochenende im Regattadorf der Vendée Arctique Les Sables-d'Olonne.


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Themen: Vendée Arctique

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