Regatta

Vendée Globe: Will Harris zum Szenario für den Finalsprint

Es wird immer spannender auf den letzten 3000 Seemeilen der 9. Vendée Globe: Der Brite Will Harris gibt exklusiv bei YACHT online einen Ausblick auf den Krimi

Tatjana Pokorny am 18.01.2021
Vendée Globe 2020/2021
Screenshot / #VG2020

9. Vendée Globe: Die Positionen der führenden Gruppe zu Beginn des 72. Tages auf See am 18. Januar um 16 Uhr deutscher Zeit

Team Malizia

In Boris Herrmanns Team Malizia ist der Brite Will Harris vielseitig im Einsatz. Als Wetterexperte beschreibt er exklusiv für die Leser von YACHT online, auf was sich die führenden Skipper auf ihrem letzten Abschnitt bis ins Ziel vorzubereiten haben und wo die Entscheidungen fallen könnten

Es wird eng an der Spitze der Vendée-Globe-Flotte. Nur wenige Seemeilen trennen die ersten acht Boote. Was zuvor noch ein Rennen mit Abständen von Hunderten Seemeilen war, ist jetzt zum Kampf um jeden Meter geworden, während die Boote in hervorragenden öslichen Passatwind-Bedingungen in Richtung Norden stürmen. Nie zuvor ging es bei der Vendée Globe in ihrer finalen Phase so eng zu, nie gab es jetzt noch so viele Skipper mit Siegchancen.

Wie wir sehen werden, scheint die Strategie auf dem Kurs durch den Nordatlantik recht freundlich für die vorderen Boote auszusehen. Alles deutet auf Vorwindsegeln auf dem ganzen Weg bis ins Ziel hin. Doch genau das wiederum wird den Kampf bis zur Ziellinie vor Les Sables-d'Olonne noch intensiver machen.

Die Antwort darauf, wem zuletzt die Doldrums-Passage und der Übergang in die nordästlichen Passatwinde am besten gelungen ist, haben wir gerade erhalten. Die Doldrums waren in einer recht aktiven Phase und haben die Passage fordernder gemacht als üblich. Dabei war die Flotte westlicher positioniert als noch beim atlantischen Abstieg nach dem Rennstart.

Charlie Dalin ("Apivia") und Louis Burton ("Bureau Vallée 2") scheinen am leichtesten durchgeschlüpft zu sein und konnten ihren Vorsprung auf den Rest der Flotte um eine paar Seemeilen ausbauen. Kurzfristig bedeutet das Segeln in den nordöstlichen Passatwinden, dass sie noch ein paar mehr Meilen davonziehen werden.

Vendée Globe 2020/2021

Die NOAA tropische Analyse von 1 Uhr morgens am 17. Januar gibt einen guten Eindruck davon, wie aktiv die Doldrums gerade sind. Die Doldrums werden von der Intertropischen Konvergenzzone (ITCZ) markiert. Wenn die ITCZ wie momentan meandert, dann lässt das auf recht aktive Doldrums schließen

Den ganzen Weg hinauf im südatlantischenn Passat haben wir gesehen, dass die Foiler die Vorteile ihrer Designs und modernsten Technologien ausspielen können. Die aktuellen Top Fünf sind allesamt Foiler. Es ist ihnen in den Foiling-Bedingungen gelungen, ihren Vorsprung kontinuierlich auszubauen. Es ist an diesem Punkt interessant, einen Blick darauf zurückzuwerfen, wer dabei am schnellsten war. Denn haben die Boote erst den Nordatlantik-Passat erreicht, wird ähnliches zu erwarten sein. Dazu kommt, dass die Passatwinde aktuell gut ausgeprägt sind. Die Spitzengruppe wird nach dem endgültigen Verlassen der Doldrums etwa 1100 Seemeilen Segeln im Passat vor sich haben. Das ist von einiger Bedeutung, wenn man weiß, dass der verbliebene Kursabschnitt bis ins Ziel insgesamt keine 3000 Seemeilen mehr ausmacht.

Boris Herrmannns "Seaexplorer - Yacht Club de Monaco" war das bislang beeindruckendste Boot. Er hat gegenüber der gesamten Flotte Meilen gewonnen. Und sein Boot ist immer noch hundertprozentig intakt. Sogar Charlie Dalin, der eine sehr moderne Imoca-Yacht segelt, scheint nicht imstande zu sein, mit Boris mitzuhalten. Er muss enweder ein beschädigtes Segel haben oder kann das volle Potenzial seines Bootes aufgrund des früher im Rennen erlittenen Foil-Schadens nicht ausschöpfen. Wenn Boris das noch einmal wiederholen kann, sollte er seine Doldrums-Verluste ausgleichen können, nachdem er eine westlichere Route als Louis und Charlie gewählt hatte.

Die Passatwinde werden aus nordöstlicher Richtung kommen und langsam nach rechts drehen, während die Flotte auf nördlichem Kurs segelt. Das bedeutet Raumschotskurse mit einem wahren Windeinfallswinkel von 65 bis 90 Grad – wieder ideal zum Foilen.

Typischerweise wehen die Winde mit 15 bis 25 Knoten, obwohl man unter den vorüberziehenden Wolken auch regelmäßig Böen mit bis zu 35 Knoten Wind und extreme Winddreher erwischen kann. Was die Passatwinde im Nordatlantik kontrolliert, ist das Azorenhoch. Aktuell und für weite Teile der Route durch den Nordatlantik, sitzt das Azorenhoch in stabiler und nicht beweglicher Position gerade vor der Küste Portugals.

Es ist normalerweise das erste Wettermerkmal, mit dem man sich beim Segeln auf dem Nordatlantik befassen muss, da das Hoch üblicherweise südlich des Nordatlantiktiefs liegt. Dies markiert den Übergang der Flotte vom Verdrängungsrennen in den Passatwinden in den Kampf um die strategisch beste Position. Hier bietet sich die letzte Chance, eine andere Strategie für die Zielansteuerung zu wählen.

Um den 21. Januar herum werden die führenden Boote diesen Übergang auf der Höhe der Kanarischen Inseln absolvieren. Der Wind wird schnell drehen und sich nach Süden und schließlich nach Südwest verlagern, sobald die Boote die Nordseite des Hochdruckgebietes erreicht haben. Dann kann die Flotte auf der Suche nach einem nordatlantischen Tiefdruckgebiet nach Norden halsen.

Zwei Dinge gibt es zu beachten: Wie nah will man dem Zentrum des Hochdruckgebietes kommen? Je näher man kommt, je leichter wird der Wind. Gleichzeitig wird der Wind abrupter drehen. Auf der anderen Seite ist klar: Je näher man dem Zentrum ist, je kürzer ist die zu segelnden Route. Doch wie viel Bootsgeschwindigkeit wird das kosten? Zweitens geht es darum, welches System du ansteuern willst, wenn du aus dem Hoch raushalst? Das Timing deiner Position zu einem sich nähernden Tiefdruckgebiet und der damit verbundenen Kaltfront wird von größter Wichtigkeit sein. Denn dieses System wird dich fast den ganzen Weg bis ins Ziel tragen. Ein kleiner Unterschied in der Positionierung an diesem Punkt kann also große Unterschiede in Winddrehern, Winkeln oder Windgeschwindigkeiten bedeuten.

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Das Routing für die führenden Boote für den 23. Januar (13 Uhr deutscher Zeit): Sie werden ihre ersten Halsen um das Azorenhoch herum machen, das derzeit vor Gibraltar liegt. Man kann auch gut den Wind sehen, der aus Westen kommt. Das richtige Timing wird hier sehr wichtig sein, um maximal vom Winddreher um das Azorenhoch und dem Druck der Kaltfront zu profitieren

Ich denke, dass diese Vendée Globe nach dem Azorenhoch in Abhängigkeit von diesen kleinen Positionsunterschieden gewonnen oder verloren wird. Ein Nordatlantiktief ist sehr aktiv und schwer vorherzusagen. Deswegen ist es schwierig, diesen Abschnitt des Rennen genauer zu beleuchten, weil es bis dahin noch eine Weile dauert. Wir können aber trotzdem schon die Wettersysteme ausmachen.

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Vorschau auf den 23. Januar, 1 Uhr deutscher Zeit: Die Interaktion zwischen den Tiefdrucksystemen. Sie werden schnell miteinander verschmelzen und ein sehr viel größeres Tiefdruckgebiet kreieren. Der graue Stern markiert die Positionen der führenden Boote zu dem Zeitpunkt. Man kann sehen, dass sie gerade den Wind aus der Kaltfront bekommen, die das Tiedruckgebiet östlich von Neufundland bringt

Eine lange markante Kaltfront aus einem Tiefdrucksystem, das westlich von Neufundland sitzt, breitet sich bis zu den Azoren und zur Position der führenden Bootte am 23. Januar aus. Es wird erste Kaltfrontwinde servieren, auch wenn sie noch recht schwach sein werden. Wichtiger ist, wie das Tiefdruckgebiet zu drehen beginnt und mit einem sich neu enwickelnden Tief interagiert, das sich von der nordamerikanischen Ostküste aus östlich bewegt.

Dieses neuere System ist sehr aktiv und bewegt sich schnell nach Osten. Die beiden Tiefs verschmelzen in der Folge zügig miteinander und bilden ein sehr viel größeres Tiefdruckgebiet mit mehreren Zentren. Gleichzeitg integriert sich auch die Kaltfront über der Flotte in dieses System. Die führenden Boote dürften am 24. Januar gegen 13 Uhr deutscher Zeit (+36 Stunden) ein eintreffendes Tiefdrucksystem erwarten, dass ihr starken Südwestwind und eine folgende weitere Kaltfront bringt.

Dieses Tief wird seinen Weg in Richtung Nordwesten finden. Das Hoch vor Portugal zwingt es in den Norden der französischen Küste. Die etwa 20 Knoten starken Südwestwinde bleiben jedoch bestehen und werden es den Booten erlauben, dem Ziel mit optimalen Vorwindwinkeln (VMG) entgegenzusegeln. Hier wird das Spiel mit den Winddrehern beim Hin- und Herhalsen zur harten Arbeit, aber es sei daran erinnert, dass die Entscheidungen in diesem Rennen aufgrund nur weniger Seemeilen Unterschied fallen können.

Auch das Timing der Systeme ist von Bedeutung: Eine der Kaltfronten eine Stunde eher oder später zu treffen als erwartet, könnte das ganze Routing erheblich verändern. Der Skipper muss also konstant am Ball bleiben und permanent die Vorhersagen checken. Auch, wenn es eine schnelle und direkte Route in Ziel ist, so ist sie doch keinesfalls eine leichte.

Vendée Globe 2020/2021

Ein typisches Routing könnte in etwa so aussehen wie hier. Das Timing der Halsen wird stark mit den jeweils enstehenden Wetterbedingungen zusammenhängen. An dieser Stelle wird das Rennen spannend. Wir könnten in letzter Minute sogar Führungswechsel erleben

Die Bedingungen werden auch nicht so "extrem" sein wie erwartet. Normalerweis kann man beim Segeln in nordatlantischen Tiefdruckgebieten leicht 40 Knoten und mehr erleben. Doch aufgrund dieses stur vor Portugals Küste sitzenden Hochs, werden die Tiefs nach Norden weggelenkt. Was bedeutet, dass die Flotte Gas geben kann und nicht in Überlebensmodus kommt. Das erste Boot sollte die Ziellinie rund um den 28. Januar herum kreuzen. Und es ist ganz leicht möglich, dass wir sieben weitere noch am selben Tag sehen werden.

Tatjana Pokorny am 18.01.2021

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