Regatta

Vendée Globe: "Wie das ausgeht, liegt in Gottes Händen"

Boris Herrmann über die Unterschiede des Routings zum Kap der Guten Hoffnung. Danach musste er zum Masttopp steigen, das Fallenschloss zickte

Andreas Fritsch am 27.11.2020
Seaexplorer
Boris Herrmann/Seaexplorer YC de Monaco

Gestern segelten "Seaexplorer" und "Maître Coq" noch in Sichtweite

In den noch mäßigen Wind, in denen fast alle Boote von Platz eins bis 16 segeln, haben die Skipper viel Zeit, sich mit ihrem Routing zu beschäftigen, das angesichts der sich nun endlich auflösenden Hochdrucklage hoffentlich klarer wird. Boris Herrmann schickte ein Video von Bord, in dem er die Routen von sich und Yannick Bestaven ("Maître Coq IV") und Sam Davies (Initatives-Cœurs) verglich.

Update

Stand des Rennes heute Morgen um 09:00

"Wir liegen heute schon 17 Seemeilen hinter dem Routing des Programms, was vor allem daran liegt, dass der Wind von vorn statt halbwinds kommt, wie eigentlich vorhergesagt. Yannick Bestaven segelt direkt neben mir, ist aber einen Knoten schneller, obwohl er ein kleineres Vorsegel fährt als ich mit dem Gennaker. Ich weiß auch nicht genau, warum", so Herrmann

Boris Herrmann von Bord

Über die spannende Frage, ob die Gruppe, die einen südwestlicheren Kurs segelt, schneller sein wird, philosophiert er auch: "Beide Routen-Varianten liegen am Ende dicht beieinander. Je nach benutzten Wetter-Modell kommt die Software zu dem Schluss, dass sie (Davies und Bestaven) beim Kap der Guten Hoffnung zwei Stunden vorn liegen, in den anderen liege ich eine Stunde vorne. Also noch ist nichts entschieden. Ich glaube, ihre Route ist etwas besser, sie haben stabilere Winde, wir segeln schon gruselig dicht am Hochdruck entlang. Wie das ausgeht, liegt in Gottes Händen..." "Seaexplorer" liegt noch immer auf Platz 6 und in der Dreiergruppe mit "PRB" und "Maître Coq IV".

Einen unangenehmen Job gab es für den Deutschen dann heute Nacht zu erledigen: Das Fallenschloss seines Gennakers funktionierte nicht richtig, so musste Herrmann zum Sonnenuntergang in den Mast steigen und dann in der Dunkelheit das Problem erledigen – ein Job, den wohl jeder Open-60-Skipper bei einem 29-Meter-Mast hasst. Aber alles ging gut, das Problem scheint gelöst. Er verlor allerdings Boden auf die beiden Nachbarboote. Zu der Dreiergruppe dürfte sich heute noch Sébastien Simons "Arkéa Paprec" gesellen, die von Westen über Nacht stark aufkam und nur noch 20 Meilen hinter Herrmann segelt.

Boris Herrmann klettert zum Masttopp

Dazwischen versucht Alex Thomson mit seiner "Hugo Boss" sein Glück. Er war die Nacht über langsam, segelt beim Update um 9 Uhr aber mit 19,3 Knoten als Schnellster im Feld.

Das ruhigere Wetter, das die meisten Boote im Feld mit irgendetwas zwischen 10 bis 15 Knoten segeln lässt, nutzte auch der Zweitplatzierte Franzose Thomas Ruyant auf seiner "LinkedOut". Er schnitt kurzerhand einen Teil seines beschädigten Backbord-Foils ab, da er befürchtete, dass das gerissene Profil bei hohem Speed im Seegang zerbrechen könnte und weggespülte Trümmer das Wasserstag seiner Deckssaling treffen könnten; würde dies reißen, käme der Mast von oben. Da sein Verdier-Design die Foils nicht komplett einziehen kann, sind diese auch immer wenigstens etwas unter Druck. Doch er erledigt den Job erfolgreich. Aber er verlor wieder Zeit, und Rivale Charlie Dalin entfleuchte ihm mit seiner "Apivia" auf mittlerweile 220 Seemeilen. Ruyant und Jean Le Cam müssen sich heute noch den ganzen Tag mit dem schwachen Wind des Hochdrucks rumschlagen, in dem sie stecken. Es könnte sein, dass die beiden die großen Verlierer des tagelangen Zitterns um das Hoch herum werden.

Auf Kurs ist mittlerweile auch wieder der Franzose Sébastien Destremau, der auf seiner "Merci" vor zwei Tagen Hydraulik-Probleme mit dem Kiel hatte. Eine Leitung war geplatzt, und der Schwenkkiel pendelte frei unter dem Schiff – ein Defekt, der im schweren Seegang brandgefährlich ist, schon häufiger hatte der frei schwingende, viereinhalb Meter lange Anhang so seine Aufhängung in ähnlichen Fällen zerstört. Doch der findige Franzose mit dem Low-Budget-Projekt, der schon 2016 die Vendée mitsegelte und auch beendete, schaffte die Reparatur. "Ich habe einfach eine andere Leitung im Boot abgebaut, auf die ich verzichten konnte!", teilte er mit und ist wieder auf Kurs gen Süden.

Andreas Fritsch am 27.11.2020

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