Regatta

Vendée Globe: Wetter-Analyse und Ausblick

Will Harris, Co-Skipper von Boris Herrmann, über die Turbulenzen der ersten Woche und warum die kommenden Tage eine Vorentscheidung bringen könnten

Jochen Rieker am 16.11.2020
Wetter-Analyse 2 Vendee Globe 2020
Will Harris

Der voraussichtliche Kurs von Boris Herrmann Richtung Doldrums

Will Harris

Will Harris

Einmal pro Woche analysiert der erfahrene Hochsee-Profi und Navigator Will Harris exklusiv für YACHT online, welche Herausforderungen auf die Imoca-Skipper warten. Heute: Über die Feuertaufe zum Auftakt der Vendée Globe,  über die Hochgeschwindigkeits-Hatz, die soeben im Passat begonnen hat, und was die Rossbreiten in Äquatornähe an Überraschungen bereithalten: 

"Sieben Tage sind seit dem Start der Vendée Globe vergangen, und es war schwierig, mit der Menge der Nachrichten und Ereignisse Schritt zu halten. Zwei Spitzenreiter und Favoriten, 'Charal' und 'L'Occitane', sind bereits raus aus dem Rennen um den Sieg. Beide erlitten während der starken Kaltfront, die am vergangenen Mittwoch über die Flotte zog, Schäden an ihren Booten.

Die komplizierten Wetterbedingungen haben dazu geführt, dass die modernen Foiler ihr Ass noch nicht voll ausspielen konnten. Mit jedem Sturmsystem im Nordatlantik hat sich eine kurze steile See entwickelt, die es sehr schwierig machte, die Boote 'fliegen' zu lassen.

Die langsameren Konstruktionen mit Steckschwertern, die am Cap Finisterre eine direktere Südroute von der Kaltfront weg genommen hatten, konnten sich tatsächlich die Führung erkämpfen – wenn auch nur temporär. Diese südlichere Route schien in den Prognosen zunächst zu leichtwindig zu sein, aber im Moment liegt Jean Le Cam, der diese südliche Gruppe von Anfang an angeführt hat, auf dem 2. Gesamtrang, nur 30 Seemeilen hinter Alex Thomsons 'Hugo Boss'.

Schließlich musste sich die Flotte in den letzten 48 Stunden mit dem subtropischen Sturm Theta auseinandersetzen. Dieser querte direkt den Weg der Flotte auf ihrer Route nach Süden, und als die Skipper vor und kurz nach dem Start ihre Strategien entwickelten, hatten sie wahrscheinlich nicht damit gerechnet, dass er sich zu einem rekordverdächtigen Sturm entwickeln würde.

Wir haben einige mitfavorisierte Skipper wie Charlie Dalin auf 'Apivia' und Thomas Ruyant auf 'LinkedOut' gesehen, die sich entschieden haben, um den Sturm herum zu segeln und bewusst eine weitere und langsamere Route in Kauf nahmen, um das Schlimmste zu vermeiden. Alex Thomson dagegen, der derzeit an der Spitze steht, drosselte nicht und segelte bis auf 70 Meilen an den Kern von Theta, wo er zeitweise bis zu 60 Knoten Wind meldete. Dieses Risiko, das ihm nach Auskunft seines Teams eine haarige Patenthalse bescherte, scheint sich ausgezahlt zu haben.

Die Flotte wird dankbar sein, nun endlich stetigeres Wetter erreicht zu haben. Die Passatwinde sind ein typisches Windregime, das vom Azoren-Hoch beeinflusst wird. Sie liegen südlich des Antizyklons und ihre Stärke, Richtung und Position wird durch die Position dieses Hochs bestimmt.

Typischerweise weht der Passat auf der Nordhalbkugel vom Nordosten mit im Durchschnitt etwa 15 bis 20 Knoten – er erlaubt einen ebenso fantastischen wie schnellen Reach-Gang zum Äquator. Zwischen 7 Grad Nord und 20 Nord (die Flotte steht derzeit um 23 Nord) sind die Passatwinde ziemlich konstant. Oberhalb von 20 Nord gibt es mehr Einfluss von anderen Wettersystemen. Als der Sturm Theta durchbrach, nahmen die Passatwinde über 20 Nord vollständig ab, weshalb die Skipper letzte Woche nach West ausgewichen sind. Noch heute werden die Trades durch Theta geschwächt, allerdings verliert das Tief schnell an Kraft und Einfluss.

Wetter-Analyse 2 Vendee Globe 2020

Abbildung 1: Die Wetterroute zur südlichen Hemisphäre für Boris Herrmann auf "Seaexplorer". Er wird voraussichtlich am Mittwochmorgen am Eingang der Kalmen ankommen. Bis dahin ist es ein geradliniges Drag Race und ein Test, wer das schnellste Boot hat. Die allgemeine Regel für das Überqueren der Flaute lautet, niemals weiter östlich von 25 Grad West zu sein, da die Leichtwindzone dort breiter wird

Jetzt segelt der Großteil der Flotte in diesen stetigen Passatwinden und kann eine direkte Route nach Süden und zu den Doldrums bei etwa 7 Grad Nord segeln, die sie voraussichtlich am Mittwoch erreichen werden. Dies sind ideale Bedingungen für die Imocas mit Foils. Ziemlich flaches Wasser und achterlicher Wind lassen beeindruckende Geschwindigkeiten besonders der neuesten Generation erwarten.

In den nächsten Tagen wird es ein reines Temporennen sein. Wer hat die meisten Tests durchgeführt und sein Boot für diese Bedingungen optimiert? Es braucht nur einen Geschwindigkeitsvorteil von 5 bis 10 Prozent, um sich rasch absetzen zu können. Ein Vorsprung von 100 Meilen, wie ihn Alex Thompson auf "Hugo Boss" hat, kann sich innerhalb von 24 Stunden leicht verdoppeln – oder verschwinden. Behalten Sie also den Tracker im Auge. Es wird aufschlussreich!

Die andere Sache, die Sie berücksichtigen sollten, ist die Passage des Kalmengürtels. Dafür müssen sich die Skipper relativ frühzeitig positionieren. Die Kalmen oder 'Doldrums' sind ein Leichtwindband, das sich auf die Inter Tropical Convergence Zone (ITCZ) konzentriert.

Es ist die Konvergenz der Passatwinde von Nord- und Südhalbkugel. Niedriger Druck wird durch konvektive Aktivität erzeugt, wodurch Luft aufsteigt. Dabei bilden sich große Cumulonimbus-Wolken, die an der Meeresoberfläche leichte und unregelmäßige Winde verursachen. Diese Zone ist kompliziert zu navigieren und erfordert ständige Aufmerksamkeit, um die beste Route durch sie zu wählen.

Zu dieser Jahreszeit liegen die Doldrums zwischen 7 und 4 Grad Nord, sodass dieses Band etwa 200 Seemeilen breit ist. Vor der westafrikanischen Küste sind sie auch breiter, sodass wir normalerweise niemanden sehen werden, der östlich von 25 Grad West segelt.

Typischerweise wird sich die Flotte komprimieren, wenn sie sich den Kalmen nähert. Die Spitzenreiter segeln zuerst in die leichteren Winde, sodass die dahinter liegenden Boote aufholen können. Aber die Boote, die den berüchtigten Bereich als erste verlassen und zuerst die Passatwinde der südlichen Hemisphäre erreichen, werden ihre Führung ebenso schnell wieder ausbauen.

Wetter-Analyse 2 Vendee Globe 2020

Abbildung 2: Die typischen Merkmale der Doldrums laut Wettervorhersage. Das allgemeine Bild stimmt, die Details können jedoch stark abweichen. Im Osten das "afrikanische Dreieck" mit sehr leichten Winden, die unbedingt vermieden werden sollten  

Aufgrund der Komplexität der Doldrums ist es äußerst schwierig, eine Wettervorhersage für die Teilnehmer zu erstellen. Prognosen für diesen Bereich sind im Allgemeinen ziemlich unzuverlässig. Stattdessen müssen die Skipper Satellitenbilder verwenden und die Winde in den oberen Schichten betrachten, um die beste Stelle zu ermitteln, die Region zu queren. Nur wenige 100 Meter Ost-West-Positionierung können einen großen Unterschied bewirken. Die falsche Seite einer Wolke zu erwischen kann einen stundenlang im Windloch stecken lassen.

Wetter-Analyse 2 Vendee Globe 2020

Abbildung 3: Ein Infrarot-Satellitenbild der intertropischen Konvergenzzone. Die hell gefärbten Bereiche weisen auf viel Aktivität hin, und normalerweise finden sich hier unregelmäßige und instabile Winde  

Wenn man sich jetzt die Prognose ansieht, scheinen sich die Doldrums in einer relativ stabilen Phase zu befinden. Das Dreieck des leichten Windes, das sich von der afrikanischen Küste aus westwärts erstreckt, ist ziemlich klein, und die Ausrichtung der ITCZ verläuft direkt in Ost-West-Richtung; sie schlängelt sich nicht nach Norden oder Süden. Allerdings kann sich diese Situation in weniger als einem Tag vollständig ändern.

Die nächsten Tage werden fraglos faszinierend. Wer schafft es zuerst durch die Flaute? Im Laufe der Vendée-Historie hat das Boot, das dies schafft, normalerweise sehr gute Chancen, auch das Rennen insgesamt zu gewinnen. Denn segeln die Imoca-Skipper erst einmal auf der südlichen Hemisphäre, teilt sich die Flotte in verschiedene Wettersysteme. Dann werden die Überholmöglichkeiten seltener. Möglich also, dass Alex Thomson durch seine Risikobereitschaft beim Passieren von Theta bereits eine Art Vorentscheidung herbeigeführt haben könnte – dann jedenfalls, wenn er auch die Rossbreiten mit ähnlicher Fortune und Entschlossenheit meistert.

Jochen Rieker am 16.11.2020

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