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Vendée Globe Taktik-Analyse: Noch ist nichts entschieden

Will Harris, Co-Skipper im Team Malizia von Boris Herrmann, über die Wetterlage im Südatlantik und warum sich die Spitzengruppe noch weiter zusammenschiebt

Will Harris am 11.01.2021
Will Harris
Seaexplorer/A. Lindlahr

Will Harris

Bisher verlief die Vendée Globe im Südatlantik höchst interessant. Keine Spur vom üblichen "Kolonnen-Segeln" früherer Auflagen des Solo-Nonstop-Rennens! Diesmal liegt die Spitzengruppe dichter zusammen denn je, und sie musste sich bereits mit mehreren kniffligen Wettersystemen auseinandersetzen.

Auch in ihren Strategien gab es große Unterschiede – und je nach Position verschieden Routen. Thomas Ruyant auf "LinkedOut" und Charlie Dalin auf "Apivia" entschieden sich zum Beispiel dafür, eine westliche Route zu segeln, um als Erste von einem Tief zu profitieren. Seit dem Wochenende wird jedoch klar, dass sich die Top-10-Boote nun wieder zu komprimieren beginnen. Dieses Rennen ist noch lange nicht entschieden.

Die ersten Boote sollten nördlich des 18. Breitengrads gegen Mittwochmittag stabile Ost-Passatwind-Bedingungen erreichen. Bis dahin gibt es einige herausfordernde Hindernisse für die Führenden zu überwinden, und für diejenigen, die hinter ihnen segeln, ergeben sich Chancen, um ordentlich Meilen zu machen.

Schauen wir uns das einmal genauer an.

Vendee Globe: Will Harris über Wetter und Taktik bis zum Äquator

Abbildung 1: Das St.-Helena-Hoch formiert sich neu. Ein Tief wandert in die gleiche Richtung  und drückt das alte Hoch gen Südafrika. Die normalerweise starken Passatwinde weiter nördlich sind zu diesem Zeitpunkt recht schwach  

Das St.-Helena-Hoch, das die Windverhältnisse im Südatlantik dominiert, verlagert sich gerade. Ein Tief "drückt" es aus seiner Position in Richtung Südafrika nach Osten. Dabei bewegt sich das Tief mit und hinterlässt eine windarme Zone an der Küste Südamerikas. Hier wird sich das St.-Helena-Hoch erneuern und den Prozess abermals beginnen. Abhängig davon, wie die Tiefdrucksysteme das Hoch beeinflussen, wirkt sich das auf die Geschwindigkeit aus, mit der dieser Prozess abläuft. Es kann auch einen großen Einfluss auf die Stärke der Passatwinde haben, die vom St.-Helena-Hoch angetrieben werden.

Das Hoch liegt derzeit westlich der Spitzengruppe und arbeitet sich langsam nach Osten vor. Die Vendée-Skipper machen das Beste aus den südlichen und östlichen Winden um sie herum. Alle – außer dem Führenden Yannick Bestaven, der sich jetzt weit nördlich des Hochs befindet und sich einer ziemlich unpassierbaren Zone mit geringem Gradientwind nähert.

Vendee Globe: Will Harris über Wetter und Taktik bis zum Äquator

Abbildung 2: Bis Dienstag beginnt das neue Hoch, sich nach Osten zu verlagern und ändert dabei auch seine Form aufgrund des sich dahinter entwickelnden Tiefs. Zum besseren Verständnis überlagern wir hier die Bewegung der Luftmassen: Rote Pfeile zeigen wärmere Luft an, blaue Pfeile kalte Strömungen. Es gibt auch eine klare Windgrenze nördlich des Tiefs. Die kältere Luft treibt nach Norden, östlich des Hochs, und trifft auf die wärmere Luft in dem großen Gebiet mit geringem Druckgefälle  

Der schnellste Weg in den Norden führt durch das Hoch in Richtung Nordosten, wo der Wind mitdreht. Dann gilt es, im richtigen Moment zu halsen und zu versuchen, so weit wie möglich nördlich des Hochdrucks zu gelangen, wo der Wind vorlicher weht. Der Kurs gleicht der Form eines Möwenflügels, ein klassisches Muster. Vom Zweitplatzierten Charlie Dalin bis Maxime Sorel auf dem 10. Platz sind alle dabei, dieser Taktik zu folgen.

Vendee Globe: Will Harris über Wetter und Taktik bis zum Äquator

Abbildung 3: Die Lufttemperatur auf Oberflächenebene veranschaulicht die Bewegung verschiedener Luftmassen gut  

Es sind kleine Gewinne zu machen in dieser Phase, zum einen durch den möglichst perfekten Zeitpunkts der Halse, zum anderen durch gute Bootsgeschwindigkeit. Boris Herrmann auf "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco" scheint Sonntag einen Gang hochgeschaltet zu haben. Er genoss die Flachwasserbedingungen, die es ihm erlaubten, seine langen Foils zu nutzen und schneller zu segeln als die Boote ohne Tragflügel um ihn herum. In der Folge hat er sich am Wochenende bereits vom 11. auf den 7. Platz verbessert.

Aber nördlich des Hochs können Meilen gewonnen wie auch verloren werden. Das St.-Helena-Hoch treibt hier häufig die Passatwinde an, was jedoch aufgrund seiner aktuellen Position nicht mehr der Fall ist. Hier hat sich ein großes Loch geöffnet, und es ist fast so, als gäbe es eine Barriere, an der der Wind abschaltet. Eine Grenze zwischen zwei Luftmassen unterschiedlicher Temperaturen ist die Ursache dafür, und es wird sich als ziemlich schwierig herausstellen, daran vorbeizukommen, da sich die Passatwinde erst am Mittwochmorgen wieder zu etablieren beginnen.

Vendee Globe: Will Harris über Wetter und Taktik bis zum Äquator

Abbildung 4: Am Montagmittag kämpfen sich "Maître Coq" und "Apivia" durch leichtere Winde nach Norden. Auf diese Weise können die dahinter liegenden Boote wie Boris Herrmanns "Seaexplorer" ihr Defizit erheblich verringern und in günstigeren östlichen Winden segeln, die um den Hochdruck erzeugt werden

Es sieht so aus, als würde Yannick Bestaven zuerst dieses Loch erreichen, worauf sich seine mit besserem Wind segelnden Verfolger hinter ihm aufreihen werden. Momentan liegen 600 Seemeilen zwischen dem Führenden und Maxime Sorel auf Rang 10, was in Vendée-Globe-Relation zu diesem fortgeschrittenen Zeitpunkt im Rennen sehr wenig ist. Am Montag und Dienstag können die Abstände noch weiter schrumpfen, auf 50 Seemeilen zwischen Bestaven und Charlie Dalin und 150 Seemeilen zum Rest der Top 10. Fast eine Art Neustart.

Gegen Dienstagabend wird sich das St.-Helena-Hoch östlich der Flotte befinden und in dieser Position die Passatwinde verstärken – zuerst entlang der brasilianischen Küste und dann auch weiter draußen auf dem Südatlantik. Am Mittwochmorgen sollte klar sein, wer den reibungslosesten Übergang zu den östlichen Passatwinden geschafft hat. Die Rangliste könnte danach ganz anders aussehen als jetzt.

Vendee Globe: Will Harris über Wetter und Taktik bis zum Äquator

Abbildung 5: Mittwoch werden die Spitzenreiter stabile östliche Passatwinde erreicht haben und schnell Richtung Äquator vorankommen

Anfangs herrscht in den südatlantischen Passatwinden noch eine ausgeprägte Nord-Komponente. Dies bedeutet angespitzte Reach-Kurse von 70 bis 80 Grad wahrem Windeinfallswinkel. Im Allgemeinen haben wir gesehen, dass moderne Imocas mit Foils unter diesen Bedingungen schneller segeln, da sie viel aufrichtendes Moment erzeugen können, was wiederum zu mehr Leistung und Geschwindigkeit führt.

Das Nächste, was in Betracht gezogen werden muss, ist der östlichste Punkt Brasiliens, Recife. Die ersten Boote werden voraussichtlich am 15. Januar Recife passieren. Aufgrund der Form des Landes und der vorherrschenden östlichen Passatwinde gibt es einen küstennahen Polstereffekt. Dies bedeutet, dass der Wind schwächer sein kann, wenn man zu nahe an die Küste kommt. Im Allgemeinen sollten die Skipper mindestens 30 Seemeilen von der Küste entfernt sein, um eine Verlangsamung aufgrund der leichteren Winde zu vermeiden.

Einen Tag später, am 16. Januar, folgt die Annäherung an die Kalmen auf 1 Grad südlicher Breite. Zu dieser Jahreszeit verursachen die Flauten im Allgemeinen nicht allzu viele Probleme, und die Flotte sollte hier nicht zu stark abgebremst werden. Aber darüber hinaus hat sie noch den gesamten Nordatlantik vor sich, was das Rennen unweigerlich bis zum Ziel spannend halten wird. 

Will Harris am 11.01.2021

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