Regatta

Vendée Globe: Sturmtief Thêta droht, Herrmann holt auf

Boris Herrmann hat sich über Nacht auf Platz 13 vorgearbeitet. Alex Thomson bleibt der "Boss", Tief Thêta naht und nicht nur Clarisse Crémer sorgt sich

Tatjana Pokorny am 13.11.2020
Vendée Globe 2020/2021
Screenshot / Vendée Globe

Die Positionen der Flotte am 13. November um 7 Uhr morgens

Die Imoca-Flotte hat sich über Nacht für das nahende Sturmtief Thêta gerüstet und formiert. Während der "Boss" Alex Thomson das Feld am Freitagmorgen um 9 Uhr deutscher Zeit mit mehr als 30 Seemeilen Vorsprung vor "Oldie but Goldie" Jean Le Cam auf "Yes We Cam" anführte, kommt der traurige Umkehrer Jérémie Beyou dem Start- und Zielhafen Les Sables-d'Olonne näher und wird dort am Samstag erwartet. Unterschiedlicher könnten die aktuellen Welten der beiden Top-Favoriten für die neunte Auflage der Vendée Globe also gerade kaum sein. Thomson ist, wo er immer sein wollte – Beyou dagegen bald dort, wo er erst im Januar wieder ankommen wollte. Boris Herrmann hat sich über Nacht mit starkem Speed auf Platz 13 vorgearbeitet. Bilder vom Morgen lassen es so aussehen, als würden die Spitzenreiter direkt ins Auge des Sturms segeln. Doch Thêta bewegt sich langsam nach Osten, während die schnellsten Imocas versuchen, das Tief westlich zu passieren.

Boris Herrmann erzählt am Freitagmorgen um 4 Uhr morgens von seiner aktuellen Arbeit an Bord

Boris Herrmann berichtet, wie er die frühen Morgenstunden erlebt hat

Segeltrimmen in Zeitraffer-Geschwindigkeit

Aktuelle Bilder von Bord zeigen, wie dynamisch der "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco"-Skipper erst unter Sternen und später unter Wolken durch die Nacht gedonnert ist. Boris Herrmann berichtet in einer kleinen Clip-Serie ab 4 Uhr morgens selbst: "Ich habe über Nacht versucht, das Boot schnell zu machen. Für meinen Autopiloten habe ich ein Speed-Ziel von 18 Knoten gesetzt. Warum nicht höher? Weil ich soweit nach Osten segeln will wie möglich. Der Autopliot wird abfallen, wenn wir über 18 Knoten kommen. Unter 18 Knoten fährt er Höhe."

Vendée Globe 2020/2021

So der Gesichtsausdruck von Boris Herrmann nach dem Flautenpech am Vortag

Vendée Globe 2020/2021

Danach besserte sich die Laune beständig…

Ein weiteres Video schickte Herrmann um 5 Uhr morgens, weil ihn ein Alarmsignal aus dem Bett gescheucht hatte. "Das war ein Alarm für den Fall, dass der Neigewinkel des Bootes zu groß wird. Der Wind nimmt zu, und es kommt Wasser an Deck. Also ist es an der Zeit, aufs Jib-Top zu wechseln. Aber ich werde versuchen, bis dahin noch etwas mehr zu schlafen." Im dritten Clip ist Herrmann schließlich im Zeitraffer-Tempo beim Segeltrimmen zu sehen.

Vendée Globe 2020/2021

"Banque Populaire"-Skipperin Clarisse Crémer

Wie sehr die Bedrohung durch Tief Thêta die Flotte beschäftigt, verdeutlicht diese Nachricht von "Banque Populaire"-Skipperin Clarisse Crémer, die das Hauptquartier am frühen Freitagmorgen erreichte:

Hallo,

Ihr werdet zusammen mit mir durchkonjugieren:

Ich gehe rum

Du gehst rum

Er/sie geht rum

Ich fürchte, was ich wirklich sagen will, ist, dass ich angesichts des nahenden Tiefs ein bisschen ausflippe und seit einiger Zeit schon darüber nachdenke, welcher Strategie ich folgen soll. Ich hatte bislang noch keine ernsthaften Schäden. Natürlich hatte auch ich meinen Teil an kleinen Dramen, ärgerliche und energieraubende Sachen (besonders auf dem Stressniveau einer Debütantin), aber ich habe das Gefühl, dass jede starke WIndbö die Gesundheit meines Bootes gefährdet.

Während ich schreibe, ist der Backbord-Hydrogenerator aus seiner Halterung gerissen. Das ist kein großes Ding, weil ich einen zweiten und jede Menge Diesel habe, aber es bedeutet noch mehr Stress und kam gerade am Ende einer kleinen Serie von kurzen Schlafeinheiten, die mich haben besser fühlen lassen. Im Gesamtbild möchte ich mich einfach um mein Boot und meine Nerven kümmern und versuche, das Boot etwas zu verlangsamen und mich nach Westen zu bewegen. Ich bin bereit, noch etwas mehr Zeit auf dem Atlantik zu verbringen, so lange, wie mich Thêta in Ruhe lässt…

Wenn du meinen Wettbewerbsgeist hast, dann ist es ein seltsames Gefühl, einen Kurs zu steuern, der deiner Intuition widerspricht. Ich bin versucht, nach Westen zu halsen, aber das Schreiben hier hat mich ein bisschen vor zu viel Westen bewahrt. Egal, schlafen kann ich jetzt nicht mehr. Mein Hydrogenerator nervt mich.

Erfahrene Routing-Freunde und Meteorologen: Ihr könnt zwischen den Zeilen dieser Nachricht lesen, warum ihr nachsichtig mit meiner Routenwahl umgehen solltet. Ganz oben auf meiner Prioritätenliste steht gerade: 'Don't get f++ked'.

Ein Kuss und gute Nacht

Clarisse

Hier geht es zum Vendée-Globe-Tracker.

Tatjana Pokorny am 13.11.2020

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