Regatta

Vendée Globe: "Spannender geht es nicht!"

Boris Herrmann chattete gestern mit 7200 Fans von Bord. Charlie Dalin gibt mit seiner "Apivia" mächtig Gas, Boris Herrmann muss leicht abreißen lassen

Andreas Fritsch am 25.01.2021
Vendée Globe 2020
#VG2020

Vendée Globe 2020/21

Wer hätte das gedacht – während der Vendée Globe wird erstmals typisches America's-Cup-Vokabular relevant. Wer liegt im ersten "Cross" vorn, wie es dort heißt, wenn die Kurslinien zweier Kontrahenten dicht voreinander auf unterschiedlichen Bug passieren? Zurzeit ist genau das die spannende Frage, denn nachdem Charlie Dalin gestern auf die Steuerbordseite halsen konnte, segelt er nun auf der mit dem intakten Foil – und zeigte auch gleich, was das für seine Verfolger bedeutet. Über die letzte Nacht segelte er mit 20,2 Knoten Durchschnittsspeed mit Abstand als Schnellster im Feld – teils drei Knoten schneller als Louis Burton oder Boris Herrmann.

Stand heute morgen

Stand des Rennens heute um 09:00 Uhr

Und gewann damit den ersten wichtigen "Cross" vor Boris Herrmann klar. Um genau zu sein: 71 Seemeilen lag Dalin heute am Morgen vor dem Bug des Deutschen; gut 20 Meilen verlor "Seaexplorer" letzte Nacht auf "Apivia". Louis Burton ging es nicht besser: Nachdem dieser am Wochenende zeitweise rechnerisch auf Platz eins lag, beträgt sein Rückstand heute 23 Meilen. Doch der Cross für Burton und Dalin fiel aus, Dalin halste heute morgen zurück auf Backbordbug. Zurzeit segeln er und Herrmann gleich schnell mit 19,3 Knoten, Louis Burtons "Bureau Vallée" ist nur unwesentlich langsamer.

Boris Herrmann sagte gestern Abend in einer Zoom-Liveschalte von Bord vor über 7200 Zuschauern:

"Wirklich toll, dass ihr mir so zahlreich folgt! Es gibt mir viel Energie, Mut und Motivation, jetzt nochmal alles zu geben. Ich bin, so wie ihr, ziemlich aufgeregt, jedes Mal, wenn ich den Tracker aktualisiere und die neuen Positionen der Skipper betrachte. Im Moment ist es aus seglerischer Perspektive besonders spannend, weil ganz unterschiedliche Strategien gefahren werden: Charlie Dalin segelt weiter im Osten durch leichtere Winde auf flacher See – Yannick Bestaven ist nach Norden gehalst und hat dort stärkeren Wind. Zwei starke Konkurrenten. Es kann noch viel passieren. Spannender geht es nicht!"

"Die Routenwahl für die kommenden Tage ist eine Mischung aus den Resultaten der Computerprogramme und dem tatsächlichen Drehen des Windes hier vor Ort. Ich fahre aktuell einen schnellen Kurs, um nicht in der Welle steckenzubleiben, und sehe zu, dass ich nach Norden komme. Alle zwölf Stunden erhalten wir neue Wettermodelle und justieren dann noch einmal nach, verfolgen, wie der Wind dreht und wo die Front ist. Der Rest ist Intuition und Bauchgefühl. Das Ende ist wirklich noch sehr offen, aber so weit läuft es ja ganz gut für uns. Ich bin zufrieden mit meiner Position."

"Ich glaube, der letzte Tag wird super spannend und die Ankunft selbst auch, weil wir alle derselben Route von Nordwesten aus folgen werden – es wird ein reines Speed Race auf einer 450 Meilen langen Zielgeraden. Der Wind wird so von 120 Grad kommen, das heißt für uns volles Foiling und hohe Geschwindigkeiten. Wir werden wohl vor dem aufkommenden starken Tief mit vollem Speed in die Biskaya einlaufen. Das wird unheimlich spannend und knapp, es können sich dann noch Positionen verschieben. Und die Zeitgutschrift von über 10 Stunden für Yannick Bestaven, das ist natürlich enorm. Wenn wir mit 20 Knoten segeln, sind es 80 Seemeilen in vier Stunden. Also kann Yannick 80 Meilen hinter mir sein und mich trotzdem schlagen."

"Auf dieser Vendée Globe habe ich viel gekämpft, im Süden nicht so richtig meine Bedingungen gefunden. Jetzt gerade ist es richtig geniales Segeln, und ich bin tatsächlich relativ entspannt. Trotz hohem Seegang habe ich einen Winkel zur Welle gefunden, bei dem das Boot gut fährt. Es läuft einfach, und ich bin automatisch entspannt. Dazu ist es noch recht warm und sonnig im Gegensatz zu gestern, aber ich denke, es war der letzte Tag für die nächsten Monate, wo ich noch im T-Shirt draußen sitze." 

Ein nervenstrapazierender Krimi bis zum Ziel also. Obwohl man eigentlich gar nicht anfangen will dami, beginnt in den Köpfen nun schon das Rechnen: Wenn es Herrmann bis zum Ziel nicht gelingt, Dalin und Burton auf dem Wasser zu überholen, was bedeuten dann seine rund sechs Stunden Zeitgutschrift für die Beteiligung an der Rettung von Kevin Escoffier? Fakt ist: Bei den derzeitigen Speeds und Abständen hätte Herrmann dann gute Karten, noch auf Sieg zu fahren. Doch was die ganze Sache verkompliziert, ist, dass der Wind kurz vor dem Ziel deutlich schwächer werden wird – um die 11 Knoten sagt die Wettervorhersage in etwa 42 Stunden vorher, keine guten Foil-Bedingungen mehr. Und es braucht nur ein Windloch, um dort hängenzubleiben, während die Konkurrenz rechts und links und vor allem von hinten mit dem dort kräftigen Wind aufkommt. Es wird also noch spannender zum Ende hin. 

Hinter dem Führungstrio liegen Thomas Ruyant und Yannick Bestaven, die übers Wochenende aber leicht abreißen lassen mussten, da sie teils in leichtere Winde gerieten als die Boote vorn. Ruyant liegt nun 70 Meilen hinter Hermann, Bestaven, dem Boris Herrmann rund vier Stunden vergüten müsste, 170 Seemeilen. Das klingt nach einem ganz guten Polster, aber tatsächlich scheint in diesem Rennen bis zum Überqueren der Ziellinie nichts entschieden. Vermutlich wird das irgendwann am Mittwoch im Laufe des Abends oder der Nacht auf Donnerstag sein.

Gute Nachrichten gab es schon einmal von der Rennleitung: Damit die Fans das packende Finale in der Endphase optimal verfolgen können, wird der Race-Tracker 200 Seemeilen vor dem Ziel dann alle 30 Minuten aktualisiert, 60 Meilen vor dem Ziel sogar alle 5 Minuten. 

Andreas Fritsch am 25.01.2021

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