Regatta

Vendée-Globe-Nacht brutal: "König Jean" greift den "Boss" an

Jede Vendée Globe hat ihre Helden. Jean Le Cam (61) ist einer von ihnen. Und Boris Herrmann ist nach stürmischen Zeiten weiter auf dem Vormarsch.

Tatjana Pokorny am 14.11.2020
Vendée Globe 2020/2021
Yes We Cam

Unverkennbar und für den Moment Vendée-Globe-Realität: Jean Le Cam kann es!

Vendée Globe 2020/2021

Boris Herrmann

Skipper und Beobachter hatten der vergangenen Nacht mit mehr als Respekt entgegengeblickt. Das Gros der Imoca-Flotte hat das Auge des Sturmtiefs Thêta aber auf seiner westlichen Seite unter Inkaufnahme von Meilenverlusten umfahren. Eine direktere Linie wählten vor allem Spitzenreiter Alex "The Boss" Thomson ("Hugo Boss") und sein zäher Verfolger "König Jean" Le Cam. Die neuen Zwischenstände von Samstagmorgen zeigen es deutlich: Le Cam klebt mit nur drei Seemeilen Rückstand mehr denn je am Heck des Top-Favoriten. Der drittplatzierte Benjamin Dutreux ("Omia – Water Family") hat schon 60 Seemeilen Rückstand auf den führenden Thomson. Dahinter lauern mit  Thomas Ruyant ("LinkedOut") und Kevin Ecoffier ("PRB") zwei weitere Jäger aus dem erweiterten Favoritenkreis im Kampf um Sieg und Podiumsplatze bei dieser neunten Auflage der Solo-Weltumseglung. "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco"-Skipper Boris Herrmann hat das Tief wie die meisten Boote mit defensiver Strategie gemeistert: "Ich habe einige Meilen mit meiner Sicherheits-Positionierung verloren, aber das ist okay. Damit kann ich heute Nacht leben." Aufgeholt hat Herrmann trotzdem weiter, lag am Samstagmorgen auf Platz elf.

Vendée Globe 2020/2021

Die Zwischenstände am sechsten Tag auf See (14. November, morgens). Die beiden Skipper, die sich da aktuell optisch auf Kurs Sturmauge zu bewegen scheinen, sind Isabelle Joschke ("MACSF") und Kojiro Shiraishi ("DMG Mori Global One")

So klang es in der stürmischen Nacht an Bord von Boris Herrmanns "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco". Kuschelig ist anders…

Am sechsten Tag auf See ringen die erschöpften Skipper nach brutaler Sturmnacht um Atem und sehnen sich nach Schlaf. Wie sich der Ritt durchs Tief angefühlt hat, berichtete Alex Thomson am frühen Samstagmorgen:

"Das war ganz sicher nicht sehr angenehm. Ich kann sagen, dass die Vorhersagen eingetroffen sind: Es war sehr windig bei hohen Wellen, sehr böig, kein angenehmer Aufenthaltsort. Die Wellenhöhe? Ich habe mir das nicht so genau angesehen. Aber auf dem Weg aus dem Tief raus hatten sie immer noch etwa sechs, sechseinhalb Meter. Wir können das an Bord messen. Ich habe Sturmböen von bis zu 60 Knoten und Wind von 50 Knoten über mehrere Minuten gesehen. Du gehst durch dieses Tiefdruckgebiet durch, weil du effizient sein willst. Doch sobald du dich solchen Bedingungen näherst, geht es nur noch darum zu überleben und keine Probleme zu bekommen.

Vendée Globe 2020/2021

Dieses wilde Sturmbild hat die Mastkamera an Bord der "Hugo Boss" eingefangen. Der Skipper ist in seiner Kapsel unter Deck vor den Elementen geschützt

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Am Ende der Sturmnach weiter der lachende Spitzenreiter: "Hugo Boss"-Skipper Alex Thomson

Jean Le Cam, Jean Le Cam kommt mich holen!

Lieber Gott, Jean Le Cam ist unglaublich. Unglaublich. Zu sein, wo er mit seinem Boot und in seinem Alter gerade ist, das ist unglaublich. Brilliant!"

Und heute? Irgendwann steht eine Halse auf dem Programm, um den Kurs nach Süden einzuläuten. Irgendwann ein Dinner und dann das Aufholen von Schlaf. Darauf habe ich mich gefreut. Aktuell habe ich 15 bis 20 Knoten Wind aus NNW. Die Wellenhöhe beträgt etwa zwei Meter. Es ist eine schöne Nacht unter ein paar Sternen."

Jean Le Cam, als wildlockiger Rekordteilnehmer mit bewegter Vendée-Globe-Geschichte auch "König Jean" genannt, überrascht mit seiner aktuellen Platzierung nicht nur Alex Thomson. Das bereits 2007 zu Wasser gebrachte, inzwischen mehrfach modifizierte Boot des 61-Jährigen hat zwar schon die Vendée Globe 2008/2009 in Händen von Doppel-Sieger Michel "Le Professeur" Desjoyeaux und auch das Barcelona World Race 2014 mit Jean Le Cam selbst und dem Schweizer Bernard Stamm gewonnen, galt aber von Beginn als chancenlos im Kampf mit den modernen Foilern. Doch eine Woche nach dem Start mischt der mitreißende Erzähler und geniale Stratege Le Cam das Feld als beharrlicher Zweiter mit zwingender Positionierung und aller Erfahrung weiter an der Spitze auf und nutzt die Gunst der Stunde, in der die jüngeren Foiler noch nicht von den Winden bevorzugt sind.

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Zum fünften Mal im Vendée-Globe-Einsatz: Rekordteilnehmer Jean Le Cam startete optimistisch ins Rennen seines Lebens

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"Medallia"-Skipperin Pip Hare

In der Zwischenzeit hat sich die auf Platz 24 liegende "Medallia"-Skipperin Pip Hare, die mit knapp 400 Seemeilen Rückstand auf das führende Duo am Samstagmorgen noch gar nicht am Tief vorbei ist, eine Tapferkeitsmedaille verdient. Die 46-jährige britische Berufsskipperin, die das Solosegeln erst im Alter von 35 Jahren für sich entdeckt hat und dazu von Hochsee-Ikone Isabelle Autissier und deren Büchern animiert worden war, konnte eine Reparatur der gerissenen Gummimanschetten auf Höhe des zweiten Salingpaares am Mast des Bootes, das die Welt schon viermal umsegelt hat und einst Bernard Stamm zu Siegen im Around Alone und im Barcelona World Race trug, nicht weiter aufschieben und fasste sich ein Herz:

"Das hat mich angefressen, weil es nicht richtig erschien, das nach einer Woche im Rennen weiter zu ignorieren. Aber ich wollte nicht in die Höhe klettern, wenn es sich igendwie vemeiden ließ. Ich habe mich dann via WhatsApp mit Joff ausgetauscht und entschieden, dass es gut wäre, es zu erledigen. In den da noch herrschenden leichten Winden und in ruhiger See war klar, dass ich so eine gute Gelegenheit so schnell nicht wiederbekommen würde.

Ich hasse es, auf See in den Mast zu klettern. Es ist absolut schrecklich und ich nehme an, dass ich mir insgeheim gewünscht hatte, das während der Vendée Globe niemals tun zu müssen. Ganz sicher nicht in der ersten Woche. Doch ich habe mich zusammengerissen und einen Deal mit mir selbst gemacht: Wenn mich auf halbem Weg die Angst übermannen würde, dann dürrfte ich wieder runterkommen und müsste mir keine weiteren Gedanken machen. Ich habe Joff eine Nachricht geschickt, dass ich mich nun auf dem Weg nach oben mache und kletterte los. Schnell.

Als ich beim zweiten Salingspaar ankam, zitterten meine Hände. Mein Atem ging schnell, mein Mund war trocken, aber zur Hölle nochmal, ich habe es geschafft. Die ganze Zeit über segelte 'Medaillia' sanft voran. Ich habe mit ihr gesprochen, sie angefleht, sich aufrecht zu halten, sich mögliichst wenig zu neiden und einfach nur zu segeln. Der Abstieg verlief besser als erwartet. Ich hatte zuvor einige Übungen mit meiner Kletterausrüstung absolviert. Dadurch war der Schock, als ich den Stopper löste und zu fallen begann, nicht ganz so groß. Trotzdem war ich froh, als ich wieder an Deck war.

Ich habe danach noch etwa eine halbe Stunde gezittert."

Hier geht es zum Tracker und zu den Zwischenständen.

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Pip Hares Blick aus dem Mast. Nachdem sie wieder an Deck war, hat sie noch eine halbe Stunde gezittert

Tatjana Pokorny am 14.11.2020

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