Regatta
Vendée Globe: Kindheitsträume treiben Seguin und Dalin an

Yannick Bestaven führt auf Kurs Kap Hoorn vor Charlie Dalin und Damien Seguin. Boris Herrmann beschwört die Vendée Globe, und Clarisse Crémer feiert Geburtstag

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 30.12.2020
Damien Seguin Damien Seguin Damien Seguin

#VG2020 Damien Seguin

"Die letzten 24 Stunden war es sehr windig, die See sehr schlimm. Jetzt hat der Wind etwas abgenommen, und wir haben etwas weniger als 20 Knoten. Es war nicht einfach, aber ich glaube, ich habe es alles ganz gut gemanagt. Das ist der Grund, weshalb ich nun Dritter bin. Wir erwarten auch für Kap Hoorn starke Winde. Ich werde sie in meiner Weise managen", fasste Damien Seguin die Entwicklungen vom 51. auf den 52. Tag auf See am Mittwochmorgen zusammen. "Seine" Weise scheint aktuell ein gut passender Schlüssel für die letzten Tage der Härteprüfung im Südpazifik zu sein, der sich der führenden Gruppe nach den flauen Weihnachtstagen inzwischen von seiner nassen und eher brutalen Seite zeigt.

#VG2020 "Groupe Apicil"-Skipper Damien Seguin beeindruckt bei seiner Vendée-Globe-Premiere

Damien Seguin, der dieses Einhandrennen um die Welt tatsächlich mit nur einer Hand bestreitet, weil er ohne Finger an seiner linken Hand geboren wurde, ist längst in aller Munde. Der mehrfache Paralympics-Sieger und Weltmeister bietet den Besten im Rennen mit seiner "Groupe Apicil" auffällig gut Paroli. Das Finot-Conq-Design von 2008 mit der Segelnummer FRA 1000, das die Hauptrolle im Film "En Solitaire" über die Vendée Globe spielte und in Regie des versierten Landsmanns und Konkurrenten Jean Le Cam für die laufende neunte Auflage der Vendée Globe modifiziert wurde, kann in den bisherigen Bedingungen mehr als gut mit den jungen, oftmals zu ungestümen Foilern mithalten.

Aktuell liegt Seguin auf Platz drei, greift sogar den zweitplatzierten Charlie Dalin mit dessen Verdier-Entwurf "Apivia" aus dem Sommer 2019 an, während Yannick Bestaven die Flotte auf Kurs Kap Hoorn mit seiner Verdier-VPLP-Konstruktion von 2015 weiter anführt. Aktuellen Berechnungen zufolge könnte Bestaven Kap Hoorn bereits am Samstag erreichen. Die ganz unterschiedliche Imoca-Generationen in den Top Drei zeigen, was in dieser Klasse und in diesem Rennen mit seinen bislang oftmals ungewöhnlichen Bedingungen möglich ist. Dazu demonstrieren drei ganz verschiedene Skipper, aus welchem Holz Vendée-Globe-Top-Akteure geschnitzt sein können.

Screenshot / #VG2020 Die Positionen vom Morgen des 30. Dezembers zum Ende des 52. Tages auf See

Damien Seguin und Charlie Dalin beispielsweise könnten kaum unterschiedlichere Typen sein. Dennoch verbindet den vielseitigen Segler und klugen Strategen Seguin und den segelnden Yachtkonstrukteur Dalin ein alter Kindheitstraum. Beide wuchsen dort auf, wo sie schon als Jungs von der Faszination fürs Seesegeln angesteckt wurden: Der 35-jährige Dalin stromerte als Schuljunge in seiner Heimatstadt Le Havre an den Stegen der Transat-Jacques-Vabre-Boote herum. Der 41-jährige Seguin wuchs auf Guadeloupe auf und begeisterte sich dort für die einlaufenden Helden der Route du Rhum. Seguin erzählt: "Als wir nach Guadeloupe umzogen, haben wir uns das Finale der Route du Rhum 1990 angeschaut. Ich wusste nichts Näheres, aber alle sprachen darüber. Es war eine Offenbarung. Ich erinnere mich an diese gigantischen Boote und die großartigen Segler, die um Autogramme gebeten wurden. Florence Arthaud, Mike Birch, Alain Gautier, Laurent Bourgnon waren wie Rockstars. Ich wollte das Gleiche machen wie sie und ihrem Heckwasser folgen."

#VG2020 Blick zurück von Damien Seguins "Groupe Apicil". Der Franzose hat bislang ein meisterliches Rennen absolviert

Auch Charlie Dalin erinnerte sich vor dem Start der 9. Vendée Globe in einem Interview mit den Veranstaltern an diese Entdecker- und Aufbruchszeit in seiner Jugend: "Zu Hause in Le Havre habe ich mich alle zwei Jahre träumend zwischen den Transat-Jacques-Vabre-Booten wiedergefunden. Ich ging die Rennmaschinen bewundern und verfolgte die Rennen im Radio und in den Zeitungen. Natürlich auch in den Segelmagazinen. So entdeckte ich das Mini-Transat in 'Voiles et Voiliers' (Red.: französisches Segelmagazin). Ich habe Stunden damit verbracht, mir die kleinsten Details auf den Fotos anzusehen." Zwei Jahrzehnte später rast Dalin nun selbst erstmals solo um die Welt und tut das bei seiner Premiere bislang wie auch Damien Seguin sehr überzeugend.

#VG2020 "Apivia"-Skipper Charlie Dalin genießt am Morgen des 30. Dezember für einen goldenen Moment seine guten Aussichten

Seguin lacht und sagt: "Hier bin ich und träume davon, Kap Hoorn in den Top Fünf zu passieren. Das wäre irre! Aber es ist das, was ich wirklich versuchen werde zu tun. Ich brauche immer noch etwa eine Woche, um dahinzukommen. Es wird am Sonntag oder Montag so weit sein. Doch diese letzte Woche bis Kap Hoorn wird hart. Die Wettermodelle sagen verschiedene Dinge vorher. Wir werden sehen." Bei aller Euphorie bleibt Seguin aber auch realistisch: "Die Leute haben gesagt, dass die Foiler beschleunigen werden. Das kann beim Aufstieg im Atlantik gut passieren. Wir werden sehen. In jedem Fall wird es bei Kap Hoorn noch nicht vorbei sein. Wir wissen, dass der Atlantik-Aufstieg schon oft voller Überraschungen steckte. Doch momentan fokussiere ich mich auf dieses mystische Kap!"

Boris Herrmann Racing /#VG2020 Boris Herrmann rückte am Morgen des 30. Dezember auf Kurs Kap Hoorn auf Platz sieben vor

Wie fordernd die aktuellen Bedingungen sind und wie schnell die Boote immer wieder werden lassen können, zeigt Boris Herrmann in seinem jüngsten Clip und beschwört dabei die Vendée Globe. Der "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco"-Skipper war am Mittwochmorgen zum Ende des 52. Tages auf See wieder auf Platz sieben vorgerückt und hatte 250 Seemeilen Rückstand auf Spitzenreiter Bestaven. Es bleibt spannend auf Kurs Kap Hoorn, denn auch kurz vor Jahresende trennten die Boote auf den Plätzen drei bis acht keine 100 Seemeilen. Einen Tag vor Silvester feierte Clarisse Crémer am 30. Dezember ihren 31. Geburtstag mit Kuchen, Kerze und strahlendem Lächeln. Als Zwölfte verteidigte die "Banque Populaire X"-Skipperin ihren Vorsprung von knapp 40 Seemeilen vor Armel Tripon auf "L'Occitane en Provence". Im Mittelfeld hat Jérémie Beyou seine faszinierende Aufholjagd weiter fortgesetzt und die am Vortag noch rund 600 Seemeilen Rückstand auf "Medaillia"-Skipperin Pip Hare auf 530 Seemeilen gedrückt. Der "Charal"-Skipper war nach Bruch und Reparaturen an Land erst neun Tage nach dem Feld in die Vendée Globe durchgestartet. Er kann das Rennen zwar kaum mehr gewinnen, hat aber dennoch die Möglichkeit, die Bestzeit zu ersegeln.

#VG2020 Hatte kurz vor der Jahreswende bereits Neuseeland in dessen Süden passiert: Jérémie Beyous schnelle "Charal"

Hier geht es zum Tracker und den Zwischenständen.

Clarisse Cremer / Banque Populaire / #VG2020 Happy Birthday, Clarisse Crémer! Die in Paris geborene "Banque Populaire X"-Skipperin feiert am 30. Dezember ihren 31. Geburtstag


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Themen: Boris HerrmannCharlie DalinClarisse CrémerDamien SeguinVendée Globe

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