Regatta
Vendée Globe: Isabelle Joschke als Fünfte in Angriffslaune

Beinahe unauffällig hat sich die Deutsch-Französin vorgearbeitet: "MACSF"-Skipperin Isabelle Joschke rückt im Stillen Ozean vor. Boris Herrmann bleibt dran

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 28.12.2020
Isabelle Joschke Isabelle Joschke Isabelle Joschke

Isabelle Joschke / MACSF / #VG2020 Isabelle Joschke

Sie ist die Tochter einer Französin und eines Deutsch-Österreichers, wurde am 27. Januar 1977 in München geboren, aber überwiegend in Frankreich groß: "MACSF"-Skipperin Isabelle Joschke sorgt aktuell in der Vendée Globe für Aufsehen. Die 43-Jährige, die in Paris klassische Literatur studierte, hat sich mit Beharrlichkeit, guter Positionierung und viel Kampfgeist in die Top Fünf vorgearbeitet. Gelernt hat sie das Segeln einst im Optimisten auf österreichischen Binnenseen. Als eine von sechs Frauen im Anfangsfeld von 33 Booten in diese neunte Auflage der Vendée Globe durchgestartet, ist sie seit dem Ausscheiden von Samantha Davies bei ihrer Premiere im Alter von 43 Jahren die erfolgreichste Skipperin im Feld.

Isabelle Joschke / MACSF / #VG2020 Isabelle Joschke hat dieses Bild von der Schönheit der Elemente um sie herum eingefangen

Screenshot / Vendée Globe Die Positionen am 50. Tag auf See (28. Dezember, morgens)

Als Joschke nur zwei Jahre nach der Entdeckung ihrer Leidenschaft für den Hochseesegelsport in der berühmten 1947 gegründeten Segelschule Les Glénans das Mini-Fastnet mit keinem Geringeren als Frankreichs Segler des Jahrzehnts Franck Cammas gewann, ließ sie bereits aufhorchen. Zwar blieben die ganz großen Triumphe bis heute aus, doch Joschke erwies sich auch nach Rückschlägen als hartnäckig – einer ihrer besten Qualitäten. Beobachter attestieren der zierlichen Seglerin darüber hinaus ein hohes Maß an Zielstrebigkeit und starke Management-Qualitäten. Ihre Arbeit trägt nun nach eher verhaltenem Vendée-Globe-Start und der ermüdenden Auseinandersetzung mit einer Reihe technischer Probleme rund 2000 Seemeilen vor der Kap-Hoorn-Passage Früchte.

Isabelle Joschke / MACSF / #VG2020 Aktuell mit guten Aussichten unterwegs: Isabelle Joschke

Isabelle Joschke / MACSF / #VG2020 Isabelle Joschke kommt bei ihrer ersten Solo-Weltumsegelung immer besser in Fahrt

Am Vortag zu ihrem jüngsten Aufstieg im Klassement auf Platz fünf hatte Joschke von See berichtet: "Die Zeitunterschiede verändern sich von Tag zu Tag so schnell, dass nichts mehr in Stein gemeißelt ist! Ich bin nicht mehr synchron. Während mir so kalt ist, warte ich nicht mehr mit dem Essen, bis ich hungrig bin. Es hängt eher daran, wie ich mich fühle, weil es keine richtige Vorstellung mehr davon gibt, ob Frühstück oder Abendessen. Ich mache alles, wie ich mich fühle. Und ich versuche, dem Magen in der Nacht eine Pause zu gönnen. Es besteht hier wirklich kein Risiko, fett zu werden, wenn man bedenkt, wie kalt mir ist; ich glaube, ich verliere stattdessen eher Kalorien! Dazu kommt ja die physische Aktivität an Bord: Sogar in leichten Winden stehen Mannöver an. Es ist immer etwas zu tun an Bord."

Isabelle Joschke / MACSF / #VG2020 Das erste Kap – das Kap der Guten Hoffnung – hatte Isabelle Joschke als Zwölfte knapp hinter der später ausgeschiedenen Samantha Davies passiert

Isabelle Joschke / MACSF / #VG2020 Das zweite Kap Leeuwin passierte Joschke schon als Neunte

Joschke ist gerade ein starkes Aushängeschild des von ihr mitgegründeten Vereins Horixon Mixité, mit dem sie die Gleichstellung von Geschlechtern fördern will. Sie mischt mit ihrem modifizierten Verdier-VPLP-Design auf Foils unter der Segelnummer FRA 27 in der Spitzengruppe dieser Vendée-Globe-Edition mit, bleibt dabei aber respektvoll im Umgang mit dem Material. "Wir hatten alle schon Schreckensmomente in diesem Rennen", erzählte Joschke kurz vor Weihnachten, "wenn aus 20 Knoten Wind plötzlich 40 werden und das Boot dafür einfach nicht bereit ist… Das hat Konsequenzen auf ein Segel, eine Schot, die Belastung eines Auslegers… In diesen Temperaturen sind es echte Härtetsts. Der Wind lässt langsam nach. In diesen Bedingungen werde ich im Süden um das Hoch herumsegeln, in nicht zu starken Vorwindbedingungen." Diese Teilaufgabe hat Joschke auf Kurs Kap Hoorn bislang stark gelöst. Sie wusste schon vor Weihnachten: "Die Wettervorhersage ist für die kommenden zehn Tage eher mild. Taktisch wird das nicht einfach. Es ist nie einfach, in unbeständigen Winden den richtigen Kurs zu wählen." Ihr ist das zuletzt allerdings hervorragend gelungen.

Isabelle Joschke / MACSF / #VG2020 Isabelle Joschke hat bei sich an Bord alles im Griff, auch die Schale des "australischen Sommers". Die Deutsch-Französin spricht auch Deutsch, verbrachte ihr Leben aber weitgehend in Frankreich

Isabelle Joschke / MACSF / #VG2020 Vorne ist, wo Joschke sein will: Die Deutsch-Französin ist mit Beharrlichkeit in die Top Fünf gesegelt

Spitzenreiter bleibt am 50. Tag auf See weiter Yannick Bestaven, der seinen Vorsprung vor Charlie Dalin an seinem 48. Geburtstag auf knapp 90 Seemeilen noch ein bisschen ausbauen konnte. Der "Maître Coq IV"-Skipper hatte sich wieder einmal gut zum erwarteten Tiefdruckgebiet positioniert, das die führende Gruppe nach fast 1500 Seemeilen vom langsamen taktischen Flautenpoker erlöst. Bestaven segelte am Montagmorgen am Wind entlang der Eisgrenze etwa beim 53. Breitengrad Süd. Isabelle Josche hatte zu dem Zeitpunkt knapp 350 Seemeilen Rückstand auf ihren Landsmann – wie auch Jean Le Cam ("Yes We Cam") und Boris Herrmann ("Seaexplorer – Yacht Club de Monaco"). Der 61-jährige Franzose und der 39-jährige Deutsche setzten ihr packendes Duell nahezu gleichauf mit Joschke auch am 28. Dezember fort. Das Duo trennte nach 50 Tagen auf See die Winzigkeit des Zehntels einer Seemeile! Auf Platz vier lag kurz vor der Passage des Längengrads von Point Nemo Damien Seguin mit nur noch rund 50 Seemeilen Rückstand auf den drittplatzierten Thomas Ruyant.

An Boris Herrmanns Mission hat sich nicht geändert: "Ich will Kap Hoorn in einem Stück erreichen. Momentan ist mein Boot zu 100 Prozent okay. Das kann man vermutlich über nicht viele der anderen Boote sagen. Lasst uns also diese Woche ohne große Meilenverluste überstehen, aber ganz sicher ohne Bruch. Bitte!" Zu kleinen Scherzen war Herrmann auch aufgelegt, obwohl er sich "mental etwas müde" fühlte: "Einige von euch müssen heute am Montag vielleicht wieder zur Arbeit. Wie fühlt sich das an? Na, ich komme Ende Januar erst wieder von der Arbeit zurück… Der letzte Vendée-Globe-Gewinner hat 27 Tage von Kap Hoorn bis in den Zielhafen Les Sables-d'Olonne gebraucht. Darauf hoffe ich auch. Das ergäbe insgesamt 84 Tage und eine Ankunft am 30. Januar. Das ist die Annahme. Ich schaue von Tag zu Tag." Von der bevorstehenden Begegnung mit dem Tief erwartet Herrmann "Böen mit bis zu 45 Knoten" und sagte: "Ich erzähle euch morgen, wie das war."

Hier geht es zum Tracker und den aktuellen Zwischenständen.

Der Hamburger Skipper spricht über die täglichen Kontraste des Rennens auf Kurs Kap Hoorn und die psychologische Stärke, die dafür notwendig ist

Isabelle Joschke / MACSF / #VG2020 Bleiben sich als Duell-Partner auf Kurs Kap Hoorn treu: Jean Le Cam mit seiner "Yes We Cam" aus der Perspektive von Boris Herrmann auf seiner "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco"


Lesen Sie die YACHT. Einfach digital in der YACHT-App (iTunes und Google Play) oder bestellen Sie es im Shop als Abo oder Einzelheft:

iTunes Store Google Play Store Delius Klasing Verlag

Themen: Boris HerrmannIsabelle JoschkeSeaexplorer - Yacht Club de MonacoVendée Globe

Anzeige