Regatta
Vendée Globe: Interview mit Boris Herrmann

Der Deutsche erzählt in einer Live-Schalte vom Boot über Schäden an Bord, Wipeouts, Ängste und Sorgen und die Taktik für die weiteren Wochen

  • Andreas Fritsch
 • Publiziert am 04.12.2020
Boris Herrmann Boris Herrmann Boris Herrmann

Boris Herrmann Racing Boris Herrmann

Herrmann meldet sich über Zoom-Video-Schalte zu einer Pressekonferenz, rund 20 Journalisten dürfen kurz Fragen stellen, 20 Minuten, dann muss er seine "Seaexplorer" weiter durch den Indischen Ozean auf dem Weg zum Kap Leeuwin prügeln. Ab und zu fliegt ordentlich Gischt ums Cockpit, das man im Hintergrund sieht.

Sie haben ein Problem mit Ihren Hydro-Generatoren, was ist genau passiert?
Es herrschen hier schwierige Seegangs- und Windbedingungen. Es ist hackig, und es steht eine kurze Welle. Es ist schwer, da einen guten Durchschnittsspeed zu finden. Für meine Hydro-Generatoren sollte ich nicht mehr als 25 Knoten fahren, gestern waren es teils 30. Da ist einer der Generatoren plötzlich abgerissen. Ich habe ihn dann erst einmal reingeholt und bin weitergefahren. Ich bin dann in die Koje gegangen und habe dort ein komisches Geräusch gehört, da war dann auch der andere abgerissen. Eine Schraube hatte sich gelöst. Ich habe zwei Generatoren, einen in Luv, einen in Lee. Der In Luv hatte sich gelöst und die Wellen dann so schlagweise abbekommen, dass auch dieser aus der Verankerung gerissen ist.

Ich habe jetzt mittlerweile mit dem Team eine Idee, wie ich das repariere, aber das werde ich erst angehen, wenn die Bedingungen ruhig sind. Da werde ich die Flex für benötigen, Sägen, verschiedene Gewerke. Das ist zu gefährlich im Moment bei diesen Bedingungen. Manchmal fährt das Schiff noch 30 Knoten, obwohl ich es gar nicht will. Die Durchschnittsgeschwindigkeiten sind aber eher niedrig. Ich habe noch nicht die richtigen Einstellungen gefunden, um hier mit einer sinnvollen Geschwindigkeit voranzukommen. Das macht es sehr schwierig. Tagsüber versorgen mich die Solarpaneele mit Strom, nachts muss ich jetzt den Diesel benutzen.

Vier Wochen sind geschafft, wie geht es Ihnen?
Körperlich geht es mir gut, nur die Hände tun etwas weh. Es ist eine permanente Gewöhnung an die Bedingungen. Ich bin der Meinung, der menschliche Geist kann sich an alles gewöhnen, aber es sind harte Bedingungen, meine Güte. Verdammt nochmal, ich bin froh, wenn ich wieder zu Hause bin!

Ist der Seegang so schlimm aufgrund des Agulhas-Strom, der gegen den Wind steht? Wird das demnächst dann besser?
Ja, ich denke, das wird es, der Indische Ozean ist berüchtigt dafür, so eine kurze, hackige See zu haben, im Pazifik sollte das besser werden. Ich habe also hoffentlich eine zweistufige Verbesserung erst einmal hier aus der Strömungs-Zone heraus und dann aus dem Indischen Ozean. Das ist sowieso etwas, was man sich hier auf See sagt: "Es kann ja nur besser werden!"
Man braucht viel innere Kraft und Geduld, um immer wieder zu sagen:, Ja ja, morgen wird ein besserer Tag, wird der Wind ruhiger. Ich komme damit innerlich noch ganz gut klar. Schlimmer kann es nicht mehr werden. Die Wellen sind so zerhackt, das habe ich so extrem noch nie erlebt.

Fällt es Ihnen schwer, nicht Gas zu geben, sondern das Boot ständig langsam zu machen?
Es fällt mir schwer zu sehen, wenn ich Meilen verliere. Das geht nicht spurlos an mir vorüber. Ich habe heute morgen schon wieder 40 Meilen verloren, richtig viel. Wenn man sich überlegt, wie man in anderen Regionen um jede Meile kämpft, etwa im St.-Helena-Hoch, dann hast du in vier Stunden eine Meile gewonnen und bist froh. Wenn ich mir überlege, wie wir uns krummgelegt haben, vier Jahre, um ein schnelles Boot zu bekommen, hier schnell zu sein und dann fährt man langsam, dann fällt das schwer. Natürlich verändert sich die Wahrnehmung des Rennens über die Zeit und auch mit den Ausfällen, deswegen gibt es eine gewisse Demut. Und eine große Hoffnung: Die Sehnsucht anzukommen, es heil hier durch zu schaffen. Und natürlich ist mir die Regatta wichtig, aber die tritt bisweilen in den Hintergrund, beziehungsweise ich will nicht irgendwas aufs Spiel setzen. Sobald ich sehe, dass ein Alarm losgeht, was ich heute morgen mit den Foils noch hatte, muss ich schnellstmöglich reagieren. Die Foils sind momentan komplett eingefahren.

Ich habe nur die J3 (Jib 3), die J2 kann ich im Moment nicht einsetzen, das ist wahrscheinlich auch der Hauptgrund, warum ich so langsam bin, die Anderen fahren die J2. Bei der J2 ist der Reißverschluss unten ungefähr halb geöffnet. Wenn ich es weiter benutze, bestünde die Gefahr, dass es schlimmer wird und ich für die Reparatur in den Mast müsste. Ich kann das Segel nicht runterholen und reparieren, das ist technisch nicht vorgesehen. Vier Tage lang habe ich eine Leichtwindzone, da müsste ich das alles wieder in Stand setzen können. 10 Knoten Wind, dann bekomme ich das wieder hin.

Wie haben Sie die Rettungsaktion von Kevin Escoffier verarbeitet? Belastet das noch?
Ich habe das hinter mir gelassen. Es beschäftigt mich nicht mehr so sehr, jetzt kümmere ich mich um meine eigenen Geschicke: Wie komme ich durch den Tag, wie komme ich mit meiner Stimmung zurecht, mit dem Schlaf? Wie kriege ich es hin, eine bessere Geschwindigkeit an den Tag zu legen?

Mich hat das bis gestern stark beschäftigt, ich habe da auch noch eine Träne verdrückt. Die Sache war auf Messers Schneide, ich glaube, Kevin selber ist sich der Sache gar nicht so bewusst, der geht da sehr positiv mit um. Ich weiß aber nicht, ob das nicht bei ihm in ein, zwei Monaten ins Bewusstsein kommen wird, wie haarscharf das war.

Selbst in Deutschland ist die Vendée mittlerweile überall ein Thema. Bekommen Sie von den Hype etwas mit?
Ich kriege das schon mit, ich bin nicht im Tunnel. Ich bin sehr auf die Außenwelt bezogen, kein Eigenbrötler. Wenn man so ein Typ ist, ist es vielleicht einfacher, Einhandsegler zu sein. Ich fühle mich manchmal allein, einsam, dann richte ich meinen Blick nach außen, kommuniziere mit der Umwelt. Und dann sagen mir schon Leute "guck mal hier, da sind viele Berichte, viele nette Kommentare". Das freut mich natürlich. Man bekommt einfach ein positives Feedback.

Es gab ja schon mehrere Kollisionen mit Treibgut. Hat Sie das Oscar-Kamerasystem im Masttopp schon vor einer Gefahr im Wasser gewarnt?
Ja, ich hatte eine Warnung, bin rausgegangen, und dann war ein etwa 80 Zentimeter großer Fender im Wasser in der Nähe, es funktioniert also. Aber die Kollision von Sam Davis, das können auch Wale gewesen sein. Dabei würde das System nicht helfen; es kann nicht unter Wasser schauen. Dafür haben wir den Wal-Pinger, die sollen die verscheuchen.

Es gab ja viel Bruch zurzeit. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Wir sind noch nicht bei der normalen Quote der Ausfälle der Vendée, die liegt ja oft bei so 47 bis 50 Prozent. Das ist leider fast die Norm, aber natürlich ist man bei jedem Einzelfall sehr bedrückt, ich habe auch den Kollegen von mir dann geschrieben, so eine Art Beileid ausgedrückt, sozusagen. Jeder Einzelfall erklärt sich irgendwo, ist singulär, man kann es nicht verallgemeinern. Es ist viel Pech dabei. Ich selber fühle mich sehr solide im Rennen, und ich bin sehr sicher, dass ich ankomme – toi, toi, toi.

Wie viel Arbeitsaufwand ist es eigentlich, dass Boot schnell zu segeln? Wieviel Trimmarbeit leisten Sie?
Die Segel sind fast maximal gefiert auf diesem Kurs. Es geht mehr um die Autopilot-Einstellungen. Der hat verschiedene intelligente Funktionen, die ich einstelle, die aber auch händisch nachjustiert werden müssen, wenn der Wind schwächer wird oder stärker. Es ist also mehr das Eingreifen in den Autopiloten, das einen beschäftigt. Aber auch der ständige sorgenvolle Blick, dass man sich fragt, was mache ich jetzt,? Ich falle dann ab, dass Boot wird dann langsam, es kommt keine Gischt mehr ans Deck. Das gibt mir die Möglichkeit, einen Blick auf alles zu werfen, zu sehen, ob es in Ordnung ist.

Sich etwas zu essen zu machen, sich auf dem Boot zu bewegen, das kostet alles so viel Energie. Die Anstrengung ist nicht nur das Kurbeln an den Schoten oder wenn ich, wie heute morgen, mein Foil einfahren muss. Dann hatte ich drei Sonnenschüsse in den letzten zwölf Stunden. Da muss ich das Großsegel ganz fieren und wieder dichtholen. Das ist schon ein kleiner Sprint, ein ziemlicher Kraftakt.

Es ist anstrengend und vor allem eben auch nicht genussvolles Segeln. Ich wollte dieses Rennen ja auch genießen. Wenn das Boot hier so stampft und schlägt und unterschneidet, du so reinfährst in die Welle, da leidet man mit dem Schiff. Es ist einfach nicht schön, und ich habe große Sehnsucht nach einer langen Welle, nach einem mäßigen Dahingleiten, einfach nach schöneren Bedingungen.

Also sitzt man viel unter Deck am Rechner und trimmt das Boot über den Autopiloten?
Ja, ich reguliere über den Rechner und die Fernbedienung. Aber gestern hat es mich dann trotzdem noch einmal richtig erwischt. Das Boot ist in einen Surf gestartet, ich hatte eine durchschnittliche Geschwindigkeit einreguliert, um maximal 25 Knoten zu fahren. Aber das Boot hat in der Bö beschleunigt, hat einfach nicht aufgehört, und als ich dann rausstürmte, war das Speedometer bei 38 Knoten. Und mit diesem Speed ist das Schiff in die nächste Welle reingedonnert. Da hat man natürlich mit den Geschichten von Kevin wirklich Angst, dass etwas kaputtgeht. Alle Alarme gingen an. Die Computer-Tastatur, die ich auf dem Schoß hatte, ist zehn Meter weit ins Vorschiff geflogen, so stark ist die Entschleunigung gewesen. Natürlich ist das Schiff dann aus dem Ruder gelaufen, ich musste das Groß fieren. Das sind einfach sehr unschöne Erlebnisse, und aus diesem Grund bin ich hier momentan so stockend langsam unterwegs.

Wie entspannen Sie bei solchen Bedingungen eigentlich?
Gute Frage. Ich lese Whatsapp-Nachrichten oder höre die Voice-Nachrichten an. Matze Steiner schickt mir den Hamburg-Aktuell-Podcast, das hilft beim Abschalten. Und wenn ich in der Koje liege, lese ich zum Einschlafen noch ein paar Seiten.


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