Regatta
Vendée Globe: Herrmann bereit zum Angriff – nach Kap Hoorn

Boris Herrmann musste über Nacht den elektrischen Motor für seine Kielhydraulik austauschen. Der Kap-Hoorn-Gipfelsturm läuft. Bestaven führt weiter vor Dalin

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 31.12.2020
Boris Herrmann Boris Herrmann Boris Herrmann

Boris Herrmann Racing / #VG2020 Boris Herrmann

Boris Herrmann Racing / #VG2020 Der Rum für Kap Hoorn: Boris Herrmann zeigt ihn im goldenen Sonnenlicht

"Meine Idee war es immer, erst aufs Boot aufzupassen und nach Kap Hoorn anzugreifen. Mein Boot ist jetzt zu 100 Prozent okay." Mit dieser Kampfansage geht Boris Herrmann in die letzten rund 1300 Seemeilen bis Kap Hoorn. Zuvor war er wieder auf Platz sechs vorgerückt. Vor der führenden Gruppe liegt beim Übergang vom Pazifik in den Atlantischen Ozean die Drake-Passage, für die Wetterexperten im Revier zwischen Kap Hoorn und den Südlichen Shetlandinseln ein Tiefdruckgebiet und höchst fordernde Bedingungen erwarten. Boris Herrmann ist bereit. Seine Sehnsucht nach Erreichen der atlantischen Zielgeraden auf dem Weg zurück in den Start- und Zielhafen Les Sables-d'Olonne ist groß.

Boris Herrmann Racing / #VG2020 Die Namen der Mitglieder seines Kernteams begleiten Boris Herrmann über das ganze Rennen

Wie Herrmann setzen die Müdigkeit nach fast 53 Tagen auf See, die aktuell wechselhaften Bedingungen und die Gedanken an eine stürmische Kap-Hoorn-Passage den Seglern in der Führungsgruppe zu. Das Feld wird weiter von Yannick Bestaven angeführt, der bei glücklicher Positionierung ebenso wie der rund 120 Seemeilen hinter ihm liegende "Apivia"-Skipper Charlie Dalin die Möglichkeit hat, den Verfolgern zu enteilen und mit der Drake-Passage einige hundert Seemeilen Gewinn zu verbuchen.

Screenshot / #VG2020 Die Positionen am Silvestermorgen zum Ende des 53. Tages auf See

Screenshot / #VG2020 Interessante Vorschau: "Spult" man die Wetterprognosen um 48 Stunden nach vorne, ergibt sich für Samstag bei Kap Hoorn diese ungemütlich stürmische Aussicht – das Tief ist lilafarben zu erkennen

Boris Herrmann beschrieb die Lage am frühen Silvestermorgen so:

"Ich kann Jean sehen: Er hat kleine Segel oben – ein gerefftes Groß und den kleinen Gennaker. Ich bin nicht sicher, warum. Vielleicht hat er ein Problem. Ich habe ein volles Groß und den großen Gennaker oben. Ich passiere Jean, und Benjamin ist nicht weit weg. Das Tief hat uns ein wenig verlassen. Wir befinden uns in einer Hochdruckzelle und haben nicht viel Wind. Elf Knoten. Die Boote hinter uns haben mehr Wind. Und die Boote vor uns. Damien hat mehr Wind und – gewinnt Meilen. Morgen früh (Ortszeit) werden wir eine totale Flaute erleben, bevor es mit Wind aus dem Süden wieder weitergeht. Ich werde einen Drink und ein kleines Dinnner zu mir nehmen. Es war ein harter Tag, an dem ich den Motor für meine Kielhydraulik ausgetauscht habe. Das waren viele Stunden Arbeit, nicht leicht zu machen. Dazu kamen einige Manöver, Halsen und Segelwechsel. Der Wechsel vom kleinen Gennaker zum großen, das Aufräumen des Bootes, Stacking. Es war ein stressiger Tag. Die Belohnung werden ein schönes Dinner und ein bisschen Wärme der Heizung sein. Den Silvesterabend werde ich mit meinen europäischen Freunden verbringen. Wir werden in zwei Tagen einen Sturm erleben, und mein Plan sieht vor, im Süden zu bleiben und mein Boot zu bewahren. Das Boot ist bei 100 Prozent. Ich selbst bin ein bisschen müde. Mein Ziel ist es, etwas nach der Kap-Hoorn-Passage zu attackieren."

Boris Herrmann zeigt in diesem neuen Clip, wie er den Elektromotor für die Kielhydraulik der "Seaexplorer - Yacht Club de Monaco" ausgetauscht hat

Boris Herrmann Racing / #VG2020 Boris Herrmann beim Austausch seines elektrischen Motors für die Kielhydraulik: "Der bleibt jetzt besser heil. Einen zweiten Ersatzmotor habe ich nicht."

Boris Herrmann Racing / #VG2020 Müde nach getaner Arbeit: Boris Herrmann am Silvestermorgen

Die ersten Boote werden Kap Hoorn voraussichtlicht am 2. Januar passieren. Wie die Positionierungskämpfe und die unterschiedlichen Strategien im Umgang mit den vorhergesagten stürmischen Kap-Hoorn-Bedingungen ausgehen, bleibt bis dahin abzuwarten. Yannick Bestaven setzt seinen wilden Ritt mit Durchschnittsgeschwindigkeiten von fast 20 Knoten nahe der Eisgrenze fort. Sein Ziel ist es, unter dem Zentrum des Tiefdruckgebietes hindurchzuschlüpfen. Dennoch wird er in der Folge während der Drake-Passage mit starken Winden von mehr als 35 Knoten aus Nordwest zu kämpfen haben. Das ist auch eine Option für seinen Jäger Charlie Dalin, der weiß, dass er genau jetzt einen wichtigen Schritt bei dieser neunten Edition der Vendée Globe gehen und das Blatt zu seinen Gunsten wenden kann. Dalin gibt Gas, um vor dem Tief in den zunehmend starken Winden aus Nordnordwest zu bleiben, die ihn auf Kurs Kap Hoorn schnell machen. Seine Attacke wirkt deshalb so aggressiv, weil er genau weiß, dass er vor dem Eintauchen in die Drake-Passage vor dem Tief bleiben muss, wenn er Kap Hoorn – voraussichtlich nur ein paar Stunden nach Bestaven – erreichen will.

Yannick Bestaven/#VG2020 Yannick Bestaven führt das Feld auf Kurs Kap Hoorn mit "Maître Coq" an

Gut gelaunt steuert Boris Herrmann trotz ungemütlicher Prognosen Kap Hoorn an. Manche Wolken im Bildhintergrund sehen schon fast aus wie Land…

Währenddessen zieht sich das Feld ihrer Verfolgergruppe etwas auseinander, weil die Windbedingungen zwischen dem 54. und dem 56. Breitengrad Süd bei Wassertemperaturen von sechs Grad und Lufttemperaturen von drei Grad Celsius nicht für alle gleich sind. Vor diesem Hintergrund steigt die Spannung pünktlich zu Silvester noch einmal merklich: Wer wird das neue Jahr bei der Passage des dritten und wichtigsten Kaps auf dieser "Route der drei Kaps" ideal begrüßen, und wer muss womöglich Federn lassen?

Hier geht es zum Tracker und den Zwischenständen.

Isabelle Joschke / MACSF / #VG2020 Isabelle Joschke auf Kurs Kap Hoorn


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Themen: Boris HerrmannCharlie DalinDamien SeguinJean Le CamThomas RuyantVendée GlobeYannick Bestaven

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