Vendée Globe

Vendée Globe: Exit-Strategie und seelische Härten

Während sich Kevin Escoffier auf seinen Ausstieg bei Jean Le Cam vorbereitet, tun sich Sam Davies und Sébastien Simon schwer, das Rennen aufzugeben

Andreas Fritsch am 04.12.2020
Seaexplorer
Boris Herrmann / Seaexplorer – Yacht Club de Monaco / #VG2020

"Seaexplorer" im Glitsch

Wer die Bilder sieht, leidet mit: Mit ähnlich herzzerreißender Miene berichteten gestern die Britin Sam Davies von ihrer "Initiatives-Cœur" und Sébastien Simon von seiner "Arkéa Paprec", schickten Videos von gerissenem Laminat und durchs Boot schwappendem Wasser. Beide sind mit Treibgut kollidiert, beide haben schwere Schäden davongetragen, beide dümpeln südlich des Kap der Guten Hoffnung und versuchen, genau die aufrechtzuhalten: die Hoffnung. Die auf ein kleines Wunder, indem ihre Teams und Designer einen Reparatur-Plan präsentieren, der es möglich macht, die Vendée zu Ende zu segeln.

Doch wer die Bilder sieht, mag daran nicht so recht glauben. Simon erläuterte gestern, dass der Schwertkasten unten aus dem Boot gerissen sei und ein Riss durch die Struktur davor gehe, der gestern noch nicht dagewesen sei. "Ich müsste das Foil, das immerhin allein 300 Kilo wiegt, zersägen, damit die Kräfte, die es ins Boot einleitet, weniger werden. Dafür bräuchte ich ruhiges Wetter, danach sieht es aber die nächsten 12 oder sogar 24 Stunden nicht aus." Verzagt wirkt er, hadert – das habe er nicht verdient. Wer die großen Mengen von Wasser durch die Bodengruppe schwappen sieht, mag an eine Reparatur nicht so recht glauben. Aber für kleine Wunder ist die Vendée immer gut.

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Darauf hofft auch Sam Davies. Sie beschrieb, dass ihr Boot nachts bei 20 Knoten Speed mit dem Kiel gegen ein Hindernis gestoßen und praktisch völlig zum Stillstand gekommen sei. "Der Aufprall war heftig, es gab ein lautes Krachen." Und nun hängt der Kiel zwar noch stabil in seiner Schwenkachse, aber es gehen Risse durch den Kasten, der ihn umgibt, etwas Wasser ist auch dort eingetreten. Wer die Bilder der beiden sieht, hat unweigerlich das Gefühl, hier klammern sich zwei Segler an einen Strohhalm, den es eigentlich gar nicht so recht gibt. Aber nur zu verständlich, wenn vier Jahre Arbeit so abrupt zu einem Ende kommen.

Video Tages-Update von gestern

Derweil enteilt das Feld in großen Schritten. Vorne wehrt sich Charlie Dalin nun gegen die Angriffe von Louis Burton der letzten Tage, konnte über Nacht den Abstand auf 149 Seemeilen konstant halten. Und Thomas Ruyant quetscht alles aus seiner "LinkedOut", das derzeit auf dem Bug ohne Foil segelt, um den Anschluss. Er konnte zuletzt Boden gutmachen, hat nur noch 200 Meilen Rückstand. Man kann sich vorstellen, wie sehr er das Boot dafür ohne Foil pushen muss.

Spürbar einen Gang zurückgeschaltet hat Boris Herrmann. Er schickte gestern ein Video von Bord, in dem er berichtet, dass der konfuse Seegang das Boot enorm belastet und er ständig zwischen 10 und fast 30 Knoten pendelt, wenn "Seaexplorer" auf einer Welle beschleunigt oder sich mal wieder in eine hineinbohrt. "Die Imocas sind echt Biester. Meiner will sich wirklich die ganze Zeit selbst zerstören! Ich segele hier den Durchschnittsspeeds eines Class 40 mit 100-mal mehr Stress für den Skipper!"

Er ist vom Gas gegangen, um das Material zu schonen, das hat ihn aber reichlich Plätze gekostet. Jean Le Cams "Yes we Cam", Yannick Bestavens "Maître Coq" und Damien Seguins "Groupe Apicil" zogen gestern Nacht an ihm vorbei.

Jean Le Cam schickte gestern ein Video von Bord, in dem er und der von ihm gerettete Kevin Escoffier sich zum Morgenkaffee treffen. Da wird deutlich: Der Haudegen genießt den kurzen, schönen Moment, das Erlebte mit einem Mitsegler zu teilen. Lange wird das nicht mehr anhalten, Frankreich Präsident Manuel Macron, der mit Le Cam telefonierte und ihn zur Rettung beglückwünschte, kündigte an, dass die Abbergung Escoffier kurzerhand zur Staatssache erklärt wird. Die französische Fregatte "Nivose", die im Indischen Ozean stationiert ist, wird einen Rendezvous-Punkt mit Le Cam ausarbeiten, der es bei ruhigerem Wetter erlaubt, Escoffier abzubergen. Möglich wäre das etwa bei den Kerguelen oder per Hubschrauber, man suche derzeit ein geeignetes Wetterfenster. Man stelle sich vor, Angela Merkel würde ein Marineschiff mit Hunderten Mann Besatzung dafür abkommandieren. Der Aufschrei der Opposition wäre wohl bis zum Eiffelturm zu hören. Aber in einem segelverrückten Land wie Frankreich ist eben nichts unmöglich.

Ein gutes Rennen segelt auch die Deutsch-Französin Isabelle Joschke mit ihrer "MACSF". Nachdem sie mit starken Etmalen seit der Ankunft im Southern Ocean überzeugt, hatte sie sich schon direkt an die Fersen von Sam Davies geheftet, durch den Ausfall von ihr und Simon ist sie nun auf den neunten Platz vorgefahren. Nur 80 Seemeilen liegt sie mittlerweile hinter Boris Herrmann, es waren zwischenzeitlich mal über 600. Sie findet offenbar eine gute Mischung zwischen Schonen des Bootes, wie sie es ganz zu Anfang praktizierte, als sie den Sturm Theta und die erste Front mit einer sehr defensiven Taktik weiträumig umfuhr, und Gas geben, wie in den letzten Tagen. Man darf gespannt sein, wie sie die nächsten Tage angeht.

Denn nun folgen wieder stürmische Zeiten, das riesige Sturmtief weit im Süden schickt heute und die nächsten Tage reichlich Wind, in Böen über 40 Knoten und hohen Seegang. Allerdings fährt das Verfolgerfeld bald aus dem Bereich des Agulhasstroms heraus, der südlich des Kap der Guten Hoffnung für unruhige See sorgte. Alle Skipper hoffen nun auf längere, ruhigere See, die ideal für schnelle Etmale sind. Zu gönnen ist es ihnen nach den turbulenten letzten Tagen.

Andreas Fritsch am 04.12.2020

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