Regatta
Vendée Globe: "Die Einsätze werden höher und höher"

Boris Herrmann kämpft – und rückt vor. Der "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco"-Skipper gibt im Finale tiefe Einblicke in seine Gedankenwelt

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 20.01.2021
Boris Herrmann Boris Herrmann Boris Herrmann

Boris Herrmann Racing /#VG2020 Boris Herrmann

Der atlantische Aufstieg hat der führenden Gruppe der Vendée-Globe-Flotte zwei Möglichkeiten eröffnet: Höheres Amwind-Segeln mit Bootsgeschwindigkkeiten im zwölf bis 15 Knoten, so wie Charlie Dalin es auf "Apivia" praktiziert. Oder tief und etwas schneller segeln, wofür sich Louis Burton ("Bureau Vallée 2") und Thomas Ruyant ("LinkedOut") entschieden haben. Der Kursunterschied beträgt etwa zehn Grad. Boris Herrmann hat sich dazwischen positioniert, mit einem aktuellen Hang zum Duo Burton und Ruyant. Der laterale Abstand zwischen Dalin im Osten und Burton im Westen beträgt etwa 200 Seemeilen.

Screenshot / Tracking & Ranking / #VG2020 Tracking und Positionen gegen Ende des 73. Tages auf See (20. Januar, 7 Uhr deutscher Zeit). Klar zu erkennen ist das Azoren-Hoch, das wie eine kleine Mauer vor den führenden Booten lliegt…

Spitzenreiter Dalin erklärte am Morgen: "Binnen 48 Stunden sollten wir über den Kamm sein, um den wir herumfahren. Und dann steigen wir schon in den Schnellzug der atlantischen Tiefdruckgebiete ein. Es ist aber anzunehmen, dass wir heute Nachmittag langsamer werden und heute Nacht unter den Einfluss des Hochdruckgebietes geraten. Ich habe die Innenbahn der Kurve gewählt, aber es ist gut möglich, dass ich am Ende etwa am gleichen Punkt lande wie Louis Burton."

Boris Herrmann Racing / #VG2020 "Apivia"-Skipper Charlie Dalin hatte schon vor Rennstart seinen Sieganspruch angemeldet. Kann er seine Führung verteidigen?

Louis Burton / Bureau Vallée 2 / #G2020 Louis Burton mit Augenzwinkern: Welche Rolle wird der "Bureau Vallée 2"-Skipper beim Kampf um die Podiumsplätze spielen?

Das tatsächliche Ergebnis dieses Fernduells bleibt bis gegen Ende der Woche offen. Aktuell werden zunächst die Passatwinde fordernder für die vorderen Boote, weil ihre Schwankungen unter zunehmendem Einfluss des Azorenhochs größer werden. In diesen Bedingungen ringt "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco"-Skipper Boris Herrmann Bug an Bug mit Thomas Ruyant um Platz drei. Ihr Duell spiegelt in etwa das von Dalin und Burton: Herrmann segelte zuletzt mit etwa 19 Knoten tief und schnell. Der 39-jährige Hamburger hat über Nacht erneut mit den teilweise schnellsten Geschwindigkeiten Boden gutmachen können und sich nach dem Doldrums-Stolperer überzeugend im Kampf um die Podiumsplätze zurückgemeldet. Thomas Ruyant, der am Mittwochmorgen noch Platz drei im Klassement verteidigte, segelte etwa 50 Seemeilen östlich von ihm mit 15 bis 17 Knoten Speed.

Thomas Ruyant / LinkedOut #VG2020 Etwas flügellahm, aber ganz sicher einer der größten Kämpfer in der Gruppe der führenden Skipper, die jetzt um den Sieg und die Podiumsplätze kämpfen: Thomas Ruyant

Die Diskrepanz zwischen den Positionen im Tracking und im Klassement, die noch am Vortag für einige Aufregung und Unverständnis auch bei Boris Herrmann gesorgt hatte, hat die Wettfahrtleitung inzwischen mit einem theoretisch eingesetzten Wegepunkt bei 37 Grad Nord und 25 Grad West ausgeglichen, worduch die Platzierungen auch im Klassement wieder realistischer erscheinen. Herrmann hatte schon am Dienstag sichtbar gut etwa auf Platz vier im Rennen gelegen, war aber im Zwischenklassement nur als Sechster geführt worden. Der Unterschied war darin begründet, dass die Wettfahrtleitung zwar während des atlantischen Abstiegs nach dem Start mit einem beweglichen Wegepunkt für die beste Positionsermittlung der Boote operiert hatte, dies aber auf dem Rückweg im laufenden Finale zunächst nicht tat. Dadurch wurden die aktuellen Positionen der Boote im Klassement immer im direkten Abgleich zu ihrer kürzesten Kursstrecke bis ins Ziel ermittelt. Dieser sehr "grade" und theoretische Rechenweg ohne zusätzlich eingefügte gedachte Wegmarken beinhaltete sogar Abkürzungen über Land. Wettfahrtleiter Jacques Caraës hatte dazu unter anderem erklärt: "Wir haben nicht damit gerechnet, dass es ein so enges Finale mit so vielen Booten gibt." Das Problem haben die Veranstalter nun gelöst.

Experten rechnen mit einem packenden Finalthriller über die letzten Tage des Rennens, das nach aktuellen Berechnungen am 27. oder 28. Januar im Start- und Zielhafen Les Sables-d'Olonne zu Ende gehen könnte. Bei der Chancenermittlung für die vorderen Boote werden inzwischen immer öfter auch die Zeitgutschriften einberechnet, die drei Skipper seit ihrem Engagement bei der Rettungsmission für Kevin Escoffier Anfang Dezember im Südatlantik in der Tasche haben. Was diese Stunden aber in der Endabrechnung konkret wert sein werden, wird sich erst nach den Zieldurchgängen genau ermitteln lassen. Zur Erinnerung: Jean Le Cam hatte damals eine Gutschrift von 16 Stunden und 15 Minuten erhalten. Yannick Bestaven verfügt über ein Guthaben von zehn Stunden und 15 Minuten. Boris Herrmann darf sechs Stunden von seiner Gesamtsegelzeit abziehen.

Sicher ist jetzt schon, dass der letzte Skipper des Rennens – der Finne Ari Huusela auf "Stark" – Kap Hoorn passieren wird, bevor der Sieger im Ziel ist. Das wird erstmals seit der Premiere 1989/1990 der Fall sein. Der Umkehrschluss: Die neunte Auflage verläuft für die führenden Boote deutlich langsamer als gewöhnlich, für die Verfolger aber schneller.

Ari Huusela / Stark / #VG2020 Hat noch rund 1200 Seemeilen bis Kap Hoorn zu segeln: Ari Huuselas "Stark" aus Finnland

Über die Achterbahnfahrt seiner Gefühle bei diesem langen atlantischen Finale schrieb Boris Herrmann zu Beginn des 73. Tages auf See am Dienstagnachmittag:

Jeder Tag ist anders. Die Kontraste sind oft groß. Aber die Übergänge erfolgen schrittweise und sind oft kaum merklich.

Dann merke ich: Oh, wow, jetzt habe ich den Wind, von dem ich noch gestern so verzweifelt geträumt habe. Und jetzt stecke ich mittendrin. Die vollen Passatwinde. Vor zwei Tagen noch schienen sie zu weit weg, um sie sich vorstellen zu können. Der Äquator schien so weit weg von Kap Hoorn. Das Hoorn schien endlos weit weg vom St.-Helena-Hoch.

Mein nächster Wunsch und Traum ist das Azoren-Hoch. Gebt mir etwas Frieden und ruhiges Segeln!

Beinahe jeden Tag gibt es Anlass für massiven Stress. Irgendwas macht es extrem. Extreme Leichtwinde, extreme Buckelpiste. Vielleicht wird ja auch das Nervenkostüm über die lange Zeit dünner?

Die Wahrheit ist: Die Einsätze werden höher und höher. Jetzt Bruch zu erleben würde sich für mich so viel tragischer anfühlen als zu jeder Zeit vorher. Mit jedem Tag, der uns dem Ziel näher bringt, verschmelzen die positive Aufregung und diese latente paranoide Angst zu einem neuen Mix, über den Tag hinweg zu einem Rodeo der Emotionen.

Letzte Nacht war beinahe alles vorbei. Ich hatte Wasser im Motorraum. Der Filter vom Watermaker hat geleckt. Die halbe Nacht habe ich mich mit dem Chaos herumgeschlagen. Jetzt ist wieder alles gut. Der neue Watermaker läuft, denn der alte ist vom Wasser zerstört. Das hätte ganz leicht das Ende der Show sein können.

Das Großsegel hinaufzuschauen zu meiner Reparatur, das hilft auch nicht. Ebenso wenig das brutale Hineinfallen in die eine oder andere merkwürdig geformte Welle. Auch das starke Zu- und Abnehmen des Windes hilft nicht.

Schlaf! Ich werde jetzt schlafen. Es tut gut, diesen Moment des Loslassens zu finden.

Mein Verstand spürt das Boot sehr aktiv. Ich versuche, den Stress zu lösen, den ich selbst auf die Maschine ausübe. Soll ich mich für weniger Foil-Rake entscheiden? Einen anderen Kurs? Die J3? Ein zweites Reff? Der Blick auf die durchschnittlichen Windspitzen lädt zu Speed ein. Das Bild wird unscharf, und der Verstand gibt keine klaren Anweisungen mehr.

Schlaf.

Und dann ein frisches Auge am Nachmittag. Dann sind es hoffentlich nur noch etwa 19 Stunden, bis der Wind wieder nachlässt und wir elegant übers Meer segeln können.

Dann ist da diese starke Stimme, die sagt: "Jetzt pushen. Du kannst nicht schlafen."

Manchmal findest du sogar einen schnelleren Modus, der das Leben an Bord lebenswerter macht. Das bedeutet J2. Wie oft habe ich jetzt gewechselt: sechsmal, siebenmal? Der Wind sitzt genau dazwischen. Der Durchschnitt erscheint in der Realität ziemlich ähnlich. Und nimmt der Wind wieder zu, beschleunigen wir mit der kleinen J3 besser. Ich lasse sie für die nächsten zwei Stunden oben und dann werden wir sehen…

Ich spüre die Grenze des Schlafmangels. In meinem Hinterkopf ist dieses merkwürdige Gefühl, als müsste ich weinen. Das ist immer das Zeichen: Schlaf jetzt!

Vielen Dank für eure Unterstützung!

Wie sich das Segeln auf den Imoca-Yachten bei Hochgeschwindigkeiten anfühlen muss, zeigt dieses imposante Video von Isabelle Joschke aus dem Pazifik, das erst gestern veröffentlicht wurde. Die Deutsch-Französin wird nach ihrem Aus den brasilianischen Hafen Salvador de Bahia voraussichtlich am kommenden Wochenende mit immer noch freischwimmendem Kiel erreichen.


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Themen: Boris HerrmannCharlie DalinLouis BurtonSeaexplorer - Yacht Club de MonacoThomas RuyantVendée Globe

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