Regatta

Vendée Globe: der schwierige Weg durch den Südatlantik

Will Harris, Co-Skipper von Boris Herrmann, erklärt exklusiv für YACHT online, welche meteorologischen Hürden es vor dem Eintritt ins Südmeer zu überwinden gilt

Jochen Rieker am 22.11.2020
Vendée-Globe-Strategie für den Südatlantik
Adrena/Will Harris

So sehen die möglichen Routings für die kommenden Tage aus. Wer segelt direkt, wer nimmt die schnellere, aber längere Außenbahn?

Wie jedes Wochenende analysiert der britische Profi-Skipper das Wetter- und Renngeschehen der kommenden Tage. Seine Studien hat er am späten Samstagabend abgeschlossen, als noch nichts von den strukturellen Problemen an Bord von Alex Thomsons "Hugo Boss" bekannt war, die über Nacht das Ranking an der Spitze verändert haben.

Thomson segelt derzeit mit stark gedrosselter Geschwindigkeit, um sein Boot nicht zu gefährden, blieb aber vorerst auf Kurs. Wir berichten darüber ausführlich, sobald es Neues von seinem Team zur genauen Schwere der Schäden und deren möglicher Ursache gibt. 

Hier Will Harris' Ausblick auf mögliche Routen zum Kap der Guten Hoffnung und warum der Südatlantik kniffliger wird als bei der vorigen Vendée Globe vor vier Jahren:

"Die führenden Skipper hätten sich vergangene Woche keine bessere Passage durch die Kalmen wünschen können. Kaum jemand wurde verlangsamt oder erlitt massive Verluste, weil er auf der falschen Seite einer Wolke festhing – wie das sonst so typisch ist für die Zone nördlich des Äquators.

Für die nachfolgende Gruppe von Booten sieht das im Moment etwas anders aus. Pip Hare auf "Medallia" und Arnaud Boissieres auf "La Mie Caline", die derzeit die Flautenzone queren, müssen sich mit einem Minenfeld aus windstillen Zonen auseinandersetzen. Für sie präsentieren sich die Doldrums äußerst diffizil.

Weit im Südatlantik dagegen hatten die Führenden mehrere Tage Zeit, um über ihre verschiedenen Möglichkeiten nachzudenken, zum Kap der Guten Hoffnung zu gelangen, ungefähr 2400 Seemeilen südöstlich.

Es war alles andere als klar, welchen Weg sie einschlagen sollten. Normalerweise würden sie hoffen, dass sich in den Ensemble-Routings ein deutlicher "Pfad" zeigt. Der Südatlantik sieht in den nächsten Tagen jedoch ziemlich kompliziert aus, da sich das Sankt-Helena-Hoch westwärts verlagert und mehrere Leichtwindzonenen hinterlässt.

Schauen wir uns zunächst die Details des Führungstrios an. Wir haben gesehen, wie Alex Thompson auf "Hugo Boss" die Doldrums mit einem beachtlichen Vorsprung von 100 Seemeilen auf "Apivia" und "LinkedOut" verlassen hat. Alex entschied sich dann für eine westlichere Route als die beiden anderen und verlor stetig Meilen an beide.

Eine interessante taktische Frage ist, warum er sich nicht einfach zwischen seine Konkurrenten und die "Route" zum Kap der Guten Hoffnung positionierte? Vielleicht lag es daran, dass er dachte, der Weg im Westen sei etwas schneller. Es könnte auch daran liegen, dass Alex davon ausging, sein Boot sei bei dem daraus folgenden Windeinfallswinkel schneller, und das Segeln über die zusätzliche Distanz werde sich bezahlt machen. Das war offenkundig nicht der Fall. Stattdessen ließ sich beobachten, wie schnell ein solcher Vorsprung schwinden kann.

Der Südatlantik weist einige Merkmale auf, die besonders sind: Da ist zum einen das Sankt-Helena-Hoch. Dieses treibt die Passatwinde des Südatlantiks an, aber es ist auch sehr wichtig für die Strategie in Richtung Kap der Guten Hoffnung. Die Position dieser Hochdruckzone kann sich schnell ändern, wenn sie mit den anderen Wettersystemen in der Umgebung interagiert. Daher muss ein gutes Verständnis dafür vorhanden sein, in welchem ​​Zustand sich das Hoch befindet, bevor man über einen Kurs zum Kap nachdenkt.

Ein weiteres Merkmal ist die Südatlantische Konvergenzzone (SACZ). Diese ist im Grunde der Treffpunkt zwischen warmer Luft aus dem Norden und kalter Luft aus dem Süden, der entlang der brasilianischen Küste beginnt und sich mit südöstlicher Ausrichtung in den Südatlantik erstreckt. Er schafft ideale Bedingungen für die Zyklogenese, und Niederdrucksysteme bilden sich regelmäßig entlang dieser Konvergenzzone.

Vendée-Globe-Taktik für den Südatlantik

Abbildung 1: Druckverteilung und Wind im Südatlantik. Das Tief  L1 im Westen wird langsam nach Osten ziehen und im Sankt-Helena-Hoch aufgehen. Die führenden Boote (roter Kreis) versuchen, sich in das Tief einzuklinken und das Beste aus dem schnellen Gegenwind zu machen 

Beide Merkmale werden in den nächsten Tagen für die Strategie der führenden Skipper relevant sein. Entlang der SACZ hat sich ein Tief (L1) gebildet, das sich nach Südost bewegt. Das Sankt-Helena-Hoch im Nordosten und ein größeres Tiefdruckgebiet (L2) im Süden zwingt alles zur Konvergenz. Am Montagmorgen ist L1 absorbiert und verschwindet; es hinterlässt ein großes Gebiet mit leichtem Wind auf dem direkten Weg zum Kap der Guten Hoffnung. Wenn L1 verschwindet, entsteht auch eine klare Zugbahn für das Sankt-Helena-Hoch, das in den Südwesten wechselt.

Was bedeutet das nun für das Routing?

Zunächst scheint das Segeln in Richtung L1 die beste Option zu sein, da es schnelle Raumwind-Bedingungen bietet. Die Komplikation besteht darin, dass nach dem Auflösen des Tiefs nur wenig Wind übrigbleibt. Die einzige Möglichkeit besteht darin, eine Route nach Süden zu finden. Diejenigen, die weiter vorne sind, wie "Apivia" und "LinkedOut", werden mit dieser Strategie besser abschneiden, da sie näher an L1 sind und den guten Wind optimal nutzen können, bevor er verschwindet. Sie müssen sich allerdings auch auf zahlreiche kraftraubende Manöver einstellen, da der Windkorridor recht schmal ist.

Vendée-Globe-Taktik für den Südatlantik

Abbildung 2: Luftdruck und Wind am Montag 2200 UTC. Tief L1 flacht ab und wird am Dienstagmorgen verschwunden sein. L2 im Süden bewegt sich schnell nach Westen und komprimiert das Sankt-Helena-Hoch im Norden. Sobald L2 weggezogen ist, wird sich das Hoch gen Westen verlagern  

Die andere Möglichkeit besteht darin, vorerst weiter nach Süden zu segeln und effektiv zu versuchen, westlich des Sankt-Helena-Hochs und L1 zu segeln. Diese Route bedeutet, viel mehr Strecke zurückzulegen, und das anfänglich bei recht leichten Winden. Aber später, wenn man einmal weit genug südlich ist, herrschen schnelle Raumschots-Bedingungen bis zum Kap der Guten Hoffnung.

Diejenigen, die weiter hinten sind, werden mit dieser Strategie besser abschneiden, da das Hoch von Sankt Helena bis dahin mehr Zeit gehabt haben wird, sich im Westen zu etablieren und sich anschließend langsam wieder nach Osten zu bewegen, wodurch die Route kürzer wird.

Vendée-Globe-Strategie für den Südatlantik

Abbildung 3: So sehen die möglichen Routings aus. Die rote Kurslinie ist die direkte, von den Führenden  absehbar favorisierte Route, die blaue die südliche und längere Option, um westlich des Hochdrucks zu segeln  

Nach dem Kursen der Top 10 der Flotte zu urteilen, halten die bisher schnellsten Skipper die westliche Option für ein zu großes Risiko, da sie so viel zusätzliche Distanz erfordert. Es besteht jedoch immer noch die Möglichkeit, sich zu lösen. Vielleicht werden wir sehen, dass einige ein Glücksspiel spielen.

Im Moment ist es großartig, die Positionskämpfe ganz vorn zu beobachten – eine Studie der Leistungsunterschiede der Imoca 60 auf dem neuesten Stand des Designs. Wenn sich die Flotte dem Südpolarmeer nähert, werden wir eine bessere Vorstellung davon bekommen, wie diese Konstruktionen unter den extremen Bedingungen funktionieren und wer die Nase vorn hat."

Jochen Rieker am 22.11.2020

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


    ANZEIGE

    Weitere News und Angebote

Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online