Regatta
Vendée Globe: der perfekte Weihnachts-Krimi!

Über die Feiertage wird’s dramatisch: Die Führenden segeln in die Flaute, die Verfolger umfahren sie. Samstag könnten die Top-8 innerhalb von 100 Meilen segeln

  • Andreas Fritsch
 • Publiziert am 22.12.2020
Stand des Rennens heute am Morgen Stand des Rennens heute am Morgen Stand des Rennens heute am Morgen

Vendée Globe Stand des Rennens heute am Morgen

An der Spitze beginnt nun das große Zittern: Yannick Bestaven versucht, sich mit seiner "Maître Coq IV" ganz haarscharf am Eislimit vorbeizuquetschen, während ein Hochdruckgebiet von Nordwest aufzieht, das ihm langsam den Wind abdreht. Die Wettermodelle prophezeien einen hauchdünnen Wind-Korridor zwischen Eislimit und Flautenkern des Hochs – und schon mehrfach haben die Skipper berichtet, dass die Modelle tief unten im Süden bei Weitem nicht so exakt sind wie weiter nördlich. Zurzeit sieht es so aus, als könnte Bestavens Plan aufgehen, was wiederum Charlie Dalin auf "Apivia" und Thomas Ruyant auf seiner "LinkedOut" einige Kopfschmerzen bereiten dürfte. Denn knapp 100 bzw. 165 Seemeilen hinter Bestaven müssen sie das Szenario befürchten, dass dieser es noch gerade um das Hoch herumschafft, sie aber vom Hochdruck eingeholt werden und liegenbleiben. Das würde bedeuten, dass sich Bestaven weiter absetzen könnte.

Der 47-Jährige aus La Rochelle ist sicherlich die große Überraschung dieser Vendée, sein Bootsspeed, die Härte, mit der er in den rauen Bedingungen im Indischen Ozean sich nach vorn an die Spitze setzte, während Boris Herrmann, mit dem er beim St.-Helena-Hoch noch gleichauf lag, abreißen lassen musste. Dabei hatte auch Bestaven einige technische Probleme: Einen Riss im Vorsegel musste er im Indischen Ozean schon mit einem akrobatischen Aufstieg in den Mast unter Segeln erledigen. Bestaven gilt als harter Hund, dessen Vendée-Globe-Träume 2008 zerplatzten, als er kurz nach dem Start in der Biskaya den Mast verlor. Danach wechselte er in die Class 40 und wurde dort zu einem der Top-Skipper. Er gewann zwei Transats und empfahl sich so für eine Open-60-Kampagne. Als der Sponsor Maître Coq für sein Team einen Skipper suchte, schlug seine Stunde. Bestaven ist zudem Firmengründer der Firma Watt & Sea, die Hydro-Generatoren zur Stromerzeugung herstellt. 95 Prozent der Vendée-Globe-Teilnehmer benutzen diese.

Könnte sich der Führende tatsächlich in den nächsten Tagen absetzen, wäre das das Worst-Case-Szenario für Charlie Dalin und Thomas Ruyant, zumal dann das gesamte Verfolgerfeld von achtern aufkommt und etwas nördlich von ihnen durchsegeln könnte. Ein Wetter-Routing der Vendée-Globe-Meteorologen prophezeite, dass die ersten acht Boote am Samstag in einem Abstand von knapp 100 Seemeilen segeln könnten – ein erstklassiger Weihnachts-Krimi, den es so noch nie gab. Bei keiner anderen Auflage der Vendée Globe waren so viele Boote so dicht an der Spitze. Und das heißt auch: Es könnte bis zum Ziel höchst dramatisch bleiben.

Boris Herrmann profitiert bereits von dem Hoch vor ihm, er konnte schon bis auf 300 Meilen an die Spitze heranfahren. Er und Jean Le Cam sind bereits auf einen nördlicheren Kurs gegangen, um das bald im Weg liegende Hoch umsegeln zu können. Allerdings beschert ihnen das für die Feiertage Gegenwind und eine unangenehme Kreuz. Der Deutsche hat sich komfortabel an die Spitze der Verfolger gesetzt, sein hartnäckigster Verfolger bleibt aber Jean Le Cam. Der 61-Jährige segelt sein Boot immer noch extrem effektiv; er liegt keine 50 Meilen hinter Herrmann und ist damit weiter der beste Non-Foiler im Feld. Die Deutsch-Französin Isabelle Joschke liegt mit ihrer "MACSF" noch immer auf Platz 8, segelt sehr konstant und holte zuletzt gut auf die beiden vor ihr segelnden Non-Foiler auf.

Video-Wetteranalyse von Malizia-Team-Mitglied Will Harris

Auch dahinter geht es teils spannend zu. Louis Burton, der sich gestern für einen Reparatur-Stopp hinter der Insel Macquarie in der Windabdeckung treiben ließ, ist dadurch noch einmal fast 400 Seemeilen zurückgefallen. Nun quetscht er alles aus seiner wieder fitten "Bureau Vallée 2", um den Anschluss an das Wettersystem zu halten, in dem die Spitze segelt. Sollte ihm das gelingen, erwischt ihn in zwei Tagen die Sturmfront eines Tiefs mit an die 40 Knoten Wind. Aber schon im Indischen Ozean hatte der Franzose gesagt, dass ihm nichts zu hart sei.

Die dahinter segelnden Clarisse Crémer ("Banque Populaire X") und Romain Attanasio ("Pure Best Western") gingen gestern sogar etwas vom Gas, damit sie nicht voll in das Sturmtief hineinsegeln. Das wiederum spielt Armel Le Tripon in die Karten, der von achtern mit seiner "L'Occitane en Provence" mit Riesenschritten aufkommt und nur noch 380 Seemeilen hinter Attanasio segelt. Allein in den letzten 24 Stunden hat er diesem fast 100 Seemeilen abgenommen. Das Sam-Manuard-Design mit dem Scow-Bug fliegt also gerade richtig.

Alles in allem: das perfekte Spannungs-Szenario für ein Weihnachtsfest im sonst so ruhigen Lockdown!

Will Harris Wetteranalyse


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